Fragmente 1.35 – Einmal bis zur Ewigkeit und zurück

Foto-Credit: Peter Kent @ Flickr

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In der rechten Wand löste sich eine grosse Platte der Mauer und fiel nach hinten um einen niedrigen Durchgang freizugeben. Das musste der Eingang zur Bibliothek sein. Der Klang im Raum verhallte langsam und Anne, Raoul, Carlos und Luis trauten sich kaum mehr zu atmen. „Los Anne, Du zuerst!“ flüsterte Raoul und Anne liess sich nicht zweimal bitten. Sie kroch in den niedrigen Tunnel, der in einen riesige Höhle führte. Diese war in etwa so hoch, wie der Schacht des Schlüsselraumes. Aber der Raum war so gross, dass das Licht der Taschenlampen nicht ausreichte um das andere Ende auszuleuchten. Auch Raoul, Carlos und Luis kamen nun durch den Gang gekrochen und das Bild, das sich ihnen bot, verschlug ihnen die Sprache.

In den Wänden befanden sich Nische an Nische. Vom Boden bis zu Decke. Es mussten tausende solcher Nischen sein und In der Mitte des Raumes war ein riesiger, glattpolierter Felsquader, der wohl als Tisch und Arbeitsfläche gedient hatte. Luis schritt auf eine der Wände zu und wollte in eine der Nischen greifen um eine Schriftrolle, die sehr alt aussah, daraus heraus zunehmen und zu betrachten. Doch Raoul hielt ihn davon ab. „Nicht! Diese Schriftrollen und Bücher sind teilweise tausende von Jahren alt. Du würdest sie mit einer Berührung vielleicht zerstören!“ Luis Hand zuckte zurück.

So standen sie in der Mitte dieses Raumes, voller Respekt und Ehrfurcht über all das gesammelte Wissen der Menschheit der Antike, das hier in diesem Raum zusammengetragen wurde. Bis vor wenigen Jahrzenten, so hatte Annes Vater erzählt, wurden hier von den eingeweihten Nachfahren der Lambayeque Schriftstücke eingelagert. Danach hatte die Digitalisierung des Wissens und seiner Verbreitung über das Internet das weitere Archivieren und Sammeln unnötig gemacht.

„Eines Tages, wenn wir alle dazu bereit sind, werden wir dieses Archiv der Menschheit zurück ans Licht holen, konservieren, digitalisieren und der gesamten Bevölkerung frei zur Verfügung stellen. Aber es ist noch nicht so weit. Die Menschen werden noch ein paar Generationen und Jahrhunderte Entwicklung brauchen, bis sie bereit sind, ihr Erbe respektvoll und zum Vorteil aller zu nutzen. Zu gross ist heute die Gefahr, dass der Zugang nur den Mächtigen der Welt gewährt würde und sie dadurch nur ihre Macht stärken würden. Dazu darf es nicht kommen“ sagte Anne und in ihrer Stimme schwang eine grosse Demut vor all dem Wissen, dass es hier zu schützen galt.

„Also, was tun wir nun?“ fragte Luis. „Wir gehen zurück und verschliessen den Eingang so,  dass er für lange Zeit gesichert ist!“ antwortete Raoul. „Los kommt!“ rief Anne und machte sich auf den Weg. Als sie wieder aus der Öffnung in den Schlüsselraum kletterten, traf sie fast der Schlag. Der Monsignore war weg. Und mit ihm das Artefakt, dass sie für den Verschluss der Bibliothek gebrauchten hätten. Doch gerade als Anne Raoul darauf aufmerksam machen wollte, stürzte sich das Monster aus dem dunklen Eingang mit dem Schlüsselstein in den erhobenen Händen auf Anne, um sie mit Steinplatte zu erschlagen. Doch Anne reagierte erstaunlich flink, dafür dass sie verletzt war und ihre Wunde wieder stärker blutete. Sie wich einen Schritt zur Seite, packte den linken Arm des Monsignore und stiess ihn genau in die Richtung der Einbuchtung in der Wand, in die der Schlüsselstein passte. Der Geistliche stolperte zwei Schritte vorwärts und als ob er nichts gewollt hätte, klappte der Stein in die dafür vorgesehene Öffnung. Einen Moment lang standen alle wie angewurzelt da und warteten darauf, was nun passieren würde, während der Monsignore versuchte seinen Sturz aufzufangen. Aber er verlor das Gleichgewicht und knallte mit dem Gesicht frontal in die Wand. Das Bersten seines Nasenbeins war genauso laut und deutlich hörbar, wie das Klicken des Mechanismus, der durch das Einsetzen des Schlüsselsteins ausgelöst worden war.

„Schnell, rennt in den Gang, wir müssen hier raus!“ rief Anne und spurtete los. Die Anderen folgten ihr mit Ausnahme ihres Widersachers, der wie angewurzelt an der Wand stehen blieb. Der Durchgang zur Bibliothek schloss sich wieder und mit einem lauten Geräusch barsten nun plötzlich Steinplatten im oberen Bereich der Seitenwände und stürzten in den Raum. Eines dieser Wandteile traf den Monsignore und riss ihn zu Boden. Anne und ihr Begleiter waren schon einige Meter zurück in den Gang geeilt und blieben kurz stehen, um zurück zu blicken. Sie sahen, wie nun plötzlich Sand von oben in den Raum drang und sich dieser langsam von unten zu füllen begann. Als Anne nur noch den Kopf des Monsignores sah, der mit weit aufgerissenen Augen lebendig begraben wurde, begann auch der Zugang zum Schlüsselraum einzustürzen. „Schnell Anne, komm, wir müssen hier raus!“ rief Raoul und packte ihre Hand.

Dann wurde es wieder dunkel um Anne und sie tauchte in einen traumlosen Dämmerzustand. Sie war erneut ohnmächtig geworden und Raoul schleppte sie aus dem dunklen Labyrinth an die Oberfläche. Oben angekommen, stand ein Krankenwagen dort und die Leute der Security-Firma erwarteten sie bereits. Señor Fuentes war vom Monsignore zum Glück nicht lebensgefährlich verletzt worden, worüber Raoul, Carlos und Luis sichtlich erleichtert waren. „Helfen Sie mir bitte!“ rief Raoul einer der Sicherheitsleute zu und so trugen sie Anne gemeinsam zum Krankenwagen, der sie in die nächste Klinik brachte.

Anne selbst bekam nichts mit von alledem. Sie flog auf Aquilas Rücken über den Ozean Richtung Europa um ihrem Vater in der Klinik einen Besuch abzustatten. Wieder schritt sie durch den mit Neonlicht beleuchteten Gang und rümpfte die Nase wegen des unangenehmen Geruches der Desinfektionsmittel. Doch als sie das Zimmer betrat, in dem Ihr Vater gelegen hatte, erschrak sie. Das Bett war leer und frisch bezogen. Kein persönlicher Gegenstand erinnerte mehr daran, dass er hier einst gelegen hatte und plötzlich wurde Anne schwindlig. Sie ging zu dem Bett, legte sich hinein und schloss ihre Augen.

Als sie sie wieder öffnete, lag sie immer noch in einem Spitalzimmer, aber dieses sah nun  ganz anders aus und um das Bett waren die Menschen versammelt, die sie in den letzten Monaten so sehr in ihr Herz geschlossen hatte. Raoul sass neben ihr und hielt ihre Hand,  während Carlos und Luis daneben standen und sie liebevoll anlächelten. Plötzlich öffnete sich die Tür zum Zimmer und Pedro und Margaretha betraten den Raum. Anne war noch schwach, aber die Freude darüber alle wieder zu sehen erfüllte Sie mit einem wohligen Glücksgefühl.

Einen Moment lang ging ihr plötzlich die Erinnerung an das soeben Geträumte durch den Kopf. Was war mit ihrem Vater geschehen? Sie wollte den Gedanken zwar nicht zulassen, aber konnte es sein, dass er sie für immer verlassen hatte? Dass er nicht mehr aus der Traumzeit zurückehrte und auf alle Ewigkeit mit Aquila seine Runden drehen würde? Anne schloss für einen Moment ihre Augen. Der Gedanken daran möglicherweise ihren Vater verloren zu haben, riss sie einen Augenblick lang aus der Realität. Erst das Kitzeln eines Gegenstandes holte sie wieder zurück. Irgendetwas lag unter ihrem Oberschenkel im Bett, das da nicht hingehörte. Sie hob das Bein ein bisschen an und griff mit der Hand darunter. Dann zog sie eine grosse, schwarze Adlerfeder unter der Bettdecke hervor und blickte sie erstaunt an. Raoul lachte und sagte: „Ein Souvenier von Aqulia!“.

Gerade als Anne sich fragte, wie die Feder dort hingekommen sein konnte. Öffnete sich langsam die Tür zu ihrem Zimmer und Anne begann zu jubeln: „Sandra! Komm her, ich kann es gar nicht glauben! Du bist hier? Komm her und lass Dich umarmen!“. Sandra trat einen Schritt in das Zimmer, betrachtete Anne lächelnd und sagte: „Ich bin nicht alleine hier!“. Als Anne ihren Vater den Raum betreten sah, rissen alle Dämme. Sie verlor die Kontrolle über sich und heulte los! Die Tränen rannen ihr nur so in Bächen über das Gesicht und ihr Vater kam um sie in den Arm zu nehmen. Anne, war überglücklich. Sie konnte es kaum fassen, dass es ihm gut ging und er hier war und nachdem sie sich einigermassen beruhigt hatte, musste sie Sandra und ihrem Vater erzählen, was alles passiert war. Alle redeten durcheinander und draussen brach langsam die Nacht herein.

Annes Blick wanderte zum Fenster. Es stand offen und eine Gardine tanzte in einem Luftzug. Anne sank immer tiefer, wurde ruhiger und eine Träne rollte ihr über das Gesicht. Der Stoff am Fenster schien sich in Zeitlupe zu bewegen und Anne hatte plötzlich das Gefühl, dass er beseelt zu sein schien. Das tanzende Gardinenstück veränderte plötzlich seine Beschaffenheit. Es war nicht mehr so durchscheinend, die Bewegungen wurden koordinierter und geschmeidiger und Anne erkannte, dass es sich in einen Flügel verwandelt hatte.

- Ende -

Fragmente 1.34 – Die Bibliothek

Photo-Credit: Luigi Guarino @ Flickr

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Sie rannten los und erreichten mit ein paar Schritten den Eingang. Dicke, feuchte Luft schlug ihnen entgegen. Raoul war als erster bei der Leiter, die nach unten führte. „Los, kommt!“ rief er und Anne fasste seine Hand, die er ihr entgegen streckte. Ein zweiter Schuss zeriss die Stille der Nacht und der Monsignore schrie ausser sich vor Wut: „Ich werde Euch alle in die Hölle schicken! Bleibt stehen!“. Von der Dunkelheit geschützt kletterten sie in den unterirdischen Gang und entfernten die Leiter vom Eingang. Carlos reichte Luis und Raoul Taschenlampen aus seinem Rucksack und sie spurteten los. Allen voran lief Anne mit dem Schlüsselstein in der Hand. Sie betrachtete die Linie, die ihnen den Weg weisen sollte und befahl mit leiser Stimme in welche Richtung abgebogen werden sollte, wenn der der Gang sich hin und wieder verzweigte.

Hinter ihnen erklang plötzlich ein dumpfes Geräusch. Ein leiser Schrei signalisierte den Verfolgten, dass der Monsignore mit einem Sprung ebenfalls in den dunklen Gang eingestiegen war. „Los, weiter! Hier entlang“ flüsterte Anne und zeigte mit der Hand nach rechts in einen Tunnel, der leicht nach unten führte. „Bist Du sicher, dass wir da hinunter müssen?“ fragte Raoul. Anne antwortete nicht, sondern lief einfach los. Die Anderen folgten ihr und plötzlich endete der Tunnel in einem schachtartigen Raum. „Eine Sackgasse!“ rief Luis und die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Hinter ihnen hörten sie den keuchenden Atem ihres Verfolgers, der ihnen immer näher kam. Raoul leuchtete mit der Taschenlampe die Wände der Höhle ab. Der Raum hatte eine quadratische Grundfläche und schien etwa 10 Meter hoch zu sein. Anders als die Tunnel des Labyrinths schienen die Wände hier aus glatt poliertem Stein zu sein und jedes Geräusch wurde von den Wänden, wie in einem Resonanzkörper eines Instruments, verstärkt. „Hier war ich schon mal“ murmelte Anne. Aber noch bevor Sie weiterreden konnte, stiess der Monsignore zu ihnen.

„Keine Bewegung!“ schrie er und Anne blickte zu ihm hin während sich nackte Angst in Sekundenschnelle durch ihren Körper frass. Sie sah in seine schreckliche Fratze die schrecklich entstellt und verbrannt war. Der blanke Hass blitzte aus den Augen des Geistlichen und ein Fetzen der Haut seiner linken Wange hing lose herunter. Einen Moment lang fragte sie sich, ob das nur ein Alptraum war. Dann sah sie nur noch wie er seine Waffe auf sie richtete und als sich ein Schuss mit einem ohrenbetäubenden Knall löste, spürte sie nur noch, wie etwas mit einer unglaublichen Wucht in ihren Körper eindrang und sie in ein dunkles Loch stürzte.

Als Anne ihre Augen wieder öffnete, sah sie sich irgendwie selbst im schwarzen Nichts. Sie stürzte ins bodenlose. Immer weiter. Oder schwebte sie nach oben? Sie konnte sich weder bewegen, noch konnte sie überhaupt fühlen, ob sich ihre Seele noch in ihrem Körper befand. Panik überkam sie. War sie tot? Da war dieser Schuss der sie getroffen hatte. War sie stark verletzt? Sie versuchte an sich herunter zu schauen, ob sie eine Wunde entdecken konnte, doch sie konnte ihren Körper nicht wirklich erkennen. Ihre Umrisse waren nur noch als schimmernde, undefinierbare Form, als ätherische Aura vorhanden.

Plötzlich, die körperlose Stasis schien Äonen lang angedauert zu haben, wich die Stille einem Geräusch dass sie kannte. Aquila! Dann ging alles sehr schnell. Ihr Körper schien sich wieder zu manifestieren und ihr Traumgefährte tauchte unter ihr auf, um sie aus der Leere zu befreien. Sie landete auf seinem Rücken und augenblicklich fing sie sich wieder. „Aquila, bin ich gestorben?“ fragte sie ihren Freund in Gedanken. „Nein! Das bist Du nicht. Aber Du wurdest angeschossen und bist bewusstlos zusammengebrochen.“ Sie wollte wissen wie es ihren Freunden erging, doch Aquila vertröstete sie auf später. „Du hast erst noch ein wichtiges Rendezvous!“ drangen seine Gedanken in ihren Kopf. „Vater?“ Auqila bejahte und langsam sah Anne, wie die Dunkelheit um Sie herum wich. Im Leeren Raum sah sie ihren Vater in derselben Höhle sitzend, in der sie vorher angeschossen wurde. Die Wände schienen durchscheinend zu sein und Aquila blieb plötzlich in der Luft stehen und schwebte an Ort und Stelle. „Steig ab und geh zu Deinem Vater!“ drang es in ihren Kopf und Anne kletterte vom Rücken des Adlers um neben ihrem Vater wieder festen Boden unter den Füssen zu erreichen.

„Paps!“ rief sie und fiel ihm in die Arme! Sie wollte ihm so viel erzählen, aber die Sorge um ihre Freunde liess ihr keine Ruhe. Nachdem sich Anne von ihm gelöst hatte, setzte er sich wieder hin und strahlte eine Ruhe aus, die Anne fast zur Verzweiflung brachte. „Vater, ich muss zu meinen Freunden, sie sind in Gefahr! Schnell!“. Er lächelte und erklärte Anne, dass die Zeit hier in der Traumwelt anders tickte. Stunden und Tage die man hier erlebt, dauerten  auf der anderen Seite nur Minuten. „Ich muss Dir etwas Wichtiges sagen!“ fing er an und erklärte Anne, wie man den Zugang zur Bibliothek öffnen konnte. Er erzählte ihr auch von einem Sicherheitsmechanismus. Einer Falle, die den Zugang zur Bibliothek so verschliessen würde, dass sie für lange Zeit vor einem erneuten Zutritt gesichert bliebe. Anne hörte gespannt zu und versuchte sich jedes Detail genau einzuprägen. Plötzlich nahm ihr Vater ihr Gesicht zärtlich in seine Hände, küsste sie auf die Wange und sagte: „Du musst gehen!“ Wieder umschlang Anne die Dunkelheit. Nur kurz. Dann spürte sie, wie ein Sog sie zurück in ihren Körper katapultierte.

Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und nun fühlte sie auch den Schmerz ihrer Schusswunde. Ihre linke Schulter war getroffen, doch die Austrittswunde am Rücken zeigte ihr, dass es ein glatter Durchschuss war. Sie blickte um sich und registrierte sofort was in der Zwischenzeit geschehen war. Raoul, Carlos und Luis sassen gefesselt im Gang aus dem sie kamen und der Monsignore hantierte mit dem Schlüsselstein an einer Öffnung in der Wand, die dem Zugang gegenüber lag. Seine Waffe hatte sich der Geistliche hinten in den Bund seiner Hose gesteckt und er bemerkte nicht, wie Anne sich heranschlich. Mit einer raschen Bewegung packte sie den Revolver, entsicherte und hielt ihn dem keuchenden Monster an den Hinterkopf.

„Was zur Hölle…“ rief er überrascht und wollte sich umdrehen. Doch Anne hiess ihn so stehen zu bleiben. „Legen sie den Schlüsselstein schön langsam auf den Boden und gehen sie dann ein paar Schritte zurück.“ Er zögerte, doch Anne drückte ihm den Lauf der Waffe noch stärker ins Genick. „Ich zögere keinen Augenblick abzudrücken!“ rief sie. „Schön langsam hinlegen“ wiederholte sie und der Monsignore gehorchte widerwillig. Dann befahl ihm Anne, die Fesseln von Raoul zu lösen, was er ebenfalls tat. Raoul verfolgte staunend wie souverän seine Geliebte die Situation meisterte. „Los Raoul, mach Deinen Mund wieder zu und fessle den Mistkerl!“ lachte Anne nun sichtlich über Raouls Gesichtsausdruck amüsiert. Raoul tat was Anne sagte und Minuten später lag der Monsignore gefesselt am Boden, während die anderen sich befreiten und zu Anne hingingen. „Du blutest stark!“ sagte Raoul besorgt und griff in seinen Rucksack, in den er auch Verbandsmaterial für den Notfall gestopft hatte, was Anne nun zugutekam. Er versuchte ihre Wunde so gut wie möglich zu verbinden. Aber es war beiden klar, dass Anne baldmöglichst in ein Krankenhaus musste. „Ich weiss, wie wir die Bibliothek öffnen können!“ raunte Sie Raoul zu. Auch Carlos und Luis hatten das gehört und kamen dazu. „Was müssen wir tun?“.

Anne erklärte, dass sich in jeder Wand eine kleine Nische befinden musste, in der sich eine Art Flöte befand. Würden diese in einer bestimmten Abfolge gespielt, so dass alle Töne zusammen am Schluss einen Akkord ergaben, würde sich das Tor öffnen. „Und was ist mit der Öffnung für den Schlüsselstein?“ wollte Carlos wissen und zeigte auf eine Einbuchtung in der Wand, in die das angesprochene Artefakt perfekt zu passen schien. „Eine Falle!“ erklärte Anne mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht. Raoul wollte wissen, was denn passiere, wenn jemand den Schlüsselstein da einfügen würde. Doch Anne wusste auch nicht mehr, als dass der Eingang der Bibliothek dann für lange Zeit so verschlossen würde, dass niemand ihn öffnen konnte. „Gut!“ meinte Raoul und fügte an: „genau das werden wir nachher tun! Doch erst möchte ich mich vergewissern, dass die Bibliothek noch immer existiert. Wollen wir sie öffnen?“. Anne nickte.

Sie tasteten die Wände des Schachtes ab und tatsächlich waren die Nischen mit den Flöten bald gefunden. Es waren vier röhrenartige Gebilde aus einem schimmernden Metall. Anne zeigte den anderen wie die Flöten gespielt werden mussten und führte das Rohr an ihre gespitzten Lippen um Luft in die horizontale Öffnung zu blasen. Ein panflötenartiger Ton erklang. Nun gab Anne die Zeichen welche Flöte in welcher Reihenfolge angespielt werden sollte. Erst gab Luis seinen Ton, dann kam der von Raouls Flöte, dann der von Carlos und am Schluss der vierte Ton von Annes Instrument dazu. Der Akkord schien genau auf die Resonanz des Raumes abgestimmt zu sein und der Klang verstärkte sich durch Hall der Wände und wurde immer lauter und stärker.

Die Luft begann zu vibrieren und plötzlich erklang ein dumpfes Geräusch.

Weiter mit dem Schluss der Geschichte: Fragmente 1.35 – Einmal bis zur Ewigkeit und zurück

Fragmente – 1.33 Der Eingang

Foto-Credit Originalbild: Bruno Girin @ Flickr
Bearbeitet von Stoeps

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Ein Schrei zerriss die modrig duftende Dunkelheit in dem Labyrinth unter der Ebene von Nazca. Eine Blutspur führte vom Einstieg im Haus bis zu der Kreuzung in den Gängen, in denen der hustende Verfolger sein unrühmliches Ende fand. Am Rande des Abgrunds kniete ein älterer Mann mit kurzgeschnittenen Haaren und einer schlichten Nickelbrille, deren rechtes Glas fehlte und deren linkes Glas gesprungen war. Seine dunkle Kleidung war zerrissen, angesengt und stank nach Schweiss, Benzin und Blut. Sein Gesicht und seine Hände waren durch frische Verbrennungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt.  Der Monsignore starrte in den Abgrund und blickte auf den verbogenen und aufgespiessten Leichnam seines treuen Helfers.

Er hatte Fernando schon vor über 30 Jahren in Barcelona auf einer Studienreise kennen gelernt. Der kleine Waisenjunge sass damals bettelnd beim Eingang zum Innenhof des alten Hospital de la Santa Creu I Sant Pau. Mit seinen flehenden Augen bewegte er das Herz des damals noch jungen Theologiestudenten, der nicht anders konnte und dem Jungen etwas zu essen kaufte. Jeden Tag aufs Neue, wenn der junge Geistliche durch den Carrer de l’Hospital ging, begegnete er Fernando und sie begannen sich anzufreunden. Als der Monsignore Barcelona verliess, nahm er den Jungen mit. Fernando wurde sein Schützling und Diener und zum treuen Begleiter des Geistlichen. Er  wich auch dann nicht von seiner Seite, als dieser den Pfad der Menschlichkeit verliess. Er war seinem Retter gegenüber derart loyal und verfallen dass er nicht einmal davor zurückschreckte für ihn zu töten.

„Fernando…no!“ raunte der Monsignore röchelnd in den Abgrund. In ihm kämpfte die Verzweiflung die ihm zuflüsterte, dass er sich nur fallen zu lassen brauche um wieder bei Fernando zu sein. Für immer! Aber da war auch die Wut, die ihm diese sich immer und immer wiederholenden Worte in den Kopf pflanzte: „Töte sie! Räche Fernando!“ Da ging ein Ruck durch seinen Körper. Urplötzlich und mit einer Kraft die aus dem Nichts zu kommen schien, sprang er auf und schrie. Seine Wut hatte gesiegt und er gab seinem toten Freund ein letztes Versprechen: „Sie werden sterben, ich werde sie für deinen Tod büssen lassen! Ich werde sie alle in die Hölle schicken! Langsam gingen die Batterien von Fernandos Lampe, die noch immer auf dem Boden des Abgrundes lag, zur Neige. Das Licht erlosch und tauchte das Labyrinth wieder in seine modrige Dunkelheit.

„Der Kaffee duftet ja verführerisch!“ sagte Anne den Speisesaal betretend und begrüsste Margaretha mit einem Kuss auf die Wange. „Guten Morgen, Du Schlafmütze!“ grinste Carlos und Luis stopfte sich gerade eine Gabel mit Rührei in den Mund. „Setz Dich! Hast Du gut geschlafen?“ fragte Raoul und zog Anne zärtlich auf den freien Stuhl neben ihm. Anne lächelte. Da war sie nun. Ihre neue Familie.  Sie war schon lange nicht mehr so entspannt und glücklich. Sie setzte sich an den Tisch und blickte zufrieden in die Runde. „Rührei?“ fragte Pedro, der gerade aus der Küche kam und Anne nickte dankbar! „Gerne! Ich habe einen Mordshunger!“ fügte sie an und alle lachten.

Das Frühstück zog sich bis zum Mittag hin und es wurde darüber diskutiert, was denn nun als nächstes zu tun sei. Margaretha erläuterte ihre Vermutung, wo die Bibliothek sich befinden könnte und breitete eine Karte auf dem nun abgeräumten Tisch aus. Anne beschrieb nochmals ihren Traum, in dem sie ihren Vater vor den lehmigen Hügeln von Túcume gesehen hatte. Raoul ging nach oben und kam mit dem Schlüsselstein zurück. Es war eine flache Steinplatte in deren Mitte sich eine Öffnung in der Grösse und Form des Kartensteins befand. Die Platte war mit Symbolen und Linien verziert, die wohl eine Beschreibung dessen waren, was mit dem Schlüssel zu tun sei. Anne holte nun die Replik des besagten Kartensteins und sie versuchten die beiden Artefakte zusammen zu fügen, was auch gelang. Raoul betrachtete das Bild der Symbole und Linien eingehend und erkannte, dass es sich wiederum um eine Karte handeln müsste. „Wenn wir den richtigen Eingang zur Pyramide finden würden, müssten wir es schaffen zu diesem Raum vordringen zu können. Dort endet der Weg, der hier beschrieben ist!“ sagte er und zeigte mit dem Finger auf das Ende einer Linie, die vom äusseren Rahmen in die Mitte des Kartensteins führte. Die Anderen nickten zustimmend!

„Wie lange werden wir bis nach Túcume brauchen?“ fragte Anne in die Runde und es war ihr anzumerken, dass die Abenteuerlust wieder in ihr aufloderte. Margaretha erklärte ihnen den Weg der Küste entlang und erläuterte, dass sie wohl etwa mit zehn bis zwölf Stunden Fahrzeit zu rechnen hätten. „Wir können da aber nicht einfach so auf das Ausgrabungsgelände spazieren und in eine der Pyramiden eindringen!“ mischte sich Luis nun in die Diskussion. Doch Margaretha hatte schon einen Plan. Sie kannte den Chef der Security-Firma, die das Gelände nachts bewachten und würde versuchen, ihn zu erreichen. Er war ein Freund der Familie und wenn sie ihm klar machen konnte, dass sie keine Diebe waren, die Fundstücke aus dem Gebiet entwenden wollten, würde er sicher bereit sein, ein Auge zuzudrücken.

Anne wurde unruhig. Sie wollte nicht länger warten und rief: „Wenn wir jetzt losfahren, könnten wir etwa Nachts um zwei Uhr dort sein.“ Den Anderen waren die Strapazen und Gefahren des letzten Abenteuers noch zu gut in Erinnerung und die Müdigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Doch Anne gelang es Raoul, Carlos und Luis zu überzeugen. Sie würden sich bei der Fahrt abwechseln. Wenn jeder drei Stunden fahren würde, könnten die anderen etwa 9 Stunden Schlaf bekommen, was nach Annes Meinung mehr als genug war! Luis wollte widersprechen. Er fand, es wäre auch früh genug,  am nächsten Tag zu starten. Doch Carlos stand bereits lächelnd mit gepacktem Rucksack neben ihm und Margaretha kam mit zwei Thermoskrügen gefüllt mit frischem, starkem Kaffee aus der Küche. Sie blickte zu ihrem Sohn und hiess ihn freundlich Ersatzbatterien und neue Taschenlampen aus dem Keller zu holen. Und noch ehe Luis so richtig bewusst wurde, dass er überstimmt wurde, sassen Sie bereits im Auto auf der Fahrt Richtung Túcume.

Carlos übernahm das Steuer als Erster, während Luis auf dem Beifahrersitz eingenickt war. Die Sonne schien über dem Meer, das so unendlich weit und friedlich zu sein schien. Das Auto glitt auf der Panamericana Norte und brachte die Gruppe dem Ende ihres Abenteuers immer näher. Auf dem Rücksitz studierten Anne und Raoul den Schlüsselstein und Anne zeichnete auf einem Plan des Geländes mit den Pyramiden den Standort ein, wo sie ihrem Vater im Traum begegnet war. Langsam wurde es Nacht und nachdem auch Luis seine drei Stunden als Fahrer absolviert hatten, wechselte Anne ans Lenkrad. Aus dem leise gestellten Radio klang peruanische Musik und Anne musste lächeln, als plötzlich „El Condor Pasa“ erklang. Wie es wohl Aquila erging? Spürte er drüben in der Traumwelt, dass sie ihrem Ziel immer näher kamen? Anne musste sich konzentrieren. Es war nun dunkle Nacht und die Scheinwerfer der entgegen kommenden Fahrzeuge blendeten sie. Ein bekanntes Gefühl machte sich plötzlich in ihrem Magen breit. Dieser Wagen mit dem kaputten Scheinwerfer, den Sie im Rückspiegel sah, war das nicht der gleiche, der schon kurz nach der Wegfahrt bei Margarethas Pension hinter ihnen fuhr?

Sie versuchte den Gedanken abzuschütteln. Das konnte nicht sein! Sie rechnete fest damit, dass ihre Verfolger tot oder zumindest unschädlich gemacht waren. Vor allem denjenigen mit dem Husten hatten sie doch mit eigenen Augen sterben sehen. Als Raoul das Steuer übernahm erzählte sie ihm nichts von ihren beunruhigenden Gedanken.  Aber Schlaf fand sie auch keinen mehr. Zu fest pochte dieses Knäuel in ihrer Magengegend und sandte Signale an ihr Gehirn, welches die Adrenalinausschüttung ankurbelte. Anne wollte es nicht wahr haben, aber ihre Intuition betrog sie nicht!

„Wir sind da!“ flüsterte Raoul und weckte Anne mit einem sanften Kuss. Sie hatte es doch noch geschafft eine Stunde in traumlosen Schlaf zu versinken. Er nahm sein Handy und wählte die Nummer, die ihm Margaretha mitgegeben hat. „Señor Fuentes? Wir sind da! Wo können wir unseren Wagen abstellen?“ fragte Raoul auf Spanisch und hörte sich die Anweisung des Security-Chefs aufmerksam an. „Bueno!“ beendete er das Gespräch und legte auf. Er fuhr zu einem Container am Rande des Geländes und parkte sein Auto. Anne weckte nun auch Carlos und Luis und die vier stiegen aus, packten ihre Ausrüstung und gingen zum vereinbarten Treffpunkt. Anne lauschte in die Nacht und wieder zog sich ihr Magen warnend zusammen, als sie hörte, wie ganz in der Nähe eine Autotür ins Schloss fiel.

Der Bekannte von Margaretha nahm sie in Empfang und Anne zeigte ihm die Stelle auf der Karte, wo sich der Eingang zum unterirdischen Gang befand, der sie zu der Bibliothek führen sollte. Er nickte und bat die Truppe ihm zu folgen. Und tatsächlich standen sie nach etwa 15 Minuten Fussmarsch an der Stelle, wo Anne im Traum ihren Vater getroffen hatte. Bei einer aktuellen Ausgrabung wurde auch tatsächlich ein Zugang zu einem Tunnel freigelegt und Señor Fuentes beleuchtete mit seiner starken Lampe in diese Richtung. „Also los!“ raunte Anne verschwörerisch und die Gruppe machte sich auf den Weg zum Einstieg.

„Halt! Bleiben Sie sofort stehen!“ Eine Stimme zerriss die gespenstische Stille der Nacht und Anne wusste sofort, wer da aus dem dunklen Nichts auftauchte. „Der Monsignore“ flüsterte sie den anderen zu. „Halt oder ich schiesse!“ meldete sich der verwirrte Geistliche erneut! Señor Fuentes drehte sich, um mit den Verfolger mit seiner Taschenlampe zu suchen.

Plötzlich peitschte ein Schuss durch die Nacht. Fuentes gab einen röchelnden Laut von sich, drehte sich um die eigene Achse und fiel der Länge nach, die Taschenlampe unter sich begrabend, zu Boden. Dunkelheit umhüllte Anne und ihre Freunde. Und für einen Moment schien sich die Erde nicht mehr zu drehen.

„Lauft!“ brüllte Anne!

Weiter mit Fragment 1.34 – Die Bibliothek

1.32 – Das Wiedersehen

Fotocredit: 3EyePanda @ Flickr

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„Wach auf, wir sind da!“ hörte sie Raouls zärtliche Stimme an ihr Ohr dringen. Anne öffnete langsam ihre Augen und tauchte zurück in die Realität. Sie waren bei Margarethas Pension angekommen und Carlos und Luis waren bereits dabei, das Gepäck in das Haus zu tragen. Anne brauchte einen Moment um wach zu werden und stieg dann ebenfalls aus. Raoul nahm ihre Hand und lief zur Eingangstür wo Margaretha stand und sie freudig erwartete. „Wie geht es Pedro?“ wollte Anne sogleich wissen. Margaretha nahm Anne in die Arme und lächelte. „Es geht ihm den Umständen entsprechend gut und er wird bald wieder der Alte sein!“ sagte sie sichtlich erleichtert. „Kommt ins Haus!“ sagte Margaretha und sie traten ein. Tatsächlich sass Pedro drinnen am Tisch und auch er freute sich über die Ankunft der vier Abenteurer. Anne nahm Pedro in den Arm und drückte ihn an ihr Herz. „Es geht mir gut! Ich bin nur noch etwas schwach auf den Beinen, aber sonst bin ich einigermassen in Ordnung!“ sagte er zu Anne und fügte hinzu: „Ich freue mich so, dass ihr wieder da seid und Raoul und Carlos gefunden habt!“

Als das Gepäck verstaut war und sie alle geduscht und sich umgezogen hatten, traf sich die Gruppe im Speisesaal. Margaretha brachte Getränke und aus der Küche duftete es herrlich! „Gleich könnt ihr alles erzählen!“ freute sie sich und verliess den Raum um gleich wieder mit einem grossen Topf voller heisser Suppe zurück zu kehren. Es wurde ein grosses Fest und hätten die Wände des Raumes Ohren gehabt, sie hätten sich über die abenteuerlichen Erzählungen gewundert. Jeder berichtete, was er erlebt hatte und langsam fügten sich die einzelnen Geschichten zu einem grossen Ganzen.

„Wir werden bald wieder aufbrechen!“ sagte Anne. Ich glaube, ich weiss nämlich wo die Bibliothek zu finden ist! „Du träumst doch!“ lachte Luis. „Nein, Luis. Jetzt nicht mehr! Aber ich habe tatsächlich davon geträumt. Mein Vater hat mir den Zugang gezeigt!“ antwortete sie und fügte unternehmungslustig grinsend an: „Wann brechen wir auf?“ „Erst mal werdet Ihr mindestens eine Nacht lang in einem richtigen Bett durchschlafen!“ sagte Margaretha bestimmt und alle nickten lachend. Lange sassen sie da, genossen das Essen und den Wein während draussen die Nacht ihre dunklen Flügel über die Stadt ausbreitete. Anne nahm Raouls Hand und blickte ihn lange und zärtlich an. „Ich bin so froh, Dich endlich gefunden zu haben!“ raunte sie leise. Raoul erwiderte ihren Blick und nickte. Er sagte nichts, aber seine Augen sprachen tausend Worte.

„Kommst Du mit raus?“ fragte er, während er vom Tisch aufstand. Anne nickte. Sie verliessen die Runde und gingen auf die Veranda. Mittlerweile war es tiefe Nacht und die Sterne funkelten am Himmel. „Anne ich…“ begann Raoul, doch sie konnte nicht anders und küsste ihn unvermittelt. Erst vorsichtig, dann immer leidenschaftlicher. Es war, als würden sich all die Ängste und Qualen der letzten Wochen auflösen und zu einem Punkt im Nirgendwo zusammenschrumpfen. Sie und Raoul waren zusammen. Das war das Einzige, das für Anne im Moment zählte. Ihr Herz schien fast zu platzen und klopfte wild. „Komm!“ sagte Raoul und legte seinen Arm und ihre Schulter. „Ich will mit Dir alleine sein. Nicht mehr reden. Ich will Dich in diesem Moment nur spüren, ganz bei Dir sein und mich in Dir verlieren!“ flüsterte er. Die beiden bemerkten nicht einmal, dass sie nicht mehr alleine auf der Veranda waren. Ein paar Schritte neben ihnen standen Carlos und Luis ebenfalls eng umschlungen. Die beiden Männer schauten sich wortlos und tief in die Augen. Nur ab und zu unterbrach ein zärtlicher Kuss ihre Blicke. Als Anne und Raoul an ihnen vorbei gingen, lösten sich Carlos und Luis voneinander. Luis umarmte Anne während Raoul seinen Bruder an sich drückte. Ihr Glück war vollkommen. Wenigstens jetzt, in diesem Augenblick. „Wir werden schlafen gehen“ sagte Anne und Luis lächelte sie an. „Geniesst es!“ sagte er mit einem Zwinkern und blickte zu Carlos. Dieser nickte nur und auch sie beide verliessen die Veranda. Margaretha hatte den Tisch abgeräumt und wollte gerade eine Runde Pisco offerieren. „Nein Danke!“ sage Anne und das Lächeln in ihrem Gesicht verriet Margaretha, dass sie gar nicht erst versuchen müsste, sie umzustimmen. „Gute Nacht! Wir sehen uns morgen!“ sagte sie und setzte sich zu Pedro an den Tisch. Anne, Raoul, Luis und Carlos wünschten den beiden ebenfalls eine gute Nacht und zogen sich zurück.

Als Anne neben Raoul im Bett lag, überkam es sie. Sie konnte ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren und während ihr die Tränen der Erleichterung und des Glückes über die Wangen kullerten, küsste Sie ihren Geliebten erneut. Es war ein Kuss, der nicht enden wollte. Sie löste ihre Lippen auch dann nicht von seinen, als sie begann sein Hemd aufzuknöpfen um es ihm auszuziehen. Sie sog Raouls Geruch tief in sich auf und ihr wurde dabei beinahe schwindlig. Sie strich mit ihren Händen über seine Arme und die feinen Haare fühlten sich wie tausend Federn an, die nur dazu geschaffen worden waren, sie zu streicheln. Raoul beendete den schier endlosen Kuss um nun auch Annes T-Shirt auszuziehen. Er begann ihren Körper mit seinen Lippen zu liebkosen und sie mit Küssen zu bedecken und Anne spürte seinen heissen Atem auf Ihrer Haut. Sie vibrierte regelrecht und ein wohliges Zittern durchlief sie, während Raouls Mund ihren Bauchnabel fand. Sie fühlte wie er sich noch weiter nach unten bewegte. Etwas in ihrem Kopf schien zu platzen und Annes Gefühle explodierten wie ein Feuerwerk mit tausend blütengleichen Funkenbouquets. „Hör nicht auf!“ flüsterte sie und fasste mit ihren Händen zärtlich in Raouls Locken. Er dachte nicht im Traum daran, jetzt aufzuhören und Annes Verstand schien sich in leuchtende, oszillierende Schwaden aufzulösen. Wieder trafen sich ihre Lippen und ihre Körper verschmolzen zu einem. Anne hatte aufgehört zu denken und war nur noch sie selbst! Sie spürte, wie jede ihrer Bewegungen Raoul dem Zenit der Leidenschaft näher brachte. Sie schienen gemeinsam zu schweben und Raouls Körper begann zu beben. Seine Gedanken versanken im Meer der Lust und seine Muskeln spannten sich wie der Bogen eines Kämpfers der bereit war, seinen Pfeil mit unglaublicher Kraft dem Ziel entgegen zu schicken. Ein paar Sekunden lang, die sich äonengleich und unmessbar ausdehnten, ritt Raoul auf einer kosmischen Welle, bevor sich die aufgebaute Energie wie ein Vulkanausbruch entlud.

Anne hatte das Zeitgefühl verloren und Ihre Gedanken tanzten unstrukturiert und sich verselbständigend durch ihren Kopf. Langsam fand sie sich wieder, eng an Raouls heissen Körper geschmiegt, ihre Sinne sammelnd. Anne spürte, wie erneut Freudentränen über Ihr Gesicht kullerten. Sie legte Ihren Kopf auf seine Brust während er seinen Arm um ihre Schultern legte und noch bevor sie ihm sagen konnte wie sehr sie ihn liebte, raubte ihr der Schlaf das Bewusstsein. Raoul strich Anne zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht. Er wollte nicht gleich einschlafen und beobachtete glücklich, wie sich ihr Körper immer mehr entspannte und genoss dieses Gefühl sie endlich bei sich zu haben.

Aus dem Zimmer nebenan drangen Geräusche zu Raoul hinüber, die ihn lächeln liessen. Er hörte dass er und Anne nicht die einzigen waren, die ihr Wiedersehen genossen und er war froh im Wissen darum, dass auch sein Bruder glücklich war. Langsam versank nun auch Raoul im Land der Träume. Anne lag noch immer in seinen Armen mit dem Kopf auf seiner Brust, die sich nun regelmässig hob und senkte.

Margaretha löschte das Licht in ihrem Zimmer, nachdem auch sie ins Bett gegangen war und so kehrte Ruhe in der kleinen Pension ein. Von draussen drangen ganz leise die Geräusche der Stadt an Margarethas Ohr und wiegten sie in einen entspannten Schlaf. Sie war froh, dass alle wieder da waren und die Liebenden einander gefunden hatten. Das Glück schien nun perfekt zu sein.

Doch Glück war schon immer ein Zustand, der sich durch eine besondere Flüchtigkeit auszuzeichnen schien und hätten Anne, Raoul, Margaretha und die Anderen gewusst, was sich tief unter der Ebene von Nazca gerade jetzt ereignete, hätte keiner von Ihnen ein Auge zugetan.

Weiter mit Fragmente 1.33 – Der Eingang

1.31 – Die Wendung

Photocredit: Bruno Girin @ flickr.com

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„Ich will den Schlüsselstein!“ rief der hustende Verfolger und zielte mit dem Lauf der Pistole auf Anne. Ein kaltes Gefühl der Angst und Wut kroch erneut in ihr hoch, doch diesmal wusste sie, dass sie mehr als Glück benötigte um aus dieser Situation zu entfliehen. Anne stellte sich unwissend. „Was für einen Schlüsselstein?“ fragte sie und versuchte dabei möglichst unschuldig zu wirken. „Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Geben sie mir den Stein oder ich knalle sie ab!“ rief er. Anne sah keinen anderen Ausweg und zog ihren Rucksack aus, um den Stein daraus hervor zu holen. Raoul, Carlos und Luis standen wie versteinert daneben und sahen Anne zu, wie sie zitternd in die Tasche griff. Sie zog den Stein hervor und hielt in hoch. „Nein, nicht den Kartenstein, ich habe selbst eine Replik davon. Ich will den Schlüsselstein! Die Platte, in die der Kartenstein eingefügt werden muss!“ rief der Mann und fuchtelte mit der Pistole. „Ich habe den Schlüsselstein nicht!“ rief Anne wahrheitsgemäss! „Sie nicht, aber er hat ihn!“ rief der Kerl und zeigte nun mit der Waffe auf Raoul. „Los, geben sie mir den Stein, aber etwas plötzlich. Oder soll ihre Freundin hier sterben?“ rief er und zielte wieder auf Anne.

„Raoul, nicht!“ rief Anne. Doch Raoul konnte nicht anders. Er sah keinen Ausweg und wollte sie auf keinen Fall in Gefahr bringen. Er zog seinen Rucksack aus um das Artefakt daraus hervor zu holen. Er wickelte die Steinplatte mit der Öffnung in Form des Kartensteins aus einem Stoff und hielt sie mit beiden Händen in die Luft.  „Werfen Sie mir den Stein herüber, los!“ schrie der Verfolger und fuchtelte wild mit der Knarre herum. „Halt, nein! Die Platte wird in Stücke brechen, wenn er sie wirft!“ rief Anne dazwischen. In ihr keimte eine verwegene Idee. „In Ordnung, legen Sie den Stein vor sich auf den Boden und treten Sie zwei Meter zurück!“ rief der Verfolger. „Los, mach schon!“ raunte Anne und zwinkerte Raoul verwegen zu. Er begriff sofort und legte den Stein vor sich auf den Boden und sie traten alle zwei Meter zurück. „Stehen bleiben! Wehe sie versuchen abzuhauen! Ich werde schiessen, wenn sie nicht gehorchen!“ rief der Hustende.

Die Vier warfen sich vielsagende Blicke zu. Auch Luis und Carlos hatten erkannt, was Anne im Schilde führte. Sie blickten gespannt auf den Mann mit der Waffe in der Hand, der nun auf sie zukam. Doch Annes Idee schien nicht zu funktionieren. Er ging ein, zwei, drei Schritte auf dem federnden Boden in ihre Richtung und nichts passierte. Anne beschlich wieder dieses lähmende Gefühl der Angst. Doch plötzlich krachte es. Das Geräusch von berstendem Holz und ein kehliger Schrei durchschnitten die dunkle Szenerie. Ein Schuss löste sich aus der Pistole, gefolgt von einer gespenstische Stille, die nur eine ewig lange Sekunde dauerte und die von einem widerlichen Krachen und einem erneuten Schrei, der in einem gurgelnden Laut erstarb, abgelöst wurde.

Raoul ging langsam zwei Schritte nach vorne und blickte in das tiefe, dunkle Loch, das nun vor ihnen klaffte. „Er ist tot!“ rief er. Die anderen kamen zu ihm und blickten in die Öffnung. Im Schein von Raouls Stirnlampe sahen sie den seltsam verbogenen Körper, der in etwa 10 Meter Tiefe auf spitzigen Holzpfählen aufgespiesst lag. Die Lampe des Toten lag auf dem Grund des Schachtes und tauchte das Bild in ein unheimliches Licht. „Los, schnell, lasst uns abhauen, wer weiss, ob er der einzige Verfolger war!“ rief nun Luis. Raoul packte den Schlüsselstein wieder ein und sie liefen zurück in den letzten Raum. Dort nahmen sie den anderen Weg und passierten die Kreuzung wie geplant.

Der Weg neigte sich nun spürbar nach oben und die frische Luft, die ihnen entgegen blies, zeigte an, dass sie bald am Ende ihres Aufstiegs ankommen würden. Doch der Tunnel endete ohne Ausgang. Die Decke schien eingestürzt zu sein. „Die Tür, die keine ist!“ flüsterte Anne und sie beschrieb Raoul, was sie in ihrem Traum gesehen hatte. Sie versuchten, in der Mitte beginnend, die kleineren Steine weg zu schieben und mit gemeinsamer Kraft schafften sie es auch, die letzten beiden Steinplatten aus dem Weg zu räumen. Das Bild, in das sie bei ihrem Ausstieg eintauchten, raubte ihnen fast den Atem. Der neue Tag war im Begriff die Ebene von Nazca in ein sanftes Licht zu tauchen und während der Himmel von Osten her immer heller wurde, stieg die Gruppe über eine Leiter, die schon seit Urzeiten dort zu sein schien, wieder zurück an die Oberfläche.

„Du hattest recht, Anne!“ sagte Raoul und nahm sie in seine Arme! „Deine Träume haben uns gerettet!“ fügte er an und die Vier setzten sich erst mal hin um eine kleine Verschnaufpause einzulegen. Über ihren Köpfen kreiste ein Adler und Anne dachte an Aquila. „Danke mein Freund!“ rief sie ihm im Geiste zu und prompt kam die Antwort in Form eines Gedanken zurück: „Bitte, aber Eure Reise ist noch nicht zu Ende! Findet die Bibliothek und sorgt dafür, dass sie geschützt bleibt!“. Der Gedanken hallte in Annes Kopf und ihr wurde klar, dass sie erst den ersten Teil des Abenteuers bestanden hatte.

„Wie kommen wir zurück zu Margaretha?“ fragte Anne plötzlich in die Runde. „Na mit unserem Auto!“ lachte Carlos. „Es steht unten auf der Rückseite des Hauses. Wir müssten etwa in 20 Minuten dort sein. Über der Erde ist die Strecke nur halb so lange!“ fügte er an und stand auf. „Los kommt!“ sagte er und ging los, während die anderen sich hinter ihm aufrafften um ebenfalls die Rückreise anzutreten.

Als sie im Auto sassen und auf dem Rückweg nach Lima waren, erzählte Raoul, was alles passiert war und wie sie den Schlüsselstein in einem der Räume da unten gefunden hätten. Anne erzählte, dass sie eine Idee hätte, wo die Bibliothek sein könnte. Dass sie davon geträumt hatte und Margaretha aufgrund ihrer Beschreibung ein Kultort der Lambayeque vermutete.

Carlos steuerte das Auto und hörte aufmerksam zu, während Luis auf dem Beifahrersitz eingenickt war. Immer wieder blickte Anne durch das Heckfenster des Wagens um sicher zu sein, dass sie nicht verfolgt würden. Aber da war nichts. Kein anderes Auto war hinter ihnen zu sehen und langsam konnte auch Anne sich entspannen. Sie legte ihren Kopf an Raouls Schultern, der seinerseits seinen Arm um sie legte und bald schlief sie ein. Sie versank in einer wohligen Dunkelheit und fühlte sich in Sicherheit. Ein Gefühl, dass sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hatte. Die Dunkelheit um sie herum löste sich auf und sie spürte den Wind in ihrem Gesicht. „Aquila!“ rief sie und Freundtränen kullerten über ihr Gesicht. Sie spürte die kräftigen Muskeln seiner Flügel unter ihrem Körper und blickte strahlend vor Freude auf die Landschaft unter ihr.

Sie verliessen die Ebenen von Nazca und steuerten Nordwärts. Anne entdeckte unter sich Lima und vermutete, dass sie bei Margaretha landen würde, doch Aquila gab ihr zu verstehen, dass die Reise weiter nordwärts gehen würde zu einem Ort namens Túcume. Nachdem sie Chiclayo unter sich passiert hatten, tauchte Aquila ab und landete an einem unwirklich scheinenden Ort. Es gab hier grosse Hügel, deren Beschaffenheit sonderbar geometrisch schienen und Anne kombinierte schnell, dass es sich hier um die Überreste der besagten Lambayeque Kultur handeln musste. Einige Ausgrabungsstätten zeugten ebenfalls davon. Aquila landete genau vor einem der Hügel und stieg ab. Sie sah sich um und bald entdeckte sie jemanden, der ihr sehr bekannt vorkam. Freude erfüllte ihr Herz und sie lief mit geöffneten Armen auf ihn zu. „Paps“! rief sie und der Mann winkte ihr zu. Er stand vor einem der lehmigen Hügel und freute sich sichtlich darauf, seine Tochter in die Arme zu nehmen! Doch einmal mehr schaffte es Anne nicht, einen geliebten Menschen im Traum zu umarmen. Noch bevor sie ihn erreicht hatte, veränderte sich die Szenerie. Links neben ihm öffnete sich der Hügel und die entstehende Öffnung schien alles in sich hineinzuziehen. Auch Anne konnte sich nicht gegen den Sog wehren und wurde von der Dunkelheit verschluckt.

Weiter mit Fragmente 1.32 – Das Wiedersehen

1.30 – Das Labyrinth

Photocredit: Raveesh Vyas @ flickr.com

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Anne rannte los! Es schien, als ob sich in diesem Moment ein riesiger Stein von Ihrem Herzen löste. So leicht und unbelastet fühlte sich dieser Augenblick für sie an. Nur eine leichte Angst, alles um sie könne sich wieder auflösen und sie erwache aus einem Traum, mischte sich in ihre Freude. Der Namen der sich in ihrem Kopf ausbreitete blieb unausgesprochen, denn sie war so überwältigt, dass ihr Gehirn keine bewusste Kontrolle über ihren Körper zuliess. Instinktiv rannte sie, breitete ihre Arme aus und Tränen rannen über ihr Gesicht.

Sie realisierte nicht, dass es Luis neben ihr genau gleich erging. Auch er spurtete los von Gefühlen überwältigt, kein Wort über die Lippen bringend. Denn was sie hier unten gefunden hatten, war nicht vorherzusehen. Es kam so überraschend, dass Anne und Luis ihr Glück kaum fassen konnten. Hier tief unter der Erde, unter den Ebenen von Nazca trafen sie diejenigen wieder, die sie so lange vermisst und gesucht hatten. Die Sehnsucht nach diesem Wiedersehen trieb sie durch das ganze Abenteuer und war Motivation und Qual zugleich.

Raoul durchbrach die Stille als erster: „Anne…ich….wie seid ihr hierher gekommen?“. Anne löste sich zögerlich aus der Umarmung und begann zu erzählen. Raouls Augen folgten Annes Lippen und gestikulierenden Händen. Manchmal kniff er sie fragend zu kleinen Schlitzen zusammen, manchmal weiteten sie sich erschrocken. Auch Carlos hörte aufmerksam zu, während ebenfalls Luis seinen Teil der Geschichte beisteuerte. Anne schloss mit der Schilderung der Verfolgungsjagd und erzählte, wie ein unsteuerbares Gefühl sie zu diesem Haus geführt und sie durch die Luke im Boden diesen Raum gefunden hatten.

Raoul lächelte und sah Anne bewundernd an. Er nahm ihre Hände, küsste sie sanft und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du hast Dich verändert!“ sagte er leise. „Du warst eine junge Dame, als ich Dich verlassen musste. Nun bist Du eine starke Kämpferin geworden!“ flüsterte er und blickte sie bewundernd an. Anne lächelte verlegen. Sie löste ihren Blick von Raoul und blickte zu Luis und Carlos.

Die Stimmung im Raum hatte etwas total Unwirkliches und gerade als Annes Gedanken zu Aquila schweiften und sie sich erneut fragte, ob das hier die Wirklichkeit oder einer ihrer Träume sei, zerriss ein knarrendes Geräusch die Stille des kleinen Raumes. „Jemand ist im Haus!“ flüsterte Carlos erschrocken! Raoul blickte zu Anne und Luis: „Ich dachte, ihr hättet Eure Verfolger unschädlich gemacht?“ raunte er und Anne antwortete: „Das dachte ich auch! Aber wir sind einfach weiter gefahren und wissen nicht, wie es wirklich um sie stand!“. Raoul griff nach seinem Rucksack. „Schnell, wir müssen hier weg!“ flüsterte er. „Gibt es einen zweiten Ausgang?“ fragte Anne und Raoul nickte „Ja, den gibt es. Von hier aus führt ein langer unterirdischer Gang zu den Ebenen von Nazca. Er ist uralt und stammt aus prä-hispanischen Zeiten. Um ehrlich zu sein, ist es nicht nur ein Gang sondern ein ganzes Labyrinth.“ „Also los! Folgt mir“ flüsterte Carlos und die Vier machten sich auf den Weg.

Carlos Stirnlampe verbreitete gerade genügend Licht um nicht in der kühlen Dunkelheit des unterirdischen Systems verloren zu gehen. Er ging voraus, während Raoul die Gruppe als Letzter zusammenhielt. Anne blickte über ihre Schulter zurück „Ich hoffe, ihr kennt den richtigen Weg!“ sagte sie zu Raoul. „Na ja, zumindest theoretisch!“ gab er zur Antwort, was ihr nicht gerade ein sicheres Gefühl vermittelte. Der Gang führte leicht bergab und nach ein paar Metern standen Sie vor der ersten Verzweigung. Carlos ging ohne zu zögern nach links und flüsterte Luis und Anne zu dass er in einen Raum führe, in dem sie einen bedeutenden Fund gemacht hätten und dass er sicher sei, dass der Weg nach oben hier durchführe. Die Gruppe folgte Carlos und nach ein paar weiteren Metern standen sie plötzlich in einer grossen Höhle deren Wände mit Felszeichnungen verziert waren. In einer Nische war ein Loch in der Wand zu erkennen. „Hier lag das Artefakt!“ flüsterte Carlos. Sie blieben kurz stehen und betrachteten die eingeritzten Symbole im fahlen Lichtschein. Es gab fünf Ausgänge und jeder von denen schien gleich auszusehen. Carlos zögerte „Weiter als bis hierhin, sind wir noch nicht gekommen!“ sagte er. „Aber ihr wisst, welchen Ausgang wir nehmen müssen?“ fragte Luis. „Na ja, wir waren sicher, es müsse derjenige sein, der leicht ansteigt. Wir wollen ja nach oben.“

Anne fühlte, dass hier etwas nicht stimmte. Labyrinthe waren nie einfach zu durchqueren, sonst hätten sie ihren Zweck verfehlt. Sie blickte in das Dunkel der Öffnung deren Weg sich leicht nach oben neigte. Ein seltsamer Duft kroch in ihre Nase und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Alles in ihr sträubte sich beim Gedanken hier durchgehen zu müssen. „Das ist der falsche Weg!“ sagte sie plötzlich und war selbst überrascht, wie stark sie mittlerweile ihrem Bauchgefühl traute. „Wir sollten einen anderen Weg nehmen!“ fügte sie an. Raoul, Carlos und Luis blickten sie erstaunt an. Sie nestelte ihr Feuerzeug aus der Hosentasche, zündete es an und hielt es jeweils in die Richtung der verschiedenen Öffnungen. Beim dritten Ausgang bewegte sich die Flamme fast unmerklich. Anne ging näher und spürte nun auch selbst den schwachen Luftzug. „Hier müssen wir durch!“ sagte sie. Luis blickte sie ungläubig an. „Bist Du sicher?“ fragte er sie und es war nicht zu übersehen, dass er Zweifel an Annes Vorschlag hatte. „Hast Du eine bessere Idee?“ fragte Anne zurück und Luis schüttelte den Kopf. Raoul hatte sofort begriffen, was Anne mit dem Feuerzeug beabsichtigte und willigte ein. „Lass es uns hier versuchen!“

„Hier!“ rief Anne plötzlich. Im Schein ihres Feuerzeugs hatte sie eine Entdeckung gemacht. An der Seitenwand des von ihr gewählten Ausganges war etwas in den Fels eingeritzt. Ein Symbol, dass Anne kannte. Raoul lächelte und nickte. „Der Kartenstein!“ sagte er und Anne stimmte ihm zu. Tatsächlich hatte die Zeichnung die Form des Steines und Anne erkannte nun, was der Stein für eine Funktion hatte. Er enthielt eine Karte des Labyrinths und würde sie hier herausführen! Sie zog ihren Rucksack aus und nahm den Kartenstein heraus. Er enthielt auf beiden Seiten Linien, die tatsächlich wie ein Labyrinth aussahen. Doch welches war nun der richtige Plan? Die Vier beugten Ihre Köpfe über den Stein.  Plötzlich wusste Anne welche Seite es sein musste. Sie war nämlich schon früher in ihren Träumen in diesem Labyrinth. Damals sagte Raoul zu ihr „Finde den grossen Donnervogel und in der Mitte seines Kopfes, finde die Tür, die keine ist!“

Tatsächlich sah eines der Labyrinthe aus wie die Felszeichnung des Donnervogels und der Ausgang musste also in der Mitte seines Kopfes sein. „Hier!“ sagte Raoul und zeigte mit dem Finger auf eine Verdickung in einer Linie. „Das muss der erste Raum sein, in dem wir uns getroffen haben!“ fügte er an und Carlos nickte und zeigte ebenfalls auf eine Stelle. „Das hier müsste dann die Höhle sein, in der wir uns jetzt befinden!“. Von diesem Punkt führten 5 Linien weg, wobei 4 Linien wenig später endeten. Nur einer der Pfade führte weiter und endete tatsächlich im Kopf des Donnervogels. Es war der Ausgang, den Anne vorgeschlagen hatte. Sie lächelte triumphierend und eine spürbare Erleichterung ergriff die Gruppe. Wieder zerriss ein Geräusch die kurze Entspannung. „Hast Du das gehört?“ flüsterte Anne Luis zu. Luis nickte. Eine bedrückende Stille füllte nun den Raum und die Vier horchten in die Dunkelheit. „Da!“ flüsterte Luis. Ein röchelnder, kehliger Husten drang aus der Entfernung zu ihnen und Anne blickte Luis verheissungsvoll an. „Der Kerl aus dem Flugzeug!“. In kurzen Worten erzählte Anne von dem Mann, der in das Haus ihres Vaters eingebrochen war und etwas dort suchte und der später im gleichen Flugzeug wie Anne und Luis reiste. Scheinbar war er auch im Auto der Verfolger und musste das Inferno überlebt haben. „Los, weiter!“ drängte Anne und sie machten sich auf den Weg in die von Anne vorgeschlagene Richtung. Der Gang neigte sich zuerst nach unten, machte dann einen Bogen nach rechts und fing langsam wieder an zu steigen. Nach etwa 20 Minuten standen sie plötzlich wieder in einem Raum, der Anne bekannt vorkam.

„Ich war hier schon einmal!“ sagte sie. Im Traum habe ich hier mit Dir und meinem Vater gesprochen! Sie blickte erwartungsvoll zu Raoul. Doch er kannte diesen Raum nicht. „Ich bin hier zum ersten Mal!“ flüsterte er. „Weisst Du, wie es weiter geht?“ fragte Luis. Anne war sich nicht sicher und nahm den Stein zu Hilfe. Der Raum hatte drei Ausgänge. Doch genau hier war die Replika des Kartensteines ungenau. An dieser Stelle gab es tiefe Kratzer und es war nicht klar zu erkennen, welcher Weg zu nehmen war, denn zwei der möglichen Pfade schienen sich kurz nach der Höhle zu kreuzen. Anne überlegte kurz, wie das möglich sein konnte? Entweder müsste einer der Pfade über oder unter dem anderen durchführen oder sie kreuzten sich tatsächlich und dann wäre es egal, welchen Weg sie wählen würden. Hauptsache, sie würden nach der Kreuzung in die richtige Richtung laufen und diese war auf der Karte klar ersichtlich.

Wieder erklang der unheimliche Husten irgendwo hinter ihnen und Anne packte Raoul an den Schultern und drehte ihn nach rechts. „Hier durch!“ sagte sie und schob ihren Geliebten vorwärts durch die Öffnung. Nach ein paar Metern weitete sich der Raum tatsächlich wieder und im schwachen Licht von Raouls Stirnlampe war die Kreuzung zu erkennen. „Wir müssen einfach geradeaus weiter!“ flüsterte Anne und Raoul wollte gerade weitergehen als Luis „Halt, warte!“ rief. Raoul stoppte und sah ihn an. „Was ist los?“ fragte er und Luis deutete ihm mit einer Handbewegung, dass er auf den Boden schauen solle. Raoul blickte nach unten und konnte nichts Besonderes entdecken. Vor ihm lag der sandige Boden. Ein paar Schritte weiter lag Laub. Trockene Blätter die aussahen, als ob jemand extra einen Teppich für sie gelegt hatte. „Laub, hier unten? Findest Du das nicht auch ungewöhnlich?“ wunderte sich nun Carlos und blickte Raoul fragend an. Dieser beugte sich nun über den bunten Bodenbelag. Er kniete sich hin und legte seine flache Hand auf den bedeckten Boden, welcher sich weich und federnd anfühlte, was für einen Felsboden doch recht seltsam war. Und noch etwas kam Raoul sehr ungewöhnlich vor. Er spürte einen Luftzug von unten kommend sein Gesicht streifen. „Eine Falle!“ raunte er. „Das hier ist eine Falle!“ wir können hier nicht durch. Unter diesen Blättern muss ein Abgrund verborgen sein!

„Wir müssen zurück! Wenn wir den anderen Weg nehmen, schaffen wir es der Wand entlang um die Ecke zu kommen, ohne in den Abgrund zu stürzen!“ flüsterte Luis und die anderen nickten. Doch sie kamen nicht dazu zurück zu gehen. „Halt! Keine Bewegung oder ich erschiesse jemanden von Euch!“ klang nun vom anderen Weg eine Stimme zu ihnen herüber und eine helle Taschenlampe warf einen Lichtkegel, der von einem schaurigen Husten begleitet wurde. Anne stockte das Blut in den Adern. Sollte das Abenteuer tatsächlich hier enden?

Weiter mit Fragmente 1.31 – Die Wendung

Fragmente 1.29 – Wut gegen Angst

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In Annes Herz krampfte etwas Dunkles, Kaltes und Besitzergreifendes das den Körper zu fluten drohte wie tödliches Gift. Angst. Es war pure, nackte Angst. Doch Anne spürte auch noch etwas anderes. Tiefer unten in ihrem Bauch. Etwas das blitzte wie das Sonnenlicht, das sich in einem blankpolierten Schwert spiegelte. Etwas heisses, dass die dunkle und kalte Angst frass, wie das Feuer seine Nahrung. Unersättlich, unsteuerbar und brutal. Anne verspürte Wut. Unbändige und überschäumende Wut. „Jetzt reicht es mir!“ brüllte Sie los. „Ich habe die Schnauze gestrichen voll von diesen Verfolgungsjagden, Entführungen, Intrigen und dem ganzen Scheiss!“

Luis blickte Anne verzweifelt und erschrocken an. Er wusste nicht recht, was er von Annes Reaktion halten sollte. Drehte Sie nun durch oder was passierte gerade mit ihr? „Pisco!“ rief nun Anne. „Wo ist dieser Scheiss Pisco?“ schrie sie Luis an. “Willst Du jetzt etwas trinken?” rief er ungläubig zurück. Anne fasste sich an den Kopf. „Spinnst Du!?“ fragte sie den Fahrer ihres Wagens zurück. „Warum willst Du dann den Pisco?“ rief Luis zurück. „Na das wirst Du schon sehen!“ rief nun Anne mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Rums! Der Wagen hinter Ihnen krachte erneut mit voller Wucht in ihren Kofferraum und ihre Heckscheibe löste sich unter Knirschen und Splittern auf. Hundertausend kleine Glaswürfel verteilten sich auf dem Rücksitz und flogen, im Scheinwerferlicht der Verfolger glitzernd, durch die Luft.

„Unter dem Beifahrersitz!“ rief nun Luis. Anne beugte sich vornüber und griff mit der linken Hand unter den Sitz. Sie bekam etwas Hartes zu fassen und während ein weiterer Aufprall sie durchschüttelte, zog sie den Gegenstand hervor. Es war ein Pflasterstein, vermutlich um das Auto zu sichern, wenn es an einem steilen Ort geparkt wurde. Luis blickte Anne an und schüttelte den Kopf. Sie beugte sich noch einmal nach vorne und tastete unter dem Sitz nach der Flasche. Plötzlich berührten ihre Fingerspitzen etwas mit glatter und kühler Oberfläche. Anne versuchte danach zu greifen, aber die Flasche rollte noch weiter nach hinten. „Brems!“ schrie sie nun Luis unvermittelt an. „Hä?“ blickte dieser ungläubig zurück. „Ich soll was?“ rief er Anne zu, doch diese fackelte nicht lange, griff mit der Hand zwischen Luis Füsse durch und drückte auf die Bremse. Hinten splitterte und knirschte es erneut, doch die Flasche rollte wie gewünscht nach vorne.

Ein peitschender Knall zischte durch das Auto. Und gleich darauf noch ein zweiter. Die Frontscheibe splitterte nun ebenfalls. „Scheisse, die schiessen auf uns!“ rief nun Luis um Fassung ringend. Anne kannte sich nicht mehr. Ihr Herz brannte und ihr Bauch fühlte sich derart funkensprühend an, dass sie fast zersprungen wäre. Sie packte den Pflasterstein, drehte sich auf dem Beifahrersitz um und versuchte die Distanz zum hinteren Wagen abzuschätzen. Doch dieser hatte sich im Moment gerade so entfernt, dass Anne nur blendendes Licht registrierte. Schnell zog sie ihr T-Shirt aus und begann es zu zerreissen. Luis begriff nicht, was Anne vor hatte und vergass beinahe auf die Strasse zu achten. „Luis, nach vorne! Bitte schau nach vorne und sie zu, dass wir nicht von der Fahrbahn abkommen. Anne schraubte den Deckel von der Piscoflasche und stopfte einen Fetzen des T-Shirts in den Flaschenhals. Dann kippte sie die Flasche und tränkte den Stoff mit dem Schnaps, bis er total durchgenässt war.

Sie blickte wieder nach hinten und beobachtete die Verfolger. Erneut durchschnitt eine Kugel das Auto und beinahe wäre Anne getroffen worden. Ihre Wut schien nun überzulaufen. Anne tobte! „Brems Luis“ schrie sie plötzlich. „Brems sofort!“ Anne hatte sich auf dem Beifahrersitz umgedreht und hingekniet. Zwischen ihren Knien hatte sie die Flasche festgeklemmt. In ihrer linken Hand hielt sie ein Feuerzeug und in ihrer rechten den Pflasterstein. Luis begriff nun, was Anne wollte. Innerlich dachte er zwar noch, dass das nie klappen würde, aber sein Körper handelte instinktiv und gehorchte Annes Befehl. Er trat mit aller Kraft auf die Bremse! Das Auto wehrte sich und quietschte und knarrte, es fing an nach verbranntem Gummi zu riechen. „Halt Dich fest Luis, gleich kracht es! Wenn ich jetzt rufe, dann gibst Du Gas und fährst los, was die Karre hergibt!“. Luis nickte nur und stand noch immer auf dem Bremspedal.

Der Wagen hinter ihnen realisierte das Bremsmanöver zu spät. Es war Nacht und die Bremslichter von Anne und Luis Wagen waren längst zu Schrott gefahren. Die Verfolger versuchten abzubremsen, was ihnen teilweise gelang, dennoch landeten sie mit einem heftigen Knall im Heck des vorderen Autos, dass seine Fahrt stark abgebremst hatte. „Ihr Arschlöcher! Jetzt zeige ich Euch das Wetter in der Hölle!“ brüllte Anne und zog auf, um den Pflasterstein zu werfen. Er segelte durch ihr Auto und landete mit voller Wucht in der Frontscheibe des hinteren Wagens. Das knirschende und splitternde Geräusch zeigte Anne, dass ihr Plan aufging. Mit zittrigen Fingern zündete sie nun den mit Alkohol getränkten Lappen an der Piscoflasche an und schwang ihre selbstgebastelte Brandbombe triumphierend. „Fahrt zur Hölle!“ schrie sie wie ausser sich und warf den Brandsatz. Die Flasche drehte sich im Flug durch ihr Auto und streifte ganz knapp den Rahmen der Heckscheibe. Für einen Moment blieb Annes Herz stehen. Doch dann setzte die Flasche ihre Bahn fort und traf genau in ihr Ziel.

„Jeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeetzt!“ schrie Anne und Luis trat aufs Gaspedal. Die Reifen qualmten und schrien und der Wagen setzte sich taumelnd in Bewegung. Luis sah es nur im Rückspiegel, aber Anne kniete noch immer umgedreht auf dem Beifahrersitz. Ihr Gesicht wurde von einem gelben Feuerschein erleuchtet. Ein riesiger Knall begleitete die Explosion und das Fahrzeug blieb brennend stehen, während Anne und Luis in die Nacht hinaus rasten.

Einen Moment lang herrschte absolute Funkstille. Weder Anne noch Luis brachten ein Wort über ihre Lippen. Die Nacht zog mit kühlem Duft an ihren Gesichtern vorbei und die Luft wehte ungebremst in das Fahrzeug. „Da!“ rief Anne plötzlich. „Da vorne gibt es eine Abzweigung und die Strasse führt zu dem alten Haus dort weiter hinten. Kannst Du es sehen?“ fragte sie Luis. Dieser schüttelte den Kopf. Es war dunkel und dort brannte kein Licht. „Los, wir müssen von der Strasse!“ rief Anne und Luis wusste, dass sie recht hatte.

Der Wagen wirbelte den trockenen Sand auf der Strasse auf, doch im Schutze der Dunkelheit konnte das niemand sehen. Vor dem halb zerfallenen Haus hielt Luis den Wagen an. Anne entdeckte so eine Art Scheune neben dem Haus und wies Luis an, den Wagen dort zu verstecken. Er tat wie Anne ihn hiess. Er kam mit seinem Rucksack und einer Taschenlampe zurück. „Los, lass uns im Haus umsehen, ob wir eine Schlafgelegenheit finden!“ flüsterte Luis und beide stemmten die angelehnte, kaputte Tür auf. Es roch nach Moder und Schimmel und eigentlich hätte man annehmen müssen, dass dieses Haus schon lange nicht mehr betreten wurde. Doch Anne lenkte Luis Aufmerksamkeit auf den Fussboden. Da waren Fussspuren im Staub die ziemlich frisch aussahen. Luis schaute Anne fragend an. „Na los, las uns nachsehen!“ flüsterte sie. Luis zögerte, aber Anne packte ihn am Arm und nahm ihm die Taschenlampe ab.

Der Holzfussboden knarrte leicht bei jedem Schritt, den die beiden taten. Anne schlich sich immer weiter den Fussspuren nach, bis diese plötzlich mitten im Raum endeten. Anne kniete sich hin und fuhr mit der Hand über den Boden. „Dachte ich doch!“ flüsterte sie mehr zu sich selbst und schaute sich nach einem Gegenstand um, den Sie als Brecheisen hätte benutzen können. Tatsächlich fand sie ein Metallstück, dass sie in eine Spalte im Boden schob und sich nun mit aller Kraft dagegen stemmte. Es knarrte und plötzlich hob sich im Boden eine Falltür leicht an. Luis griff mit an und gemeinsam öffneten sie die Tür im Fussboden.

Sie blickten beide in einen Gang der scheinbar unter dem Haus verlief. Eine Kerze flackerte vor sich hin und verbreitete ein wenig Licht. „Los komm!“ raunte Anne Luis zu, der eigentlich gar keine Lust hatte, sich in ein neues Abenteuer zu stürzen. Doch Anne war nicht zu bremsen und lief immer schneller. In ihrem Bauch machte sich plötzlich ein seltsames Gefühl breit. Etwas in ihr fing immer mehr an zu drehen und an ihr zu zerren und sie hatte das Gefühl, dass eine Kraft sie zog. Doch plötzlich endete der Gang und Anne stand mitten in einem spärlich beleuchteten Raum.

Sie sah in zwei paar erschrockene Augen. Auch Luis bog nun um die Ecke und was er da sah, nahm ihm den Atem!

Weiter mit Fragmente 1.30 – Das Labyrinth