Fragmente 1.35 – Einmal bis zur Ewigkeit und zurück

Foto-Credit: Peter Kent @ Flickr

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In der rechten Wand löste sich eine grosse Platte der Mauer und fiel nach hinten um einen niedrigen Durchgang freizugeben. Das musste der Eingang zur Bibliothek sein. Der Klang im Raum verhallte langsam und Anne, Raoul, Carlos und Luis trauten sich kaum mehr zu atmen. „Los Anne, Du zuerst!“ flüsterte Raoul und Anne liess sich nicht zweimal bitten. Sie kroch in den niedrigen Tunnel, der in einen riesige Höhle führte. Diese war in etwa so hoch, wie der Schacht des Schlüsselraumes. Aber der Raum war so gross, dass das Licht der Taschenlampen nicht ausreichte um das andere Ende auszuleuchten. Auch Raoul, Carlos und Luis kamen nun durch den Gang gekrochen und das Bild, das sich ihnen bot, verschlug ihnen die Sprache.

In den Wänden befanden sich Nische an Nische. Vom Boden bis zu Decke. Es mussten tausende solcher Nischen sein und In der Mitte des Raumes war ein riesiger, glattpolierter Felsquader, der wohl als Tisch und Arbeitsfläche gedient hatte. Luis schritt auf eine der Wände zu und wollte in eine der Nischen greifen um eine Schriftrolle, die sehr alt aussah, daraus heraus zunehmen und zu betrachten. Doch Raoul hielt ihn davon ab. „Nicht! Diese Schriftrollen und Bücher sind teilweise tausende von Jahren alt. Du würdest sie mit einer Berührung vielleicht zerstören!“ Luis Hand zuckte zurück.

So standen sie in der Mitte dieses Raumes, voller Respekt und Ehrfurcht über all das gesammelte Wissen der Menschheit der Antike, das hier in diesem Raum zusammengetragen wurde. Bis vor wenigen Jahrzenten, so hatte Annes Vater erzählt, wurden hier von den eingeweihten Nachfahren der Lambayeque Schriftstücke eingelagert. Danach hatte die Digitalisierung des Wissens und seiner Verbreitung über das Internet das weitere Archivieren und Sammeln unnötig gemacht.

„Eines Tages, wenn wir alle dazu bereit sind, werden wir dieses Archiv der Menschheit zurück ans Licht holen, konservieren, digitalisieren und der gesamten Bevölkerung frei zur Verfügung stellen. Aber es ist noch nicht so weit. Die Menschen werden noch ein paar Generationen und Jahrhunderte Entwicklung brauchen, bis sie bereit sind, ihr Erbe respektvoll und zum Vorteil aller zu nutzen. Zu gross ist heute die Gefahr, dass der Zugang nur den Mächtigen der Welt gewährt würde und sie dadurch nur ihre Macht stärken würden. Dazu darf es nicht kommen“ sagte Anne und in ihrer Stimme schwang eine grosse Demut vor all dem Wissen, dass es hier zu schützen galt.

„Also, was tun wir nun?“ fragte Luis. „Wir gehen zurück und verschliessen den Eingang so,  dass er für lange Zeit gesichert ist!“ antwortete Raoul. „Los kommt!“ rief Anne und machte sich auf den Weg. Als sie wieder aus der Öffnung in den Schlüsselraum kletterten, traf sie fast der Schlag. Der Monsignore war weg. Und mit ihm das Artefakt, dass sie für den Verschluss der Bibliothek gebrauchten hätten. Doch gerade als Anne Raoul darauf aufmerksam machen wollte, stürzte sich das Monster aus dem dunklen Eingang mit dem Schlüsselstein in den erhobenen Händen auf Anne, um sie mit Steinplatte zu erschlagen. Doch Anne reagierte erstaunlich flink, dafür dass sie verletzt war und ihre Wunde wieder stärker blutete. Sie wich einen Schritt zur Seite, packte den linken Arm des Monsignore und stiess ihn genau in die Richtung der Einbuchtung in der Wand, in die der Schlüsselstein passte. Der Geistliche stolperte zwei Schritte vorwärts und als ob er nichts gewollt hätte, klappte der Stein in die dafür vorgesehene Öffnung. Einen Moment lang standen alle wie angewurzelt da und warteten darauf, was nun passieren würde, während der Monsignore versuchte seinen Sturz aufzufangen. Aber er verlor das Gleichgewicht und knallte mit dem Gesicht frontal in die Wand. Das Bersten seines Nasenbeins war genauso laut und deutlich hörbar, wie das Klicken des Mechanismus, der durch das Einsetzen des Schlüsselsteins ausgelöst worden war.

„Schnell, rennt in den Gang, wir müssen hier raus!“ rief Anne und spurtete los. Die Anderen folgten ihr mit Ausnahme ihres Widersachers, der wie angewurzelt an der Wand stehen blieb. Der Durchgang zur Bibliothek schloss sich wieder und mit einem lauten Geräusch barsten nun plötzlich Steinplatten im oberen Bereich der Seitenwände und stürzten in den Raum. Eines dieser Wandteile traf den Monsignore und riss ihn zu Boden. Anne und ihr Begleiter waren schon einige Meter zurück in den Gang geeilt und blieben kurz stehen, um zurück zu blicken. Sie sahen, wie nun plötzlich Sand von oben in den Raum drang und sich dieser langsam von unten zu füllen begann. Als Anne nur noch den Kopf des Monsignores sah, der mit weit aufgerissenen Augen lebendig begraben wurde, begann auch der Zugang zum Schlüsselraum einzustürzen. „Schnell Anne, komm, wir müssen hier raus!“ rief Raoul und packte ihre Hand.

Dann wurde es wieder dunkel um Anne und sie tauchte in einen traumlosen Dämmerzustand. Sie war erneut ohnmächtig geworden und Raoul schleppte sie aus dem dunklen Labyrinth an die Oberfläche. Oben angekommen, stand ein Krankenwagen dort und die Leute der Security-Firma erwarteten sie bereits. Señor Fuentes war vom Monsignore zum Glück nicht lebensgefährlich verletzt worden, worüber Raoul, Carlos und Luis sichtlich erleichtert waren. „Helfen Sie mir bitte!“ rief Raoul einer der Sicherheitsleute zu und so trugen sie Anne gemeinsam zum Krankenwagen, der sie in die nächste Klinik brachte.

Anne selbst bekam nichts mit von alledem. Sie flog auf Aquilas Rücken über den Ozean Richtung Europa um ihrem Vater in der Klinik einen Besuch abzustatten. Wieder schritt sie durch den mit Neonlicht beleuchteten Gang und rümpfte die Nase wegen des unangenehmen Geruches der Desinfektionsmittel. Doch als sie das Zimmer betrat, in dem Ihr Vater gelegen hatte, erschrak sie. Das Bett war leer und frisch bezogen. Kein persönlicher Gegenstand erinnerte mehr daran, dass er hier einst gelegen hatte und plötzlich wurde Anne schwindlig. Sie ging zu dem Bett, legte sich hinein und schloss ihre Augen.

Als sie sie wieder öffnete, lag sie immer noch in einem Spitalzimmer, aber dieses sah nun  ganz anders aus und um das Bett waren die Menschen versammelt, die sie in den letzten Monaten so sehr in ihr Herz geschlossen hatte. Raoul sass neben ihr und hielt ihre Hand,  während Carlos und Luis daneben standen und sie liebevoll anlächelten. Plötzlich öffnete sich die Tür zum Zimmer und Pedro und Margaretha betraten den Raum. Anne war noch schwach, aber die Freude darüber alle wieder zu sehen erfüllte Sie mit einem wohligen Glücksgefühl.

Einen Moment lang ging ihr plötzlich die Erinnerung an das soeben Geträumte durch den Kopf. Was war mit ihrem Vater geschehen? Sie wollte den Gedanken zwar nicht zulassen, aber konnte es sein, dass er sie für immer verlassen hatte? Dass er nicht mehr aus der Traumzeit zurückehrte und auf alle Ewigkeit mit Aquila seine Runden drehen würde? Anne schloss für einen Moment ihre Augen. Der Gedanken daran möglicherweise ihren Vater verloren zu haben, riss sie einen Augenblick lang aus der Realität. Erst das Kitzeln eines Gegenstandes holte sie wieder zurück. Irgendetwas lag unter ihrem Oberschenkel im Bett, das da nicht hingehörte. Sie hob das Bein ein bisschen an und griff mit der Hand darunter. Dann zog sie eine grosse, schwarze Adlerfeder unter der Bettdecke hervor und blickte sie erstaunt an. Raoul lachte und sagte: „Ein Souvenier von Aqulia!“.

Gerade als Anne sich fragte, wie die Feder dort hingekommen sein konnte. Öffnete sich langsam die Tür zu ihrem Zimmer und Anne begann zu jubeln: „Sandra! Komm her, ich kann es gar nicht glauben! Du bist hier? Komm her und lass Dich umarmen!“. Sandra trat einen Schritt in das Zimmer, betrachtete Anne lächelnd und sagte: „Ich bin nicht alleine hier!“. Als Anne ihren Vater den Raum betreten sah, rissen alle Dämme. Sie verlor die Kontrolle über sich und heulte los! Die Tränen rannen ihr nur so in Bächen über das Gesicht und ihr Vater kam um sie in den Arm zu nehmen. Anne, war überglücklich. Sie konnte es kaum fassen, dass es ihm gut ging und er hier war und nachdem sie sich einigermassen beruhigt hatte, musste sie Sandra und ihrem Vater erzählen, was alles passiert war. Alle redeten durcheinander und draussen brach langsam die Nacht herein.

Annes Blick wanderte zum Fenster. Es stand offen und eine Gardine tanzte in einem Luftzug. Anne sank immer tiefer, wurde ruhiger und eine Träne rollte ihr über das Gesicht. Der Stoff am Fenster schien sich in Zeitlupe zu bewegen und Anne hatte plötzlich das Gefühl, dass er beseelt zu sein schien. Das tanzende Gardinenstück veränderte plötzlich seine Beschaffenheit. Es war nicht mehr so durchscheinend, die Bewegungen wurden koordinierter und geschmeidiger und Anne erkannte, dass es sich in einen Flügel verwandelt hatte.

- Ende -