Fragmente 1.34 – Die Bibliothek

Photo-Credit: Luigi Guarino @ Flickr

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Sie rannten los und erreichten mit ein paar Schritten den Eingang. Dicke, feuchte Luft schlug ihnen entgegen. Raoul war als erster bei der Leiter, die nach unten führte. „Los, kommt!“ rief er und Anne fasste seine Hand, die er ihr entgegen streckte. Ein zweiter Schuss zeriss die Stille der Nacht und der Monsignore schrie ausser sich vor Wut: „Ich werde Euch alle in die Hölle schicken! Bleibt stehen!“. Von der Dunkelheit geschützt kletterten sie in den unterirdischen Gang und entfernten die Leiter vom Eingang. Carlos reichte Luis und Raoul Taschenlampen aus seinem Rucksack und sie spurteten los. Allen voran lief Anne mit dem Schlüsselstein in der Hand. Sie betrachtete die Linie, die ihnen den Weg weisen sollte und befahl mit leiser Stimme in welche Richtung abgebogen werden sollte, wenn der der Gang sich hin und wieder verzweigte.

Hinter ihnen erklang plötzlich ein dumpfes Geräusch. Ein leiser Schrei signalisierte den Verfolgten, dass der Monsignore mit einem Sprung ebenfalls in den dunklen Gang eingestiegen war. „Los, weiter! Hier entlang“ flüsterte Anne und zeigte mit der Hand nach rechts in einen Tunnel, der leicht nach unten führte. „Bist Du sicher, dass wir da hinunter müssen?“ fragte Raoul. Anne antwortete nicht, sondern lief einfach los. Die Anderen folgten ihr und plötzlich endete der Tunnel in einem schachtartigen Raum. „Eine Sackgasse!“ rief Luis und die Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben. Hinter ihnen hörten sie den keuchenden Atem ihres Verfolgers, der ihnen immer näher kam. Raoul leuchtete mit der Taschenlampe die Wände der Höhle ab. Der Raum hatte eine quadratische Grundfläche und schien etwa 10 Meter hoch zu sein. Anders als die Tunnel des Labyrinths schienen die Wände hier aus glatt poliertem Stein zu sein und jedes Geräusch wurde von den Wänden, wie in einem Resonanzkörper eines Instruments, verstärkt. „Hier war ich schon mal“ murmelte Anne. Aber noch bevor Sie weiterreden konnte, stiess der Monsignore zu ihnen.

„Keine Bewegung!“ schrie er und Anne blickte zu ihm hin während sich nackte Angst in Sekundenschnelle durch ihren Körper frass. Sie sah in seine schreckliche Fratze die schrecklich entstellt und verbrannt war. Der blanke Hass blitzte aus den Augen des Geistlichen und ein Fetzen der Haut seiner linken Wange hing lose herunter. Einen Moment lang fragte sie sich, ob das nur ein Alptraum war. Dann sah sie nur noch wie er seine Waffe auf sie richtete und als sich ein Schuss mit einem ohrenbetäubenden Knall löste, spürte sie nur noch, wie etwas mit einer unglaublichen Wucht in ihren Körper eindrang und sie in ein dunkles Loch stürzte.

Als Anne ihre Augen wieder öffnete, sah sie sich irgendwie selbst im schwarzen Nichts. Sie stürzte ins bodenlose. Immer weiter. Oder schwebte sie nach oben? Sie konnte sich weder bewegen, noch konnte sie überhaupt fühlen, ob sich ihre Seele noch in ihrem Körper befand. Panik überkam sie. War sie tot? Da war dieser Schuss der sie getroffen hatte. War sie stark verletzt? Sie versuchte an sich herunter zu schauen, ob sie eine Wunde entdecken konnte, doch sie konnte ihren Körper nicht wirklich erkennen. Ihre Umrisse waren nur noch als schimmernde, undefinierbare Form, als ätherische Aura vorhanden.

Plötzlich, die körperlose Stasis schien Äonen lang angedauert zu haben, wich die Stille einem Geräusch dass sie kannte. Aquila! Dann ging alles sehr schnell. Ihr Körper schien sich wieder zu manifestieren und ihr Traumgefährte tauchte unter ihr auf, um sie aus der Leere zu befreien. Sie landete auf seinem Rücken und augenblicklich fing sie sich wieder. „Aquila, bin ich gestorben?“ fragte sie ihren Freund in Gedanken. „Nein! Das bist Du nicht. Aber Du wurdest angeschossen und bist bewusstlos zusammengebrochen.“ Sie wollte wissen wie es ihren Freunden erging, doch Aquila vertröstete sie auf später. „Du hast erst noch ein wichtiges Rendezvous!“ drangen seine Gedanken in ihren Kopf. „Vater?“ Auqila bejahte und langsam sah Anne, wie die Dunkelheit um Sie herum wich. Im Leeren Raum sah sie ihren Vater in derselben Höhle sitzend, in der sie vorher angeschossen wurde. Die Wände schienen durchscheinend zu sein und Aquila blieb plötzlich in der Luft stehen und schwebte an Ort und Stelle. „Steig ab und geh zu Deinem Vater!“ drang es in ihren Kopf und Anne kletterte vom Rücken des Adlers um neben ihrem Vater wieder festen Boden unter den Füssen zu erreichen.

„Paps!“ rief sie und fiel ihm in die Arme! Sie wollte ihm so viel erzählen, aber die Sorge um ihre Freunde liess ihr keine Ruhe. Nachdem sich Anne von ihm gelöst hatte, setzte er sich wieder hin und strahlte eine Ruhe aus, die Anne fast zur Verzweiflung brachte. „Vater, ich muss zu meinen Freunden, sie sind in Gefahr! Schnell!“. Er lächelte und erklärte Anne, dass die Zeit hier in der Traumwelt anders tickte. Stunden und Tage die man hier erlebt, dauerten  auf der anderen Seite nur Minuten. „Ich muss Dir etwas Wichtiges sagen!“ fing er an und erklärte Anne, wie man den Zugang zur Bibliothek öffnen konnte. Er erzählte ihr auch von einem Sicherheitsmechanismus. Einer Falle, die den Zugang zur Bibliothek so verschliessen würde, dass sie für lange Zeit vor einem erneuten Zutritt gesichert bliebe. Anne hörte gespannt zu und versuchte sich jedes Detail genau einzuprägen. Plötzlich nahm ihr Vater ihr Gesicht zärtlich in seine Hände, küsste sie auf die Wange und sagte: „Du musst gehen!“ Wieder umschlang Anne die Dunkelheit. Nur kurz. Dann spürte sie, wie ein Sog sie zurück in ihren Körper katapultierte.

Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und nun fühlte sie auch den Schmerz ihrer Schusswunde. Ihre linke Schulter war getroffen, doch die Austrittswunde am Rücken zeigte ihr, dass es ein glatter Durchschuss war. Sie blickte um sich und registrierte sofort was in der Zwischenzeit geschehen war. Raoul, Carlos und Luis sassen gefesselt im Gang aus dem sie kamen und der Monsignore hantierte mit dem Schlüsselstein an einer Öffnung in der Wand, die dem Zugang gegenüber lag. Seine Waffe hatte sich der Geistliche hinten in den Bund seiner Hose gesteckt und er bemerkte nicht, wie Anne sich heranschlich. Mit einer raschen Bewegung packte sie den Revolver, entsicherte und hielt ihn dem keuchenden Monster an den Hinterkopf.

„Was zur Hölle…“ rief er überrascht und wollte sich umdrehen. Doch Anne hiess ihn so stehen zu bleiben. „Legen sie den Schlüsselstein schön langsam auf den Boden und gehen sie dann ein paar Schritte zurück.“ Er zögerte, doch Anne drückte ihm den Lauf der Waffe noch stärker ins Genick. „Ich zögere keinen Augenblick abzudrücken!“ rief sie. „Schön langsam hinlegen“ wiederholte sie und der Monsignore gehorchte widerwillig. Dann befahl ihm Anne, die Fesseln von Raoul zu lösen, was er ebenfalls tat. Raoul verfolgte staunend wie souverän seine Geliebte die Situation meisterte. „Los Raoul, mach Deinen Mund wieder zu und fessle den Mistkerl!“ lachte Anne nun sichtlich über Raouls Gesichtsausdruck amüsiert. Raoul tat was Anne sagte und Minuten später lag der Monsignore gefesselt am Boden, während die anderen sich befreiten und zu Anne hingingen. „Du blutest stark!“ sagte Raoul besorgt und griff in seinen Rucksack, in den er auch Verbandsmaterial für den Notfall gestopft hatte, was Anne nun zugutekam. Er versuchte ihre Wunde so gut wie möglich zu verbinden. Aber es war beiden klar, dass Anne baldmöglichst in ein Krankenhaus musste. „Ich weiss, wie wir die Bibliothek öffnen können!“ raunte Sie Raoul zu. Auch Carlos und Luis hatten das gehört und kamen dazu. „Was müssen wir tun?“.

Anne erklärte, dass sich in jeder Wand eine kleine Nische befinden musste, in der sich eine Art Flöte befand. Würden diese in einer bestimmten Abfolge gespielt, so dass alle Töne zusammen am Schluss einen Akkord ergaben, würde sich das Tor öffnen. „Und was ist mit der Öffnung für den Schlüsselstein?“ wollte Carlos wissen und zeigte auf eine Einbuchtung in der Wand, in die das angesprochene Artefakt perfekt zu passen schien. „Eine Falle!“ erklärte Anne mit einem triumphierenden Lächeln im Gesicht. Raoul wollte wissen, was denn passiere, wenn jemand den Schlüsselstein da einfügen würde. Doch Anne wusste auch nicht mehr, als dass der Eingang der Bibliothek dann für lange Zeit so verschlossen würde, dass niemand ihn öffnen konnte. „Gut!“ meinte Raoul und fügte an: „genau das werden wir nachher tun! Doch erst möchte ich mich vergewissern, dass die Bibliothek noch immer existiert. Wollen wir sie öffnen?“. Anne nickte.

Sie tasteten die Wände des Schachtes ab und tatsächlich waren die Nischen mit den Flöten bald gefunden. Es waren vier röhrenartige Gebilde aus einem schimmernden Metall. Anne zeigte den anderen wie die Flöten gespielt werden mussten und führte das Rohr an ihre gespitzten Lippen um Luft in die horizontale Öffnung zu blasen. Ein panflötenartiger Ton erklang. Nun gab Anne die Zeichen welche Flöte in welcher Reihenfolge angespielt werden sollte. Erst gab Luis seinen Ton, dann kam der von Raouls Flöte, dann der von Carlos und am Schluss der vierte Ton von Annes Instrument dazu. Der Akkord schien genau auf die Resonanz des Raumes abgestimmt zu sein und der Klang verstärkte sich durch Hall der Wände und wurde immer lauter und stärker.

Die Luft begann zu vibrieren und plötzlich erklang ein dumpfes Geräusch.

Weiter mit dem Schluss der Geschichte: Fragmente 1.35 – Einmal bis zur Ewigkeit und zurück

Fragmente – 1.33 Der Eingang

Foto-Credit Originalbild: Bruno Girin @ Flickr
Bearbeitet von Stoeps

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Ein Schrei zerriss die modrig duftende Dunkelheit in dem Labyrinth unter der Ebene von Nazca. Eine Blutspur führte vom Einstieg im Haus bis zu der Kreuzung in den Gängen, in denen der hustende Verfolger sein unrühmliches Ende fand. Am Rande des Abgrunds kniete ein älterer Mann mit kurzgeschnittenen Haaren und einer schlichten Nickelbrille, deren rechtes Glas fehlte und deren linkes Glas gesprungen war. Seine dunkle Kleidung war zerrissen, angesengt und stank nach Schweiss, Benzin und Blut. Sein Gesicht und seine Hände waren durch frische Verbrennungen bis zur Unkenntlichkeit entstellt.  Der Monsignore starrte in den Abgrund und blickte auf den verbogenen und aufgespiessten Leichnam seines treuen Helfers.

Er hatte Fernando schon vor über 30 Jahren in Barcelona auf einer Studienreise kennen gelernt. Der kleine Waisenjunge sass damals bettelnd beim Eingang zum Innenhof des alten Hospital de la Santa Creu I Sant Pau. Mit seinen flehenden Augen bewegte er das Herz des damals noch jungen Theologiestudenten, der nicht anders konnte und dem Jungen etwas zu essen kaufte. Jeden Tag aufs Neue, wenn der junge Geistliche durch den Carrer de l’Hospital ging, begegnete er Fernando und sie begannen sich anzufreunden. Als der Monsignore Barcelona verliess, nahm er den Jungen mit. Fernando wurde sein Schützling und Diener und zum treuen Begleiter des Geistlichen. Er  wich auch dann nicht von seiner Seite, als dieser den Pfad der Menschlichkeit verliess. Er war seinem Retter gegenüber derart loyal und verfallen dass er nicht einmal davor zurückschreckte für ihn zu töten.

„Fernando…no!“ raunte der Monsignore röchelnd in den Abgrund. In ihm kämpfte die Verzweiflung die ihm zuflüsterte, dass er sich nur fallen zu lassen brauche um wieder bei Fernando zu sein. Für immer! Aber da war auch die Wut, die ihm diese sich immer und immer wiederholenden Worte in den Kopf pflanzte: „Töte sie! Räche Fernando!“ Da ging ein Ruck durch seinen Körper. Urplötzlich und mit einer Kraft die aus dem Nichts zu kommen schien, sprang er auf und schrie. Seine Wut hatte gesiegt und er gab seinem toten Freund ein letztes Versprechen: „Sie werden sterben, ich werde sie für deinen Tod büssen lassen! Ich werde sie alle in die Hölle schicken! Langsam gingen die Batterien von Fernandos Lampe, die noch immer auf dem Boden des Abgrundes lag, zur Neige. Das Licht erlosch und tauchte das Labyrinth wieder in seine modrige Dunkelheit.

„Der Kaffee duftet ja verführerisch!“ sagte Anne den Speisesaal betretend und begrüsste Margaretha mit einem Kuss auf die Wange. „Guten Morgen, Du Schlafmütze!“ grinste Carlos und Luis stopfte sich gerade eine Gabel mit Rührei in den Mund. „Setz Dich! Hast Du gut geschlafen?“ fragte Raoul und zog Anne zärtlich auf den freien Stuhl neben ihm. Anne lächelte. Da war sie nun. Ihre neue Familie.  Sie war schon lange nicht mehr so entspannt und glücklich. Sie setzte sich an den Tisch und blickte zufrieden in die Runde. „Rührei?“ fragte Pedro, der gerade aus der Küche kam und Anne nickte dankbar! „Gerne! Ich habe einen Mordshunger!“ fügte sie an und alle lachten.

Das Frühstück zog sich bis zum Mittag hin und es wurde darüber diskutiert, was denn nun als nächstes zu tun sei. Margaretha erläuterte ihre Vermutung, wo die Bibliothek sich befinden könnte und breitete eine Karte auf dem nun abgeräumten Tisch aus. Anne beschrieb nochmals ihren Traum, in dem sie ihren Vater vor den lehmigen Hügeln von Túcume gesehen hatte. Raoul ging nach oben und kam mit dem Schlüsselstein zurück. Es war eine flache Steinplatte in deren Mitte sich eine Öffnung in der Grösse und Form des Kartensteins befand. Die Platte war mit Symbolen und Linien verziert, die wohl eine Beschreibung dessen waren, was mit dem Schlüssel zu tun sei. Anne holte nun die Replik des besagten Kartensteins und sie versuchten die beiden Artefakte zusammen zu fügen, was auch gelang. Raoul betrachtete das Bild der Symbole und Linien eingehend und erkannte, dass es sich wiederum um eine Karte handeln müsste. „Wenn wir den richtigen Eingang zur Pyramide finden würden, müssten wir es schaffen zu diesem Raum vordringen zu können. Dort endet der Weg, der hier beschrieben ist!“ sagte er und zeigte mit dem Finger auf das Ende einer Linie, die vom äusseren Rahmen in die Mitte des Kartensteins führte. Die Anderen nickten zustimmend!

„Wie lange werden wir bis nach Túcume brauchen?“ fragte Anne in die Runde und es war ihr anzumerken, dass die Abenteuerlust wieder in ihr aufloderte. Margaretha erklärte ihnen den Weg der Küste entlang und erläuterte, dass sie wohl etwa mit zehn bis zwölf Stunden Fahrzeit zu rechnen hätten. „Wir können da aber nicht einfach so auf das Ausgrabungsgelände spazieren und in eine der Pyramiden eindringen!“ mischte sich Luis nun in die Diskussion. Doch Margaretha hatte schon einen Plan. Sie kannte den Chef der Security-Firma, die das Gelände nachts bewachten und würde versuchen, ihn zu erreichen. Er war ein Freund der Familie und wenn sie ihm klar machen konnte, dass sie keine Diebe waren, die Fundstücke aus dem Gebiet entwenden wollten, würde er sicher bereit sein, ein Auge zuzudrücken.

Anne wurde unruhig. Sie wollte nicht länger warten und rief: „Wenn wir jetzt losfahren, könnten wir etwa Nachts um zwei Uhr dort sein.“ Den Anderen waren die Strapazen und Gefahren des letzten Abenteuers noch zu gut in Erinnerung und die Müdigkeit stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Doch Anne gelang es Raoul, Carlos und Luis zu überzeugen. Sie würden sich bei der Fahrt abwechseln. Wenn jeder drei Stunden fahren würde, könnten die anderen etwa 9 Stunden Schlaf bekommen, was nach Annes Meinung mehr als genug war! Luis wollte widersprechen. Er fand, es wäre auch früh genug,  am nächsten Tag zu starten. Doch Carlos stand bereits lächelnd mit gepacktem Rucksack neben ihm und Margaretha kam mit zwei Thermoskrügen gefüllt mit frischem, starkem Kaffee aus der Küche. Sie blickte zu ihrem Sohn und hiess ihn freundlich Ersatzbatterien und neue Taschenlampen aus dem Keller zu holen. Und noch ehe Luis so richtig bewusst wurde, dass er überstimmt wurde, sassen Sie bereits im Auto auf der Fahrt Richtung Túcume.

Carlos übernahm das Steuer als Erster, während Luis auf dem Beifahrersitz eingenickt war. Die Sonne schien über dem Meer, das so unendlich weit und friedlich zu sein schien. Das Auto glitt auf der Panamericana Norte und brachte die Gruppe dem Ende ihres Abenteuers immer näher. Auf dem Rücksitz studierten Anne und Raoul den Schlüsselstein und Anne zeichnete auf einem Plan des Geländes mit den Pyramiden den Standort ein, wo sie ihrem Vater im Traum begegnet war. Langsam wurde es Nacht und nachdem auch Luis seine drei Stunden als Fahrer absolviert hatten, wechselte Anne ans Lenkrad. Aus dem leise gestellten Radio klang peruanische Musik und Anne musste lächeln, als plötzlich „El Condor Pasa“ erklang. Wie es wohl Aquila erging? Spürte er drüben in der Traumwelt, dass sie ihrem Ziel immer näher kamen? Anne musste sich konzentrieren. Es war nun dunkle Nacht und die Scheinwerfer der entgegen kommenden Fahrzeuge blendeten sie. Ein bekanntes Gefühl machte sich plötzlich in ihrem Magen breit. Dieser Wagen mit dem kaputten Scheinwerfer, den Sie im Rückspiegel sah, war das nicht der gleiche, der schon kurz nach der Wegfahrt bei Margarethas Pension hinter ihnen fuhr?

Sie versuchte den Gedanken abzuschütteln. Das konnte nicht sein! Sie rechnete fest damit, dass ihre Verfolger tot oder zumindest unschädlich gemacht waren. Vor allem denjenigen mit dem Husten hatten sie doch mit eigenen Augen sterben sehen. Als Raoul das Steuer übernahm erzählte sie ihm nichts von ihren beunruhigenden Gedanken.  Aber Schlaf fand sie auch keinen mehr. Zu fest pochte dieses Knäuel in ihrer Magengegend und sandte Signale an ihr Gehirn, welches die Adrenalinausschüttung ankurbelte. Anne wollte es nicht wahr haben, aber ihre Intuition betrog sie nicht!

„Wir sind da!“ flüsterte Raoul und weckte Anne mit einem sanften Kuss. Sie hatte es doch noch geschafft eine Stunde in traumlosen Schlaf zu versinken. Er nahm sein Handy und wählte die Nummer, die ihm Margaretha mitgegeben hat. „Señor Fuentes? Wir sind da! Wo können wir unseren Wagen abstellen?“ fragte Raoul auf Spanisch und hörte sich die Anweisung des Security-Chefs aufmerksam an. „Bueno!“ beendete er das Gespräch und legte auf. Er fuhr zu einem Container am Rande des Geländes und parkte sein Auto. Anne weckte nun auch Carlos und Luis und die vier stiegen aus, packten ihre Ausrüstung und gingen zum vereinbarten Treffpunkt. Anne lauschte in die Nacht und wieder zog sich ihr Magen warnend zusammen, als sie hörte, wie ganz in der Nähe eine Autotür ins Schloss fiel.

Der Bekannte von Margaretha nahm sie in Empfang und Anne zeigte ihm die Stelle auf der Karte, wo sich der Eingang zum unterirdischen Gang befand, der sie zu der Bibliothek führen sollte. Er nickte und bat die Truppe ihm zu folgen. Und tatsächlich standen sie nach etwa 15 Minuten Fussmarsch an der Stelle, wo Anne im Traum ihren Vater getroffen hatte. Bei einer aktuellen Ausgrabung wurde auch tatsächlich ein Zugang zu einem Tunnel freigelegt und Señor Fuentes beleuchtete mit seiner starken Lampe in diese Richtung. „Also los!“ raunte Anne verschwörerisch und die Gruppe machte sich auf den Weg zum Einstieg.

„Halt! Bleiben Sie sofort stehen!“ Eine Stimme zerriss die gespenstische Stille der Nacht und Anne wusste sofort, wer da aus dem dunklen Nichts auftauchte. „Der Monsignore“ flüsterte sie den anderen zu. „Halt oder ich schiesse!“ meldete sich der verwirrte Geistliche erneut! Señor Fuentes drehte sich, um mit den Verfolger mit seiner Taschenlampe zu suchen.

Plötzlich peitschte ein Schuss durch die Nacht. Fuentes gab einen röchelnden Laut von sich, drehte sich um die eigene Achse und fiel der Länge nach, die Taschenlampe unter sich begrabend, zu Boden. Dunkelheit umhüllte Anne und ihre Freunde. Und für einen Moment schien sich die Erde nicht mehr zu drehen.

„Lauft!“ brüllte Anne!

Weiter mit Fragment 1.34 – Die Bibliothek

1.32 – Das Wiedersehen

Fotocredit: 3EyePanda @ Flickr

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„Wach auf, wir sind da!“ hörte sie Raouls zärtliche Stimme an ihr Ohr dringen. Anne öffnete langsam ihre Augen und tauchte zurück in die Realität. Sie waren bei Margarethas Pension angekommen und Carlos und Luis waren bereits dabei, das Gepäck in das Haus zu tragen. Anne brauchte einen Moment um wach zu werden und stieg dann ebenfalls aus. Raoul nahm ihre Hand und lief zur Eingangstür wo Margaretha stand und sie freudig erwartete. „Wie geht es Pedro?“ wollte Anne sogleich wissen. Margaretha nahm Anne in die Arme und lächelte. „Es geht ihm den Umständen entsprechend gut und er wird bald wieder der Alte sein!“ sagte sie sichtlich erleichtert. „Kommt ins Haus!“ sagte Margaretha und sie traten ein. Tatsächlich sass Pedro drinnen am Tisch und auch er freute sich über die Ankunft der vier Abenteurer. Anne nahm Pedro in den Arm und drückte ihn an ihr Herz. „Es geht mir gut! Ich bin nur noch etwas schwach auf den Beinen, aber sonst bin ich einigermassen in Ordnung!“ sagte er zu Anne und fügte hinzu: „Ich freue mich so, dass ihr wieder da seid und Raoul und Carlos gefunden habt!“

Als das Gepäck verstaut war und sie alle geduscht und sich umgezogen hatten, traf sich die Gruppe im Speisesaal. Margaretha brachte Getränke und aus der Küche duftete es herrlich! „Gleich könnt ihr alles erzählen!“ freute sie sich und verliess den Raum um gleich wieder mit einem grossen Topf voller heisser Suppe zurück zu kehren. Es wurde ein grosses Fest und hätten die Wände des Raumes Ohren gehabt, sie hätten sich über die abenteuerlichen Erzählungen gewundert. Jeder berichtete, was er erlebt hatte und langsam fügten sich die einzelnen Geschichten zu einem grossen Ganzen.

„Wir werden bald wieder aufbrechen!“ sagte Anne. Ich glaube, ich weiss nämlich wo die Bibliothek zu finden ist! „Du träumst doch!“ lachte Luis. „Nein, Luis. Jetzt nicht mehr! Aber ich habe tatsächlich davon geträumt. Mein Vater hat mir den Zugang gezeigt!“ antwortete sie und fügte unternehmungslustig grinsend an: „Wann brechen wir auf?“ „Erst mal werdet Ihr mindestens eine Nacht lang in einem richtigen Bett durchschlafen!“ sagte Margaretha bestimmt und alle nickten lachend. Lange sassen sie da, genossen das Essen und den Wein während draussen die Nacht ihre dunklen Flügel über die Stadt ausbreitete. Anne nahm Raouls Hand und blickte ihn lange und zärtlich an. „Ich bin so froh, Dich endlich gefunden zu haben!“ raunte sie leise. Raoul erwiderte ihren Blick und nickte. Er sagte nichts, aber seine Augen sprachen tausend Worte.

„Kommst Du mit raus?“ fragte er, während er vom Tisch aufstand. Anne nickte. Sie verliessen die Runde und gingen auf die Veranda. Mittlerweile war es tiefe Nacht und die Sterne funkelten am Himmel. „Anne ich…“ begann Raoul, doch sie konnte nicht anders und küsste ihn unvermittelt. Erst vorsichtig, dann immer leidenschaftlicher. Es war, als würden sich all die Ängste und Qualen der letzten Wochen auflösen und zu einem Punkt im Nirgendwo zusammenschrumpfen. Sie und Raoul waren zusammen. Das war das Einzige, das für Anne im Moment zählte. Ihr Herz schien fast zu platzen und klopfte wild. „Komm!“ sagte Raoul und legte seinen Arm und ihre Schulter. „Ich will mit Dir alleine sein. Nicht mehr reden. Ich will Dich in diesem Moment nur spüren, ganz bei Dir sein und mich in Dir verlieren!“ flüsterte er. Die beiden bemerkten nicht einmal, dass sie nicht mehr alleine auf der Veranda waren. Ein paar Schritte neben ihnen standen Carlos und Luis ebenfalls eng umschlungen. Die beiden Männer schauten sich wortlos und tief in die Augen. Nur ab und zu unterbrach ein zärtlicher Kuss ihre Blicke. Als Anne und Raoul an ihnen vorbei gingen, lösten sich Carlos und Luis voneinander. Luis umarmte Anne während Raoul seinen Bruder an sich drückte. Ihr Glück war vollkommen. Wenigstens jetzt, in diesem Augenblick. „Wir werden schlafen gehen“ sagte Anne und Luis lächelte sie an. „Geniesst es!“ sagte er mit einem Zwinkern und blickte zu Carlos. Dieser nickte nur und auch sie beide verliessen die Veranda. Margaretha hatte den Tisch abgeräumt und wollte gerade eine Runde Pisco offerieren. „Nein Danke!“ sage Anne und das Lächeln in ihrem Gesicht verriet Margaretha, dass sie gar nicht erst versuchen müsste, sie umzustimmen. „Gute Nacht! Wir sehen uns morgen!“ sagte sie und setzte sich zu Pedro an den Tisch. Anne, Raoul, Luis und Carlos wünschten den beiden ebenfalls eine gute Nacht und zogen sich zurück.

Als Anne neben Raoul im Bett lag, überkam es sie. Sie konnte ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren und während ihr die Tränen der Erleichterung und des Glückes über die Wangen kullerten, küsste Sie ihren Geliebten erneut. Es war ein Kuss, der nicht enden wollte. Sie löste ihre Lippen auch dann nicht von seinen, als sie begann sein Hemd aufzuknöpfen um es ihm auszuziehen. Sie sog Raouls Geruch tief in sich auf und ihr wurde dabei beinahe schwindlig. Sie strich mit ihren Händen über seine Arme und die feinen Haare fühlten sich wie tausend Federn an, die nur dazu geschaffen worden waren, sie zu streicheln. Raoul beendete den schier endlosen Kuss um nun auch Annes T-Shirt auszuziehen. Er begann ihren Körper mit seinen Lippen zu liebkosen und sie mit Küssen zu bedecken und Anne spürte seinen heissen Atem auf Ihrer Haut. Sie vibrierte regelrecht und ein wohliges Zittern durchlief sie, während Raouls Mund ihren Bauchnabel fand. Sie fühlte wie er sich noch weiter nach unten bewegte. Etwas in ihrem Kopf schien zu platzen und Annes Gefühle explodierten wie ein Feuerwerk mit tausend blütengleichen Funkenbouquets. „Hör nicht auf!“ flüsterte sie und fasste mit ihren Händen zärtlich in Raouls Locken. Er dachte nicht im Traum daran, jetzt aufzuhören und Annes Verstand schien sich in leuchtende, oszillierende Schwaden aufzulösen. Wieder trafen sich ihre Lippen und ihre Körper verschmolzen zu einem. Anne hatte aufgehört zu denken und war nur noch sie selbst! Sie spürte, wie jede ihrer Bewegungen Raoul dem Zenit der Leidenschaft näher brachte. Sie schienen gemeinsam zu schweben und Raouls Körper begann zu beben. Seine Gedanken versanken im Meer der Lust und seine Muskeln spannten sich wie der Bogen eines Kämpfers der bereit war, seinen Pfeil mit unglaublicher Kraft dem Ziel entgegen zu schicken. Ein paar Sekunden lang, die sich äonengleich und unmessbar ausdehnten, ritt Raoul auf einer kosmischen Welle, bevor sich die aufgebaute Energie wie ein Vulkanausbruch entlud.

Anne hatte das Zeitgefühl verloren und Ihre Gedanken tanzten unstrukturiert und sich verselbständigend durch ihren Kopf. Langsam fand sie sich wieder, eng an Raouls heissen Körper geschmiegt, ihre Sinne sammelnd. Anne spürte, wie erneut Freudentränen über Ihr Gesicht kullerten. Sie legte Ihren Kopf auf seine Brust während er seinen Arm um ihre Schultern legte und noch bevor sie ihm sagen konnte wie sehr sie ihn liebte, raubte ihr der Schlaf das Bewusstsein. Raoul strich Anne zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht. Er wollte nicht gleich einschlafen und beobachtete glücklich, wie sich ihr Körper immer mehr entspannte und genoss dieses Gefühl sie endlich bei sich zu haben.

Aus dem Zimmer nebenan drangen Geräusche zu Raoul hinüber, die ihn lächeln liessen. Er hörte dass er und Anne nicht die einzigen waren, die ihr Wiedersehen genossen und er war froh im Wissen darum, dass auch sein Bruder glücklich war. Langsam versank nun auch Raoul im Land der Träume. Anne lag noch immer in seinen Armen mit dem Kopf auf seiner Brust, die sich nun regelmässig hob und senkte.

Margaretha löschte das Licht in ihrem Zimmer, nachdem auch sie ins Bett gegangen war und so kehrte Ruhe in der kleinen Pension ein. Von draussen drangen ganz leise die Geräusche der Stadt an Margarethas Ohr und wiegten sie in einen entspannten Schlaf. Sie war froh, dass alle wieder da waren und die Liebenden einander gefunden hatten. Das Glück schien nun perfekt zu sein.

Doch Glück war schon immer ein Zustand, der sich durch eine besondere Flüchtigkeit auszuzeichnen schien und hätten Anne, Raoul, Margaretha und die Anderen gewusst, was sich tief unter der Ebene von Nazca gerade jetzt ereignete, hätte keiner von Ihnen ein Auge zugetan.

Weiter mit Fragmente 1.33 – Der Eingang

Fragmente 1.29 – Wut gegen Angst

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In Annes Herz krampfte etwas Dunkles, Kaltes und Besitzergreifendes das den Körper zu fluten drohte wie tödliches Gift. Angst. Es war pure, nackte Angst. Doch Anne spürte auch noch etwas anderes. Tiefer unten in ihrem Bauch. Etwas das blitzte wie das Sonnenlicht, das sich in einem blankpolierten Schwert spiegelte. Etwas heisses, dass die dunkle und kalte Angst frass, wie das Feuer seine Nahrung. Unersättlich, unsteuerbar und brutal. Anne verspürte Wut. Unbändige und überschäumende Wut. „Jetzt reicht es mir!“ brüllte Sie los. „Ich habe die Schnauze gestrichen voll von diesen Verfolgungsjagden, Entführungen, Intrigen und dem ganzen Scheiss!“

Luis blickte Anne verzweifelt und erschrocken an. Er wusste nicht recht, was er von Annes Reaktion halten sollte. Drehte Sie nun durch oder was passierte gerade mit ihr? „Pisco!“ rief nun Anne. „Wo ist dieser Scheiss Pisco?“ schrie sie Luis an. “Willst Du jetzt etwas trinken?” rief er ungläubig zurück. Anne fasste sich an den Kopf. „Spinnst Du!?“ fragte sie den Fahrer ihres Wagens zurück. „Warum willst Du dann den Pisco?“ rief Luis zurück. „Na das wirst Du schon sehen!“ rief nun Anne mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Rums! Der Wagen hinter Ihnen krachte erneut mit voller Wucht in ihren Kofferraum und ihre Heckscheibe löste sich unter Knirschen und Splittern auf. Hundertausend kleine Glaswürfel verteilten sich auf dem Rücksitz und flogen, im Scheinwerferlicht der Verfolger glitzernd, durch die Luft.

„Unter dem Beifahrersitz!“ rief nun Luis. Anne beugte sich vornüber und griff mit der linken Hand unter den Sitz. Sie bekam etwas Hartes zu fassen und während ein weiterer Aufprall sie durchschüttelte, zog sie den Gegenstand hervor. Es war ein Pflasterstein, vermutlich um das Auto zu sichern, wenn es an einem steilen Ort geparkt wurde. Luis blickte Anne an und schüttelte den Kopf. Sie beugte sich noch einmal nach vorne und tastete unter dem Sitz nach der Flasche. Plötzlich berührten ihre Fingerspitzen etwas mit glatter und kühler Oberfläche. Anne versuchte danach zu greifen, aber die Flasche rollte noch weiter nach hinten. „Brems!“ schrie sie nun Luis unvermittelt an. „Hä?“ blickte dieser ungläubig zurück. „Ich soll was?“ rief er Anne zu, doch diese fackelte nicht lange, griff mit der Hand zwischen Luis Füsse durch und drückte auf die Bremse. Hinten splitterte und knirschte es erneut, doch die Flasche rollte wie gewünscht nach vorne.

Ein peitschender Knall zischte durch das Auto. Und gleich darauf noch ein zweiter. Die Frontscheibe splitterte nun ebenfalls. „Scheisse, die schiessen auf uns!“ rief nun Luis um Fassung ringend. Anne kannte sich nicht mehr. Ihr Herz brannte und ihr Bauch fühlte sich derart funkensprühend an, dass sie fast zersprungen wäre. Sie packte den Pflasterstein, drehte sich auf dem Beifahrersitz um und versuchte die Distanz zum hinteren Wagen abzuschätzen. Doch dieser hatte sich im Moment gerade so entfernt, dass Anne nur blendendes Licht registrierte. Schnell zog sie ihr T-Shirt aus und begann es zu zerreissen. Luis begriff nicht, was Anne vor hatte und vergass beinahe auf die Strasse zu achten. „Luis, nach vorne! Bitte schau nach vorne und sie zu, dass wir nicht von der Fahrbahn abkommen. Anne schraubte den Deckel von der Piscoflasche und stopfte einen Fetzen des T-Shirts in den Flaschenhals. Dann kippte sie die Flasche und tränkte den Stoff mit dem Schnaps, bis er total durchgenässt war.

Sie blickte wieder nach hinten und beobachtete die Verfolger. Erneut durchschnitt eine Kugel das Auto und beinahe wäre Anne getroffen worden. Ihre Wut schien nun überzulaufen. Anne tobte! „Brems Luis“ schrie sie plötzlich. „Brems sofort!“ Anne hatte sich auf dem Beifahrersitz umgedreht und hingekniet. Zwischen ihren Knien hatte sie die Flasche festgeklemmt. In ihrer linken Hand hielt sie ein Feuerzeug und in ihrer rechten den Pflasterstein. Luis begriff nun, was Anne wollte. Innerlich dachte er zwar noch, dass das nie klappen würde, aber sein Körper handelte instinktiv und gehorchte Annes Befehl. Er trat mit aller Kraft auf die Bremse! Das Auto wehrte sich und quietschte und knarrte, es fing an nach verbranntem Gummi zu riechen. „Halt Dich fest Luis, gleich kracht es! Wenn ich jetzt rufe, dann gibst Du Gas und fährst los, was die Karre hergibt!“. Luis nickte nur und stand noch immer auf dem Bremspedal.

Der Wagen hinter ihnen realisierte das Bremsmanöver zu spät. Es war Nacht und die Bremslichter von Anne und Luis Wagen waren längst zu Schrott gefahren. Die Verfolger versuchten abzubremsen, was ihnen teilweise gelang, dennoch landeten sie mit einem heftigen Knall im Heck des vorderen Autos, dass seine Fahrt stark abgebremst hatte. „Ihr Arschlöcher! Jetzt zeige ich Euch das Wetter in der Hölle!“ brüllte Anne und zog auf, um den Pflasterstein zu werfen. Er segelte durch ihr Auto und landete mit voller Wucht in der Frontscheibe des hinteren Wagens. Das knirschende und splitternde Geräusch zeigte Anne, dass ihr Plan aufging. Mit zittrigen Fingern zündete sie nun den mit Alkohol getränkten Lappen an der Piscoflasche an und schwang ihre selbstgebastelte Brandbombe triumphierend. „Fahrt zur Hölle!“ schrie sie wie ausser sich und warf den Brandsatz. Die Flasche drehte sich im Flug durch ihr Auto und streifte ganz knapp den Rahmen der Heckscheibe. Für einen Moment blieb Annes Herz stehen. Doch dann setzte die Flasche ihre Bahn fort und traf genau in ihr Ziel.

„Jeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeetzt!“ schrie Anne und Luis trat aufs Gaspedal. Die Reifen qualmten und schrien und der Wagen setzte sich taumelnd in Bewegung. Luis sah es nur im Rückspiegel, aber Anne kniete noch immer umgedreht auf dem Beifahrersitz. Ihr Gesicht wurde von einem gelben Feuerschein erleuchtet. Ein riesiger Knall begleitete die Explosion und das Fahrzeug blieb brennend stehen, während Anne und Luis in die Nacht hinaus rasten.

Einen Moment lang herrschte absolute Funkstille. Weder Anne noch Luis brachten ein Wort über ihre Lippen. Die Nacht zog mit kühlem Duft an ihren Gesichtern vorbei und die Luft wehte ungebremst in das Fahrzeug. „Da!“ rief Anne plötzlich. „Da vorne gibt es eine Abzweigung und die Strasse führt zu dem alten Haus dort weiter hinten. Kannst Du es sehen?“ fragte sie Luis. Dieser schüttelte den Kopf. Es war dunkel und dort brannte kein Licht. „Los, wir müssen von der Strasse!“ rief Anne und Luis wusste, dass sie recht hatte.

Der Wagen wirbelte den trockenen Sand auf der Strasse auf, doch im Schutze der Dunkelheit konnte das niemand sehen. Vor dem halb zerfallenen Haus hielt Luis den Wagen an. Anne entdeckte so eine Art Scheune neben dem Haus und wies Luis an, den Wagen dort zu verstecken. Er tat wie Anne ihn hiess. Er kam mit seinem Rucksack und einer Taschenlampe zurück. „Los, lass uns im Haus umsehen, ob wir eine Schlafgelegenheit finden!“ flüsterte Luis und beide stemmten die angelehnte, kaputte Tür auf. Es roch nach Moder und Schimmel und eigentlich hätte man annehmen müssen, dass dieses Haus schon lange nicht mehr betreten wurde. Doch Anne lenkte Luis Aufmerksamkeit auf den Fussboden. Da waren Fussspuren im Staub die ziemlich frisch aussahen. Luis schaute Anne fragend an. „Na los, las uns nachsehen!“ flüsterte sie. Luis zögerte, aber Anne packte ihn am Arm und nahm ihm die Taschenlampe ab.

Der Holzfussboden knarrte leicht bei jedem Schritt, den die beiden taten. Anne schlich sich immer weiter den Fussspuren nach, bis diese plötzlich mitten im Raum endeten. Anne kniete sich hin und fuhr mit der Hand über den Boden. „Dachte ich doch!“ flüsterte sie mehr zu sich selbst und schaute sich nach einem Gegenstand um, den Sie als Brecheisen hätte benutzen können. Tatsächlich fand sie ein Metallstück, dass sie in eine Spalte im Boden schob und sich nun mit aller Kraft dagegen stemmte. Es knarrte und plötzlich hob sich im Boden eine Falltür leicht an. Luis griff mit an und gemeinsam öffneten sie die Tür im Fussboden.

Sie blickten beide in einen Gang der scheinbar unter dem Haus verlief. Eine Kerze flackerte vor sich hin und verbreitete ein wenig Licht. „Los komm!“ raunte Anne Luis zu, der eigentlich gar keine Lust hatte, sich in ein neues Abenteuer zu stürzen. Doch Anne war nicht zu bremsen und lief immer schneller. In ihrem Bauch machte sich plötzlich ein seltsames Gefühl breit. Etwas in ihr fing immer mehr an zu drehen und an ihr zu zerren und sie hatte das Gefühl, dass eine Kraft sie zog. Doch plötzlich endete der Gang und Anne stand mitten in einem spärlich beleuchteten Raum.

Sie sah in zwei paar erschrockene Augen. Auch Luis bog nun um die Ecke und was er da sah, nahm ihm den Atem!

Weiter mit Fragmente 1.30 – Das Labyrinth

Fragmente 1.28 – Rettung und neue Gefahr

Photocredit: Foto von Kudumomo@Flickr

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Margaretha vergass jede Vorsicht und rannte auf Pedro zu. Anne und Luis folgten ihr. Anne zerdrückte es fast das Herz mit ansehen zu müssen, wie Margaretha neben Pedro nieder kniete und behutsam seinen Kopf auf Ihre Beine bettete. Eingetrocknetes Blut klebte überall in seinem Gesicht und Haaren und zahlreiche Wunden, die auch seinen nackten Oberkörper bedeckten, zeugten von der grausamen Folter der Entführer. Pedro atmete flach und nur das Leuchten in seinen Augen vermochte seinen Rettern zu signalisieren, wie froh er war, dass sie ihn gefunden hatten. Das Sprechen fiel ihm sichtlich schwer. „Mutter…“ hauchte er und Margaretha legte ihm sanft ihren Zeigefinger auf seine Lippen um ihm zu verstehen zu geben, dass er nicht zu sprechen brauchte. „Danke….ihr…“ flüsterte Pedro, dann übernahm eine gnädige Ohnmacht seinen Körper.

„Er muss ins Krankenhaus!“ zeriss Annes aufgeregte Stimme die schmerzhafte Stille in der Lagerhalle. Doch Margaretha winkte ab. Sie befürchtete, dass die Entführer ihn dort finden würden und überzeugte die Anderen mit ihrem Vorschlag Pedro nach Hause zu nehmen und sich dort um ihn zu kümmern, während Anne und Luis zu den Ebenen von Nazca fahren sollten um den zweiten Kartenstein zu finden. Anne und Luis willigten zögerlich ein. Ihnen war bewusst, dass es ein Wettlauf mit der Zeit werden würde und wie wichtig es war, die Bibliothek schnellstmöglich zu finden. Sie trugen Pedro zum Auto und machten sie auf den Weg zu Margarethas Pension.

Nachdem Margaretha ihren Sohn fürs erste versorgt und ihn ins Bett gelegt hatte, rief sie eine befreundete Ärztin an, welche sich bereit erklärte vorbeizukommen und Pedro zu untersuchen. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis sie eintraf und zusammen mit Margaretha im Zimmer von Pedro verschwand. Eine halbe Stunde später hatten sie Gewissheit, dass er stabil war und es überstehen würde. Die Wunden waren alle oberflächlich und sahen schlimmer aus als sie waren. Margarethas Freundin verabschiedete sich und liess einige Medikamente und Verbandsmaterial, einen Verletzten und drei komplett erledigte Menschen zurück. Eine Mischung aus Angst, Besorgnis und Wut hing wie eine Gewitterwolke im Speisesaal der Pension.

Die drei sassen schweigend an einem Tisch und versuchten ihre Gedanken zu ordnen und das Vergangene zu verarbeiten. Anne spürte eine bleierne Müdigkeit und den unbändigen Wunsch, das alles möge jetzt einfach wie ein hässlicher Albtraum vorbei sein und sie würde in ihrem Bett zu Hause erwachen. Doch das passierte nicht. Sie war hier und es gab kein Entrinnen. Der Weg, den sie begonnen hatte, musste zuende gegangen werden. Sie rang mit ihren Ängsten und Sorgen und plötzlich flackerte ein kleines Feuer in ihrem inneren auf. Plötzlich wurde ihr wieder bewusst, dass sie Teil einer wichtigen Begebenheit war und eine Aufgabe hatte. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie stand auf blickte von Margaretha zu Luis. „Wir müssen uns zusammenreissen!“ sagte sie zu den beiden, die ihr mittlerweile so ans Herz gewachsen waren. Luis und Margaretha sahen zu ihr hoch und nickten abwesend.

Anne schüttelte ihre Lethargie ab und ging in die Küche um Kaffee aufzusetzen. Margaretha erhob sich ebenfalls und holte eine Strassenkarte von Peru, die sie auf dem Tisch ausbreitete. Margaretha war froh, sich etwas ablenken zu können und vertiefte sich in dem Wirrwarr von Strassen, die das Papier überzogen. „Eigentlich ist es ganz einfach. Ihr nehmt die Panamericana und fahrt etwa 500 Kilometer Richtung Süden.“ Sagte sie  und Luis fügte nickend an: „Das sollten wir in etwa 8 bis 9 Stunden schaffen.“ Anne wollte nicht mehr länger warten und schlug vor, noch etwas zu essen, das nötigste zusammen zu packen um dann los zu fahren. Sie würden die Strecke aufteilen und derjenige der nicht fuhr, würde schlafen und sich so erholen können. Luis willigte ein.

Anne brachte den Kaffee und gemeinsam planten sie ihre Fahrt. Langsam vertrieben Mut und Entschlossenheit die Sorgen der kleinen eingeschworenen Gemeinschaft. Wenn Pedros Qualen nicht umsonst gewesen sein sollen, dann müssten sie nun weitermachen und ihr Ziel erreichen. Schliesslich wollten Anne und Luis auch ihre Liebsten suchen und Anne war sich sicher, dass sie Raoul und Carlos bald finden würden. In ihren Träumen begegnete sie Raoul immer in dort, wo ihre Reise sie nun als nächstes hinführen sollte. Margaretha stand nun auf und ging in die Küche um etwas zu essen zuzubereiten, während Anne und Luis auf ihre Zimmer gingen, um das nötigste für die Fahrt einzupacken. Anne nahm den Kartenstein in die Hand und betrachtete ihn. In Ihren Gedanken sah sie sich mit Raoul damals im Büro sitzen. Damals war der Stein für sie nur ein Gegenstand, den sie in einer Liste neben vielen anderen Artefakten wahrnahm. Raoul brachte ihn zu ihr und nun sollte er sie wieder zu ihm bringen. Sie drückte den Stein an ihr Herz und flüsterte leise: „Bald werden wir uns wiedersehen, Raoul!“. Dann nahm sie ein T-Shirt und wickelte den Stein darin ein und packte ihn in ihren Rucksack.

Bevor Anne nach unten ging, wollte sie noch kurz nach Pedro schauen und öffnete vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer. Auf Zehenspitzen schlich sie sich zu seinem Bett und setzte sich behutsam auf die Kante der Matratze um ihn ja nicht aufzuwecken. Margarethas Freundin hatte seine Wunden versorgt und ihm einige Verbände angelegt. Er hatte auch ein starkes Schmerzmittel erhalten, das gleichzeitig dafür sorgte, dass Pedro schlafen konnte. Sein Atem ging gleichmässig und Anne strich ihm zärtlich eine Locke aus der Stirn. Es fiel ihr nicht leicht, ihren Halbbruder, den sie doch gerade erst gefunden hatte, schon wieder alleine zu lassen. Noch dazu in so einem Zustand. Doch sie wusste, dass er es verstehen würde. Sie beugte sich langsam zu ihm hinunter und küsste ihn sanft auf die Stirn. Es knarrte leise an der Tür und Luis betrat leise das Zimmer. Er machte ihr Zeichen, dass das Essen fertig sei und sie kommen sollte. Anne nickte und Luis ging wieder aus dem Zimmer. Anne betrachtete Pedro noch einmal liebevoll und verliess dann den Raum um sich für die Fahrt zu stärken.

Das Essen schmeckte, aber Anne war bereits in Gedanken im Süden und sah sich mit Luis nach Raoul und Carlos suchen. Als ob Luis erraten hätte, was Anne beschäftigte sagte er leise zu ihr: „keine Angst, wir werden die Beiden finden. Ich bin überzeugt davon, ich habe das starke Gefühl, dass wir bald mit ihnen vereint sein werden.“. Anne nickte. Auch sie fühlte, dass bald etwas Wichtiges geschehen würde und dass sie Raoul und Carlos bald wiedersehen würden.

Nach dem Essen verstaute Luis Annes Rucksack und seine Tasche im Wagen. Er setzte sich ans Steuer und drehte den Zündschlüssel um zu prüfen, wie viel Benzin noch im Tank war. Er sah, dass die Nadel des Tankanzeigers nicht weit nach oben kletterte und nahm sich vor, Margaretha nach der nächsten Tankstelle zu fragen. Er stieg aus und sah in den Himmel, der sich nun langsam rot verfärbte. Die untergehende Sonne zauberte ein wunderbares Farbenspiel in die wenigen Wolken und die ersten hellen Sterne waren bereits zu sehen. Seine Gedanken schweiften in den Süden zu Carlos und eine bleierne Sehnsucht packte ihn. So lange hatte er seinen Freund nun schon nicht mehr gesehen und nun, da das Wiedersehen zum Greifen nahe stand, konnte er es kaum erwarten. Es gab auch Zweifel, die sich in seinen Kopf schlichen. Wo genau sollten sie ihre Suche beginnen? Waren die beiden noch am Leben? Was würde sie auf den Ebenen von Nazca erwarten?

Das Knacken eines Astes in einem Gebüsch riss ihn aus seinen Gedanken zurück in die Realität. Er schaute sich im Garten um und schaute mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Doch da war nichts. Die Hecke sah aus wie immer. Luis schloss die Autotür und drehte den Schlüssel im Schloss. Gerade als er wieder ins Haus wollte, hörte er wieder ein Geräusch. Diesmal war es eine Autotür, die hinter der Hecke zuschlug. Er wartete ab. Doch er hörte keinen Motor starten. Vielleicht war auch jemand ausgestiegen, dachte er. Doch dann hätte er doch das Auto heranfahren hören müssen? Er verscheuchte seine Gedanken wieder. Es war ihnen niemand gefolgt, als sie Pedro am Hafen geholt hatten und die Verfolger konnten nicht wissen, dass sie hier waren.

Er ging zurück zur Pension um Anne zu holen und Margaretha nach der nächsten Tankstelle zu fragen. Anne stand bereits im Türrahmen und verabschiedete sich von Pedros Mutter. „Viel Glück und bitte sag Pedro liebe Grüsse, wenn er wieder erwacht!“ sagte sie. „Ihr werdet wohl fast wieder zurück sein, bis Pedro wieder aufwacht.“ Sagte Margaretha und drückte Anne fest an sich. Auch Pedro verabschiedete sich von Margaretha und wünschte ihr viel Glück. Auf der Karte zeigte sie ihm noch, wo sie tanken konnten und dann fuhren Anne und Luis gemeinsam hinaus in die Nacht. Nach dem sie ihren Tank gefüllt und noch Wasser für die Fahrt gekauft hatten, fuhren sie über die Auffahrt auf die Panamerica, die sie nach Süden zu Raoul und Carlos bringen sollte.

Die Fahrt verlief ruhig. Je später die Nacht wurde, umso weniger Verkehr war auf der Autobahn auszumachen. Anne schlief auf dem Beifahrersitz, während Luis den Wagen für die ersten vier Stunden steuerte. Anne schlief ruhig und traumlos während Luis seinen Gedanken nachhing und sich vor seinem inneren Auge das Wiedersehen mit Carlos immer und immer wieder vorstellte. Die Strasse lehrte sich immer mehr. Nur der Wagen mit dem kaputten rechten Scheinwerfer blieb immer auf gleicher Distanz hinter ihnen. Doch Luis mass dem keine Bedeutung bei. Er wollte so schnell wie möglich zu Carlos. Langsam wurde der Druck in seiner Blase immer stärker. Er verlangsamte seine Fahrt und fuhr links an den Strassenrand und stieg aus, um sich zu erleichtern. Anne bekam davon nichts mit und schlief tief und friedlich. Luis kramte sich eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Langsam blies er den Rauch in die Nacht und betrachtete die Sterne. Ein Auto raste vorbei und zerschnitt die Stille des Niemandslandes, in dem sie sich mittlerweile befanden. Luis schnippte die fertig gerauchte Kippe auf die Strasse, streckte sich und begab sich zurück zum Auto. Anne schlief noch immer und ihr Oberkörper hob und senkte sich in regelmässigem Rhythmus auf und ab. Luis startete den Motor und fuhr zurück auf die leere Strasse.

Im Rückspiegel sah er, dass mit einigem Abstand hinter ihnen ebenfalls ein Auto zurück vom Strassenrand auf die Strasse fuhr. Etwas erstaunt stellte er fest, dass der rechte Scheinwerfer kaputt war. Nun begann er sich doch Gedanken zu machen. Wurden sie verfolgt? Er versuchte sich diese Zweifel auszureden, doch gleichzeitig suchte er nach einer Idee, den Wagen hinter ihnen loszuwerden. Er verlangsamte die Fahrt in der Hoffnung, dass das Auto sie überholen würde. Doch auch die Verfolger verlangsamten. Luis gab wieder Gas und beschleunigte diesmal auf eine viel höhere Geschwindigkeit. Auch jetzt passte sich der Wagen hinter ihnen ihrer Geschwindigkeit wieder an. Luis verlangsamte die Fahrt wieder. Doch dieses Mal bremsten die Verfolger nicht ab. Das Auto hinter ihnen kam immer näher, gefährlich nahe!

„Los, überhol doch!“ rief Luis, der nun langsam in Panik geriet. Anne erwachte schlagartig. „Was ist los?“ fragte sie Luis. „Wir werden verfolgt!“ antwortete er. Anne blickte nach hinten. Die Verfolger kamen immer näher. Anne sah, wie der Scheinwerfer der Verfolger aus ihrem Gesichtsfeld verschwand und vom Kofferraum ihres eigenen Autos verdeckt wurde. „Achtung Luis!“ schrie sie und dann hörte sie ein lautes Krachen und das Splittern von Glas.

Weiter mit Fragmente 1.29 – Wut gegen Angst

Fragmente 1.27 – Der Schlüssel

durchgang

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Hinter sich hörte Anne das Rufen der drei Männer, die Pedro in ihrer Gewalt hatten. Sie versuchte sich in dem dunklen Raum zurecht zu finden und schaute sich während ihres Fluchtversuches fieberhaft um. Irgendwo musste es doch einen Ausgang geben. Beinahe wäre sie frontal in einen Stapel Holzkisten gerannt und schaffte es gerade noch, einen Haken schlagend, dem Hindernis auszuweichen. Über einem der Stapel lag eine Plane und dahinter konnte sie erkennen, dass eine der Kisten offen war. Mit einem Sprung hechtete Anne zu dieser Öffnung, kroch hinein und zog die herunterhängende Plane zu. Ihr Herz raste, sie war schweissnass und zitterte am ganzen Körper. Sie war nicht fähig ihre Gedanken zu ordnen. Nur eine einzige Erkenntnis beherrschte ihr Denken. Sie durfte auf keinen Fall diesen Männern in die Fänge geraten.

Sie versuchte sich zu entspannen um so leise wie möglich zu atmen. Sie hörte, wie die Männer draussen schreiend durch die Halle rannten. „Sie muss sich versteckt haben!“ rief der Monsignore. „Wir werden sie schon finden!“ atwortete Öcan, der Mudschahid. Die Schritte verlangsamten sich und die Stimmen ihrer Verfolger wurden zusehends ruhiger. Anne hörte wie Gegenstände verschoben wurden, Holzkisten wurden abgeklopft und ihr Herz blieb fast stehen, als sie genau vor ihrem Versteck die Stimme des Rabi hörte: „Hierher! Hier könnte sie sein!“. Anne hielt ihren Atem an und spürte, wie die Angst ihren Körper lähmte. Sie schloss ihre Augen und wartete. Sie hörte, wie die Männer auf ihr Versteck zukamen. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie die Verfolger sie aus der Holzkiste zerrten, sie schlugen und in Fesseln legten. Doch plötzlich veränderte sich das Bild.

Die Szenerie der Lagerhalle verblasste und wich den Wänden einer Höhle, in deren Mitte der Kartenstein schwebte, den Anne nach Peru gebracht hatte. Der Stein war in eine weitere, grössere Platte eingefügt, der die Zeichnungen des inneren Steines ergänzten. Bei näherem Hinsehen entpuppten sich die Höhlenwände als unregelmässiges Mauerwerk. Die einzelnen Ziegelsteine schienen eine bröckelige, fast mehlige Struktur aufzuweisen. In einer Wand erkannte Anne drei kleine Nischen, die je ein Holzstück enthielten. Die Holzstücke sahen aus wie einzelne Teile einer Panflöte und unterschieden sich in Durchmesser und Länge. Plötzlich wurde eines dieser Holzstücke von einer Vibration erfasst und begann einen singenden Ton von sich zu geben. Auch das zweite Teil begann leicht zu vibrieren und erzeugte einen zweiten Ton, der harmonisch zum ersten Klang passte. Nun regte sich auch die dritte Flöte und vollendete einen mächtig klingenden Akkord. Anne spürte, wie sich die Höhle aufzulösen begann. Es entstand eine Art Strudel der alles was sie sah in sich hineinzuziehen schien.

Der Rabbi riss die Plane von der Holzkiste und schrie „Hier ist sie! Ich habe sie gefunden!“. Anne öffnete ihre Augen und blickte in die drei Gesichter von Pedros Entführer und drei Mündungen von Handfeuerwaffen, die auf sie gerichtet waren. „Los, kommen sie ganz langsam aus der Kiste heraus! Wenn sie versuchen zu flüchten, erschiessen wir sie und danach ihren Freund!“. Aus einer gewissen Entfernung hörte sie Pedro rufen: „Lauf Anne! Nimm keine Rücksicht auf mich! Lauf um Dein Leben!“. Doch Anne konnte sich nicht bewegen. Der Klang der Flöten wurde immer lauter und hinter ihr begann sich die Wand der Holzkiste aufzulösen. Anne spürte, wie ihr Körper von einer Kraft ergriffen wurde, die sie in einen Sog hinein zog. Sie wehrte sich nicht, liess los und glitt langsam dem Strudel entgegen! Die Augen der Männer weiteten sich. „Was zum Teufel?“ rief der Monsignore und betätigte den Abzug seiner Pistole. Anne sah, wie sich alles was in der Lagerhalle geschah in der Zeit verzögerte, als schaue sie einen Film in Zeitlupe.

Die Kugel kam auf sie zugeflogen, verlangsamte dabei aber immer mehr. Bevor sie Anne erreichte, verblasste alles vor Annes Augen. Dunkelheit umgab sie und Panik ergriff einmal mehr Besitz von ihr. Sie versuchte zu schreien, aber obwohl ihr Verstand voll funktionierte, schien ihr Körper nicht zu gehorchen. Langsam erinnerte sie sich, dass sie eigentlich in Margarethas Penison im Bett lag und träumte. Sie begann das Bettlacken zu fühlen, das schweissnasse Kissen, auf dem ihr Kopf lag. Sie wollte erwachen, schreien, sich gegen ihren Traum wehren. Minutenlang verharrte sie, von Panik ergriffen, gelähmt in einer Stasis, die nicht enden wollte. Langsam tauchte sie auf, ihr Mund öffnete sich und der Schrei, der eine Ewigkeit brauchte um Wirklichkeit zu werden, eroberte ihre Kehle. Aus einem anfänglich glucksenden Laut wurde ein Murmeln, das immer lauter wurde, bis Anne die Kontrolle über ihren Körper wieder hatte.

Sie schrie so laut sie konnte und liess ihren Traum hinter sich. Das Gepolter an ihrer Tür holte sie endgültig zurück in die Realität. „Anne, ist alles in Ordnung bei Dir? Ich komme herein, ok?“ Margarethas Stimme klang wie eine rettende Verheissung in Annes Kopf. Die Tür öffnete sich und Pedros Mutter kam ins Zimmer gerannt und stürzte zu Annes Bett. Anne richtete sich auf und Margaretha nahm sie in ihre Arme. „Es ist alles in Ordnung! Du bist in Sicherheit. Es war nur ein Traum!“ versuchte Margaretha Anne zu beruhigen. „Es war nicht nur ein Traum!“ sagte Anne, die sich langsam wieder erholte. „Meine Träume sind nicht nur normale Träume!“ fügte sie hinzu und blickte Margaretha an. Sie sprach weiter: „Ich weiss jetzt, wo sie Pedro gefangen halten!“. Die Augen von Pedros Mutter weiteten sich.

Anne versuchte darin zu lesen, ob Margaretha ihr glaubte. „Dein Vater, er hatte auch diese Träume!“ sagte Margaretha langsam. „Was hast Du von Pedro geträumt?“ fragte sie nun, doch Anne wollte sie nicht zu stark beunruhigen und erzählte nur, wo Pedro festgehalten wurde: „Er ist in einer Lagerhalle! Auf einer der Kisten, die dort massenweise herumstanden, sah ich eine Aufschrift Callao Terminal Maritimo. Sagt Dir das etwas?“. Margaretha sprang auf. „Ich weiss, wo wir suchen müssen!“ rief sie und verliess das Zimmer. Ein paar Sekunden später hörte sie Pedros Mutter an Luis Tür klopfen. „Steh auf Luis, Anne hat Pedro gefunden!“.

Auf der Fahrt zum Hafenterminal erzählte Anne ihren ganzen Traum. Die Szenen mit Pedros Folterungen liess sie aber aus Rücksicht auf Margaretha aus. Sie erzählte auch vom Ende ihres Traums und von dem seltsamen Strudel, in den sie hineingezogen wurde. „Nada Brahma“ murmelte Luis plötzlich. „Nada was?“ fragte Anne zurück. Pedro erzählte von einem Buch, dass er vor einiger Zeit gelesen hatte, in dem aufgezeigt wurde, dass die Naturgesetzte unserer physikalischen Welt mit den harmonikalen Gesetzten der Musik übereinstimmten. „Die Welt ist Klang“ war die grundlegende Aussage des Buches. „Sogar der Aufbau von Atomen stimmte mit den Proportionen unserer Musik überein!“ erzählte Pedro weiter. „Ein Schlüssel!“ rief Anne aufgeregt. „Der Klang ist der Schlüssel und der Kartenstein führt uns zu dem Raum, wo die Flöten versteckt sind!“

Margaretha liess sich von Anne ganz genau die Beschaffenheit der Höhle beschreiben, in der die Flöten versteckt waren. „Die Lambayeque“ murmelte sie vor sich hin. „Doch es gibt einige Ruinen dieses Volkes, das vor den Inkas das Gebiet von Peru beherrschte, die Suche dürfte nicht einfach werden!“ Anne erzählte, dass der Stein den sie mitbrachte, ihnen den Weg weisen würde, es dazu aber noch einen zweiten Stein brauche, in den der erste eingefügt werden musste. Aus ihren Träumen wusste Anne auch, wo dieser andere Stein zu finden wäre. Sie mussten nur den Ort auf den Ebenen von Nazca finden, an dem sie Raoul und Carlos schon so oft im Traum begegnet war. Langsam nahm der Weg, der vor ihnen lag Gestalt an.

„Wir sind da!“ rief Margaretha plötzlich. Anne blickte aus dem Fenster und sah das grosse Lagergebäude, auf dem mit grossen Buchstaben Callao Terminal Maritimo stand. Ein grosses Tor versperrte die Einfahrt zu dem Gelände und wie erwartet war es verschlossen. Doch Luis entdeckte unweit des Eingangs eine Stelle, wo der Zaun zerstört war. Sie parkierten das Auto an der Strasse, stiegen aus und quetschten sich durch das Loch in der Umzäunung. An der Lagerhalle angekommen suchten sie einen Eingang, den sie auch bald fanden. Die Tür war offen und leise schlichen sie sich in das Dunkel der Halle. Anne erkannte den Geruch des Raumes wieder und sah die Stapel mit den Holzkisten. Kein Geräusch drang an ihre Ohren. Scheinbar waren die Entführer nicht hier. Ein leises Stöhnen liess die Gruppe aufhorchen. „Pedro!“ flüsterte Margaretha und Anne nickte. Vorsichtig gingen sie weiter in die  Richtung, aus der sie Pedro hörten.

Sie drückten sich mit ihren Rücken an eine Holzkiste, hinter der das Stöhnen zu hören war. Margaretha versuchte einen Blick hinter die Kiste zu werfen.

Ihr Schrei zeriss die unheimliche Stille der Lagerhalle.

Weiter mit Fragmente 1.28 – Rettung und neue Gefahr

Fragmente 1.25 – Erinnerungen und neue Freunde

Photocredit: Kenneth Moyle @ Flickr bestimmte Rechte vorbehalten

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„Wo ist Pedro?“ fragte Luis. Margaretha hantierte mit der Schöpfkelle „er wollte noch schnell etwas besorgen, wollte aber in etwas zwei Stunden wieder zurück sein, sagte sie und setze sich zu den beiden an den Tisch. „Das riecht sehr lecker!“ konstatierte Anne und machte sich sofort an ihre Suppe, welche so gut schmeckte, wie ihr Duft versprach. Auch Luis ass mit Appetit und man sah ihm an, dass es ihm ebenso mundete. Nur Margaretha schien nicht so hungrig zu sein. Ihre Augen klebten an Anne. Sie beobachtete jede ihrer Bewegungen und ab und zu huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Geradezu liebevoll betrachtete sie, wie Anne das Mahl genoss. Nach der Suppe gab es Eintopf mit Bohnen, Kartoffeln und Fleisch. Anne und Luis assen alles auf und putzen die restliche Sauce mit ein paar Stücken Brot aus ihren Tellern.

Margaretha stand auf und räumte das Geschirr in die Küche. „Hast Du bemerkt, wie sie dich beobachtet hat?“ flüsterte Luis zu Anne gebeugt. „Nein, ich war zu beschäftigt mit dem Essen! Wieso, was ist Dir aufgefallen?“ raunte Anne zurück. „Na…“ wollte Luis antworten, da kam Margaretha bereits mit dem Dessert. „Und hier präsentiere ich Euch Suspiro de Limeña, das ich extra für Euch zubereitet habe. Ich hoffe, es schmeckt euch!“ lächelte Margaretha die beiden an und stellte ihnen je eine Schale hin. „Hmmm!“ raunte Luis, „es schmeckt sehr lecker!“. Anne probierte vorsichtig um dann gleich eine grössere Portion auf den Löffel zu hieven. Es war eine Creme die  nach Caramel duftete und von feinen Meringues gekrönt war, die nach Portwein und Zimt rochen.

Margaretha strahlte als sie merkte, wie Anne und Luis ihr Essen genossen. Als auch das Dessert vertilgt war, verschwand die Gastgeberin wieder in der Küche. „Sie hat Dich beobachtet. Jede Bewegung von Dir hat sie regisitriert und zwischendurch lächelte sie ganz selbstvergessen!“ setzte Luis das unterbrochene Gespräch fort. Anne versank in ihren Gedanken. „Ich habe da so eine Ahnung!“ raunte sie Luis zu und bevor sie weiter sprechen konnte, kam Pedros Mutter mit Kaffee und einer Flasche Pisco und 3 kleinen Gläsern. Sie goss jedem eine Tasse Kaffee und einen Schnaps ein.

Anne hatte das Essen genossen. Es schmeckte wunderbar. Doch innerlich waren ihre Nerven zum Zerreissen gespannt. Das Geheimniss um Margaretha liess sie nicht mehr los. In ihrem Kopf legte sie sich pausenlos Sätze zurecht, wie sie ihre Gastgeberin auf dieses Thema ansprechen könnte. Margaretha sah in die zufriedenen Gesichter ihrer Gäste. Sie lächelte aber Anne sah, dass auch Margartha dabei war, Worte zu suchen um ein Gespräch zu beginnen.

„Anne“ begann Pedros Mutter. Anne zuckte zusammen, die Gedanken rasten durch ihren Kopf. „Anne Kammermann“ wiederholte nun Margaretha den Namen und blickte Anne dabei mit warmen Augen an. Anne war unsicher. Sie lächelte und überlegte fieberhaft, ob sie darauf etwas antworten sollte. „Anne“ hob Margaretha abermals an und fuhr weiter „ich glaube, Du hast schon herausgefunden, dass es zwischen uns eine Verbindung gibt.“ Sie wendete ihren Blick nicht von Anne ab und nahm jede Regung in ihrem Gesicht wahr. Sie lächelte wieder „Du siehst Deinem Vater so ähnlich!“ sagte Margaretha plötzlich und Anne sah, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Annes Blick wanderte tiefer und mit einem Male sah sie ein Amulett an Margarethas Hals baumeln, dass das gleiche ägyptische Symbol zeigte, dass Annes Vater als Tätowierung auf dem Rücken trug.

„Woher kennst Du meinen Vater?“ fragte Anne nun, obwohl sie tief in sich verborgen bereits ahnte, welcher Art die Verbindung war. Margaretha erzählte nun davon, wie sie damals zusammen mit Raouls und Annes Vater bei den Ausgrabungen half. Immer wieder kämpfte sie mit den Tränen und mit einem Male nahm sie Annes Hände und sagte langsam und sanft: „Dein Vater und ich liebten uns damals und um erhlich zu sein, ich liebe ihn noch immer!“ Anne war sprachlos, obwohl sie dies bereits erahnt hatte.

Anne sah Margaretha, deren Gesicht warm leuchtete und die sie aus tränennassen Augen sanft anlächelte, lange an. „Du….Du und mein Vater, ihr….“ stotterte Anne, „ihr wart verliebt?“. Anne fand langsam zu sich zurück. In ihrem Kopf tauchten Bilder aus ihrer Kindheit auf, als ihr Vater in Peru weilte und ihre Mutter oft weinend am Küchentisch sass. Sie hatte Anne immer getröstet und nie ein böses Wort über ihn verloren, doch er musste ihr damals seine Liebe zu Margaretha gebeichtet haben. Denn als er zurückkehrte, trennten sich Annes Eltern. Sie hatte das damals nicht verstanden. Nun verstand sie. Sie fühlte wie die Traurigkeit von damals in ihr hochstieg. Ihre Sorge um ihre Mutter, die sie über Nächte hin wach gehalten hatte, schlich als Schatten aus der Vergangenheit zurück in ihr Erinnerungsvermögen. Andererseits empfand sie aber auch Respekt für ihren Vater, der seine Liebe nicht verbarg, sondern den Mut fand, den Weg seines Herzens zu gehen.

Margaretha blickte Anne immer noch an. Da war noch etwas, dass sie Anne zu sagen hatte. Sie zog langsam Luft in ihre Lungen: „Anne, da ist noch etwas, dass Du nicht weisst. Es geht um Pedro. Er ist Dein Halbbruder!“ Anne konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie war als Einzelkind aufgewachsen und hatte sich immer einen Bruder gewünscht. Nun zu erfahren, dass es ihn gab, war seltsam für sie. Irgendwie war sie noch dabei die Geschichte mit Margaretha und ihrem Vater zu verdauen. Aber zu erfahren dass Pedro ihr Halbbruder war, war weniger ein Schock als etwas, dass Freude in ihr auslöste. Sie lachte. „Ich habe einen Bruder? Pedro ist mein Bruder?“ rief sie. Sie drehte sich zu Luis um „hast Du gehört? Ich habe einen Bruder!“. Er nickte und war sichtlich überfordert von all diesen Neugikeiten.

„A Propos Pedro“ antwortete Luis plötzlich, wo ist er überhaupt? Anne und Margaretha sahen sich überrascht an. „Ja Margaretha, wo ist Pedro? Er wollte doch in zwei Stunden zurück sein!“. Pedros Mutter runzelte die Stirn. Es stimmte, er hatte ihr gesagt, dass er bald zurückkommen würde und dieses „bald“ war schon lange vorbei. Margaretha stand auf, ging zum Telefon und wählte seine Handynummer. Mit jeder Sekunde in der er den Anruf nicht beantwortete, verdunkelte sich ihr Gesicht. Die Stimmung im Raum kippte plötzlich. Ein unheilvoles Gefühl machte sich breit. Alle wussten um die Gefahren, die sie umgaben. Margaretha versuchte sich selbst Mut zuzusprechen. „Er wird sicher noch kommen! Morgen wollte er Euch ja zum Büro von Raoul fahren, damit ihr Eure Suche planen und mit seiner Assistentin sprechen könnt.“ Sagte sie, mehr um sich selbst als die anderen zu beruhigen.

„Ich setze neuen Kaffee auf!“ sagte Margaretha und versuchte zu lächeln. Aber es wollte ihr nicht gelingen und der Raum wirkte nun plötzlich viel dunkler als noch ein paar Minuten zuvor. Anne goss allen noch ein Glas Pisco ein und Margaretha kam wenig später mit dem Kaffee zurück. Wortlos sassen sie an dem Tisch und versuchten das Gesagte der letzten Stunden und die unheilvolle Vorahnung, die im Raum stand, zu begreiffen. Margaretha starrte auf das Telefon, als ob sie mit ihrem Blick den Apparat zu bringen könnte sie auf wundersame Weise mit Pedro zu verbinden. Die Stille war unerträglich, hing schwer über den Köpfen der drei Wartenden. Margaretha stand auf, ging in die Küche und kam mit einer Zigarette in der Hand zurück. Sie ging zum Fenster, öffnete es, steckte sich die Zigarette mit einem Streichholz an und sog den Rauch tief in ihre Lungen. Ihre Augen wanderten in die dunkle Nacht. Sie versuchte die schwarzen Gedanken zu verscheuchen und dachte sich eine harmlose Möglichkeit nach der anderen aus, weshalb Pedro noch nicht zurück sein könnte. Doch die Angst, dass etwas passiert sein konnte, schlich wie Eiseskälte in ihr hoch.

Sie blies den Inhalt ihrer Lungen mit gespitzten Lippen in die kühle Nachtluft sah den Schwaden hinterher. In ihren Gedanken rief sie, nein sie schrie Pedros Namen und dass er sich melden solle! Doch das Telefon schwieg. Noch nie zuvor war ihr bewusst, wie still so ein Apparat sein konnte, wenn man sich nach nichts mehr sehnte, als einem Klingeln.

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