Fragmente 1.13 – Das Geheimfach

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Mit einem leisen Geräusch glitt das Regal an seinen Ausgangspunkt zurück und verschloss die verborgene  Tür. Die beiden Freundinnen trauten sich kaum noch zu atmen und lauschten, was im Nebenraum vor sich ging. Das Büchergestell wirkte ziemlich schallisolierend, dennoch konnten sie hören, dass jemand das Arbeitszimmer betrat. Kurz darauf begann dieser Unbekannte scheinbar den Raum zu durchsuchen. Papier raschelte, Schubladen wurden aufgezogen und wieder geschlossen, Möbelstücke wurden im Raum umhergerückt und ein kehliges Husten durchschnitt die unheimliche Geräuschkulisse. Der Eindringling schien unter Zeitdruck zu stehen, denn sein Vorgehen wurde mit zunehmender Zeitdauer immer hektischer. Bücher wurden aus den Regalen gerissen, deutlich hörbar auf den Boden geworfen und immer wieder erklang das röchelnde, kehlige Husten.

Anne und Sandra standen wie angewurzelt im Archiv, unfähig sich zu bewegen und gepackt von schierer Angst. Was wenn der Eindringling die versteckte Tür finden würde? Womöglich hatte er eine Waffe bei sich? Anne drängten sich die Bilder von Nicks Traumerscheinung in das Bewusstsein. Diese Leute hatten ihn brutal gefoltert und anschliessend umgebracht. Sie würden also kaum zögern, das gleiche mit Anne und Sandra zu tun. Anne wünschte sich in diesem Moment ihr altes Leben zurück. Alles war so einfach, so bekannt und so gewohnt. Sie war zwar auch nicht glücklich damals. Aber nicht glücklich zu sein war besser, als andauernd in tödlicher Gefahr zu schweben. Doch andererseits waren es diese Momente, die Anne spüren liessen dass sie am Leben war. Intensiv, ungeschönt, hart und direkt riss das Leben sie in ein Abenteuer,  das sie nie für möglich gehalten hätte.

„Scheisse! Irgendwo muss doch dieser verfluchte Plan versteckt sein!“ riss der Eindringling fluchend Anne in die Realität zurück. Harte Schläge auf ein Möbel liessen erkennen, dass der Suchende immer verzweifelter einen bestimmten Gegenstand zu finden hoffte. Anne erschrak und blickte Sandra aus weit aufgerissenen Augen an. „Der Schreibtisch“ flüsterte sie Sandra leise zu. Sandra nickte. „Die Polizei!“ flüsterte Sandra nun zurück. „Wolltest Du nicht die Polizei rufen?“ fügte sie hinzu und Anne nickte. Ihr Handy war in der Handtasche, die sie weiter hinten im Achiv abgestellt hatte. Vorsichtig ging sie rückwärts, die Tür nicht aus den Augen lassend und griff mit der Hand nach hinten. Doch anstatt die Tragschlaufe ihrer Handtasche zu ergattern, schlug sie mit dem Handrücken an einen Bilderrahmen, der auf einer Kartonkiste gelegen hatte. Der Rahmen verschob sich um ein paar Zentimeter, kippte langsam über die Kante der Kiste und landete so unglücklich auf dem Boden, dass das Schutzglas mit einem lauten Klirren zerbrach. Anne zog ihren Kopf ein und erstarrte. Sie blickte zu Sandra, die sich vor Angst mit der Hand den Mund zu hielt und im gleichen Moment verstummte der Einbrecher im Arbeitszimmer. Ein paar Sekunden lang herrschte Todesstille und Anne hätte schwören können, das Ticken der Küchenuhr aus dem unteren Stock hören zu können. Dann erklang abermals ein röchelnder Husten der abgelöst wurde von der Stimme des Eindringlings: „Ist hier jemand? – Hallo?“. Sandra und Anne hielten den Atem an. Nach ein paar Sekunden des Schweigens hörten sie, wie der Mann den Raum verliess und die Treppe hinunter hetzte. Ein paar Augenblicke später erlöste das Quietschen der Einangstür die beiden aus ihrer ängstlichen Starre.

„Schnell! Lass uns sehen, ob wir ein jemanden wegrennen oder ein Auto wegfahren sehen!“ rief nun Anne und spurtete zur Tür, griff in die Öffnung des Regals und betätigte den kleinen Hebel. Sie schob das Büchergestell von der Tür weg und rannte zum Fenster. Doch dort war niemand zu sehen. Zu spät! Der Mann schien das Grundstück bereits verlassen zu haben. Sandra kam nun mit Annes Handtasche hinterher und hielt ihr diese entgegen. „Lass uns nun die Polizei anrufen!“ sagte sie. Anne griff danach und suchte ihr Handy. Erst jetzt als sie es in ihrer Hand hielt, um die Nummer der Polizei einzutippen, fiel ihr Blick auf die Unordnung im Zimmer. Bücher waren aus den Regalen herausgerissen, der Schreibtisch um einen halben Meter verschoben worden und das ganze Zimmer sah aus, als hätte ein Orkan darin gewütet. Anne liess ihre Hand sinken und stand wie erschlagen in dem Raum, in dem sie schon als Kind gespielt hatte.

Ihr Vater hatte sie immer ermahnt ordentlich zu sein und jedes Buch wieder an seinen angestammten Platz zurückzustellen. Er war sehr darauf bedacht sein Ordnungssystem peinlich  genau aufrecht zu erhalten, da er sonst viel zu lange Zeit brauchte, wenn er ein bestimmtes Nachschlagewerk suchte. Anne  sah im Geiste, wie entsetzt ihr Vater wäre, wenn er dieses Chaos sehen würde und fast beschlich sie ein schlechtes Gewissen, so als ob sie die Schuld für diese Unordnung trug. Der Gedanken an ihren Vater holte plötzlich die Erinnerung an das Geheimfach zurück in ihr Bewusstsein. „Das Versteck!“ rief sie Sandra zu. „Ich muss nachsehen, ob es noch unversehrt ist!“ „Die Polizei Anne, du solltest die Polizei anrufen!“ gab Sandra zurück. „Nachher! Der Anruf hat Zeit! Erst will ich das nachprüfen!“ sagte Anne und steuerte auf den Schreibtisch zu. Sandra schüttelte den Kopf und folgte Anne zu dem alten Möbelstück. Anne kniete sich davor auf den Boden und griff mit der rechten Hand unter die unterste Schublade. „Ja!“ rief sie und strahlte. Das Fach war noch immer an seinem Platz und der Eindringling schien es nicht gefunden zu haben.

Anne holte den Schlüssel aus der Schatulle, schloss die unterste Schublade auf und zog sie vorsichtig bis zum Anschlag heraus. Sie griff hinein, packte den Inhalt auf den Schreibtisch und befühlte den Boden. Er schien stabil zu sein und keine Öffnung aufzuweisen. Anne tastete mit den Fingerspitzen vorsichtig den Kanten entlang und tatsächlich fand sie hinten, an der Rückwand eine kleine Lasche. Sie griff zu und hob eine dünne Holzplatte an, die sich als doppelter Boden erwies. Anne konnte die Platte einfach herausheben und nun gab das Fach sein Geheimnis preis. Sandra schaute Anne neugierig über die Schulter. Sie konnte ihre Nervosität kaum verbergen und tippte ihre Freundin an. „Was ist es?“ wollte sie wissen. Anne griff in das Fach und zog einen Umschlag heraus, der mit grossen Buchstaben angeschrieben war. Darauf stand:

Anne / Peru

„Nun mach schon auf!“ drängte Sandra und Anne griff nach dem Brieföffner auf dem Schreibtisch ihres Vaters.

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Fragmente 1.12 – Die geheime Tür

Bookshelf

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Fragmente 1.8 – Die Warnung / Fragmente 1.9 – Das Räsel

Fragmente 1.10 – Der Stein der Wahrheit /Fragmente 1.11 – Eine Aufgabe aus dem Traumland

„Sandra, ich bin so froh, dass Du da bist!“ brach es aus Anne heraus und Sandra nahm ihre Freundin tröstend in ihre Arme. Anne konnte sich nicht erinnern, was geschehen war. Es gab da ein schwarzes Loch, in das sie nicht blicken konnte. Sie versuchte die Erinnerung zu aktivieren und erzählte Sandra, wie sie bei Ihrem Vater war und dass sie den Code von Raouls Nachricht geknackt hatten. Sie erinnerte sich auch noch daran, dass sie sich mit Ihrem Vater gemeinsam ins Auto setzte, aber dann riss der Film in ihrem Kopf ab.  Auch Sandra kannte keine Details zum Unfall und konnte Anne nicht helfen, die Lücken zu füllen.

Die Tür öffnete sich und die Ärztin trat ins Zimmer. Anne erkundigte sich nach ihrem Vater. Er war weiterhin stabil und sein körperlicher Zustand besserte sich allmählich, allerdings war er noch nicht aus dem Koma erwacht und die Ärztin konnte auch nicht sagen, wie lange die Bewusstlosigkeit noch anhalten würde. Es könnte Stunden, Tage, Wochen, ja sogar Jahre dauern und vielleicht würde Ihr Vater nie mehr erwachen. Anne war einerseits froh, dass er sich langsam  von seinen Verletzungen erholte. Aber der Gedanke daran, dass ihr Vater vielleicht nie mehr erwachen würde, machte sie unendlich traurig!

Anne musste noch zwei Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Am Tag vor ihrer Entlassung erhielt Anne Besuch von Inspektor Trost. Er erzählte ihr, dass die Polizei den Wagen genau untersucht hatte und sich dabei herausstellte, dass die Bremsleitungen durchtrennt worden seien und der Wagen deshalb ausser Kontrolle geriet. Anne war sich sicher, dass dies die gleichen Leute gewesen sein mussten, die auch Nick ermordet hatten. Wie ein Boomerang, der wieder zu seinem Werfer zurückkehrte, wurde Anne vom Bewusstsein eingeholt, dass sie in Gefahr war.

Als Anne das Krankenhaus verlassen konnte, wurde sie von Sandra abgeholt und Anne bat sie, zuerst im Museum der Völker, wo der besagte Stein ausgestellt war, Halt zu machen. Im Museumsshop kaufte sich eine Replik des Kartensteines und um zu überprüfen ob er wirklich originalgetreu war, verglich sie ihn mit dem ausgestellten Stein in der Vitrine. Die Kopie schien wirklich bis ins Detail identisch. Die Farbe varrierte leicht, aber das erschien Anne nicht wichtig. Viel wichtiger war, dass die eingeritzten Linien und Formen übereinstimmten.

Auf dem Heimweg erzählte Anne Sandra auch von ihrem Traum, in dem ihr Raoul und ihr Vater begegnet waren. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an das, was ihr Vater ihr gesagt hatte. „Sandra! Wir müssen zum Haus von Paps!“ rief sie, doch Sandra versuchte ihr das erst auszureden, denn sie sollte sich noch etwas ausruhen, hatte die Ärztin Sandra ans Herz gelegt. Doch Anne liess nicht locker: „Bitte fahr da hin! Ich muss unbedingt überprüfen, ob das was ich im Traum erfahren habe wirklich stimmt!“.

Sandra willigte widerwillig ein und fuhr zum Haus von Annes Vater. Die beiden stiegen aus und Anne kramte in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel. Sie schloss auf und die Tür öffnete sich mit einem lauten Quietschen. Eine unheimliche und irgendwie traurig erscheinende Stille umfing die Beiden, als sie den Flur des Hauses betraten. Die Sonne warf Lichtbündel durch die Fenster in denen sich aufgewirbelter Staub reflektierte. „Komm mit!“ sagte Anne und packte Sandra an der Hand. Sie gingen die Treppe hoch in den ersten Stock und öffneten die Tür zum Arbeitszimmer.

Die Wände des Raumes waren komplett mit Bücherregalen zugestellt, einzig das Fenster war frei ersichtlich. Davor stand der grosse alte Schreibtisch, unter dem Anne schon als Kind herumgekrabbelt war. Wie damals legte sie sich vor dem grossen Möbelstück auf den Boden und untersuchte die Unterseite der Schubladen auf der rechten Seite. Tatsächlich schien dort etwas befestigt zu sein. Es fühlte sich an wie ein flaches Fach aus Holz, dass unten an den Boden der  Schublade geklebt zu sein schien. Anne betastete es mit den Händen um einen Mechanismus zu finden, der Zugang zum Inhalt bot. Aber das Fach schien von allen Seiten stabil geschlossen zu sein und Anne fand nichts, womit es sich öffnen liesse. „Vielleicht wurde es durch den Boden der Schublade von oben geöffnet?“ fragte Sandra und Anne nickte.

Sie versuchte die Schublade zu öffnen, aber diese war abgeschlossen. Verzweifelt suchte Anne nach dem Schlüssel dazu, doch dann erinnerte sie sich daran, dass ihr Vater diesen immer an seinem Schlüsselbund trug. Er hatte ihn sicher auch beim Unfall dabei und vermutlich lag er noch  im Wrack des Autos . Anne überlegte fieberhaft und plötzlich kam ihr die rettende Idee: „Im Archiv! Es gibt einen zweiten Schlüssel dazu im Archiv!“ Sandra wurde von Annes Euphorie angesteckt: „Wo ist dieses Archiv?“. „Hinter der Tür rechts von uns!“ antwortete Anne. Sandra schaute sich um und konnte keine Tür entdecken. Das waren nur Bücherregale.

Anne erklärte ihr, dass ihr Vater aus Platzgründen ein Bücherregal vor die Tür des Archivs gestellt hatte. Durch einen kleinen versteckten Hebel konnte man die Fixierung lösen und das Bücherregal auf kleinen Rollen, die an der Unterseite des Gestells versenkt angebracht waren, von der Tür wegziehen. Ihr Vater hatte diese Vorrichtung selbst gebaut und war ganz stolz darauf. Als Kind liebte es Anne, sich in diesem Archiv zu verstecken. Für sie war es eine magische Tür, die in ein geheimes Versteck führte, wohin sie sich gerne zurück zog.

Anne griff in das besagte Büchergestell, ertastete den Hebel und ein leises Klacken signalisierte ihr, dass sie erfolgreich war. Mit einer schwungvollen Bewegung zog sie nun das Regal von der Wand weg und es gab die versteckte Türöffnung frei. Sandra stiess einen anerkennende Pfiff aus und die Beiden schlüpften hinter das Regal. Nun standen sie in einem fensterlosen Raum der mit vielen Regalen, Kartons, Kistchen mit Karteikarten und allerlei seltsamen Gegenständen angefüllt war. Anne ging zu einem Regal, nahm eine kleine Schatulle heraus und öffnete sie. Tatsächlich fand sie darin auch den Schlüssel zu den Schreibtisch-Schubladen und hielt ihn mit einem triumphierenden Lächeln hoch. Die beiden Frauen fühlten sich wie Entdecker, die gerade den Fund des Jahrhunderts freigelegt hatten und lachten sich fröhlich zu.

Plötzlich ertönte ein Splittern von Glas im Flur unten im Parterre. Die beiden Forscherinnen hielten ihren Atem an und lauschten angestrengt. Nach einem kurzen Augenblick quälender Stille konnten sie nun das Quietschen der Haustür hören. Anne und Sandra starrten einander fassunglos an. „Jemand bricht ein!“ flüsterte Sandra Anne erschrocken zu. „Schnell! Die Geheimtür! Wir schliessen sie, verstecken uns hier drin und rufen von hier aus die Polizei!“ rief nun Anne und spurtete zur Tür um das Bücherregal wieder in seine Ausgangslage zu ziehen. Auf der Treppe in den ersten Stock waren Schritte zu hören und Anne kombinierte blitzschnell dass sie sich beeilen musste, um die Tür rechtzeitig zu schliessen.

Es gab eine Öffnung in der Rückwand des Regals in die man greifen konnte, um das Büchergestell zurück zu ziehen. Anne griff zu und zog kräftig daran, doch das Regal bewegte sich keinen Milimeter. Nun wurde Anne von Panik gepackt und kalte Schweissperlen traten ihr auf die Stirn. Die Schritte kamen immer näher und Anne wusste, dass ihr nur noch Sekunden blieben, um die Tür zu schliessen. Hinter sich hörte sie Sandras Atem, der immer schneller ging und sie spürte, dass ihre Freundin kurz davor war,  loszuschreien. Sie blickte kurz zurück und flüsterte „Ich habs gleich! Nur keine Panik“, dabei war Anne selbst kurz davor, vor Angst durchzudrehen. Mit zitternder Hand versuchte sie erneut, das Regal wieder zurück auf seinen Platz zu ziehen. Die Schritte waren nun vor der Tür des Arbeitszimmers zu hören und Anne konnte sehen, wie die Türfalle herunter gedrückt wurde.

Annes Finger ertasteten den kleinen Hebel an der Wand des Regals und wieder klickte es leise. Anne riss sich zusammen und zog erneut am Büchergestell, das die beiden Frauen vor den Augen der Einbrecher verbergen sollte.

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Fragmente 1.11 – Eine Aufgabe aus dem Traumland

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Fotocredit: Calafellvalo @ flickr

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Fragmente 1.8 – Die Warnung / Fragmente 1.9 – Das Räsel

Fragmente 1.10 – Der Stein der Wahrheit /

Die Zeit schien nun komplett still zu stehen. Anne spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen und sah das in Panik verzerrte Gesicht ihres Vaters neben sich. Plötzlich wurde sie ganz ruhig und konzentrierte sich auf den Himmel, den sie durch die Autoscheiben sah. „Aquila“ rief sie und hoffte, dass Ihr gefiederter Freund kommen würde, um sie aus diesem schrecklichen Albtraum zu befreien. Aber Aquila kam nicht und Anne begriff, dass es diesmal kein Traum war. Am Rückspiegel des Autos baumelte ein Lufterfrischer in Form einer kleinen, grünen Tanne der in Zeitlupe hin und her schlingerte. Anne hörte die Karosserie des Wagens knirschen und ächzen und langsam, fast wie in schwereloser Umgebung, schwebte eine zusammengefaltete Strassenkarte durch den Innenraum des Fahrzeuges. Noch bevor die Angst wieder von Anne Besitz ergreifen konnte, riss sie ein ohrenbetäubender Knall in ein dunkles, schwarzes Nichts und die Bilder um sie herum verschwanden im Augenblick eines Wimpernschlages.

Wie lange die Dunkelheit andauerte, vermochte Anne nicht abzuschätzen. Aber irgendwann ging diese endlos scheinende Nacht langsam in eine schwache Dämmerung über. In weiter Ferne konnte sie eine verschommene Lichtquelle wahrnehmen und langsam wich die bleierne Schwere ein wenig von ihrem Körper. Sie spürte, dass sie nicht alleine war. Wie aus weiter Ferne hörte sie Schritte. Schuhe knirschten auf sandigem Boden und das Geräusch bewegte sich auf sie zu. Eine vertraute Stimme drang in ihren Kopf „Anne?“. Langsam und vorsichtig drehte sie ihren Kopf in die Richtung aus der sie ihren Namen hörte. „Anne? Bist Du wach?“ fragte die Männerstimme. Anne traute Ihren Augen nicht. „Raoul, bist Du das?“ fragte sie und tatsächlich blickte sie in seine wunderschönen Augen. „Raoul!“ Tränen rannen ihr über das Gesicht und Raoul nahm sie in den Arm. Anne spürte wie die Hoffnung, dass dieser Moment nie enden würde, von ihr Besitz ergriff und jede Zelle ihres Körpers durchfloss. Sie schmiegte sich an Raoul und fühlte sich seit langer Zeit das erste Mal wieder geborgen.

Nach einiger Zeit löste sie sich von Raoul und er blickte sie liebevoll an. Anne konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden. Aber plötzlich zog etwas hinter ihm ihre Aufmerksamkeit auf sich. Jemand stand hinter Raouls Rücken und schien nur darauf zu warten, bis er Anne ebenfalls begrüssen durfte. Der Silhouette nach musste es sich um einen Mann handeln, dachte Anne und als diese Person näher zu ihr trat, erkannte sie ihren Vater. „Paps!“ Sie umarmten sich und Ihr Vater blickte sie liebevoll an. „Anne, wie geht es Dir? Ich bin so froh, dass du endlich aufgewacht bist.“ Anne war ziemlich verwirrt. Wie kam sie hierher? Gerade erst befand sie sich noch in einem Auto, dessen Bremsen nicht funktionierten und das deswegen eine Kurve nicht erwischte und nun war sie in einer Höhle mit Raoul und ihrem Vater. „Paps, ich verstehe nicht?“ begann sie, aber ihr Vater fiel ihr ins Wort: „Finde Raoul, flieg nach Peru und nimm den Stein mit! Ich werde das nicht tun können, aber es ist enorm wichtig! Wirst Du das für mich tun?“ Anne nickte zögernd. „Geh in mein Haus und sieh in meinem Schreibtisch nach. Unter der untersten Schublade auf der rechten Seite gibt es ein Geheimfach. Dort findest Du ein Handy und einen Umschlag mit Geld. Nimm es und hol Dir den Stein!“. „Ja Paps, das werde ich für Dich tun!“. „Ich wünsche Dir viel Glück und Mut. Ich weiss, dass du es schaffen wirst!“. Annes Vater löste sich aus der Umarmung und stand auf. „Aquila wartet draussen auf Dich“ sagte Raoul zu Annes Vater und dieser nickte, sah Anne liebevoll an und ging dem Höhlenausgang entgegen. „Wir sehen uns! Bis bald!“ rief er über seine Schulter zurückblickend. Anne versuchte aufzustehen um ihm zu folgen. Doch plötzlich wurde sie von einer starken Müdigkeit übermannt. „Aquila ist hier? Ich … ich habe geträumt?“ murmelte sie und dann versank die Welt um sie herum im Dunkel der Bewusstlosigkeit. Raouls Gesicht schien in eine endlose Ferne zu entschwinden und Anne schlief ein.

Langsam, wie Eisblumen die sich an einer Fensterscheibe bilden, kroch der Schmerz in Annes Körper. Wieder wusste sie nicht, wie lange sie geschlafen hatte und wieder löste eine Dämmerung die Dunkelheit in ihrem Geist ab. „Sie wird wach!“ hörte sie weit entfernt eine Frauenstimme sagen und ein seltsam surrendes Geräusch begann sie einzuhüllen. „Frau Kammermann, können Sie mich hören?“ Anne versuchte ihre Augen zu öffnen, doch die Helligkeit des Raumes blendete sie. „Schliessen sie die Vorhänge!“ hörte sie die Stimme an eine andere Person im Raum gerichtet. Das Licht in dem Raum war nun etwas gedämpfter und Anne öffnete vorsichtig ihre Augen. „Wo bin ich?“ fragte sie und die Stimme antwortete ihr: „Sie sind im städtischen Krankenhaus. Sie hatten einen schweren Unfall“. „Paps?“ brach es aus ihr heraus „was ist mit meinem Vater? Geht es ihm gut?“. Die Miene der Ärztin verschlechterte sich. „Ihr Vater ist ziemlich schwer verletzt. Er ist ausser Lebensgefahr, aber er liegt im Koma und ist bis jetzt noch nicht erwacht. Annes Magen zog sich zusammen und plötzlich fühlte sie wieder den Schmerz in Ihrem Körper. Wie lange sind wir schon hier? „Sie hatten unwahrscheinliches Glück, Frau Kammermann!“ sagte die Ärztin,  „Sie sind unverletzt! Sie haben lediglich eine schwere Gehirnerschütterung und ein paar oberflächliche Schrammen. Wir behalten Sie noch für ein paar Tage hier, aber Sie können bald wieder nach Hause“. „Wie lange?“ hackte an Anne nach? „Drei Tage.“ Antwortete die Ärztin. „Wird mein Vater durchkommen?“ frage Anne. „Wir gehen davon aus, dass er wieder ganz gesund wird, aber wir können nicht sagen, wann er aus dem Koma erwachen wird.“ Die Müdigkeit ergriff wieder Besitz von Anne und sie nickte schläfrig um der Ärztin zu signalisieren, dass Sie verstanden hatte.

„Ich möchte schlafen!“ sagte Anne. Die Ärztin nickte und stand auf. „Ruhen sie sich aus!“ sagte sie und ging aus dem Zimmer. Anne drehte sich um und schlief schnell wieder ein. Diesmal war es ein tiefer, traumloser Schlaf aus dem Anne erst wieder erwachte, als sich Sandra auf die Bettkante setzte und ihr sanft über die Haare strich.

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Fragmente 1.10 – Der Stein der Wahrheit

Fotocredit: Markus Schoepke

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Fragmente 1.8 – Die Warnung / Fragmente 1.9 – Das Räsel

Auf Zehenspitzen schlich sie sich in die Küche und sah sich um. Auf dem Küchentisch stand eine Tasse Tee und daneben lag ein Autoschlüssel. Die Tür, welche von der Küche her in den Keller führte, stand offen und Anne hörte von unten Geräusche die klangen, als sei jemand auf der Suche nach etwas. Sie hörte wie schwere Gegenstände umher gerückt wurden und das Rascheln von Papier. Anne blieb an der Tür stehen und lauschte weiter als plötzlich laute Schritte auf der Kellertreppe zu hören waren. Sie wurde von Panik gepackt, drehte sich um und wollte nur noch wegrennen. Als sie los spurten wollte, verhakte sich ihre Handtasche an der Klinke der Kellertür und Anne wurde durch die Tragschlaufe zurückgerissen. „Nein!“ entfuhr ihr ein erstickter Schrei. Ihr Herz erstarrte und nackte, kalte Angst liess ihr Blut gefrieren.

„Anne?!“ fragte eine ihr wohlbekannte Stimme „Was ist los mit Dir?“. Anne schaute sich um und ein Lachen befreite sie aus der unangenehmen Situation. „Paps!“ rief sie „ich dachte schon, jemand sei eingebrochen und hätte dir etwas angetan“ und umarmte ihren Vater stürmisch.  Er lachte und streichelte sanft über ihr Haar. „Anne, mir wird schon nichts geschehen! Beruhige Dich erstmal“ sagte er und goss eine zweite Tasse Tee ein. Sie setzten sich an den Küchentisch und Anne zeigte ihm das Foto von Raoul und erzählte ihrem Vater von ihrer Vermutung.

Ihr Vater war schnell überzeugt. So stiegen sie gemeinsam in den Keller um nach dem Buch zu suchen und fanden es auch in einer von Annes Kisten. Zurück am Küchentisch versuchten die beiden nun den Code zu entschlüsseln und tatsächlich ergab dass was sie zusammentrugen einen Sinn. Die entschlüsselte Botschaft lautete:

wir inv-nr siebenzwei – fünf – zweisieben

Aber was konnte damit gemeint sein? Anne dachte angestrengt nach. Sie betrachtete immer und immer wieder das Foto von Raoul und den Text auf der Rückseite. Der zweite Teil lautete:

Die Lösung des Rätsels wirst Du erkennen und verstehen
Forsche in gemeinsamen Erinnerungen – dann wirst es Du sehen!

Gemeinsam Erinnerungen – Was er damit wohl andeuten wollte? Plötzlich lachte ihr Vater laut heraus und die Luft in der Küche schien im Rhythmus seines Lachens zu vibrieren. „Was?“ fragte Anne „Hast Du etwas entdeckt?“ bohrte sie weiter. Triumphierend und liebevoll zugleich betrachtete Annes Vater seine Tochter und liess sich noch ein zweites Mal bitten. „Was? Sag schon!“ drängte sie ihn weiter. Er lächelte Anne verschwörerisch an und sagte: „Überleg‘ doch mal! Ihr habt zusammen die Verzollung von Fundgegenständen aus archäologischen Grabungen aus Peru abgewickelt. Die Gegenstände kamen danach in ein Museum. Und alle diese Gegenstände verfügen über eine Inventar Nummer!“. Anne überlegte kurz und murmelte dabei „Inv-Nr“ vor sich hin. „Natürlich! Dass musste es sein!“ jubelte nun auch sie und blickte ihren Vater neugierig an. Dieser stand auf und ging ins Wohnzimmer. Als er zurück kam hatte er einen Ausstellungskatalog des besagten Museums in der Hand. „Das werden wir gleich haben“ sagte er und die beiden begannen, die vielen Seiten nach der entsprechenden Inventar Nummer zu durchsuchen.

„Da!“ rief Anne begeistert „da ist es!“ und zeigte mit dem Finger auf ein Foto eines grauen, handgrossen Steines, auf dessen Oberfläche etwas eingraviert war. Ihr Vater kramte in der Brusttasche seines Hemdes und zog eine Lesebrille hervor, mit der er das Foto näher betrachtete. „Eine Karte“ murmelte er und versuchte mehr Details zu erkennen. Doch die Fotografie war zu wenig detailliert, als dass er alles hätte entziffern können. „Es muss eine Karte sein!“ sagte er erneut und Anne nickte begeistert! Plötzlich stach ihr eine Anzeige ins Auge, auf der man sah, dass es im Museum Duplikate des Steines als Souvenir zu kaufen gab. „Wir müssen da hin! Am besten gleich!“ brach es aus Anne heraus. Ihr Vater blickte sie an und nickte. „Genau das werden wir jetzt auch tun, ich muss sowieso noch in die Stadt um einzukaufen!“ bekräftigte er seine Tochter und sie verliessen gemeinsam die Küche.

Als Annes Vater das Tor der Garage öffnen wollte, merkte er erstaunt, dass diese schon offen war. Anne registrierte seinen nachdenklichen Blick, doch beide waren zu aufgeregt und zu nervös um sich Gedanken um das offene Garagentor zu machen. Annes Vater startete seinen Wagen und sie fuhren los. Während der Fahrt unterhielten sie sich über ihre Entdeckung und mutmassten, was dahinter stecken würde. Sie bemerkten nicht, dass ihr Wagen eine dunkle Spur auf dem Asphalt hinterliess und dass sie in höchster Gefahr schwebten. Sie verliessen den Ort und fuhren über Land, angeregt in ihr Gespräch vertieft. Der Weg führte über einen Hügelzug, über den sich die Strasse in vielen Kurven wand. Als sie den höchsten Punkt des Hügels überwunden hatten, bot sich ihnen ein schönes Panorama, dass sie aber beide in ihrem Gespräch vertieft nicht wahrnahmen. „Du bist etwas schnell, Paps“ rief Anne plötzlich, als ihr auffiel, dass ihr Vater mit steigender Geschwindigkeit auf die nächste Kurve zufuhr. „Brems!“ rief sie laut und ihr Vater stand mit aller Kraft auf dem Bremspedal. „Es funktioniert nicht! Die Bremsen funktionieren nicht!“ schrie er verzweifelt.

Annes Augen weiteten sich und plötzlich schien sich alles um sie herum nur noch in Zeitlupe zu bewegen. Sie blickte ihren Vater an, der hilflos versuchte die Bremse zu betätigen, blickte wieder nach vorn und sah, wie die Kurve und der Abgrund dahinter immer näher kamen. Immer langsamer bewegten sich die Bilder um sie herum, während tausend Gedanken in ihrem Kopf um Aufmerksamkeit buhlten. Sie klammerte sich an ihrem Sitz fest und bemerkte nur noch, wie der Wagen von der Strasse abhob.

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