Fragmente 1.28 – Rettung und neue Gefahr

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Margaretha vergass jede Vorsicht und rannte auf Pedro zu. Anne und Luis folgten ihr. Anne zerdrückte es fast das Herz mit ansehen zu müssen, wie Margaretha neben Pedro nieder kniete und behutsam seinen Kopf auf Ihre Beine bettete. Eingetrocknetes Blut klebte überall in seinem Gesicht und Haaren und zahlreiche Wunden, die auch seinen nackten Oberkörper bedeckten, zeugten von der grausamen Folter der Entführer. Pedro atmete flach und nur das Leuchten in seinen Augen vermochte seinen Rettern zu signalisieren, wie froh er war, dass sie ihn gefunden hatten. Das Sprechen fiel ihm sichtlich schwer. „Mutter…“ hauchte er und Margaretha legte ihm sanft ihren Zeigefinger auf seine Lippen um ihm zu verstehen zu geben, dass er nicht zu sprechen brauchte. „Danke….ihr…“ flüsterte Pedro, dann übernahm eine gnädige Ohnmacht seinen Körper.

„Er muss ins Krankenhaus!“ zeriss Annes aufgeregte Stimme die schmerzhafte Stille in der Lagerhalle. Doch Margaretha winkte ab. Sie befürchtete, dass die Entführer ihn dort finden würden und überzeugte die Anderen mit ihrem Vorschlag Pedro nach Hause zu nehmen und sich dort um ihn zu kümmern, während Anne und Luis zu den Ebenen von Nazca fahren sollten um den zweiten Kartenstein zu finden. Anne und Luis willigten zögerlich ein. Ihnen war bewusst, dass es ein Wettlauf mit der Zeit werden würde und wie wichtig es war, die Bibliothek schnellstmöglich zu finden. Sie trugen Pedro zum Auto und machten sie auf den Weg zu Margarethas Pension.

Nachdem Margaretha ihren Sohn fürs erste versorgt und ihn ins Bett gelegt hatte, rief sie eine befreundete Ärztin an, welche sich bereit erklärte vorbeizukommen und Pedro zu untersuchen. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis sie eintraf und zusammen mit Margaretha im Zimmer von Pedro verschwand. Eine halbe Stunde später hatten sie Gewissheit, dass er stabil war und es überstehen würde. Die Wunden waren alle oberflächlich und sahen schlimmer aus als sie waren. Margarethas Freundin verabschiedete sich und liess einige Medikamente und Verbandsmaterial, einen Verletzten und drei komplett erledigte Menschen zurück. Eine Mischung aus Angst, Besorgnis und Wut hing wie eine Gewitterwolke im Speisesaal der Pension.

Die drei sassen schweigend an einem Tisch und versuchten ihre Gedanken zu ordnen und das Vergangene zu verarbeiten. Anne spürte eine bleierne Müdigkeit und den unbändigen Wunsch, das alles möge jetzt einfach wie ein hässlicher Albtraum vorbei sein und sie würde in ihrem Bett zu Hause erwachen. Doch das passierte nicht. Sie war hier und es gab kein Entrinnen. Der Weg, den sie begonnen hatte, musste zuende gegangen werden. Sie rang mit ihren Ängsten und Sorgen und plötzlich flackerte ein kleines Feuer in ihrem inneren auf. Plötzlich wurde ihr wieder bewusst, dass sie Teil einer wichtigen Begebenheit war und eine Aufgabe hatte. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie stand auf blickte von Margaretha zu Luis. „Wir müssen uns zusammenreissen!“ sagte sie zu den beiden, die ihr mittlerweile so ans Herz gewachsen waren. Luis und Margaretha sahen zu ihr hoch und nickten abwesend.

Anne schüttelte ihre Lethargie ab und ging in die Küche um Kaffee aufzusetzen. Margaretha erhob sich ebenfalls und holte eine Strassenkarte von Peru, die sie auf dem Tisch ausbreitete. Margaretha war froh, sich etwas ablenken zu können und vertiefte sich in dem Wirrwarr von Strassen, die das Papier überzogen. „Eigentlich ist es ganz einfach. Ihr nehmt die Panamericana und fahrt etwa 500 Kilometer Richtung Süden.“ Sagte sie  und Luis fügte nickend an: „Das sollten wir in etwa 8 bis 9 Stunden schaffen.“ Anne wollte nicht mehr länger warten und schlug vor, noch etwas zu essen, das nötigste zusammen zu packen um dann los zu fahren. Sie würden die Strecke aufteilen und derjenige der nicht fuhr, würde schlafen und sich so erholen können. Luis willigte ein.

Anne brachte den Kaffee und gemeinsam planten sie ihre Fahrt. Langsam vertrieben Mut und Entschlossenheit die Sorgen der kleinen eingeschworenen Gemeinschaft. Wenn Pedros Qualen nicht umsonst gewesen sein sollen, dann müssten sie nun weitermachen und ihr Ziel erreichen. Schliesslich wollten Anne und Luis auch ihre Liebsten suchen und Anne war sich sicher, dass sie Raoul und Carlos bald finden würden. In ihren Träumen begegnete sie Raoul immer in dort, wo ihre Reise sie nun als nächstes hinführen sollte. Margaretha stand nun auf und ging in die Küche um etwas zu essen zuzubereiten, während Anne und Luis auf ihre Zimmer gingen, um das nötigste für die Fahrt einzupacken. Anne nahm den Kartenstein in die Hand und betrachtete ihn. In Ihren Gedanken sah sie sich mit Raoul damals im Büro sitzen. Damals war der Stein für sie nur ein Gegenstand, den sie in einer Liste neben vielen anderen Artefakten wahrnahm. Raoul brachte ihn zu ihr und nun sollte er sie wieder zu ihm bringen. Sie drückte den Stein an ihr Herz und flüsterte leise: „Bald werden wir uns wiedersehen, Raoul!“. Dann nahm sie ein T-Shirt und wickelte den Stein darin ein und packte ihn in ihren Rucksack.

Bevor Anne nach unten ging, wollte sie noch kurz nach Pedro schauen und öffnete vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer. Auf Zehenspitzen schlich sie sich zu seinem Bett und setzte sich behutsam auf die Kante der Matratze um ihn ja nicht aufzuwecken. Margarethas Freundin hatte seine Wunden versorgt und ihm einige Verbände angelegt. Er hatte auch ein starkes Schmerzmittel erhalten, das gleichzeitig dafür sorgte, dass Pedro schlafen konnte. Sein Atem ging gleichmässig und Anne strich ihm zärtlich eine Locke aus der Stirn. Es fiel ihr nicht leicht, ihren Halbbruder, den sie doch gerade erst gefunden hatte, schon wieder alleine zu lassen. Noch dazu in so einem Zustand. Doch sie wusste, dass er es verstehen würde. Sie beugte sich langsam zu ihm hinunter und küsste ihn sanft auf die Stirn. Es knarrte leise an der Tür und Luis betrat leise das Zimmer. Er machte ihr Zeichen, dass das Essen fertig sei und sie kommen sollte. Anne nickte und Luis ging wieder aus dem Zimmer. Anne betrachtete Pedro noch einmal liebevoll und verliess dann den Raum um sich für die Fahrt zu stärken.

Das Essen schmeckte, aber Anne war bereits in Gedanken im Süden und sah sich mit Luis nach Raoul und Carlos suchen. Als ob Luis erraten hätte, was Anne beschäftigte sagte er leise zu ihr: „keine Angst, wir werden die Beiden finden. Ich bin überzeugt davon, ich habe das starke Gefühl, dass wir bald mit ihnen vereint sein werden.“. Anne nickte. Auch sie fühlte, dass bald etwas Wichtiges geschehen würde und dass sie Raoul und Carlos bald wiedersehen würden.

Nach dem Essen verstaute Luis Annes Rucksack und seine Tasche im Wagen. Er setzte sich ans Steuer und drehte den Zündschlüssel um zu prüfen, wie viel Benzin noch im Tank war. Er sah, dass die Nadel des Tankanzeigers nicht weit nach oben kletterte und nahm sich vor, Margaretha nach der nächsten Tankstelle zu fragen. Er stieg aus und sah in den Himmel, der sich nun langsam rot verfärbte. Die untergehende Sonne zauberte ein wunderbares Farbenspiel in die wenigen Wolken und die ersten hellen Sterne waren bereits zu sehen. Seine Gedanken schweiften in den Süden zu Carlos und eine bleierne Sehnsucht packte ihn. So lange hatte er seinen Freund nun schon nicht mehr gesehen und nun, da das Wiedersehen zum Greifen nahe stand, konnte er es kaum erwarten. Es gab auch Zweifel, die sich in seinen Kopf schlichen. Wo genau sollten sie ihre Suche beginnen? Waren die beiden noch am Leben? Was würde sie auf den Ebenen von Nazca erwarten?

Das Knacken eines Astes in einem Gebüsch riss ihn aus seinen Gedanken zurück in die Realität. Er schaute sich im Garten um und schaute mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Doch da war nichts. Die Hecke sah aus wie immer. Luis schloss die Autotür und drehte den Schlüssel im Schloss. Gerade als er wieder ins Haus wollte, hörte er wieder ein Geräusch. Diesmal war es eine Autotür, die hinter der Hecke zuschlug. Er wartete ab. Doch er hörte keinen Motor starten. Vielleicht war auch jemand ausgestiegen, dachte er. Doch dann hätte er doch das Auto heranfahren hören müssen? Er verscheuchte seine Gedanken wieder. Es war ihnen niemand gefolgt, als sie Pedro am Hafen geholt hatten und die Verfolger konnten nicht wissen, dass sie hier waren.

Er ging zurück zur Pension um Anne zu holen und Margaretha nach der nächsten Tankstelle zu fragen. Anne stand bereits im Türrahmen und verabschiedete sich von Pedros Mutter. „Viel Glück und bitte sag Pedro liebe Grüsse, wenn er wieder erwacht!“ sagte sie. „Ihr werdet wohl fast wieder zurück sein, bis Pedro wieder aufwacht.“ Sagte Margaretha und drückte Anne fest an sich. Auch Pedro verabschiedete sich von Margaretha und wünschte ihr viel Glück. Auf der Karte zeigte sie ihm noch, wo sie tanken konnten und dann fuhren Anne und Luis gemeinsam hinaus in die Nacht. Nach dem sie ihren Tank gefüllt und noch Wasser für die Fahrt gekauft hatten, fuhren sie über die Auffahrt auf die Panamerica, die sie nach Süden zu Raoul und Carlos bringen sollte.

Die Fahrt verlief ruhig. Je später die Nacht wurde, umso weniger Verkehr war auf der Autobahn auszumachen. Anne schlief auf dem Beifahrersitz, während Luis den Wagen für die ersten vier Stunden steuerte. Anne schlief ruhig und traumlos während Luis seinen Gedanken nachhing und sich vor seinem inneren Auge das Wiedersehen mit Carlos immer und immer wieder vorstellte. Die Strasse lehrte sich immer mehr. Nur der Wagen mit dem kaputten rechten Scheinwerfer blieb immer auf gleicher Distanz hinter ihnen. Doch Luis mass dem keine Bedeutung bei. Er wollte so schnell wie möglich zu Carlos. Langsam wurde der Druck in seiner Blase immer stärker. Er verlangsamte seine Fahrt und fuhr links an den Strassenrand und stieg aus, um sich zu erleichtern. Anne bekam davon nichts mit und schlief tief und friedlich. Luis kramte sich eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Langsam blies er den Rauch in die Nacht und betrachtete die Sterne. Ein Auto raste vorbei und zerschnitt die Stille des Niemandslandes, in dem sie sich mittlerweile befanden. Luis schnippte die fertig gerauchte Kippe auf die Strasse, streckte sich und begab sich zurück zum Auto. Anne schlief noch immer und ihr Oberkörper hob und senkte sich in regelmässigem Rhythmus auf und ab. Luis startete den Motor und fuhr zurück auf die leere Strasse.

Im Rückspiegel sah er, dass mit einigem Abstand hinter ihnen ebenfalls ein Auto zurück vom Strassenrand auf die Strasse fuhr. Etwas erstaunt stellte er fest, dass der rechte Scheinwerfer kaputt war. Nun begann er sich doch Gedanken zu machen. Wurden sie verfolgt? Er versuchte sich diese Zweifel auszureden, doch gleichzeitig suchte er nach einer Idee, den Wagen hinter ihnen loszuwerden. Er verlangsamte die Fahrt in der Hoffnung, dass das Auto sie überholen würde. Doch auch die Verfolger verlangsamten. Luis gab wieder Gas und beschleunigte diesmal auf eine viel höhere Geschwindigkeit. Auch jetzt passte sich der Wagen hinter ihnen ihrer Geschwindigkeit wieder an. Luis verlangsamte die Fahrt wieder. Doch dieses Mal bremsten die Verfolger nicht ab. Das Auto hinter ihnen kam immer näher, gefährlich nahe!

„Los, überhol doch!“ rief Luis, der nun langsam in Panik geriet. Anne erwachte schlagartig. „Was ist los?“ fragte sie Luis. „Wir werden verfolgt!“ antwortete er. Anne blickte nach hinten. Die Verfolger kamen immer näher. Anne sah, wie der Scheinwerfer der Verfolger aus ihrem Gesichtsfeld verschwand und vom Kofferraum ihres eigenen Autos verdeckt wurde. „Achtung Luis!“ schrie sie und dann hörte sie ein lautes Krachen und das Splittern von Glas.

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Fragmente 1.27 – Der Schlüssel

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Hinter sich hörte Anne das Rufen der drei Männer, die Pedro in ihrer Gewalt hatten. Sie versuchte sich in dem dunklen Raum zurecht zu finden und schaute sich während ihres Fluchtversuches fieberhaft um. Irgendwo musste es doch einen Ausgang geben. Beinahe wäre sie frontal in einen Stapel Holzkisten gerannt und schaffte es gerade noch, einen Haken schlagend, dem Hindernis auszuweichen. Über einem der Stapel lag eine Plane und dahinter konnte sie erkennen, dass eine der Kisten offen war. Mit einem Sprung hechtete Anne zu dieser Öffnung, kroch hinein und zog die herunterhängende Plane zu. Ihr Herz raste, sie war schweissnass und zitterte am ganzen Körper. Sie war nicht fähig ihre Gedanken zu ordnen. Nur eine einzige Erkenntnis beherrschte ihr Denken. Sie durfte auf keinen Fall diesen Männern in die Fänge geraten.

Sie versuchte sich zu entspannen um so leise wie möglich zu atmen. Sie hörte, wie die Männer draussen schreiend durch die Halle rannten. „Sie muss sich versteckt haben!“ rief der Monsignore. „Wir werden sie schon finden!“ atwortete Öcan, der Mudschahid. Die Schritte verlangsamten sich und die Stimmen ihrer Verfolger wurden zusehends ruhiger. Anne hörte wie Gegenstände verschoben wurden, Holzkisten wurden abgeklopft und ihr Herz blieb fast stehen, als sie genau vor ihrem Versteck die Stimme des Rabi hörte: „Hierher! Hier könnte sie sein!“. Anne hielt ihren Atem an und spürte, wie die Angst ihren Körper lähmte. Sie schloss ihre Augen und wartete. Sie hörte, wie die Männer auf ihr Versteck zukamen. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie die Verfolger sie aus der Holzkiste zerrten, sie schlugen und in Fesseln legten. Doch plötzlich veränderte sich das Bild.

Die Szenerie der Lagerhalle verblasste und wich den Wänden einer Höhle, in deren Mitte der Kartenstein schwebte, den Anne nach Peru gebracht hatte. Der Stein war in eine weitere, grössere Platte eingefügt, der die Zeichnungen des inneren Steines ergänzten. Bei näherem Hinsehen entpuppten sich die Höhlenwände als unregelmässiges Mauerwerk. Die einzelnen Ziegelsteine schienen eine bröckelige, fast mehlige Struktur aufzuweisen. In einer Wand erkannte Anne drei kleine Nischen, die je ein Holzstück enthielten. Die Holzstücke sahen aus wie einzelne Teile einer Panflöte und unterschieden sich in Durchmesser und Länge. Plötzlich wurde eines dieser Holzstücke von einer Vibration erfasst und begann einen singenden Ton von sich zu geben. Auch das zweite Teil begann leicht zu vibrieren und erzeugte einen zweiten Ton, der harmonisch zum ersten Klang passte. Nun regte sich auch die dritte Flöte und vollendete einen mächtig klingenden Akkord. Anne spürte, wie sich die Höhle aufzulösen begann. Es entstand eine Art Strudel der alles was sie sah in sich hineinzuziehen schien.

Der Rabbi riss die Plane von der Holzkiste und schrie „Hier ist sie! Ich habe sie gefunden!“. Anne öffnete ihre Augen und blickte in die drei Gesichter von Pedros Entführer und drei Mündungen von Handfeuerwaffen, die auf sie gerichtet waren. „Los, kommen sie ganz langsam aus der Kiste heraus! Wenn sie versuchen zu flüchten, erschiessen wir sie und danach ihren Freund!“. Aus einer gewissen Entfernung hörte sie Pedro rufen: „Lauf Anne! Nimm keine Rücksicht auf mich! Lauf um Dein Leben!“. Doch Anne konnte sich nicht bewegen. Der Klang der Flöten wurde immer lauter und hinter ihr begann sich die Wand der Holzkiste aufzulösen. Anne spürte, wie ihr Körper von einer Kraft ergriffen wurde, die sie in einen Sog hinein zog. Sie wehrte sich nicht, liess los und glitt langsam dem Strudel entgegen! Die Augen der Männer weiteten sich. „Was zum Teufel?“ rief der Monsignore und betätigte den Abzug seiner Pistole. Anne sah, wie sich alles was in der Lagerhalle geschah in der Zeit verzögerte, als schaue sie einen Film in Zeitlupe.

Die Kugel kam auf sie zugeflogen, verlangsamte dabei aber immer mehr. Bevor sie Anne erreichte, verblasste alles vor Annes Augen. Dunkelheit umgab sie und Panik ergriff einmal mehr Besitz von ihr. Sie versuchte zu schreien, aber obwohl ihr Verstand voll funktionierte, schien ihr Körper nicht zu gehorchen. Langsam erinnerte sie sich, dass sie eigentlich in Margarethas Penison im Bett lag und träumte. Sie begann das Bettlacken zu fühlen, das schweissnasse Kissen, auf dem ihr Kopf lag. Sie wollte erwachen, schreien, sich gegen ihren Traum wehren. Minutenlang verharrte sie, von Panik ergriffen, gelähmt in einer Stasis, die nicht enden wollte. Langsam tauchte sie auf, ihr Mund öffnete sich und der Schrei, der eine Ewigkeit brauchte um Wirklichkeit zu werden, eroberte ihre Kehle. Aus einem anfänglich glucksenden Laut wurde ein Murmeln, das immer lauter wurde, bis Anne die Kontrolle über ihren Körper wieder hatte.

Sie schrie so laut sie konnte und liess ihren Traum hinter sich. Das Gepolter an ihrer Tür holte sie endgültig zurück in die Realität. „Anne, ist alles in Ordnung bei Dir? Ich komme herein, ok?“ Margarethas Stimme klang wie eine rettende Verheissung in Annes Kopf. Die Tür öffnete sich und Pedros Mutter kam ins Zimmer gerannt und stürzte zu Annes Bett. Anne richtete sich auf und Margaretha nahm sie in ihre Arme. „Es ist alles in Ordnung! Du bist in Sicherheit. Es war nur ein Traum!“ versuchte Margaretha Anne zu beruhigen. „Es war nicht nur ein Traum!“ sagte Anne, die sich langsam wieder erholte. „Meine Träume sind nicht nur normale Träume!“ fügte sie hinzu und blickte Margaretha an. Sie sprach weiter: „Ich weiss jetzt, wo sie Pedro gefangen halten!“. Die Augen von Pedros Mutter weiteten sich.

Anne versuchte darin zu lesen, ob Margaretha ihr glaubte. „Dein Vater, er hatte auch diese Träume!“ sagte Margaretha langsam. „Was hast Du von Pedro geträumt?“ fragte sie nun, doch Anne wollte sie nicht zu stark beunruhigen und erzählte nur, wo Pedro festgehalten wurde: „Er ist in einer Lagerhalle! Auf einer der Kisten, die dort massenweise herumstanden, sah ich eine Aufschrift Callao Terminal Maritimo. Sagt Dir das etwas?“. Margaretha sprang auf. „Ich weiss, wo wir suchen müssen!“ rief sie und verliess das Zimmer. Ein paar Sekunden später hörte sie Pedros Mutter an Luis Tür klopfen. „Steh auf Luis, Anne hat Pedro gefunden!“.

Auf der Fahrt zum Hafenterminal erzählte Anne ihren ganzen Traum. Die Szenen mit Pedros Folterungen liess sie aber aus Rücksicht auf Margaretha aus. Sie erzählte auch vom Ende ihres Traums und von dem seltsamen Strudel, in den sie hineingezogen wurde. „Nada Brahma“ murmelte Luis plötzlich. „Nada was?“ fragte Anne zurück. Pedro erzählte von einem Buch, dass er vor einiger Zeit gelesen hatte, in dem aufgezeigt wurde, dass die Naturgesetzte unserer physikalischen Welt mit den harmonikalen Gesetzten der Musik übereinstimmten. „Die Welt ist Klang“ war die grundlegende Aussage des Buches. „Sogar der Aufbau von Atomen stimmte mit den Proportionen unserer Musik überein!“ erzählte Pedro weiter. „Ein Schlüssel!“ rief Anne aufgeregt. „Der Klang ist der Schlüssel und der Kartenstein führt uns zu dem Raum, wo die Flöten versteckt sind!“

Margaretha liess sich von Anne ganz genau die Beschaffenheit der Höhle beschreiben, in der die Flöten versteckt waren. „Die Lambayeque“ murmelte sie vor sich hin. „Doch es gibt einige Ruinen dieses Volkes, das vor den Inkas das Gebiet von Peru beherrschte, die Suche dürfte nicht einfach werden!“ Anne erzählte, dass der Stein den sie mitbrachte, ihnen den Weg weisen würde, es dazu aber noch einen zweiten Stein brauche, in den der erste eingefügt werden musste. Aus ihren Träumen wusste Anne auch, wo dieser andere Stein zu finden wäre. Sie mussten nur den Ort auf den Ebenen von Nazca finden, an dem sie Raoul und Carlos schon so oft im Traum begegnet war. Langsam nahm der Weg, der vor ihnen lag Gestalt an.

„Wir sind da!“ rief Margaretha plötzlich. Anne blickte aus dem Fenster und sah das grosse Lagergebäude, auf dem mit grossen Buchstaben Callao Terminal Maritimo stand. Ein grosses Tor versperrte die Einfahrt zu dem Gelände und wie erwartet war es verschlossen. Doch Luis entdeckte unweit des Eingangs eine Stelle, wo der Zaun zerstört war. Sie parkierten das Auto an der Strasse, stiegen aus und quetschten sich durch das Loch in der Umzäunung. An der Lagerhalle angekommen suchten sie einen Eingang, den sie auch bald fanden. Die Tür war offen und leise schlichen sie sich in das Dunkel der Halle. Anne erkannte den Geruch des Raumes wieder und sah die Stapel mit den Holzkisten. Kein Geräusch drang an ihre Ohren. Scheinbar waren die Entführer nicht hier. Ein leises Stöhnen liess die Gruppe aufhorchen. „Pedro!“ flüsterte Margaretha und Anne nickte. Vorsichtig gingen sie weiter in die  Richtung, aus der sie Pedro hörten.

Sie drückten sich mit ihren Rücken an eine Holzkiste, hinter der das Stöhnen zu hören war. Margaretha versuchte einen Blick hinter die Kiste zu werfen.

Ihr Schrei zeriss die unheimliche Stille der Lagerhalle.

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Fragmente 1.26 – Der Traum des Grauens

Photo Credit: Ben Chaney@Flickr bestimmte Rechte vorbehalten

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Bis weit nach Mitternacht sassen Anne, Margaretha und Luis am Tisch und warteten darauf, dass Pedro sich meldete. Doch weder kam er zur Tür herein, noch klingelte das Telefon. Aus der Ahnung, dass Pedro etwas zugestossen sein musste, wurde langsam eine Gewissheit, die wie eine schwarze Gewitterwolke über den Köpfen der drei Wartenden schwebte und den Raum in ein Gefängnis ihrer Sorgen und Ängste verwandelte. Luis stand vom Tisch auf und ging ebenfalls zum Fenster, um eine Zigarette zur rauchen. Seine Gedanken wanderten von Pedro zu Carlos, Raouls Bruder. Auch von ihm hatte er schon länger nichts mehr gehört. Und zur Sorge um seinen Geliebten kam nun auch noch die Angst um Pedro. Luis versuchte die schwarzen Gedanken zu verscheuchen  und seiner Angst mit Vernunft zu begegnen. Er wandte sich an die beiden Frauen und schlug vor, erst einmal zu versuchen, etwas Schlaf zu finden. Morgen, wenn alle wieder ausgeruht und bei Kräften wären, würden sie besser darüber nachdenken können, was zu tun sei. Anne und Margaretha nickten, obwohl beide nicht daran glaubten auch nur eine Minute Schlaf zu finden.

Anne stand auf und fing an das Geschirr von dem Tisch in die Küche zu tragen. Margaretha half ihr dabei. Die Beiden sprachen kein Wort und dennoch fühlten sich beide innerlich verbunden. Sie teilten die gleiche Sorge und wortlos verstanden sie einander. Eine kurze, aber herzliche Umarmung später gingen Luis, Anne und Margaretha in ihre Zimmer um zu versuchen ein paar Stunden zu schlafen. Während Anne ihre Zähne putzte, betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel. Mit der freien Hand berührte sie ihre Wangenknochen, fuhr mit dem Rücken des Zeigefingers den Konturen ihres Gesichtes entlang. „Ja, tatsächlich“ dachte sie. Es gab Ähnlichkeiten zwischen ihr und Pedro, ihrem Brunder den sie erst gefunden und schon wieder verloren hatte. Sie horchte in sich hinein. Versuchte zu fühlen, ob Pedro noch am Leben war. Es musste doch eine Verbindung zwischen Geschwistern geben, die einem so etwas fühlen liess, dachte Anne. Doch sie fühlte nichts ausser ihrer Sorge um ihn. Und doch war da etwas, dass sie glauben liess, dass Pedro noch am Leben sei. War es nur ihre Hoffnung, die sie an eine andere Möglichkeit nicht glauben lassen wollte? Oder war es vielleicht doch eine Art Verbindung, die sie fühlen liess, dass er noch lebte? Langsam überkam Anne nun doch eine schwere Müdigkeit. Sie würde versuchen, ein bisschen zu schlafen. Morgen würde sie einen klareren Kopf haben um darüber nachzudenken, beschloss sie und legte sich in das Bett, das Margaretha für sie hergerichtet hatte.

Entgegen Annes Vermutung, brauchte sie nicht lange um einzuschlafen. Es war kein langsames Eintauchen oder Absinken in die dunkle Wärme des Schlafes. Es geschah plötzlich und schnell. Annes Brust hob und senkte sich regelmässig und ihre Gesichtszüge entspannten sich, während auch ihr Körper die Spannung des Tages entweichen liess. Nur ein kleines Zucken ihres rechten Auges verriet, dass Annes Schlaf nicht traumlos war. So ruhig sich ihr Äusseres auch einem imaginären Betrachter jetzt zeigen würde, so aufwühlend war das, was Anne in ihrer inneren Welt erlebte. In ihrem Traum hörte Sie einen Schrei, ihr fast das Herz zeriss! Es war Pedro! Es konnte nur Pedro sein! Obwohl Anne bewusst war, dass sie sich in höchster Gefahr befand, schlich sie sich weiter dem Ursprung des Schreies entgegen. Sie drückte sich kauernd mit dem Rücken an eine grosse Holzkiste und versuchte mit einer vorsichtigen Bewegung einen Blick auf das, was auf der anderen Seite der Kiste lag, zu erhaschen. Viel konnte sie nicht sehen, denn ihre Aussicht wurde durch weitere Holzkisten versperrt. An der Wand dahinter vollführten lange Schatten langsame Bewegungen, die seltsam verzerrt wirkten. Die Lichtquelle in deren Schein diese Schattenwesen entstanden, musste sich scheinbar am Boden befinden, was die Szenerie noch unheimlicher erscheinen liess.

Anne schlich sich aus ihrem Versteck und lief nun auf leisen Sohlen zu den Holzkisten, die ihre Sicht auf die Geschehnisse verstellten.  Eine der Kisten war beschriftet mit „Callao Terminal Maritimo“. Wieder ertönte ein Schrei! Markerschütternd und flehend zugleich, so dass Anne das Blut in den Adern gefror. Am liebsten wäre sie aus ihrem Versteck hervor getreten und hätte Pedro in einer heldenhaften Aktion gerettet. Doch sie wusste, dass sie keine Chance hatte, denn den Stimmen nach, mussten mindestens drei andere Männer bei Pedro sein. Einer dieser Entführer sprach mit italienischem Akzent auf Pedro ein: „Was weisst du über diese Bibliothek? Sag es uns, oder wir werden dir den kleinen Finger deiner rechten Hand abtrennen!“. Anne presste sich ihre Hand auf den Mund, um sich nicht durch einen Schreckenslaut zu verraten. Der Schweiss floss ihr in kalten Rinnsalen über den Rücken. „Rede!“ schrie der Mann mit heiserer Stimme erneut. „Was für eine Bibliothek meinen sie?“ hörte sie Pedro leise fragen. „Ich werde…“ hob nun die Stimme des Peinigers wieder an, worauf Anne plötzliche einen anderen Mann sagen hörte „Monsignore, warten sie! Es kann doch durchaus sein, dass dieser Mann nichts von der Bibliothek weiss! Wir sollten ihn vorallem nach der Tochter des Professors befragen!“. Ein Mann mit arabischem Aktzent mischte sich ein: „Der Rabbi hat recht! Die Wahrscheinlichkeit dass dieser Mann etwas über die Bibliothek weiss, ist sehr klein. Hingegen wird er uns mit Sicherheit sagen können, wo sich diese Frau befindet!“

Anne begriff, dass es um sie ging! Ihr Herz pochte laut und panisch und innerlich hoffte sie,  mit jeder Faser ihres Körpers, dass Pedro sie nicht verraten würde. Obwohl sie gleichzeitig auch voller Sorge um ihn war. Sie würde ihm auch nicht böse sein können, wenn er versuchte sein Leben zu schützen. „Wo ist die Tochter des Professors. Diese Anne Kammerman?“ hörte sie nun den Mann fragen, den die anderen als Monignore bezeichneten. Pedro schwieg. „Du wirst es mir sowieso verraten, glaube mir! „ fuhr der Mann mit bedrohlicher Stimme weiter „Die Schmerzen die ich mir für dich ausgedacht habe, werden unvorstellbar sein, also sag uns, was wir wissen wollen, wenn Du verschont werden willst!“. Anne zitterte und langsam gesellte sich zur Angst eine immer grösser werdende Wut. Doch sie musste sich in ihrem Versteck zurückhalten, um nicht entdeckt zu werden. Denn schliessliche wäre es genau das, worauf diese fremden Männer gewartet hatten. „Bring mir die Elektroden, Öcal“ sagte nun die Stimme des Monsignore monoton drohend und er fuhr weiter „Wir werden diesen ungläubigen schon zum reden bringen!“ . „Was soll ich damit?“ fragte der Mann mit dem arabischen Akzent. „Gib her und zieh diesem Mistkerl die Hosen aus!“ sagte der Monsignore. „Das kann ich nicht!“ sagte der Araber. „Der Mudschahid will sich wohl nicht versündigen?“ frotzelte nun der dritte Peiniger. „Halt den Mund Rabi und hilf mir. Befestige die Elektroden an den Hoden unseres Gastes. Er soll spüren was es heisst, sich uns zu widersetzen!“ In der Stimme des Monsignores klang nicht nur Bedrohung. Anne spürte, dass dieser Mensch eine Befriedigung dabei empfinden musste, jemand anderen zu quälen. „Ich frage ein letztes mal! Wo ist diese Anne Kammermann?“ schrie nun der Monsignore plötzlich mit einer Stimme die schärfer und kälter war, als mehrfach gehärteter Stahl. Doch Pedro schwieg. „Dreh auf!“ rief der Italiener und Pedro schrie so laut und erschütternd, dass Anne es nicht mehr aushielt. Sie sprang aus ihrem Versteck und brüllte: „Hier! Hier bin ich!“

Dann drehte sie sich um und rannte los.

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Fragmente 1.25 – Erinnerungen und neue Freunde

Photocredit: Kenneth Moyle @ Flickr bestimmte Rechte vorbehalten

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„Wo ist Pedro?“ fragte Luis. Margaretha hantierte mit der Schöpfkelle „er wollte noch schnell etwas besorgen, wollte aber in etwas zwei Stunden wieder zurück sein, sagte sie und setze sich zu den beiden an den Tisch. „Das riecht sehr lecker!“ konstatierte Anne und machte sich sofort an ihre Suppe, welche so gut schmeckte, wie ihr Duft versprach. Auch Luis ass mit Appetit und man sah ihm an, dass es ihm ebenso mundete. Nur Margaretha schien nicht so hungrig zu sein. Ihre Augen klebten an Anne. Sie beobachtete jede ihrer Bewegungen und ab und zu huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Geradezu liebevoll betrachtete sie, wie Anne das Mahl genoss. Nach der Suppe gab es Eintopf mit Bohnen, Kartoffeln und Fleisch. Anne und Luis assen alles auf und putzen die restliche Sauce mit ein paar Stücken Brot aus ihren Tellern.

Margaretha stand auf und räumte das Geschirr in die Küche. „Hast Du bemerkt, wie sie dich beobachtet hat?“ flüsterte Luis zu Anne gebeugt. „Nein, ich war zu beschäftigt mit dem Essen! Wieso, was ist Dir aufgefallen?“ raunte Anne zurück. „Na…“ wollte Luis antworten, da kam Margaretha bereits mit dem Dessert. „Und hier präsentiere ich Euch Suspiro de Limeña, das ich extra für Euch zubereitet habe. Ich hoffe, es schmeckt euch!“ lächelte Margaretha die beiden an und stellte ihnen je eine Schale hin. „Hmmm!“ raunte Luis, „es schmeckt sehr lecker!“. Anne probierte vorsichtig um dann gleich eine grössere Portion auf den Löffel zu hieven. Es war eine Creme die  nach Caramel duftete und von feinen Meringues gekrönt war, die nach Portwein und Zimt rochen.

Margaretha strahlte als sie merkte, wie Anne und Luis ihr Essen genossen. Als auch das Dessert vertilgt war, verschwand die Gastgeberin wieder in der Küche. „Sie hat Dich beobachtet. Jede Bewegung von Dir hat sie regisitriert und zwischendurch lächelte sie ganz selbstvergessen!“ setzte Luis das unterbrochene Gespräch fort. Anne versank in ihren Gedanken. „Ich habe da so eine Ahnung!“ raunte sie Luis zu und bevor sie weiter sprechen konnte, kam Pedros Mutter mit Kaffee und einer Flasche Pisco und 3 kleinen Gläsern. Sie goss jedem eine Tasse Kaffee und einen Schnaps ein.

Anne hatte das Essen genossen. Es schmeckte wunderbar. Doch innerlich waren ihre Nerven zum Zerreissen gespannt. Das Geheimniss um Margaretha liess sie nicht mehr los. In ihrem Kopf legte sie sich pausenlos Sätze zurecht, wie sie ihre Gastgeberin auf dieses Thema ansprechen könnte. Margaretha sah in die zufriedenen Gesichter ihrer Gäste. Sie lächelte aber Anne sah, dass auch Margartha dabei war, Worte zu suchen um ein Gespräch zu beginnen.

„Anne“ begann Pedros Mutter. Anne zuckte zusammen, die Gedanken rasten durch ihren Kopf. „Anne Kammermann“ wiederholte nun Margaretha den Namen und blickte Anne dabei mit warmen Augen an. Anne war unsicher. Sie lächelte und überlegte fieberhaft, ob sie darauf etwas antworten sollte. „Anne“ hob Margaretha abermals an und fuhr weiter „ich glaube, Du hast schon herausgefunden, dass es zwischen uns eine Verbindung gibt.“ Sie wendete ihren Blick nicht von Anne ab und nahm jede Regung in ihrem Gesicht wahr. Sie lächelte wieder „Du siehst Deinem Vater so ähnlich!“ sagte Margaretha plötzlich und Anne sah, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Annes Blick wanderte tiefer und mit einem Male sah sie ein Amulett an Margarethas Hals baumeln, dass das gleiche ägyptische Symbol zeigte, dass Annes Vater als Tätowierung auf dem Rücken trug.

„Woher kennst Du meinen Vater?“ fragte Anne nun, obwohl sie tief in sich verborgen bereits ahnte, welcher Art die Verbindung war. Margaretha erzählte nun davon, wie sie damals zusammen mit Raouls und Annes Vater bei den Ausgrabungen half. Immer wieder kämpfte sie mit den Tränen und mit einem Male nahm sie Annes Hände und sagte langsam und sanft: „Dein Vater und ich liebten uns damals und um erhlich zu sein, ich liebe ihn noch immer!“ Anne war sprachlos, obwohl sie dies bereits erahnt hatte.

Anne sah Margaretha, deren Gesicht warm leuchtete und die sie aus tränennassen Augen sanft anlächelte, lange an. „Du….Du und mein Vater, ihr….“ stotterte Anne, „ihr wart verliebt?“. Anne fand langsam zu sich zurück. In ihrem Kopf tauchten Bilder aus ihrer Kindheit auf, als ihr Vater in Peru weilte und ihre Mutter oft weinend am Küchentisch sass. Sie hatte Anne immer getröstet und nie ein böses Wort über ihn verloren, doch er musste ihr damals seine Liebe zu Margaretha gebeichtet haben. Denn als er zurückkehrte, trennten sich Annes Eltern. Sie hatte das damals nicht verstanden. Nun verstand sie. Sie fühlte wie die Traurigkeit von damals in ihr hochstieg. Ihre Sorge um ihre Mutter, die sie über Nächte hin wach gehalten hatte, schlich als Schatten aus der Vergangenheit zurück in ihr Erinnerungsvermögen. Andererseits empfand sie aber auch Respekt für ihren Vater, der seine Liebe nicht verbarg, sondern den Mut fand, den Weg seines Herzens zu gehen.

Margaretha blickte Anne immer noch an. Da war noch etwas, dass sie Anne zu sagen hatte. Sie zog langsam Luft in ihre Lungen: „Anne, da ist noch etwas, dass Du nicht weisst. Es geht um Pedro. Er ist Dein Halbbruder!“ Anne konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie war als Einzelkind aufgewachsen und hatte sich immer einen Bruder gewünscht. Nun zu erfahren, dass es ihn gab, war seltsam für sie. Irgendwie war sie noch dabei die Geschichte mit Margaretha und ihrem Vater zu verdauen. Aber zu erfahren dass Pedro ihr Halbbruder war, war weniger ein Schock als etwas, dass Freude in ihr auslöste. Sie lachte. „Ich habe einen Bruder? Pedro ist mein Bruder?“ rief sie. Sie drehte sich zu Luis um „hast Du gehört? Ich habe einen Bruder!“. Er nickte und war sichtlich überfordert von all diesen Neugikeiten.

„A Propos Pedro“ antwortete Luis plötzlich, wo ist er überhaupt? Anne und Margaretha sahen sich überrascht an. „Ja Margaretha, wo ist Pedro? Er wollte doch in zwei Stunden zurück sein!“. Pedros Mutter runzelte die Stirn. Es stimmte, er hatte ihr gesagt, dass er bald zurückkommen würde und dieses „bald“ war schon lange vorbei. Margaretha stand auf, ging zum Telefon und wählte seine Handynummer. Mit jeder Sekunde in der er den Anruf nicht beantwortete, verdunkelte sich ihr Gesicht. Die Stimmung im Raum kippte plötzlich. Ein unheilvoles Gefühl machte sich breit. Alle wussten um die Gefahren, die sie umgaben. Margaretha versuchte sich selbst Mut zuzusprechen. „Er wird sicher noch kommen! Morgen wollte er Euch ja zum Büro von Raoul fahren, damit ihr Eure Suche planen und mit seiner Assistentin sprechen könnt.“ Sagte sie, mehr um sich selbst als die anderen zu beruhigen.

„Ich setze neuen Kaffee auf!“ sagte Margaretha und versuchte zu lächeln. Aber es wollte ihr nicht gelingen und der Raum wirkte nun plötzlich viel dunkler als noch ein paar Minuten zuvor. Anne goss allen noch ein Glas Pisco ein und Margaretha kam wenig später mit dem Kaffee zurück. Wortlos sassen sie an dem Tisch und versuchten das Gesagte der letzten Stunden und die unheilvolle Vorahnung, die im Raum stand, zu begreiffen. Margaretha starrte auf das Telefon, als ob sie mit ihrem Blick den Apparat zu bringen könnte sie auf wundersame Weise mit Pedro zu verbinden. Die Stille war unerträglich, hing schwer über den Köpfen der drei Wartenden. Margaretha stand auf, ging in die Küche und kam mit einer Zigarette in der Hand zurück. Sie ging zum Fenster, öffnete es, steckte sich die Zigarette mit einem Streichholz an und sog den Rauch tief in ihre Lungen. Ihre Augen wanderten in die dunkle Nacht. Sie versuchte die schwarzen Gedanken zu verscheuchen und dachte sich eine harmlose Möglichkeit nach der anderen aus, weshalb Pedro noch nicht zurück sein könnte. Doch die Angst, dass etwas passiert sein konnte, schlich wie Eiseskälte in ihr hoch.

Sie blies den Inhalt ihrer Lungen mit gespitzten Lippen in die kühle Nachtluft sah den Schwaden hinterher. In ihren Gedanken rief sie, nein sie schrie Pedros Namen und dass er sich melden solle! Doch das Telefon schwieg. Noch nie zuvor war ihr bewusst, wie still so ein Apparat sein konnte, wenn man sich nach nichts mehr sehnte, als einem Klingeln.

Weiter mit Fragmente 1.26 – Der Traum des Grauens

Fragmente 1.24 – Margaretha

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Photographer: encotrado.es, bearbeitet von Stoeps under CCLicense

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Sie standen vor einem kleinen, blauen Haus, mit einer kleine Veranda und einem eingezäunten Vorgarten. Neben der Tür prangte in grossen blau-goldenen Lettern das Wort PENSIÓN. Auf der Veranda standen ein paar Tische und Stühle und luden zum Verweilen ein. Pedro half Luis und Anne das Gepäck aus seinem Wagen zu holen und führte die beiden ins Haus. Durch die vergitterten Fenster drang das Tageslicht in den Empfangsbereich, der aus einem Raum mit einer antiken Couch  und einer Theke bestand. Hinter der Theke führte eine schmale Tür ein einen weiteren Raum. Durch den Perlenvorhang, der die offene Tür zierte, konnte Anne einen alten Schreibtisch und ein Büchergestell entdecken. Der Tisch war mit Stapeln von Papier übersäht und das Regal war mit viel zu vielen Büchern und Ordnern vollgestopft. Aus einem kleinen, scherbelnden Transistorradio drang Musik in das Entré.

Pedro betätigte die Klingel, welche auf dem Tresen stand und rief „Margaretha!“. Das Rücken eines Stuhles und langsame Schritte kündigten die Gastgeberin an. Hinter dem Perlvorhang erschien eine grossgewachsene, schlanke Frau. Ihre Haut war braungebrannt und zwei grüne, wache Augen strahlten aus einem Gesicht, dass Anne sofort faszinierte. Hochstehende Wangenknochen, eine wohlgeformte Nase, eine hohe Stirn, eingerahmt von silbergrauen, kaum zu bändigenden Locken begann zu leuchten, als Margaretha erkannte, wer sie da besuchte. „Pedro!“ rief sie sichtlich erfreut und die beiden umarmten sich herzlich. „Wen hast Du mir da mitgebracht?“ fragte sie, sobald sich die beiden begrüsst hatten. „Das ist ein Geheimnis! Die beiden benötigen Deinen Schutz und Deine Hilfe. Niemand darf erfahren, dass sie hier sind, am allerwenigsten die Polizei!“ erläuterte Pedro verschwörerisch.

Gespannt beobachteten Anne und Luis die Szene und Anne versuchte im Gesicht der Frau zu lesen, was diese von Pedros Ankündigung hielt. Margaretha baute sich vor Pedro auf, stemmte ihre Arme in die Hüften und setzte einen gespielt ernsten Blick auf. „Ein Spezialauftrag also?“ fragte sie und ein verschmitztes Lächeln eroberte ihre Augen. Pedro nickte. „Die beiden sind auf der Suche nach ihren Liebsten und sind dabei einem Geheimnis auf der Spur, das bewahrt werden muss! Es ist für uns alle von entscheidender Wichtigkeit, dass sie unerkannt und in Freiheit bleiben. Möglicherweise wirst Du ihre Gesichter schon in den Nachrichten gesehen haben. Lass Dich nicht von den Lügen der Medien blenden! Die beiden sind absolut harmlos und unschuldig. Die Verbrechen, die man ihnen anlastet, sind eine Lüge!“

Margaretha hörte interessiert zu und nickte immer wieder. „Alles klar!“ meinte sie dann und zu Anne und Luis gewandt „Ihr seid hier in Sicherheit! Ich werde Euch hier solange verstecken, wie ihr bleiben wollt!“. Sie schritt auf Anne zu, streckte ihr die Hand entgegen und stellte sich vor: „Ich bin Margaretha, Pedros Mutter und Besitzerin dieser Pension.“ Anne schüttelte ihre Hand mit einem dankbaren Lächeln und stellte sich ihrerseits vor: „Mein Name ist Anne Kammermann und ich befinde mich auf einer Reise, von der ich selbst nicht weiss warum sie begann und wohin sie mich am Ende führt!“. In Margarethas Augen blitze etwas auf, Ihre Stirn kräuselte sicher erst, dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und irgendwo, tief in ihrer Seele vergraben, schien etwas längst Vergessenes für einen Moment aufgetaucht zu sein.

Sie begrüsste auch Luis und führte die beiden in den ersten Stock, wo sie ihnen je ein Zimmer zuwies. „Richtet euch erstmal ein und macht euch frisch“ sagte sie und half Anne dabei, ihren Koffer in ihr Zimmer zu tragen. „Ich nehme an, dass ihr hungrig seid?“ fragte sie und erntete ein heftiges Kopfnicken von ihren beiden neuen Gästen. „Ich werde etwas für Euch kochen! In zwei Stunden gibt es Nachtessen unten im Speiseraum!“ kündigte sie feierlich an und liess Anne und Luis alleine. Die beiden nickten sich gegenseitig zu und Anne flüsterte zu Luis, dessen Zimmer sich genau gegenüber befand: „Und, was denkst Du? Sind wir hier sicher?“ Luis nickte „Ja ich denke schon! Ich vertraue Pedro und wie es aussieht, vertraut Pedro seiner Mutter.“ Anne nickte ebenfalls und war froh, wenigstens für den Moment nicht auf der Flucht sein zu müssen. „Ich nehme jetzt erstmal eine Dusche und mache mich frisch!“ sagte sie anschliessend zu Luis. Er lächelte sie lausbübisch an und frotzelte „Vielleicht ziehst Du danach etwas anderes an? Die Stewardessenuniform ist irgendwie nicht so das richtige Outfit hier!“ Anne lachte und schloss die Tür hinter sich.

Selten hatte sie sich nach einer Dusche so erfrischt gefühlt wie jetzt! Sie stand, das Handtuch um den Körper geschlungen, vor dem Badezimmerspiegel und betrachtete sich selbst. Langsam wuchsen ihre dunklen Haare nach und verdrängten das gefärbte Blond. Sie überlegte sich, ob sie sie wieder dunkel färben sollte. Das würde hier auch weniger auffallen. Die Menschen hier hatten fast alle schwarzes Haar. Mit hellem Haar fiel man hier unweigerlich auf. Anne entschied sich spontan dazu und nahm sich vor, Margaretha zu fragen, wo sie hier ein Haarfärbemittel kaufen könne. Nachdem sie sich frisch gemacht hatte, fand sie endlich Zeit ihr Gepäck zu inspizieren. Das allerwichtigste war natürlich nachzuprüfen, ob der Stein noch da war. Sie öffnete den Koffer und tatsächlich: Die Replika des Kartensteines lag noch immer in der Mitte der Kleider und war unversehrt. Sie atmete auf.

Beruhigt legte sie sich für einen Moment auf das Bett. Vor ihrem inneren Auge tauchte plötzlich wieder Margarethas Gesichtsausdruck auf, den sie bekam, als Anne sich vorgestellt hatte. Sie fragte sich, was für eine Erinnerung ihr Name bei Pedros Mutter geweckt hatte. Sie ahnte, dass es kein Zufall war, Margarethe begegnet zu sein. Zufälle, das wurde ihr nun schon zum wiederholten Male klar, gab es wohl keine. Alles machte irgendwie Sinn, auch wenn dieser nicht immer sofort zu erkennen war. Aber wie so oft konnte sich Anne nicht vorstellen, was diese Begegnung für sie bereithalten würde. Aber sie fühlte, dass es etwas hilfreiches sein musste, denn sie fühlte sich bei Margaretha in Sicherheit. Pedros Mutter strahlte etwas aus, dass ihr gut tat und dass ihr Geborgenheit vermittelte. Urplötzlich fiel ihr auf, dass Margaretha perfekt Deutsch gesprochen hatte. Sie fragte sich, wieso sie das vorher gar nicht bemerkt hatte. Sie hatte es einfach als selbstverständlich angenommen. Pedro sprach ja ebenfalls Deutsch. Anne wusste, dass es in Lateinamerika Nachfahren von deutschen Auswanderern gab. Sie ging davon aus, dass Margaretha und Pedro aus einer dieser Familien stammten. Sie nahm sich vor  Margaretha beim Abendessen, das dem Duft nach bald fertig sein würde, danach zu fragen.

Anne war müde. Am liebsten wäre sie gleich unter die Bettdecke geschlüpft, um sich ein paar Stunden Schlaf zu gönnen. Aber der Hunger und die Fragen die sie an Margaretha hatte, hielten sie wach und machten sie neugierig. Sie stand auf, zog sich ein paar Jeans und ein frisches T-Shirt an, ging aus dem Zimmer und klopfte an Luis Tür. Er öffnete und bat sie herein. „Endlich in Sicherheit und erst noch frisch geduscht!“ sagte er lachend und Anne nickte lächelnd zurück. „Hast Du Hunger?“ fragte sie und er antwortete ihr, dass er einen Bären verdrücken könne. „Lass uns herunter gehen und sehen, ob wir beim Tisch decken helfen können“ sagte Anne und setzte sich in Bewegung. Luis folgte ihr.

Sie stiegen die knarrende Treppe hinunter und betraten den Raum, der als Speisezimmer diente. An den Fenstern hielten schwere Vorhänge die Blicke neugieriger Passanten fern. Die Wände waren in der unteren Hälfte im gleichen Blau wie das der Aussenwände und ab etwa 1.50 m in Weiss gestrichen. Die Decke wurde von urigen Holzbalken getragen. Im Raum standen 6 Holztische, doch nur einer davon war für 3 Personen gedeckt. „Ob Margaretha nicht mit uns essen wird?“ wandte sich Anne an Luis, der nur mit den Schultern zuckte und sich ratlos umsah. Auch Anne begann sich umzusehen und entdeckte plötzlich eingerahmte Fotos an der Wand, die an die Küche grenzte.

Sie ging näher um sich die Bilder anzusehen. Mit einem Male blieb ihr fast der Atem weg. „Luis, schau Dir das doch mal an!“ drehte sie sich zu ihrem Begleiter um und er kam näher um sich Annes Entdeckung anzusehen. Er konnte aber auf dem Bild nichts Aussergewöhnliches entdecken. Es zeigte zwei Männer und eine Frau. Als er näher hinsah, erkannte er, dass die Frau Margaretha in jüngeren Jahren hätte sein können. „Da“, er zeigt mit dem Finger auf sie „Ich glaube das ist Pedros Mutter!“. Anne nickte „aber sie ist nicht die einzige, die ich erkannt habe!“ flüsterte sie Luis zu.

Er schaute Anne neugierig an, doch bevor er nachfragen konnte, wen Anne erkannt hatte, trat Margaretha mit einem Topf dampfender Suppe in den Raum. „Essen ist fertig!“ sagte sie feierlich. Anne und Luis setzten sich. Doch zum Hunger, der in Annes Bauch tobte, gesellte sich noch ein anderes Gefühl. Neugierde! Der Anstand gebot Anne, ihre Gastgeberin nicht gleich mit Fragen zu belästigen, sondern erst einmal das gut duftende Mahl zu würdigen. Es schmeckte herrlich! Doch Anne konnte sich kaum darauf konzentrieren.

Die Gedanken in ihrem Kopf rasten einmal mehr rastlos umher und eine Frage drang immer deutlicher in den Vordergrund: Wer war Margaretha?

Weiter mit Fragmente 1.25 – Erinnerungen und neue Freunde

Fragmente 1.23 – Gibt es Gott?

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Was bisher geschah:

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Anne legte ihren Kopf an Luis Schultern und schmiegte sich an. Luis legte seinen Arm um sie und betrachtete Anne bewundernd. Er hatte höchsten Respekt vor dieser starken Frau und fühlte sich sehr wohl in ihrer Gesellschaft. Die Fahrt zur Pension von Pedros Grossmutter, am südlichen Stadtrand, würde noch eine geraume Zeit dauern und Anne war froh, Luis bei sich zu haben. Langsam entspannte sie sich und wärend draussen Häuser, Autos und Menschen vorbeizogen, fielen Annes Augen zu. Sanfte, warme Dunkelheit umfing sie aus deren Tiefen bald tanzende Bilder in ihr Bewusstsein drangen.

Eine wunderschöne Landschaft manifestierte sich langsam in ihrem Geist. Sie stand auf einer Anhöhe und blickte auf einen Abhang hinunter, der von Menschen durch das Anlegen von Terassen und Wasserversorgungssystemen in blühende Gärten und Felder verwandelt worden war. Hinter ihr erhoben sich Mauern, die eine Stadt in den Felsen bildete. Das bekannte Geräusch von Luft, das von grossen Flügeln rauschend bewegt wurde, näherte sich und Annes Herz füllte sich mit Freude. „Aquila“ rief sie und der Adler landete neben ihr. „Steig auf, wir werden eine Reise machen und jemanden besuchen, der Dich sehr vermisst!“ drang die telephatisch gesandte Botschaft von Aquila in Annes Bewusstsein. „Paps!“ rief Anne freundestrahlend und stieg auf den Rücken ihres Traumbegleiters. „Nicht wahr, wir werden Paps besuchen?“ fragte Anne und Aquila nickte bejahend.

Sie liessen die blühenden Terassengärten hinter sich und schraubten sich mit Hilfe der Thermik immer höher um dann Ostwärts abzudrehen. Anne genoss es mit Aquila zu fliegen. Das Gefühl von totaler Freiheit öffnete ihr das Herz und auf eine ganz spezielle Art fühlte sich mit der gesamten Welt verbunden. Anne dachte über ihr Leben nach und immer wieder fragte sie sich, ob es jemanden gab, der ihr Schicksal bestimmte. Gab es einen Gott, ihr Leben beeinflusste? Gab es dieses mystische Wesen, das die Menschen in ihrem Leben steuerte? Und plötzlich formulierte sie diese Frage an Aquila laut: „Gibt es Gott, Aquila?“

Er schüttelte den Kopf: „Nein Anne, es gibt keinen Gott. Auch keine Göttin. Zumindest nicht in der Art, wie die Menschen es sich vorstellen. Es gibt Verbindungen unter den Wesen metaphysischer Art. Es gibt Energien. Kräfte die für oder gegen das Leben wirken. Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, dass ihr Menschen euch nicht erklären könnt und für das ihr euch das Bild von einem allmächtigen Wesen macht, um sie zu verstehen. Es gibt andere Wesen, die nicht in den gleichen Dimensionen und Erscheinungsformen existieren, wie ihr. Aber auch sie sind keine Götter, sondern nur Bewohner anderer Orte. Ihr Menschen bestimmt euer Schicksal selbst. Ihr und eure Seelen seid miteinander und den anderen Wesen verbunden. Es gibt Kräfte, die ich Dir nicht genau erklären kann, die eure Handlungen beeinflussen, aber selbst diese Kräfte haben keinen eigenen Willen sondern werden durch euch selbst gesteuert und manifestiert. Du selbst, liebe Anne und alle anderen Wesen sind göttlich. Wir alle sind Gott!“

Anne war auf diese Antwort nicht gefasst, denn die Existenz eines Wesens, dem man die Schuld für alles Schwierige geben und bei dem man sich für alles Schöne bedanken konnte, war immer ein tröstlicher Gedanke für Anne. Und doch zweifelte sie oft genug an der Existenz Gottes. Zuvieles geschah auf der Erde, dass sie nicht mit ihrer Vorstellung eines übergeordneten Wesens verbinden konnte. Und gerade die Mitglieder religiöser Gruppen selbst riefen in ihr oft die grössten Zweifel hervor. Menschen die sich auf einen Gott der Liebe beriefen und in seinem Namen mordeten, unterdrückten, unsäglichen Hass verbreiteten und andere Menschen bekämpften. Menschen die ihren Kindern durch die Angst vor der Hölle Moral vermitteln wollten oder sie durch die Aussicht auf ewiges Leben in einem Paradies zu gutem Handeln ermuntern wollten waren ihr schon immer zutiefst suspekt. Ging es nicht darum aus sich selbst heraus respektvoll und lebensbejahend zu handeln? Sind Menschen nur fähig sich ethisch zu verhalten aus Angst vor dem Fegefeuer oder mit der Aussicht auf einen ewigen all inclusiv Urlaub im Hotel Paradies? Tief in ihrem Inneren wusste sie, das Aquila recht hatte. Es gab keinen Gott! Alles Gute dass sie in ihrem Leben tat, tat sie nicht aus Angst oder Eigensucht. Sie tat es, weil es ihr entsprach und sie es für richtig empfand. Und die Handlungen, mit welchen sie andere verletzte, diffamierte und quälte, tat sie ebenfalls nur aus sich selbst heraus und nicht, weil irgendein Teufel oder Dämon sie dazu verführte. Sie und nur sie selbst musste die Verantwortung übernehmen für alles was sie entschied und tat.

„Du hast recht Anne! Du selbst bist für dich und dein Leben verantwortlich. Du musst weder für das Positive jemand anderem danken, kannst aber auch das Negative niemand anderem in die Schuhe schieben.“ drangen Aquilas Worte in Annes Kopf. Anne löste sich wieder etwas aus den Gedanken und schaute sich um. Unter ihnen endete die grosse Wasserfläche des Atlantiks und sie erkannte die Küstenlinie Spaniens. Bald würden sie ihren Vater wiedersehen und das erfüllte Anne mit Freude. Aquila begann nun langsam immer tiefer zu fliegen und bald schon sah Anne die Gebäudekonturen ihrer alten Heimatstadt. Aquila steuerte in Richtung des Krankenhauses, auf dessen Dach er ein paar Minuten später landete. „Ich warte hier auf Dich!“ signalisierte er und Anne kletterte von seinem Rücken.

Die Korridore der Klinik umfingen Anne mit dem bekannten Geruch und einem hellen, künstlichen Licht. Nach ein paar Minuten stand Anne vor der Tür des Zimmers, in welchem ihr Vater bei ihrer Abreise gelegen hatte. Leise drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür. Sie trat ein und ging zum Bett ihres Vaters. Vorsichtig strich sie ihm zärtlich über das graue Haar und flüsterte ihm zu: „Hey Paps, ich bin da! Ich liebe Dich!“. Sie blickte in sein Gesicht und erwartete, dass er sogleich die Augen öffnen würde. Doch sie blieben geschlossen und gleichmässig senkte sich sein Oberkörper im Ryhtmus seines Atems. „Anne! Ich freue mich so dich zu sehen! Komm her und umarme mich!“ höre sie ihren Vater sagen. Doch die Stimme kam nicht aus der Richtung des Bettes. Sie blickte sich im Zimmer um und sah ihren Vater auf einem Stuhl in der Ecke sitzen. Er lächelte und breitete seine Arme aus. Anne stand auf und ging zu ihm hin, um ihn an sich zu drücken. „Paps, wie geht es Dir?“ fragte sie ihn. Er lächelte weiter: „Gut! Sehr gut sogar! Bald werde ich wieder erwachen und dieses Krankenhaus verlassen! Aber, ein paar Tage werde ich noch hier liegen, damit ich Dir zur Seite stehen kann.“

Sie erzählte ihm, was alles seit ihrem Abflug passierte und schloss damit, dass sie ihm von ihrer Unterhaltung über Gott mit Aquila berichtete. Ihr Vater hörte aufmerksam zu und verriet ihr, dass sie mit ihrer Frage und Aquilas Antwort auf eine  Wahrheit gestossen sei, die mit der geheimen Bibliothek in Verbindung stand. Er erkärte ihr, dass es einen jahrtausende alten Kampf zwischen freien denkenden  Menschen und Priestern gab, die durch das Ausüben und Aufrechterhalten von religiösen Systemen Macht ausübten. Jede Religion habe schlussendlich im Kern nur den Zweck, die Menschen die an sie glaubten zu manipulieren und zu steuern. Wissen sei Macht und da Religionen vermeintlich die wichtigsten Fragen der Menscheit zu beantworten schienen, übten sie so auch die grösste Macht auf Menschen aus. Man brauche nur die Geschichtsbücher zu lesen um zu erkennen, wie diese Macht seit jeher missbraucht wurde, um zu herrschen. Und dies sei bis heute der Fall. Nur allumfassendes, naturalistisches Wissen können diese Irrglauben jeglicher religiöser Prägungen brechen. Erst wenn alle Religionen der Welt entlarvt seinen, sei die Menschheit befreit. Und erst wenn die Menschen die volle Verantwortung über ihr Handeln übernehmen würden, gäbe es eine Aussicht auf Frieden und ein Leben, dass allen Menschen, egal wo sie leben würden, egal welche Hautfarbe sie hätten, egal welche Sprache sie sprechen würden in Würde leben liess.

Die geheime Bibliothek enthalte das gesamelte empirische Wissen der Menschheit der Antike. Zusammen mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Neuzeit sei dieses Erbe dazu bestimmt, die Menschheit aus den grausamen Klauen der Religionen zu befreien. Aber die Menschheit sei noch nicht so weit. Es fehlten noch ein paar grundsätzliche Erkenntnisse, die so machtvoll seien, dass sie auch die grossen Mysterien erklären könnten. Die Menscheit stünde aber kurz davor mithilfe der Gentechnik und der Quantenphysik genau diese Wahrheiten zu entdecken. Erst dann sei der Zeitpunkt gekommen, das antike und das neue Wissen zu vereinigen um damit die friedliche Revolution zur Befreiung der Menscheit auszulösen. Aus diesem Grund sei es so immens wichtig, die Bibliothek zu schützen. Und selbst wenn sie sie finden sollten, wäre es ihre wichtigste Aufgabe, dies geheim zu halten und dafür zu sorgen, dass niemand vor der Zeit Zutritt zur Bibliothek habe, damit sie nicht von den Mächtigen dieser Welt zerstört oder missbraucht würde.

Anne hatte wortlos zugehört. Ihre Gedanken rasten durch ihren Kopf und sie war fast nicht in der Lage, all das gehörte zu verarbeiten und zu verstehen. Doch ihr Unterbewusstsein kannte diese Wahrheit bereits.

„Geh zurück und finde Raoul! Luis wird dir dabei helfen. Gemeinsam werdet ihr die Bibliothek finden!“ sagte ihr Vater und nahm Anne wieder in den Arm. Er drückte sie fest an sich und stolz flüsterte er ihr zu: „Du wirst es schaffen, da bin ich mir ganz sicher! Aber geh jetzt! Luis erwartet Dich!“. Anne löste sich und verliess das Zimmer sich noch einmal umblickend und ihrem Vater zuwinkend, um wieder auf das Dach der Klinik zu gelangen, wo Aquila bereits auf sie wartete. Sie kletterte auf seinen Rücken und sogleich hob er ab.

„Lass uns eine Runde über Sandras Haus drehen!“ sagte Anne und Aquila war einverstanden. „Vielleicht sehen wir sie!“ freute sich Anne  und tatsächlich stand Sandra im Garten und blickte in den Himmel um Anne zuzuwinken. Anne winkte zurück und eine Träne kullerte ihr dabei über die Wange, denn sie vermisste Sandra schmerzlich. „Wir müssen weiter!“ drangen Aquilas Worte in Annes Gedanken und sie nickte. Er drehte noch eine Runde über dem Haus um dann schnell wieder an Höhe zu gewinnen und in Richtung Westen weiter zu fliegen.

Sie wurde müde und legte ihren Kopf an Aquilas Hals. Langsam fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein.

„Aufwachen! Wir sind da!“ Anne blinzelte und blickte aus dem Fenster von Pedros Wagen.

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Fragmente 1.22 – Flucht aus der Dunkelheit

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Original Photo von:  Jackson Lee

Was bisher geschah:

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Sie knieten neben dem leise atmenden Polizisten, dessen Blut aus der Platzwunde am Hinterkopf langsam auf den Boden des Lieferwagens rann. Draussen sprachen die anderen Beamten aufgeregt miteinander. Annes Verstand war aber viel zu sehr mit dem Mann, der vor ihr am Boden lag beschäftigt, als dass sie hätte verstehen können, was da besprochen wurde. „Ich muss ihm die Wunde verbinden, damit er nicht verblutet.“ flüsterte sie leise. Würde er sterben, würden sie zu Mördern und das war das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnten. Anne kramte in ihrer Reisetasche und zog eine Reiseapotheke hinaus. Die wild durcheinander sprechenden Beamten vor der Tür des Transporters wurden plötzlich ruhig, als eine Stimme aus einem Funkgerät hörbar wurde. Doch Anne nahm das nicht zur Kenntniss. Sie goss Desinfektionsmittel auf die blutende Kopfwunde des Polizisten, der sich ohne wach zu werden wand und glucksende Laute von sich gab. Luis drückte einen weichen Schal aus seinem Rucksack auf dessen Mund, damit er sie nicht verriet.

Die Polizisten neben dem Lieferwagen zogen plötzlich ab und eine gespenstische Ruhe kehrte nun in der Tiefgarage ein. Anne presste eine sterile Kompresse auf die blutende Wunde und verband den Kopf des Verletzten. Sie legte ihm einen Druckverband an und hoffte, dass dies die Blutung stillen würde. Sie war voll konzentriert und hatte gar nicht mitbekommen, dass draussen vor ihrem Versteck Ruhe eingekehrt war und sie nun alleine waren. Das Klingeln von Luis Handy riss sie aus ihrer Konzentration. Pedro rief an und erklärte, wo sein Auto stünde und dass er mittlerweilen mit dem Gepäck dort angelangt sei.

„Wir müssen dafür sorgen, dass er in ein Krankenhaus kommt oder zumindest bald gefunden wird!“ sagte Anne zu Luis. Er nickte und schlug vor, den Verletzen in den Korridor zum Eingang der Tiefgarage zu legen, da er dort sicher bald gefunden würde. Anne willigte ein. Vorsichtig öffneten sie die Tür des Transporters und Luis streckte seinen Kopf hinaus. Es war niemand zu sehen. Die beiden stiegen aus und schleppten den schlaffen Körper des Mannes zum Eingang des Parkhauses. Die schmutzigen Leuchtstoffröhren der Tiefgarage tauchten die Szenerie in ein unheimliches Licht und plötzlich kam sich Anne total verlassen vor. Nein, sie war nicht alleine hier, sie hatte ja Luis gefunden. Aber die Tatsache als Verfolgte in einem fremden Land einen Polizisten niedergeschlagen und ernsthaft verletzt zu haben, gab ihr nicht eben ein gutes Gefühl. Luis schien ihre Gedanken zu erraten und sprach ihr Mut zu: „Du kannst nichts dafür, Anne! Du hast nichts verbrochen und hast Dich nur gewehrt! Wir haben uns gewehrt! Wir sind hier die Opfer, nicht die!“

„Los komm!“ drängte sie Luis, als sie den immer noch bewusstlosen Mann im Korridor abgelegt hatten. Sie beeilten sich wegzukommen und begaben sich zum Auto von Pedro, der bereits ungeduldig wartete. Nachdem das Handgepäck im Kofferraum des Autos verstaut war, stiegen sie zu Pedro ins Auto. Anne trug immer noch die Uniform einer Flugbereiterin und Luis sah in seinem Overall tatsächlich aus, wie ein Flughafenmitarbeiter.

Die Sonne empfing die drei mit brutaler Helligkeit, als sie den Schlund der Tiefgarage verliessen. Anne kam sich vor wie in einem billigen Roadmovie und fragte sich, ob das was hier geschah Wirklichkeit war oder ob sie einmal mehr plötzlich aus einem Traum erwachen würde. Doch es war grausame, staubige und kalte Realität. Pedro verlangsamte seinen Wagen. Bevor sie das Gelände verlassen konnten, mussten sie eine bewachte Schranke passieren. Luis wechselte ein paar Worte in Spanisch mit Pedro. „Keine Angst, er kennt die Sicherheitsbeamten hier. Sie werden uns sicher problemlos passieren lassen!“ versuchte Luis Anne zu beruhigen, die nun wieder sichtlich nervös wurde. „Blut!“ rief Luis plötzlich und zeigte auf Annes Jacke. Tatsächlich prangte ein grosser Blutflecken auf ihrem Oberteil, was sie beim Kontrollposten ganz sicher verraten würde. Schnell zog sie die Jacke aus. Zum Glück war ihre Bluse sauber geblieben.

Der Sicherheitsbeamte stoppte den Wagen und sprach aufgeregt mit Pedro. Anne schnappte auf, dass er Pedro von den beiden Ausländern erzählte, die fieberhaft gesucht wurden. Pedro lachte laut heraus und machte ein paar Bemerkungen über die lausige Arbeitsweise der Miliz und schloss damit, dass er dem Sicherheitsbeamten ein Kompliment für seine Aufmerksamkeit machte und anerkennend befand, dass die Securityguards des Flughafens da schon viel bessere Arbeit leisten würden. Der Beamte lachte zurück und fühlte sich offensichtlich geschmeichelt. Er winkte Pedro durch und öffnete die Schranke, während er den Dreien einen guten Tag wünschte.

Anne lies die Luft aus ihrern Lunge entweichen. Das ganze Gespräch über hatte sie den Atem angehalten, denn sie rechnete jeden Moment damit aufzufliegen. Doch Pedro hatte die Situation perfekt gemeistert. „Komplimente helfen immer!“ grinste er und fuhr Richtung Lima Stadt. „Ich bringe Euch zur Pension meiner Mutter!“ Sie wird euch für ein paar Tage unterbringen ohne Fragen zu stellen und ohne Euch an die Miliz zu verraten! Anne atmete erleichert auf und Luis versteinerte Miene löste sich langsam um einem müden Lächeln Platz zu machen. Anne schaute aus dem Fenster des Wagens und sah Häuser und Menschen an sich vorbei ziehen. Nun war sie endlich in Peru und eigentlich hatte sie damit gerechnet, vor Freude zu tanzen. Aber die Ereignisse der letzten Stunden hatten ihr jeglichen Spass gründlich verdorben.

Ihre Gedanken schweiften ab nach Hause. Wie es wohl Sandra und ihrem Vater ginge? Plötzlich vermisste sie die Beiden schmerzlich und wünschte sich insgeheim wieder dahin zurück, wo alles angefangen hatte. Könnte sie nur das Rad der Zeit zurückdrehen, all diese Dinge ungeschehen machen und einfach wieder ihr ganz normales altes Leben leben! Ihr altes Leben? Langsam stiegen Bilder in ihr hoch. Die Beziehung mit Nick, die ihr jegliche Lebensfreude nahm, die unzähligen Bewerbungen, die fehlende Perspektive. Sie begann sich zu fragen, wer sie damals eigentlich war. Und irgendwie wollte ihr keine Antwort dazu in den Sinn kommen. Eigentlich, dachte sie, habe ich vorher gar nicht existiert. Anne erkannte, dass ihr altes Leben ein Gespinnst aus Kompromissen war und dass sie einfach  wie ein Roboter funktioniert hatte. Wäre sie nicht in dieses Abenteuer gestürzt, hätte sie Sandra nie so intensiv kennen gelernt, sie hätte ihren Vater nicht noch einmal von einer ganz neuen Seite erlebt, sie hätte nicht den Moment grosser Dankbarkeit nach dem Erwachen aus der Bewusstlosigkeit nach dem Unfall gefühlt. Sie hätte nicht in all den Momenten des Schreckens und der lebensbedrohlichen Erlebnissen gefühlt, dass sie tatsächlich am Leben war.

Leben! Dieses Wort erhielt nun eine ganz neue Bedeutung fernab von Sicherheit und Harmonie. Anne wurde bewusst, dass es die schmerzhaften Erfahrungen waren, die sie spüren liessen, dass sie nicht einfach eine Untote war, sondern dass sie wirklich existierte  und dass das nicht selbstverständlich war. Ihr wurde bewusst, wie wichtig es ist, den eigenen Weg zu gehen und darauf zu vertrauen, dass es besser war in Bewegung zu bleiben und dabei auch ein paar Blessuren und Gefahren zu risikieren. Ihr altes Leben war Stillstand, ein unsichtbares Dasein. Aber jetzt fühlte sie sich lebendiger als jemals zuvor,  obwohl sich eine bleierne Müdigkeit in ihrem Körper ausbreitete. Sie konnte fühlen wie sie atmete, wie ihr Herz Blut durch ihren Organismus pumpte. Ihre Gedanken waren frei und just in diesem Augenblick eroberte erneut ein zufriedenes Lächeln ihr Gesicht. Ja, sie lebte! Und wie sie lebte! So weit weg von allem, das ihr Sicherheit gab und alles in geordneten Bahnen hielt, aber so nah bei sich selbst. Das erste Mal fühlte sie, was es wirklich bedeutete Anne zu sein. Und sie war glücklich damit, diese Anne sein zu dürfen, die all dies überstand und die trotzdem weiterging auf ihrem Weg.

Plötzlich war sie da! Die Freude, die sie erwartet hatte! Sie dachte an Raoul, an das Geheimnis der Biblothek und als sie Luis ansah, huschte auch über sein Gesicht ein müdes, tiefsinniges und ehrliches Lächeln.

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