Fragmente 1.5 – Gefahr droht

annelaufweg

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit

Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum

Anne versuchte Ordnung in ihren Kopf zu bringen. Der Traum von letzter Nacht hatte sie total verwirrt. Es fiel ihr schwer, wieder vollkommen zurück in die Realität zu finden. „Frühstück ist fertig!“ hörte sie Sandra von unten rufen. Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee drang in ihre Nase und von draussen schlängelten sich Sonnenstrahlen durch das Fenster in das Zimmer. Anne schwang ihre Beine aus dem Bett um aufzustehen. Es knirschte seltsam unter ihren Fusssohlen. Sie schaute nach unten und staunte nicht schlecht, als sie ihre Füsse betrachtete. Sie waren voller Sand, als wäre sie erst von einem Strandspaziergang zurück gekehrt. Sand? Wie um alles in der Welt war das möglich?

Urplötzlich erinnerte sie sich an ihren gebrochenen Fingernagel, ein Ereignis aus ihrem Traum von vor zwei Tagen, das ebenfalls nach dem Aufwachen als Souvenier ihres nächtlichen Abenteuers zurückblieb. Sie überlegte, ob sie vielleicht nachtwandelte. So wären diese Phänomene leicht erklärbar. Die schmutzigen Füsse waren vielleicht das Ergebniss eines nächtlichen Spazierganges im Garten von Sandra. Anne schüttelte diese Gedanken ab, stand auf und zog sich eine Jeans und ein frisches T-Shirt über. „Ich komme!“ rief sie Sandra entgegen und ging nach unten in die gemütliche Wohnküche, wo Sandra gerade Rührei aus einer Bratpfanne in zwei Teller gabelte. Es roch herrlich! Frisches Brot, Kaffe und Rührei. Anne setzte sich dankbar an den Tisch und roch an der Rose, die einsam in einer schlanken Vase auf dem Tisch stand.

Während dem Frühstück erzählte sie Sandra von ihren nächtlichen Erlebnissen und ihre Freundin hörte ihr aufmerksam zu. Man konnte ihr ansehen, dass sie nicht recht wusste, ob sie darüber lachen oder ob es ihr unheimlich sein sollte. „Anne, irgendetwas läuft hier nicht so, wie es laufen sollte!“ Sandra blickte ihre Freundin aufmerksam an. „Ach was! Ich habe nur geträumt! Da ist nichts Ungewöhnliches dabei!“ versuchte Anne abzuwiegeln. Doch in ihrem Innern machte sich ein seltsam metallisches Gefühl breit. Irgendwie konnte sie fühlen, dass bald nichts mehr so sein würde, wie es war. Sie spürte instinktiv, dass sich ihr Leben bald von Grund auf verändern würde. „Paps!“ sagte sie mit vollem Munde. „Ich muss Paps anrufen!“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, klingelte es an der Tür. Sandra stand auf ging den Hausflur entlang um nachzusehen, wer der frühe Besucher war. „Anne!“ hörte sie Annes Vater von draussen rufen. „Anne, bist Du da?“ Sandra öffnete die Haustür und lies Annes Vater herein. „Wo ist sie?“ fragte er Sandra ungeduldig. „In der Küche“ antwortete Sandra und führte den sichtlich aufgeregten Mann zu seiner Tochter. „Kaffee?“ fragte Sandra und Annes Vater nickte. „Danke! Den kann ich jetzt brauchen!“

„Paps, was ist los?“ fragte Anne und schaute ihren Vater neugierig an. „Die Polizei hat bei mir angerufen und nach Dir gefragt!“ „Die Polizei?“ Anne blickte ihren Vater ungläubig an. Sie dachte nach und forschte nach einem Grund. „Anne, Du musst jetzt stark sein.“ „Paps, nun sag schon, was ist passiert?“ Er überlegte einen Moment, dann fing er an zu erzählen, was sich abgespielt hatte. „Die Polizei rief mich gestern Abend an, weil…“ er zögerte. Dann brach es aus ihm heraus „Nick ist tot!“ Anne erstarrte, sie konnte nicht glauben was ihr Vater gerade gesagt hatte. „Nick ist …tot?“ „Hat er sich das Leben genommen? Bin ich schuld? Ich hätte nie gedacht dass er…“ aber Annes Vater unterbrach sie. „Ermordet! Er wurde umgebracht!“. Sandra prustete los. Vor Schreck hatte sie sich an ihrem Kaffee verschluckt. „Nick ermordet?“ Anne sass da, wie vom Donner gerührt. Ich habe der Polizei gesagt, dass sie Dich hier erreichen könnten. Sie werden sich wohl bald melden. „Anne, du bist in Gefahr!“ Anne schaute ihren Vater erschrocken an. „Nick hat während seinem Todeskampf mit einem Finger eine Nachricht in einer Blutlache hinterlassen. „Wie…aber…ich..“ Anne stammelte. „Was hat er geschrieben?“ Ihr Vater zitierte was ihm die Beamten erzählt hatten. Dort stand:

„Anne lauf weg“

Anne versuchte sich zu sammeln. Ihr Gefühl, dass sich ihr Leben verändern werde, wurde nun allzu schnell zur unumstösslichen Wahrheit. Sie hätte nur nie gedacht, dass dies in dieser Form geschehen würde. Warum wurde Nick ermordert? Wieso hatte er versucht sie zu warnen? Trachtete auch jemand nach ihrem Leben? Waren sie alle in Gefahr?
Annes Vater riss sie aus Ihren Gedanken. „Anne, ich muss Dir noch etwas sagen. Es geht um Raoul Ramirez!“ Annes Augen weiteten sich! „Raoul? Du kennst Raoul? Aber woher…“ ihr Vater unterbrach sie. „Ich habe ihm damals die Firma empfohlen, bei der Du gearbeitet hast. Und ich habe auch Deinen Chef gebeten, Dich mit dieser Aufgabe zu betreuen. Ich kenne Raoul durch meine Forschungsarbeiten. Er ist der Sohn eines befreundeten Wissenschaflters aus Peru. Er wollte sich morgen mit mir in Bern treffen. Aber ich habe von seiner Assistentin die Nachricht erhalten, dass Raoul vermisst würde. Er war nicht am Flughafen erschienen.“Anne schaute ihren Vater an. Einmal mehr versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen und plötzlich war ihr klar, was zu tun war. „Ich werde nach Peru fliegen!“ Sie erinnerte sich an Ihren Traum und blitzartig war ihr klar, dass es nur diese Möglichkeit geben konnte.

Annes Vater wollte gerade widersprechen, als es abermals an der Tür klingelte. Sandra stand auf und öffnete. Anne hörte eine Männerstimme „Kriminalpolizei, Inspektor Trost. Sind sie Anne Kammermann?“

Weiter mit Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit

Fragmente 1.3 – Raoul

Fotocredit: Jessie Reeder

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit

Annes Lippen kräuselten sich, als sie ihren Atem mit einem leisen Geräusch entweichen liess. „OK – ich rufe ihn zurück!“ Sandra blickte sie gespannt an „Jetzt gleich?“ wollte sie wissen. Aber Anne wiegelte ab. Sie wollte sich erst klar werden, ob sich ihre Entscheidung gut anfühlte und was Ihr Herz, nachdem es sich langsam wieder beruhigt hatte, dazu sagen würde. „Diese Sache mit Raoul damals war echt hart für mich“ begann Anne Sandra zu erklären. Noch nie hatte sie sich so Hals über Kopf in einen Mann verliebt. Noch dazu in einen, der ungreifbar erschien. Lebte er doch damals in Peru. Und er musste noch immer dort leben, denn die Nummer war die gleiche wie damals, sonst hätte ihr Handy ja den Anrufer nicht erkannt. „Ich weiss nicht was mit mir geschieht, wenn ich seine Stimme wieder höre“ sinnierte Anne weiter und Sandra hing an ihren Lippen. „Was, wenn meine Gefühle auf einmal wieder da sind? Ich brauchte damals so lange, bis ich Raoul wieder vergessen konnte.“

Sandra verdrehte die Augen „Aber es wird doch einen Grund geben, warum er dich nach so langer Zeit versucht hat anzurufen?“ Annes Gedanken begannen zu kreisen. „Vielleicht hat er dich niemals vergessen können“ doppelte Sandra nach. „Und warum ruft er genau jetzt an, einen Tag nach dem ich meine Beziehung mit Nick beendet habe? Glaubst Du an Zufälle?“ Anne blickte ihre Freundin fragend an. „Oder glaubst Du an Schicksal?“. Sandra legte sich ihre Antwort im Kopf zurecht und antwortete geheimnisvoll „Nichts von beidem existiert wirklich!“ Anne dachte nach. Was konnte Sandra damit meinen? „Es ist nicht so einfach zu erklären, was ich glaube“ fuhr Sandra weiter. „Das Schicksal ist nicht festgeschrieben, aber es geschieht auch nichts zufällig in unserem Leben. Alles hat seinen tieferen Sinn!“

Plötzlich wurde Anne hektisch „Ich rufe ihn an! Gleich jetzt!“. Sie tippte auf die Rückruftaste ihres Handys und hielt es an ihr Ohr. Ein Zittern ergriff ihren ganzen Körper und irgendwie fühlte sie sich plötzlich so durchsichtig, irgendwie flüchtig und es war ihr, als könnte sie Raouls Gesicht ganz nahe bei Ihrem fühlen. Sie fieberte dem Moment entgegen in dem sie Raouls Stimme hören würde. Es schien eine Ewigkeit zu dauern und als sie endlich ein Knacken in der Leitung vernahm, blieb ihr Herz für eine Zehntelssekunde lang stehen. Sie hörte ein heftiges Atmen, als ob jemand um sein Leben rannte. „Moment bitte! Warte, leg nicht auf!“ Raouls Stimme klang gehetzt. Anne hörte schnelle Schritte, weit entfernt bellten mehrere Hunde und plötzlich zeriss ein Knall die unheimliche Szene. „Scheisse – diese Idioten meinen es ernst“ stiess Raoul hervor. Anne erschauderte. Ihre anfängliche Nervosität war nun blanker Angst gewichen. „Raoul, um Gottes Willen, was ist los bei Dir?“ Anne fror. „Warte, bitte warte und bleib dran!“ hörte sie Raoul jetzt schreien. „Ich bin gleich in Sicherheit!“ Dann vernahm sie durch das Telefon wie sich die Szenerie am anderen Ende der Verbindung veränderte. Stimmen von vielen Menschen drangen an Ihr Ohr. Das Atmen von Raoul wurde ruhiger. „Ich habe sie abgehängt! Ich sitze jetzt in einem Café. Hier wird mich niemand verfolgen!“
Anne atmete schnell, ihre Gefühle fuhren Achterbahn und am liebsten hätte sie Raoul tausend Fragen gestellt. Was er denn jetzt so mache, wie es ihm gehe, warum er sich jetzt gemeldet habe und überhaupt wollte sie ihm irgendwann alles über ihre Gefühle von damals erzählen. Jetzt aber brachte sie nicht viel über ihre Lippen: „Raoul, was ist los bei Dir? Du machst mir eine Höllenangst!“

Dem Klang seiner Stimme konnte sie anhören, dass er jetzt lächelte und sie kannte dies Lächeln, dass einem die Sonne ins Herz scheinen liess. „Ich bin da in etwas hineingeraten, das ich selbst noch nicht richtig verstehe!“ sie hörte wie er nun in spanisch ein Bier bestellte, dann wendete er sich wieder an sie „Bei einer Grabung sind wir auf eine Höhle gestossen, die uns zu einem Raum führte, der unzählige antike Schriftstücke enthielt. Ich glaube, es handelt sich dabei um eine Art Bibliothek. Das Verrückte dabei ist, dass die ersten Funde die wir begutachteten, aus den verschiedensten Regionen der Erde stammten. Sogar eine Schriftrolle in aramäischer Sprache war dabei. Alles ist sehr rätselhaft“ Anne versuchte das Gehörte irgendwie einzuordnen. Sie wusste das Raoul Archäologie und ein paar Semester Theologie studiert hatte und sie sah ihn vor sich, wie er in diesen geheimnisvollen Raum eindrang und als erster Mensch seit unzähligen Generationen die Luft dort drin einatmete. „Vor ein paar Tagen verschwand urplötzlich der Grabungsleiter und zwei Hilfsarbeiter. Und seit gestern, werde ich verfolgt. Ich habe keine Ahnung wer hinter mir her ist und warum. Aber ich habe eine Scheissangst!“ Anne hörte zu, langsam konnte sie sich wieder etwas beruhigen. „Und warum hast Du  ausgerechnet mich angerufen?“ fragte sie nun, sich selbst Luft mit einer Serviette zufächelnd. „Weil ich seit Tagen jede Nacht von Dir träume, Anne!“ Anne schluckte hörbar „Ich habe dich in all den Jahren nicht vergessen können!“ hörte sie Raoul leise sagen.

Eine Träne rann über ihre Wange, blieb an ihrer Oberlippe hängen um sich dann zu lösen und mit einem leisen Blubb in ihren Kaffee zu fallen. „Seit ich mich damals am Flughafen von dir verabschiedet habe, hatte sich Dein Gesicht in mein Gedächtnis gebrannt. Ich hätte damals nicht einfach gehen dürfen. Aber ich wusste, dass Du nicht frei bist und ich machte mir Vorwürfe wegen des Abschiedskusses und weil ich fühlte, wie sehr ich Dich damit in Bedrängnis brachte.“ In Annes Kopf drehte alles. Wären da oben irgendwelche losen Gegenstände, sie würden jetzt mit voller Wucht gegen ihre Schädeldecke gedrückt. „Raoul“ Anne versuchte zu sprechen, „ich weiss nicht, was ich sagen soll! Ich weiss nur, dass ich mich seit Deinem Anruf komplett ausserhalb der Normalität befinde.“ Sehnsucht packte ihr Herz und auf einmal fühlte sie nur noch dieses brennende Verlangen Raoul zu umarmen, seine Haut zu riechen, seinen Puls zu fühlen, sein Gesicht in ihre Hände zu nehmen und ihn zärtlich, innig und dann leidenschaftlich zu küssen.

Sie fühlte sich wie ein einziges Vakuum, dass nur noch von dem Wunsch beseelt war, all die verpassten Jahre aufzuholen. „Ich würde Dich so gerne sehen!“ Raouls Stimme wurde weich und er sagte: „Das kannst Du bald! Ich werde übermorgen nach Europa fliegen um Professor Carlitos in Bern zu treffen.“ Annes Herz begann augenblicklich wieder einen schnelleren Rhythmus anzuschlagen. „Anne, bist Du noch dran?“ „Ja, Raoul!“ Anne wurde heiss und kalt zugleich. „Ich möchte Dich sehen, unbedingt!“ Ihre beiden Stimmen sagten diesen Satz synchron, als ob sie ihn schon hunderte Male gemeinsam geübt hätten. „Ich muss jetzt auflegen! Ich melde mich bald bei Dir!“ Anne wollte nicht, dass er das Gespräch schon beendete, es gab noch so viele Fragen, die sie ihm stellen wollte! „Ich kann es kaum erwarten, Dich wieder in meine Arme zu nehmen!“ Raouls Stimme enthielt dabei soviel Wärme dass Anne kaum ein Wort mehr darauf erwidern konnte. „Ich freue mich auch!“ sagte sie.

Das Flirren der Luft, das Knistern und all diese blühenden Gedanken nahmen ein abruptes Ende als Raoul plötzlich hastig in sein Telefon sprach „Ich muss Schluss machen, Anne. Sie kommen! Ich muss hier weg!“ „Raoul! …Raoul…?“ aber ein Klicken in der Leitung unterbrach das Gespräch.

Anne sank in ihren Stuhl zurück und ihre Augen wanderten zu Sandra, die das ganze Gespräch mitverfolgt hatte. Annes Freundin sah sehr besorgt aus. Sie streckte Ihre Arme aus um Anne zu umarmen. Anne legte ihren Kopf an Sandras Schulter und fühlte sich für den Augenblick geborgen.

Tausend Fragen tanzten durch ihren Kopf und vor Sorge würde sie diese Nacht kein Auge schliessen können, dessen war sie sich sicher. Doch es kam anders. Die Aufregung des Tages forderte ihren Tribut und als Anne an diesem Abend in das Bett stieg, dass in Sandras Gästezimmer stand, schlief sie sofort ein!

Aber es war ein unruhiger Schlaf und bald schon sass Anne wieder auf dem Rücken des Adlers, der mit ihr über den Atlantik flog.

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Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit

Fotocredit: Office by Night von y entonces

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Anne vergass das Stück Torte in ihrem Mund, blickte verunsichert blinzelnd auf Ihr Mobiltelefon und versuchte zu überprüfen, ob die Buchstaben auf ihrem Handydisplay tatsächlich den Namen bildeten, den sie meinte gelesen zu haben. Konnte es möglich sein? Aber da stand es klar und deutlich: Raoul Ramirez Handy Privat

Sandra beobachtete verblüfft, wie Annes Augen plötzlich in undefinierbare Weiten blickten. Wer Augenmuster lesen konnte – und Sandra wusste um deren Bedeutung – erkannte unschwer, dass Anne Bilder und Eindrücke aus der Vergangenheit abrief. Im Bruchteil von Sekunden wurde Sandras Freundin überflutet von Gedankenfetzen und Eindrücken aus einer Region ihres Gehirnes, die seit Äonen von Augenblicken nicht mehr aktiv gewesen zu sein schien und nun förmlich explodierte. Bewegte Collagen aus verdrängten Bildern, Gesprächsfetzen, Gefühlen, Gerüchen und vielfältigen Sinneseindrücken brachen über sie herein.

Die Nacht im Büro der Importabteilung ihres damaligen Arbeitgebers. Stahlblaue, wunderschöne Augen. Schwarzes, kurz geschnittenes, lockiges Haar. Braungebrannte Haut. Ein Duftcoctail aus würzig-herbem Schweiss, Whiskey, süssen, kubanischen Cigarren vermischt mit schwindelerregenden Pheromonen tanzten in ihrer Nase. Sie hörte den sonoren, tiefen, warmen Klang von Raouls männlicher Stimme. Sie erhaschte einen Erinnerungsfetzen. Eine Situation in der er ihr eine Liste mit Gegenständen, die er importieren sollte, vorlas. Sie sah sich, wie sie völlig entrückt seine Lippen beobachtete, in seinen Augen ertrank und ihr Körper vor Verlangen in vibrierende Schwingungen versetzt wurde. „Hast Du alles?“ fragte die männliche, hypnotisierende Stimme. Sie sah sich nicken, obwohl ihr Verstand kein einziges Wort registiert hatte. „Anne“ eine Frauenstimme drang in ihren Tagtraum. „Anne!“. Sich von diesen Bildern zu trennen schmerzte sie fast. „Anne, willst Du nicht ran gehen?“

Sandra riss sie aus dem Sog der Erinnerungen zurück in die Realität. „Ich….ich….kann nicht!“ Anne war unfähig zu reagieren. Ein süsses Gift kroch durch ihre Venen und suchte sich seinen Weg zu ihrem Herzen. „Soll ich..?“ Sandra griff nach Anne’s Handy „Nein!“ Anne zog ihre Hand zurück, drückte sie mit ihrem Mobiltelefon darin an ihr Herz, das heftig klopfte. Der Klingelton verstummte. Nur noch der Hinweis auf den unbeantworteten Anruf blinkte auf dem Display.

Plötzlich erhellte ein glockengleiches, helles Lachen den Raum „Du hättest Dich sehen sollen, Anne!“ Sandra wischte sich eine Träne der Rührung von ihrer Wange. Anne blickte um sich. Sie musste sich erst einen Überblick verschaffen um sich wieder im Hier und Jetzt einzufinden. Sie hielt den Atem einen kurzen Moment lang an und mit einem befreienden Seufzer entliess sie die Luft aus ihren bebenden Lungen.

„Wer zum Teufel war das?“ frage Sandra sichtlich von unstillbarer Neugierde gepackt. „Das ist eine lange Geschichte“ begann Anne. „Vor einigen Jahren, ich war erst seit 18 Monaten mit Nick zusammen, bekam ich in der Firma einen Importauftrag zugeteilt. Ich sollte die Einfuhr von wertvollen, antiken Funden aus Südamerika abwickeln, die für ein hiesiges Museum bestimmt waren. Dabei lernte ich Raoul kennen, der für die Einfuhr der Gegenstände verantwortlich war. Gemeinsam mit Ihm sollte ich sämtliche Papiere erstellen und ihn bei der Verzollung und dem ganzen Behördenkram unterstützen.“

Sie erzählte Sandra die ganze Geschichte. Wie sie damals am Flughafen Mister Ramirez abholen sollte und einen älteren, eher langweiligen Herrn erwartet hatte. Anne war das, was man eine treue Seele nannte. Nie hätte sie sich vorstellen können dass sie sich, während sie in einer Beziehung war, in einen anderen Mann hätte verlieben können. Aber als sie damals Raoul zum ersten Mal sah, geschah das Unvorstellbare. Sie erzählte Sandra von den Nächten im Büro, als sie mit Raoul Listen durchging, auf Bestätigungen aus Peru wartetend mit ihm über Gott und die Welt sprach. Sie erinnerte sich an Details wie die feinen, schwarzen Haare an Raouls Armen, deren gegensätzlicher Verlauf an der Aussenseite seiner Unterarme eine schmale Linie bildete und wie sie fast den Verstand verlor bei dem Versuch, ihren Drang zu unterdrücken, diese Arme zu berühren. Wie sich ihre Augen immer wieder trafen und sich gegenseitig Blitze zusandten. Sie war damals überzeugt, dass auch er diese Gefühle teilte. Aber sie beide sprachen nicht aus, was ihre Herzen schrien. Sie erzählte Sandra, wie sie bittere Tränen vergoss, als Raoul wieder zurück flog und von dem heissen, leidenschaftlichen, unerwarteten Abschiedskuss, der Anne in tiefe Verzeiflung stürzte. Von den süssen, erotischen Träumen, die sie noch Wochen lang verfolgten und dem langsamen, schmerzhaften Verdrängungsprozess.

Sandra hörte gebannt zu. Vor ihrem inneren Auge konnte sie, wie beim Lesen eines guten Buches, Bilder entstehen sehen und ihr war, als könne sie Anne’s Erinnerungen berühren, Raouls Stimme hören und seinen Duft atmen. „Und? Was wirst Du tun? Rufst Du ihn zurück?“ Anne überlegte lange. Sehr lange. Doch dann fällte sie eine Entscheidung. Sie holte tief Luft: …

Weiter mit Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Lieber Nick ...

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

„Mann, Du Idiot! In welcher Lotterie hast Du Deinen Führerschein gewonnen?“ Nick war ausser sich vor Schreck und Wut. Um ein Haar wäre er mit voller Wucht in das Fahrzeug vor ihm gekracht. Dabei hatte er doch seinen Wagen erst vor drei Wochen beim Händler in Empfang genommen und war mächtig stolz auf seinen neuen, silbergrauen Kombi der Luxusklasse. Eigentlich hätte er sich diesen Modell gar nicht leisten können, denn als Verkäufer in einem Computerfachgeschäft verdiente er nicht gerade viel. Seit Anne arbeitslos war, lag sowieso nicht mehr viel drin. Anne – Sie war es, die ihm durch den Kopf ging und weshalb er zu spät bemerkte, dass die Ampel von grün auf rot wechselte. Aber nicht nur sie geisterte durch seinen Kopf und trieb ihn in Gedanken weit weg von der Strasse. Auch und vor allem Lydia.

Beim Gedanken an seine neue Bekanntschaft huschte ein Lächeln über sein Gesicht. Sie war so ganz anders als Anne. Fröhlich, unbeschwert, ausgelassen und fast schon ein bisschen burschikos. Das konnte sie sich aber auch leisten, denn Lydia war eine lebende, junge Göttin. Ihr Körper war schlank, sie war sportlich trainiert und mit Ihrem Arsch könnte sie Nüsse knacken. So beschrieb er jeweils seine neuste Eroberung seinen Kollegen. Aber Anne? Mit ihr war es eine gewisse Zeit lang ganz toll. Sie hatte Stil, war lieb und zuvorkommend. Hübsch war sie sowieso und sehr intelligent. Fast zu intelligent. Seit Anne ihren Job als Speditionskauffrau verloren hatte, wurde sie nachdenklicher und fing an, sich über ihr Leben Gedanken zu machen. Das verdarb Nick zusehends den Spass.

„Über das Leben braucht man sich keine Gedanken zu machen“ sinnierte Nick laut vor sich hin, „es geschieht sowieso alles von alleine, auch ohne dass man sich den Kopf darüber zerbricht“. Verächtlich stiess er einen zischenden Laut aus und vor seinem geistigen Auge tauchten Bilder auf von Anne, die philosophische Weisheiten von sich gebend irgend einen Emanzenclub um sich versammelt hatte. Nein, er wollte Spass im Leben. Keinen zerbrochenen Kopf vom vielen Nachdenken.

„Liebe ich sie überhaupt noch?“ fragte er sich urplötzlich. Schliesslich bügelte sie seine Hemden, kaufte ein, kochte ihm das Essen und legte sich neben ihn auf die Couch um sich den neusten Schrott im Fernsehen anzusehen. Sie schaute sogar ab und zu ein Fussballspiel mit ihm. „So eine Frau muss man heute erst mal wieder finden“ sprach er vor sich hin. Aber Liebe? War es das wirklich noch? Nick schüttelte diesen Gedanken ab. „Liebe ist sowieso eine Illusion“ dachte er wieder laut. „Hauptsache, sie verdirbt mir nicht meinen Spass“.

Als Nick zu Hause ankam, traf ihn fast der Schlag. Die Wohnung war praktisch leer. Ein Schrank stand noch im Schlafzimmer und der Küchentisch trohnte als Einzelstück in der Ecke am Fenster in der Küche. Auf dem Tisch lagen die Wohnungsschlüssel und ein Blatt Papier, er nahm es in die Hand und begann zu lesen:

Lieber Nick
Die Zeit ist gekommen, da sich unsere Wege trennen. Ich gehe fort um ein neues Leben zu beginnen. Heute Morgen blickte ich tief in Deine Augen um festzustellen, ob da noch ein bisschen von dem Feuer zwischen uns geblieben ist. Wenigstens ein kleines bisschen Glut erwartete ich. Aber Deine Augen waren kalt und leer. Und mein Herz ist es mittlerweile auch.Ich werde in Sandras Wohnung ziehen, bis ich etwas Eigenes gefunden habe, dass ich mir leisten kann. Meine Möbel habe ich mitgenommen. Sie sind das einzige, was mir geblieben ist.
Rufe mich nicht an, suche mich nicht. Es gibt kein Zurück und bin froh, endlich den Mut gefunden zu haben, zu gehen.

Adieu – Lebe wohl
Anne

Nick fühlte, wie der Boden unter seinen Füssen schlagartig einen Meter absank. Eine Mischung aus Gefühlen flutete seinen Körper. Wut und Verletztheit, aber auch Verzweiflung und Selbstmitleid machten sich in ihm breit, frassen sich in jede Zelle seines Körpers und fieberhaft suchte er irgendetwas, an dem er sich festhalten konnte. Er lehnte sich an den Küchentisch und schnappte nach Luft. „Diese Schlampe“ brüllte er urplötzlich so laut seine Stimmbänder es hergaben. „Was fällt der eigentlich ein?“ „Ich werde….“ Er durchforstete sein innerstes nach Qualen die er Anne an den Hals wünschen konnte, „sie soll… ich will…zur Hölle mit dieser Scheisskuh!“ Sein Kopf blieb leer und schmerzte. Er fühlte sich verlassen, verraten und war verzweifelt.

Ein paar Kilometer weiter kam Anne gerade aus dem Hause ihrer Eltern. Ihr Vater lebte dort schon seit Jahren alleine, seit seine Frau ihn verlassen hatte und ins Ausland gezogen war. Platz war genug und Anne konnte bei ihm alle Möbel unterbringen, die sie im Moment nicht brauchte. Sie setzte sich ins Auto und fuhr zum Haus von Sandra, die sie schon an der Tür erwartete. Anne stieg aus und die beiden Freundinnen fielen sich in die Arme. Beim Kaffee erzählte Anne alles was in den letzten Tagen passiert war und dabei sprühte sie vor Lebenslust und es war ihr anzumerken, dass sie nicht auf der Flucht sondern im Begriff war, endlich den spannenden Pfad ihres eigenen Lebens wieder zu beschreiten. Sie hatte sich gerade einen grossen Bissen Schwarzwäldertorte in den Mund gegabelt, als ihr Handy klingelte. Sie schaute auf das Display und  traute ihren Augen nicht!

Weiter mit Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit