Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit


Fotocredit: Office by Night von y entonces

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Anne vergass das Stück Torte in ihrem Mund, blickte verunsichert blinzelnd auf Ihr Mobiltelefon und versuchte zu überprüfen, ob die Buchstaben auf ihrem Handydisplay tatsächlich den Namen bildeten, den sie meinte gelesen zu haben. Konnte es möglich sein? Aber da stand es klar und deutlich: Raoul Ramirez Handy Privat

Sandra beobachtete verblüfft, wie Annes Augen plötzlich in undefinierbare Weiten blickten. Wer Augenmuster lesen konnte – und Sandra wusste um deren Bedeutung – erkannte unschwer, dass Anne Bilder und Eindrücke aus der Vergangenheit abrief. Im Bruchteil von Sekunden wurde Sandras Freundin überflutet von Gedankenfetzen und Eindrücken aus einer Region ihres Gehirnes, die seit Äonen von Augenblicken nicht mehr aktiv gewesen zu sein schien und nun förmlich explodierte. Bewegte Collagen aus verdrängten Bildern, Gesprächsfetzen, Gefühlen, Gerüchen und vielfältigen Sinneseindrücken brachen über sie herein.

Die Nacht im Büro der Importabteilung ihres damaligen Arbeitgebers. Stahlblaue, wunderschöne Augen. Schwarzes, kurz geschnittenes, lockiges Haar. Braungebrannte Haut. Ein Duftcoctail aus würzig-herbem Schweiss, Whiskey, süssen, kubanischen Cigarren vermischt mit schwindelerregenden Pheromonen tanzten in ihrer Nase. Sie hörte den sonoren, tiefen, warmen Klang von Raouls männlicher Stimme. Sie erhaschte einen Erinnerungsfetzen. Eine Situation in der er ihr eine Liste mit Gegenständen, die er importieren sollte, vorlas. Sie sah sich, wie sie völlig entrückt seine Lippen beobachtete, in seinen Augen ertrank und ihr Körper vor Verlangen in vibrierende Schwingungen versetzt wurde. „Hast Du alles?“ fragte die männliche, hypnotisierende Stimme. Sie sah sich nicken, obwohl ihr Verstand kein einziges Wort registiert hatte. „Anne“ eine Frauenstimme drang in ihren Tagtraum. „Anne!“. Sich von diesen Bildern zu trennen schmerzte sie fast. „Anne, willst Du nicht ran gehen?“

Sandra riss sie aus dem Sog der Erinnerungen zurück in die Realität. „Ich….ich….kann nicht!“ Anne war unfähig zu reagieren. Ein süsses Gift kroch durch ihre Venen und suchte sich seinen Weg zu ihrem Herzen. „Soll ich..?“ Sandra griff nach Anne’s Handy „Nein!“ Anne zog ihre Hand zurück, drückte sie mit ihrem Mobiltelefon darin an ihr Herz, das heftig klopfte. Der Klingelton verstummte. Nur noch der Hinweis auf den unbeantworteten Anruf blinkte auf dem Display.

Plötzlich erhellte ein glockengleiches, helles Lachen den Raum „Du hättest Dich sehen sollen, Anne!“ Sandra wischte sich eine Träne der Rührung von ihrer Wange. Anne blickte um sich. Sie musste sich erst einen Überblick verschaffen um sich wieder im Hier und Jetzt einzufinden. Sie hielt den Atem einen kurzen Moment lang an und mit einem befreienden Seufzer entliess sie die Luft aus ihren bebenden Lungen.

„Wer zum Teufel war das?“ frage Sandra sichtlich von unstillbarer Neugierde gepackt. „Das ist eine lange Geschichte“ begann Anne. „Vor einigen Jahren, ich war erst seit 18 Monaten mit Nick zusammen, bekam ich in der Firma einen Importauftrag zugeteilt. Ich sollte die Einfuhr von wertvollen, antiken Funden aus Südamerika abwickeln, die für ein hiesiges Museum bestimmt waren. Dabei lernte ich Raoul kennen, der für die Einfuhr der Gegenstände verantwortlich war. Gemeinsam mit Ihm sollte ich sämtliche Papiere erstellen und ihn bei der Verzollung und dem ganzen Behördenkram unterstützen.“

Sie erzählte Sandra die ganze Geschichte. Wie sie damals am Flughafen Mister Ramirez abholen sollte und einen älteren, eher langweiligen Herrn erwartet hatte. Anne war das, was man eine treue Seele nannte. Nie hätte sie sich vorstellen können dass sie sich, während sie in einer Beziehung war, in einen anderen Mann hätte verlieben können. Aber als sie damals Raoul zum ersten Mal sah, geschah das Unvorstellbare. Sie erzählte Sandra von den Nächten im Büro, als sie mit Raoul Listen durchging, auf Bestätigungen aus Peru wartetend mit ihm über Gott und die Welt sprach. Sie erinnerte sich an Details wie die feinen, schwarzen Haare an Raouls Armen, deren gegensätzlicher Verlauf an der Aussenseite seiner Unterarme eine schmale Linie bildete und wie sie fast den Verstand verlor bei dem Versuch, ihren Drang zu unterdrücken, diese Arme zu berühren. Wie sich ihre Augen immer wieder trafen und sich gegenseitig Blitze zusandten. Sie war damals überzeugt, dass auch er diese Gefühle teilte. Aber sie beide sprachen nicht aus, was ihre Herzen schrien. Sie erzählte Sandra, wie sie bittere Tränen vergoss, als Raoul wieder zurück flog und von dem heissen, leidenschaftlichen, unerwarteten Abschiedskuss, der Anne in tiefe Verzeiflung stürzte. Von den süssen, erotischen Träumen, die sie noch Wochen lang verfolgten und dem langsamen, schmerzhaften Verdrängungsprozess.

Sandra hörte gebannt zu. Vor ihrem inneren Auge konnte sie, wie beim Lesen eines guten Buches, Bilder entstehen sehen und ihr war, als könne sie Anne’s Erinnerungen berühren, Raouls Stimme hören und seinen Duft atmen. „Und? Was wirst Du tun? Rufst Du ihn zurück?“ Anne überlegte lange. Sehr lange. Doch dann fällte sie eine Entscheidung. Sie holte tief Luft: …

Weiter mit Fragmente 1.3 – Raoul

14 Gedanken zu “Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit

  1. Meine erste Reaktion….. sprachlos, dann WOWWW, TOLL. Ich bin begeistert von der Story, deinem Schreibstil und gespannt, was sie macht? Ruft sie ihn zurück? (Würde ich zumindest tun)
    Die Geschichte wird immer prickelnder……

  2. Hey Stoeps. Man, nun macht es wieder ernsthaft Sinn, den Feed-Reader zu starten und von dort aus schnell hier her zu kommen um diese Geschichte weiter zu lesen. Ich bin begeistert! Mach bitte weiter so. Ich bleibe dran…

  3. @little-wombat: dochdoch, das ging doch ganz leicht :-)

    @Teenudel: Du wirst bald erfahren ob sie zurückruft! Schon sehr bald!

    @Danke, lieber Frank! Ein schönes Kompliment. Heute Abend geht es weiter! Du darfst gespannt sein. Die Geschichte wird wohl noch ein paar ungeahnte Wendungen nehmen… :-)

  4. Literarisches Hochamt schön und gut, werter Stoeps, aber wann verlassen die Frauen endlich den Roman, und es kommen heiße Männer, gute Hinterteile, straffe Muskeln und bärige Bären ins Spiel (samt der kompletten YMCA Kapelle), wie man es von diesem Blog erwartet?
    ;)

  5. Einhandliteratur, lieber Rick, schreibe ich nur im Verborgenen ;-) Sobald ich ein geeignetes Pseudonym gefunden habe, fange ich an zu veröffentlichen :-) Nebenbei bemerkt, ich wusste gar nicht, dass Du auf sowas stehst ;-)

  6. Mein Interesse wäre rein literarisch, guter stoeps. Beuteschemamässig habe ich mich längst aufs Altenteil zurück gezogen, da stehe ich nur mehr auf gutes Essen & Trinken. Und auch in meinen umtriebigeren Tagen wären wir beide niemals in Konkurrenz getreten…
    ;)

  7. Mal sehen, lieber Rick, vielleicht kriege ich da noch ein paar Bären mit reingemixt. Sandra gäbe doch auch ne gute Schwulenmutti ab ;-)

    Aber sag, verträgt sich gutes Essen und Trinken denn nicht mit der drittschönsten Nebensache der Welt? Oder bist Du wirklich schon ü80? Und selbst dann soll es noch viele Herren mit intakter Libido geben.

    Und Konkurrenten, lieber Rick hatte ich nie! Höchsten Mitbewerber. Die tun mir übrigens heute noch leid… ;-)

  8. Einhandliteratur…. und wieder was Neues gelernt.
    Deine Einhandliteratur würde mich brennend interessieren.

  9. @Teenudel: hihi…aber erhlich…da würde ich mich echt total genieren, meine ungeschminkten sexuellen Fantasien einfach so jemandem zum lesen zu geben. *rotwerd*

  10. *lach* du und rotwerden… kann ich mir nicht so recht vorstellen ;-) Das www ist doch anonym ;-). Vielleicht würde ich dir im Gegenzug mal eine meiner Fantasien schicken (aber nicht öffentlich)…. wer weiß…..

  11. :-D doch doch! Ich kann sehr wohl rot werden :oops: Ich bin zwar tatsächlich ein eher extrovertierter Mensch. Aber es gibt gewisse Bereiche, da kann ich wohl sehr scheu reagieren. Na, da gib mir mal noch etwas Zeit. Vielleicht bringe ich da mal etwas aufs Papier und wer weiss, vielleicht findet da ja sogar etwas davon Einzug in “Fragmente” … :-)

  12. Stoeps, das war doch nicht soooo ernst gemeint, jeder Mensch braucht einen Bereich, der niemand oder nur Menschen die ihm ganz nahe stehen, etwas angeht.

    Und auf die Fortsetzung der Fragmente freu ich schon sehr…

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