Fragmente 1.3 – Raoul


Fotocredit: Jessie Reeder

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit

Annes Lippen kräuselten sich, als sie ihren Atem mit einem leisen Geräusch entweichen liess. „OK – ich rufe ihn zurück!“ Sandra blickte sie gespannt an „Jetzt gleich?“ wollte sie wissen. Aber Anne wiegelte ab. Sie wollte sich erst klar werden, ob sich ihre Entscheidung gut anfühlte und was Ihr Herz, nachdem es sich langsam wieder beruhigt hatte, dazu sagen würde. „Diese Sache mit Raoul damals war echt hart für mich“ begann Anne Sandra zu erklären. Noch nie hatte sie sich so Hals über Kopf in einen Mann verliebt. Noch dazu in einen, der ungreifbar erschien. Lebte er doch damals in Peru. Und er musste noch immer dort leben, denn die Nummer war die gleiche wie damals, sonst hätte ihr Handy ja den Anrufer nicht erkannt. „Ich weiss nicht was mit mir geschieht, wenn ich seine Stimme wieder höre“ sinnierte Anne weiter und Sandra hing an ihren Lippen. „Was, wenn meine Gefühle auf einmal wieder da sind? Ich brauchte damals so lange, bis ich Raoul wieder vergessen konnte.“

Sandra verdrehte die Augen „Aber es wird doch einen Grund geben, warum er dich nach so langer Zeit versucht hat anzurufen?“ Annes Gedanken begannen zu kreisen. „Vielleicht hat er dich niemals vergessen können“ doppelte Sandra nach. „Und warum ruft er genau jetzt an, einen Tag nach dem ich meine Beziehung mit Nick beendet habe? Glaubst Du an Zufälle?“ Anne blickte ihre Freundin fragend an. „Oder glaubst Du an Schicksal?“. Sandra legte sich ihre Antwort im Kopf zurecht und antwortete geheimnisvoll „Nichts von beidem existiert wirklich!“ Anne dachte nach. Was konnte Sandra damit meinen? „Es ist nicht so einfach zu erklären, was ich glaube“ fuhr Sandra weiter. „Das Schicksal ist nicht festgeschrieben, aber es geschieht auch nichts zufällig in unserem Leben. Alles hat seinen tieferen Sinn!“

Plötzlich wurde Anne hektisch „Ich rufe ihn an! Gleich jetzt!“. Sie tippte auf die Rückruftaste ihres Handys und hielt es an ihr Ohr. Ein Zittern ergriff ihren ganzen Körper und irgendwie fühlte sie sich plötzlich so durchsichtig, irgendwie flüchtig und es war ihr, als könnte sie Raouls Gesicht ganz nahe bei Ihrem fühlen. Sie fieberte dem Moment entgegen in dem sie Raouls Stimme hören würde. Es schien eine Ewigkeit zu dauern und als sie endlich ein Knacken in der Leitung vernahm, blieb ihr Herz für eine Zehntelssekunde lang stehen. Sie hörte ein heftiges Atmen, als ob jemand um sein Leben rannte. „Moment bitte! Warte, leg nicht auf!“ Raouls Stimme klang gehetzt. Anne hörte schnelle Schritte, weit entfernt bellten mehrere Hunde und plötzlich zeriss ein Knall die unheimliche Szene. „Scheisse – diese Idioten meinen es ernst“ stiess Raoul hervor. Anne erschauderte. Ihre anfängliche Nervosität war nun blanker Angst gewichen. „Raoul, um Gottes Willen, was ist los bei Dir?“ Anne fror. „Warte, bitte warte und bleib dran!“ hörte sie Raoul jetzt schreien. „Ich bin gleich in Sicherheit!“ Dann vernahm sie durch das Telefon wie sich die Szenerie am anderen Ende der Verbindung veränderte. Stimmen von vielen Menschen drangen an Ihr Ohr. Das Atmen von Raoul wurde ruhiger. „Ich habe sie abgehängt! Ich sitze jetzt in einem Café. Hier wird mich niemand verfolgen!“
Anne atmete schnell, ihre Gefühle fuhren Achterbahn und am liebsten hätte sie Raoul tausend Fragen gestellt. Was er denn jetzt so mache, wie es ihm gehe, warum er sich jetzt gemeldet habe und überhaupt wollte sie ihm irgendwann alles über ihre Gefühle von damals erzählen. Jetzt aber brachte sie nicht viel über ihre Lippen: „Raoul, was ist los bei Dir? Du machst mir eine Höllenangst!“

Dem Klang seiner Stimme konnte sie anhören, dass er jetzt lächelte und sie kannte dies Lächeln, dass einem die Sonne ins Herz scheinen liess. „Ich bin da in etwas hineingeraten, das ich selbst noch nicht richtig verstehe!“ sie hörte wie er nun in spanisch ein Bier bestellte, dann wendete er sich wieder an sie „Bei einer Grabung sind wir auf eine Höhle gestossen, die uns zu einem Raum führte, der unzählige antike Schriftstücke enthielt. Ich glaube, es handelt sich dabei um eine Art Bibliothek. Das Verrückte dabei ist, dass die ersten Funde die wir begutachteten, aus den verschiedensten Regionen der Erde stammten. Sogar eine Schriftrolle in aramäischer Sprache war dabei. Alles ist sehr rätselhaft“ Anne versuchte das Gehörte irgendwie einzuordnen. Sie wusste das Raoul Archäologie und ein paar Semester Theologie studiert hatte und sie sah ihn vor sich, wie er in diesen geheimnisvollen Raum eindrang und als erster Mensch seit unzähligen Generationen die Luft dort drin einatmete. „Vor ein paar Tagen verschwand urplötzlich der Grabungsleiter und zwei Hilfsarbeiter. Und seit gestern, werde ich verfolgt. Ich habe keine Ahnung wer hinter mir her ist und warum. Aber ich habe eine Scheissangst!“ Anne hörte zu, langsam konnte sie sich wieder etwas beruhigen. „Und warum hast Du  ausgerechnet mich angerufen?“ fragte sie nun, sich selbst Luft mit einer Serviette zufächelnd. „Weil ich seit Tagen jede Nacht von Dir träume, Anne!“ Anne schluckte hörbar „Ich habe dich in all den Jahren nicht vergessen können!“ hörte sie Raoul leise sagen.

Eine Träne rann über ihre Wange, blieb an ihrer Oberlippe hängen um sich dann zu lösen und mit einem leisen Blubb in ihren Kaffee zu fallen. „Seit ich mich damals am Flughafen von dir verabschiedet habe, hatte sich Dein Gesicht in mein Gedächtnis gebrannt. Ich hätte damals nicht einfach gehen dürfen. Aber ich wusste, dass Du nicht frei bist und ich machte mir Vorwürfe wegen des Abschiedskusses und weil ich fühlte, wie sehr ich Dich damit in Bedrängnis brachte.“ In Annes Kopf drehte alles. Wären da oben irgendwelche losen Gegenstände, sie würden jetzt mit voller Wucht gegen ihre Schädeldecke gedrückt. „Raoul“ Anne versuchte zu sprechen, „ich weiss nicht, was ich sagen soll! Ich weiss nur, dass ich mich seit Deinem Anruf komplett ausserhalb der Normalität befinde.“ Sehnsucht packte ihr Herz und auf einmal fühlte sie nur noch dieses brennende Verlangen Raoul zu umarmen, seine Haut zu riechen, seinen Puls zu fühlen, sein Gesicht in ihre Hände zu nehmen und ihn zärtlich, innig und dann leidenschaftlich zu küssen.

Sie fühlte sich wie ein einziges Vakuum, dass nur noch von dem Wunsch beseelt war, all die verpassten Jahre aufzuholen. „Ich würde Dich so gerne sehen!“ Raouls Stimme wurde weich und er sagte: „Das kannst Du bald! Ich werde übermorgen nach Europa fliegen um Professor Carlitos in Bern zu treffen.“ Annes Herz begann augenblicklich wieder einen schnelleren Rhythmus anzuschlagen. „Anne, bist Du noch dran?“ „Ja, Raoul!“ Anne wurde heiss und kalt zugleich. „Ich möchte Dich sehen, unbedingt!“ Ihre beiden Stimmen sagten diesen Satz synchron, als ob sie ihn schon hunderte Male gemeinsam geübt hätten. „Ich muss jetzt auflegen! Ich melde mich bald bei Dir!“ Anne wollte nicht, dass er das Gespräch schon beendete, es gab noch so viele Fragen, die sie ihm stellen wollte! „Ich kann es kaum erwarten, Dich wieder in meine Arme zu nehmen!“ Raouls Stimme enthielt dabei soviel Wärme dass Anne kaum ein Wort mehr darauf erwidern konnte. „Ich freue mich auch!“ sagte sie.

Das Flirren der Luft, das Knistern und all diese blühenden Gedanken nahmen ein abruptes Ende als Raoul plötzlich hastig in sein Telefon sprach „Ich muss Schluss machen, Anne. Sie kommen! Ich muss hier weg!“ „Raoul! …Raoul…?“ aber ein Klicken in der Leitung unterbrach das Gespräch.

Anne sank in ihren Stuhl zurück und ihre Augen wanderten zu Sandra, die das ganze Gespräch mitverfolgt hatte. Annes Freundin sah sehr besorgt aus. Sie streckte Ihre Arme aus um Anne zu umarmen. Anne legte ihren Kopf an Sandras Schulter und fühlte sich für den Augenblick geborgen.

Tausend Fragen tanzten durch ihren Kopf und vor Sorge würde sie diese Nacht kein Auge schliessen können, dessen war sie sich sicher. Doch es kam anders. Die Aufregung des Tages forderte ihren Tribut und als Anne an diesem Abend in das Bett stieg, dass in Sandras Gästezimmer stand, schlief sie sofort ein!

Aber es war ein unruhiger Schlaf und bald schon sass Anne wieder auf dem Rücken des Adlers, der mit ihr über den Atlantik flog.

Weiter mit Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum

6 Gedanken zu „Fragmente 1.3 – Raoul

  1. Guten Morgen lieber Stoeps,

    ich weiß gar nicht, was ich jetzt sagen soll….. Spannung und Gänsehautfeeling pur….. Ich glaub ich brauch jetzt erstmal ne schöne Tasse Tee, damit ich wieder runterkomme. Die Story ist der Oberhammer.
    Sex and Crime…. eine gute Verbindung.

    Ich wünsche dir einen schönen Tag und immer viele inspirierende Gedanken… und die Zeit, sie niederzuschreiben und uns teilhaben zu lassen, Teenudel :-)

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  2. @Teenudel: Die Story ging sozusagen mit mir durch! ;-) Und ich habe ein paar Ideen, wie es weiter gehen könnte… spannend bleibts hoffentlich. Ich hoffe, ich habe bald Zeit für den nächsten Teil!

    @little-wombat: Muss zu meiner Schande eingestehen, dass ich Barbara Wood nicht kenne und auch noch keines Ihrer Bücher gelesen habe. Von daher weiss ich jetzt gar nicht, ob das als Kompliment gemeint ist. Aber dein „weiter, stoeps, wieter!!!! scheint, dass es Dir gefällt. Ich bleibe dran!

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  3. Nur nichts überstürzen, nimm dir alle Zeit die du brauchst. Eigentlich ist Geduld nicht so meine Stärke, aber ich lerne immer besser, damit umzugehen und wenn ich dann dafür so eine hervorragend geschriebene Geschichte lesen darf, wars das wert.

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