Fragmente 1.19 – Über den Wolken


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Was bisher geschah:

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Anne schloss für einen Moment ihre Augen und tauchte in die Erinnerung an den Moment, als sie sich mit Sandra im geheimen Archiv ihres Vaters versteckt hatte. Der röchelnde, kehlige Husten drang durch das Büchergestell und verstärkte die unheimliche Stimmung in dem fensterlosen Raum. Ein neuer Hustenanfall des Passagiers riss sie zurück in die Gegenwart. Er war es, dessen war sie sich nun ganz sicher! Trotz der Panik, die sich in ihr breit machte, versuchte sie ruhig zu bleiben. Sie schätzte ihre Chancen ab, unerkannt zu bleiben. Der Kerl konnte sie höchstens von einem alten Foto her kennen und da sah sie ja noch komplett anders aus. Ihre langen, dunklen Haare von damals hatte sie einer blonden Kurzhaarfrisur geopfert und eine grosse Sonnenbrille verdeckte ihre Augen.

Sie versuchte sich weiter zu entspannen und als die Maschine ihre Reiseflughöhe erreicht hatte und bestellte Anne endlich ihren Prosecco. Sie wollte sich den Start in ihr Abenteuer nicht verderben lassen. Und was sollte ihr in diesem Flugzeug voller Menschen schon passieren können? Sie stellte die Rücklehne ihres Sitzes zurück und schmiegte sich in ihre Rückenlehne. Sie blickte aus dem Fenster und prostete in Gedanken Sandra zu, die nun irgendwo da unten wieder ihr geordnetes Leben aufnehmen konnte. Ob sie wohl auch an sie dachte, fragte sich Anne und nippte an ihrem quirlig perlenden Getränk. Sie kramte erneut ihren Reiseführer hervor und begann, sich mit ihrem bevorstehenden Aufenthalt in Peru auseinander zu setzen.

Was würde sie als erstes tun, wenn sie gelandet war? Wo würde sie wohnen und wie konnte sie herausfinden, wo sie Raoul treffen konnte? Ihre Gedanken drehten sich nun ganz um das, was vor ihr stand und langsam mischte sich unter die Vorfreude auch eine gehörige Portion Spannung. Was, wenn sie doch wieder erkannt würde? Musste auch sie damit rechnen in Peru verfolgt zu werden? Wie sollte sie sich dort verstecken, obwohl sie niemanden ausser Raoul dort kannte? Trotz ihrer Entschlossenheit wurde sie nun doch ein wenig unsicher. Wenigstens konnte sie nicht schlecht spanisch und würde sich so in dem fremden Land doch einigermassen verständigen können.

Ein erneutes Husten liess sie wieder aufblicken. Sie liess ihren Blick durch das Flugzeug schweifen. Die Passagiere waren ein bunt gemischte Gruppe. Sie entdeckte einzelne allein reisende Geschäftsleute im Anzug mit Aktenkoffer, etliche Individualtouristen die gut an ihrer Kleidung und ihrem abenteuerlichen Aussehen zu erkennen waren. Auch ein paar Familien mit Kindern konnte Anne entdecken. Aber immer wieder blieben Ihre Augen an dem Passagier auf dem Sitz zwei Reihen vor ihr hängen. Er sass ruhig auf seinem Platz und blätterte ein paar Dokumente durch, die er zuvor seiner Reisetasche entommen hatte. Plötzlich blickte er unverhofft über seine Schulter zurück und blickte Anne direkt in die Augen.

Sie erstarrte und der Schreck schnürrte ihre Kehle zu einem kleinen, engen Bündel zusammen. „Nichts anmerken lassen“ hallte es immer wieder durch ihren Kopf, der sich anfühlte, als wollte er gleich implodieren. Sie versuchte zu atmen, ihre Anspannung aufzulösen und möglichst unauffällig zu wirken. Zittrig machte sie es sich im Sitz noch bequemer und versenkte sich demonstrativ in ihren Reiseführer. Als sie ihre Augen nach ein paar Ewigkeiten, die doch nur ein paar Sekunden dauerten, wieder nach vorne richtete, blickte sie der hustende Passagier noch immer an. Ein Lächeln schlich sich in sein Gesicht und Anne überlegte fieberhaft, was dieses Grinsen zu bedeuten hatte. Hatte er sie erkannt oder versuchte er nur höflich zu sein, nachdem Anne seinen Blick erwiedert hatte? Sie versuchte in seinem Gesicht zu lesen, doch Anne konnte nicht deuten, was sich darin abspielte. Ihre Hände waren kalt und schweissnass. Ihr Herz raste und sie musste sich enorm anstrengen um nicht in totale Panik auszubrechen.

Fast wäre es ihr gelungen sich wieder zu beruhigen, als der Mann aufstand und im Gang zwischen den Sitzen auf sie zu kam. Er schaute sie weiterhin an und sprach sie in gebrochenem Deutsch an. Mit spanischem Akzent fragte er: „Wir sind uns doch schon irgendwo begegnet. Kennen wir uns nicht?“ Anne schüttelte den Kopf. „Sie müssen mich verwechseln! Ich habe sie noch nie gesehen!“. Er betrachtete sie skeptisch. „Ich hätte schwören können, dass sich unsere Wege schon einmal gekreuzt haben“ entgegnete er und schaute sie weiter durchdringend an. Anne versuchte ein freundliches Lächeln aufzusetzen. „Tut mir leid!“ sagte sie und drehte sich ab.

Ihr Körper war im Ausnahmezustand. Plötzlich wurde ihr die Enge des Flugzeuges bewusst. Hier gab es keinen Fluchtweg. Sie war ihm wehrlos ausgesetzt. Andererseits, Anne wägte ab, war sie hier nicht alleine mit ihm. Es waren soviele andere Menschen hier an Bord. Er könnte ihr nichts anhaben. Aber wenn sie in Peru aussteigen würde, wäre er bereits an ihren Fersen und da sie sich nicht auskannte, war er im Vorteil. In ihrem Kopf drehte es. Sie malte sich aus, wie sie in Peru landete  und er sie sogleich entführen würde. Sie hatte keine Chance! Sie brauchte einen Fluchtplan!

Er gab es scheinbar auf, sich weiter mit ihr unterhalten zu wollen und ging weiter den Gang entlang und verschwand in der Toilette. Anne sah sich um und versuchte, irgendwo einen verständnisvollen Blick zu erhaschen. Sie fühlte sich unglaublich alleine und hilflos. Plötzlich spürte sie eine Hand auf ihrer Schulter und hätte fast lautstark losgebrüllt, als eine symphatische Männerstimme aus der hinteren Sitzreihe fragte: „Alles in Ordung mit Ihnen? Der Kerl war ja gerade ziemlich aufdringlich!“ Anne blickte nach hinten und sah in das Gesicht eines jungen Mannes. Er sah etwas abenteuerlich aus. Schwarzes wuscheliges Haar umrandete ein markantes Gesicht. Er trug einen kurz geschnittenen Vollbart. Seine Haut war braungebrannt und er steckte in einem nicht mehr ganz neu wirkenden T-Shirt und in einer braunen Workerpants mit aufgesetzten Taschen. Seine nackten Füsse steckten in Sandalen und um das rechte Handgelenkt schlangen sich mehrere geflochtene Freundschaftsbänder.

Anne fasste sofort Vertrauen zu diesem freundlichen Fremden und lachte ihn an. „Naja, ich bin froh dass er weg ist! Der Kerl kommt mir nicht gerade vertrauenserweckend vor!“. Der Fremde lachte verständnisvoll und streckte Anne seine Hand entgegen. „Ich heisse Luis!“ sagte er und Anne stellte sich ebenfalls vor. „Zum Wohl“ sagte Luis und prostete Anne mit seinem Bier zu. Sie lachte und prostete mit ihrem Prosecco zurück und war froh, sich nicht mehr so alleine zu fühlen. „Was tust du in Peru?“ fragte Luis. „Das ist eine lange Geschichte! Und du? Was machst Du in Peru?“ fragte Anne zurück und Luis begann von seiner Weltreise zu erzählen und davon, dass er in Peru einen Freund treffen wolle. Die ältere Dame neben Luis blickte immer wieder freundlich von ihm zu Anne und zurück und lächelte dabei verschwörerisch. „Möchten sie den Platz tauschen?“ richtete sie sich an Anne. „Gerne!“ erwiderte Anne erleichtert und die beiden Frauen tauschten Ihre Sitze.

Anne erzählte Luis nun, dass sie auf der Suche nach einem alten Freund sei, dessen Aufenthaltsort ihr nicht bekannt sei. Sie schwieg über die tatsächlichen Gründe ihres Fluges. Sie wusste ja nicht, ob sie Luis tatsächlich trauen konnte. So freundlich und symphatisch er auch wirkte, Anne blieb vorsichtig. Trotzdem fühlte sie sich nun sicherer. Sie war nicht mehr alleine und der andere Kerl würde sie nun hoffentlich in Ruhe lassen. Luis lachte und erzählte, dass auch er den Aufenthaltsort seines Freundes nicht kennen würde und bot an, die Suche gemeinsam aufzunehmen. Anne befand, dass diese keine schlechte Idee sei und lehnte sich nun sichtlich entspannter in ihrem Sitz zurück.

Ein Blick nach hinten zeigte ihr, dass der hustende Passagier die Toilette wieder verlassen hatte und zurück an seinen Platz ging. Als er an ihr vorbei kam, drehte er sich plötzlich um und blickte sie unvermittelt an. „Ich weiss nun wieder woher ich sie kenne!“ sagte er. Anne wich alle Luft aus ihren Lungen. „Wir sehen uns sicher bald wieder! Geniessen sie den Flug!

Weiter mit: Fragmente 1.20 – Peru

3 Gedanken zu “Fragmente 1.19 – Über den Wolken

  1. junge, junge, junge…. da gehts ja wieder gleich mal voll zur sache… ich hoffe, der hustende typ stirbt noch wärend des fluges an einem plötzlichen und unerwartetem herzanfall… oder wird zumindest plötzlich und unerwartet vorläufig aus dem verkehr gezogen (um das ganze abzumildern…)… aber sehr schön, dass du weiter geschrieben hast, obwohl dich wohl deine inspirationen ein wenig verließen??? aber schön… freut mich wirklich sehr, dass du dran bleibst.
    aus dem schafskalten leipzig die besten und liebsten grüße, Jana

  2. Hallo lieber Stoeps,

    schön dass die Story nun weitergeht und du gleich wieder Spannung aufbaust. Der Typ wird ja immer unheimlicher und ich hoffe, dass Anne sich während des weiteren Fluges so gut mit Luis versteht und dieser ihr nach der Landung ein bisschen beisteht.

    GlG und ein schönes Wochenende wünscht dir die Teenudel.

  3. @Jane: Das wäre ja fast zu einfach, wenn der hustende Typ während des Fluges sterben würde. Ich nehme es vorweg, er wird es nicht. Und soeben ist die Fortsetzung online gegangen, da kannst Du weiterlesen, was mit ihm geschieht.

    herzlich aus der kalten und nassen Schweiz
    Stoeps

    @Teenudel: Luis wird noch eine wichtige Rolle spielen! Aber dass kannst Du in der Fortsetzung bereits erahnen. Es wird eine grosse Überraschung geben :-)

    Bei mir tobt im Moment das Reale Leben, so dass ich fast nicht zum Schreiben komme. Aber versprochen, es geht auf jeden Fall weiter!

    Einen guten Start in die Woche
    Stoeps

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