1.32 – Das Wiedersehen

Fotocredit: 3EyePanda @ Flickr

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„Wach auf, wir sind da!“ hörte sie Raouls zärtliche Stimme an ihr Ohr dringen. Anne öffnete langsam ihre Augen und tauchte zurück in die Realität. Sie waren bei Margarethas Pension angekommen und Carlos und Luis waren bereits dabei, das Gepäck in das Haus zu tragen. Anne brauchte einen Moment um wach zu werden und stieg dann ebenfalls aus. Raoul nahm ihre Hand und lief zur Eingangstür wo Margaretha stand und sie freudig erwartete. „Wie geht es Pedro?“ wollte Anne sogleich wissen. Margaretha nahm Anne in die Arme und lächelte. „Es geht ihm den Umständen entsprechend gut und er wird bald wieder der Alte sein!“ sagte sie sichtlich erleichtert. „Kommt ins Haus!“ sagte Margaretha und sie traten ein. Tatsächlich sass Pedro drinnen am Tisch und auch er freute sich über die Ankunft der vier Abenteurer. Anne nahm Pedro in den Arm und drückte ihn an ihr Herz. „Es geht mir gut! Ich bin nur noch etwas schwach auf den Beinen, aber sonst bin ich einigermassen in Ordnung!“ sagte er zu Anne und fügte hinzu: „Ich freue mich so, dass ihr wieder da seid und Raoul und Carlos gefunden habt!“

Als das Gepäck verstaut war und sie alle geduscht und sich umgezogen hatten, traf sich die Gruppe im Speisesaal. Margaretha brachte Getränke und aus der Küche duftete es herrlich! „Gleich könnt ihr alles erzählen!“ freute sie sich und verliess den Raum um gleich wieder mit einem grossen Topf voller heisser Suppe zurück zu kehren. Es wurde ein grosses Fest und hätten die Wände des Raumes Ohren gehabt, sie hätten sich über die abenteuerlichen Erzählungen gewundert. Jeder berichtete, was er erlebt hatte und langsam fügten sich die einzelnen Geschichten zu einem grossen Ganzen.

„Wir werden bald wieder aufbrechen!“ sagte Anne. Ich glaube, ich weiss nämlich wo die Bibliothek zu finden ist! „Du träumst doch!“ lachte Luis. „Nein, Luis. Jetzt nicht mehr! Aber ich habe tatsächlich davon geträumt. Mein Vater hat mir den Zugang gezeigt!“ antwortete sie und fügte unternehmungslustig grinsend an: „Wann brechen wir auf?“ „Erst mal werdet Ihr mindestens eine Nacht lang in einem richtigen Bett durchschlafen!“ sagte Margaretha bestimmt und alle nickten lachend. Lange sassen sie da, genossen das Essen und den Wein während draussen die Nacht ihre dunklen Flügel über die Stadt ausbreitete. Anne nahm Raouls Hand und blickte ihn lange und zärtlich an. „Ich bin so froh, Dich endlich gefunden zu haben!“ raunte sie leise. Raoul erwiderte ihren Blick und nickte. Er sagte nichts, aber seine Augen sprachen tausend Worte.

„Kommst Du mit raus?“ fragte er, während er vom Tisch aufstand. Anne nickte. Sie verliessen die Runde und gingen auf die Veranda. Mittlerweile war es tiefe Nacht und die Sterne funkelten am Himmel. „Anne ich…“ begann Raoul, doch sie konnte nicht anders und küsste ihn unvermittelt. Erst vorsichtig, dann immer leidenschaftlicher. Es war, als würden sich all die Ängste und Qualen der letzten Wochen auflösen und zu einem Punkt im Nirgendwo zusammenschrumpfen. Sie und Raoul waren zusammen. Das war das Einzige, das für Anne im Moment zählte. Ihr Herz schien fast zu platzen und klopfte wild. „Komm!“ sagte Raoul und legte seinen Arm und ihre Schulter. „Ich will mit Dir alleine sein. Nicht mehr reden. Ich will Dich in diesem Moment nur spüren, ganz bei Dir sein und mich in Dir verlieren!“ flüsterte er. Die beiden bemerkten nicht einmal, dass sie nicht mehr alleine auf der Veranda waren. Ein paar Schritte neben ihnen standen Carlos und Luis ebenfalls eng umschlungen. Die beiden Männer schauten sich wortlos und tief in die Augen. Nur ab und zu unterbrach ein zärtlicher Kuss ihre Blicke. Als Anne und Raoul an ihnen vorbei gingen, lösten sich Carlos und Luis voneinander. Luis umarmte Anne während Raoul seinen Bruder an sich drückte. Ihr Glück war vollkommen. Wenigstens jetzt, in diesem Augenblick. „Wir werden schlafen gehen“ sagte Anne und Luis lächelte sie an. „Geniesst es!“ sagte er mit einem Zwinkern und blickte zu Carlos. Dieser nickte nur und auch sie beide verliessen die Veranda. Margaretha hatte den Tisch abgeräumt und wollte gerade eine Runde Pisco offerieren. „Nein Danke!“ sage Anne und das Lächeln in ihrem Gesicht verriet Margaretha, dass sie gar nicht erst versuchen müsste, sie umzustimmen. „Gute Nacht! Wir sehen uns morgen!“ sagte sie und setzte sich zu Pedro an den Tisch. Anne, Raoul, Luis und Carlos wünschten den beiden ebenfalls eine gute Nacht und zogen sich zurück.

Als Anne neben Raoul im Bett lag, überkam es sie. Sie konnte ihre Gefühle nicht mehr kontrollieren und während ihr die Tränen der Erleichterung und des Glückes über die Wangen kullerten, küsste Sie ihren Geliebten erneut. Es war ein Kuss, der nicht enden wollte. Sie löste ihre Lippen auch dann nicht von seinen, als sie begann sein Hemd aufzuknöpfen um es ihm auszuziehen. Sie sog Raouls Geruch tief in sich auf und ihr wurde dabei beinahe schwindlig. Sie strich mit ihren Händen über seine Arme und die feinen Haare fühlten sich wie tausend Federn an, die nur dazu geschaffen worden waren, sie zu streicheln. Raoul beendete den schier endlosen Kuss um nun auch Annes T-Shirt auszuziehen. Er begann ihren Körper mit seinen Lippen zu liebkosen und sie mit Küssen zu bedecken und Anne spürte seinen heissen Atem auf Ihrer Haut. Sie vibrierte regelrecht und ein wohliges Zittern durchlief sie, während Raouls Mund ihren Bauchnabel fand. Sie fühlte wie er sich noch weiter nach unten bewegte. Etwas in ihrem Kopf schien zu platzen und Annes Gefühle explodierten wie ein Feuerwerk mit tausend blütengleichen Funkenbouquets. „Hör nicht auf!“ flüsterte sie und fasste mit ihren Händen zärtlich in Raouls Locken. Er dachte nicht im Traum daran, jetzt aufzuhören und Annes Verstand schien sich in leuchtende, oszillierende Schwaden aufzulösen. Wieder trafen sich ihre Lippen und ihre Körper verschmolzen zu einem. Anne hatte aufgehört zu denken und war nur noch sie selbst! Sie spürte, wie jede ihrer Bewegungen Raoul dem Zenit der Leidenschaft näher brachte. Sie schienen gemeinsam zu schweben und Raouls Körper begann zu beben. Seine Gedanken versanken im Meer der Lust und seine Muskeln spannten sich wie der Bogen eines Kämpfers der bereit war, seinen Pfeil mit unglaublicher Kraft dem Ziel entgegen zu schicken. Ein paar Sekunden lang, die sich äonengleich und unmessbar ausdehnten, ritt Raoul auf einer kosmischen Welle, bevor sich die aufgebaute Energie wie ein Vulkanausbruch entlud.

Anne hatte das Zeitgefühl verloren und Ihre Gedanken tanzten unstrukturiert und sich verselbständigend durch ihren Kopf. Langsam fand sie sich wieder, eng an Raouls heissen Körper geschmiegt, ihre Sinne sammelnd. Anne spürte, wie erneut Freudentränen über Ihr Gesicht kullerten. Sie legte Ihren Kopf auf seine Brust während er seinen Arm um ihre Schultern legte und noch bevor sie ihm sagen konnte wie sehr sie ihn liebte, raubte ihr der Schlaf das Bewusstsein. Raoul strich Anne zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht. Er wollte nicht gleich einschlafen und beobachtete glücklich, wie sich ihr Körper immer mehr entspannte und genoss dieses Gefühl sie endlich bei sich zu haben.

Aus dem Zimmer nebenan drangen Geräusche zu Raoul hinüber, die ihn lächeln liessen. Er hörte dass er und Anne nicht die einzigen waren, die ihr Wiedersehen genossen und er war froh im Wissen darum, dass auch sein Bruder glücklich war. Langsam versank nun auch Raoul im Land der Träume. Anne lag noch immer in seinen Armen mit dem Kopf auf seiner Brust, die sich nun regelmässig hob und senkte.

Margaretha löschte das Licht in ihrem Zimmer, nachdem auch sie ins Bett gegangen war und so kehrte Ruhe in der kleinen Pension ein. Von draussen drangen ganz leise die Geräusche der Stadt an Margarethas Ohr und wiegten sie in einen entspannten Schlaf. Sie war froh, dass alle wieder da waren und die Liebenden einander gefunden hatten. Das Glück schien nun perfekt zu sein.

Doch Glück war schon immer ein Zustand, der sich durch eine besondere Flüchtigkeit auszuzeichnen schien und hätten Anne, Raoul, Margaretha und die Anderen gewusst, was sich tief unter der Ebene von Nazca gerade jetzt ereignete, hätte keiner von Ihnen ein Auge zugetan.

Weiter mit Fragmente 1.33 – Der Eingang

1.30 – Das Labyrinth

Photocredit: Raveesh Vyas @ flickr.com

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Anne rannte los! Es schien, als ob sich in diesem Moment ein riesiger Stein von Ihrem Herzen löste. So leicht und unbelastet fühlte sich dieser Augenblick für sie an. Nur eine leichte Angst, alles um sie könne sich wieder auflösen und sie erwache aus einem Traum, mischte sich in ihre Freude. Der Namen der sich in ihrem Kopf ausbreitete blieb unausgesprochen, denn sie war so überwältigt, dass ihr Gehirn keine bewusste Kontrolle über ihren Körper zuliess. Instinktiv rannte sie, breitete ihre Arme aus und Tränen rannen über ihr Gesicht.

Sie realisierte nicht, dass es Luis neben ihr genau gleich erging. Auch er spurtete los von Gefühlen überwältigt, kein Wort über die Lippen bringend. Denn was sie hier unten gefunden hatten, war nicht vorherzusehen. Es kam so überraschend, dass Anne und Luis ihr Glück kaum fassen konnten. Hier tief unter der Erde, unter den Ebenen von Nazca trafen sie diejenigen wieder, die sie so lange vermisst und gesucht hatten. Die Sehnsucht nach diesem Wiedersehen trieb sie durch das ganze Abenteuer und war Motivation und Qual zugleich.

Raoul durchbrach die Stille als erster: „Anne…ich….wie seid ihr hierher gekommen?“. Anne löste sich zögerlich aus der Umarmung und begann zu erzählen. Raouls Augen folgten Annes Lippen und gestikulierenden Händen. Manchmal kniff er sie fragend zu kleinen Schlitzen zusammen, manchmal weiteten sie sich erschrocken. Auch Carlos hörte aufmerksam zu, während ebenfalls Luis seinen Teil der Geschichte beisteuerte. Anne schloss mit der Schilderung der Verfolgungsjagd und erzählte, wie ein unsteuerbares Gefühl sie zu diesem Haus geführt und sie durch die Luke im Boden diesen Raum gefunden hatten.

Raoul lächelte und sah Anne bewundernd an. Er nahm ihre Hände, küsste sie sanft und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du hast Dich verändert!“ sagte er leise. „Du warst eine junge Dame, als ich Dich verlassen musste. Nun bist Du eine starke Kämpferin geworden!“ flüsterte er und blickte sie bewundernd an. Anne lächelte verlegen. Sie löste ihren Blick von Raoul und blickte zu Luis und Carlos.

Die Stimmung im Raum hatte etwas total Unwirkliches und gerade als Annes Gedanken zu Aquila schweiften und sie sich erneut fragte, ob das hier die Wirklichkeit oder einer ihrer Träume sei, zerriss ein knarrendes Geräusch die Stille des kleinen Raumes. „Jemand ist im Haus!“ flüsterte Carlos erschrocken! Raoul blickte zu Anne und Luis: „Ich dachte, ihr hättet Eure Verfolger unschädlich gemacht?“ raunte er und Anne antwortete: „Das dachte ich auch! Aber wir sind einfach weiter gefahren und wissen nicht, wie es wirklich um sie stand!“. Raoul griff nach seinem Rucksack. „Schnell, wir müssen hier weg!“ flüsterte er. „Gibt es einen zweiten Ausgang?“ fragte Anne und Raoul nickte „Ja, den gibt es. Von hier aus führt ein langer unterirdischer Gang zu den Ebenen von Nazca. Er ist uralt und stammt aus prä-hispanischen Zeiten. Um ehrlich zu sein, ist es nicht nur ein Gang sondern ein ganzes Labyrinth.“ „Also los! Folgt mir“ flüsterte Carlos und die Vier machten sich auf den Weg.

Carlos Stirnlampe verbreitete gerade genügend Licht um nicht in der kühlen Dunkelheit des unterirdischen Systems verloren zu gehen. Er ging voraus, während Raoul die Gruppe als Letzter zusammenhielt. Anne blickte über ihre Schulter zurück „Ich hoffe, ihr kennt den richtigen Weg!“ sagte sie zu Raoul. „Na ja, zumindest theoretisch!“ gab er zur Antwort, was ihr nicht gerade ein sicheres Gefühl vermittelte. Der Gang führte leicht bergab und nach ein paar Metern standen Sie vor der ersten Verzweigung. Carlos ging ohne zu zögern nach links und flüsterte Luis und Anne zu dass er in einen Raum führe, in dem sie einen bedeutenden Fund gemacht hätten und dass er sicher sei, dass der Weg nach oben hier durchführe. Die Gruppe folgte Carlos und nach ein paar weiteren Metern standen sie plötzlich in einer grossen Höhle deren Wände mit Felszeichnungen verziert waren. In einer Nische war ein Loch in der Wand zu erkennen. „Hier lag das Artefakt!“ flüsterte Carlos. Sie blieben kurz stehen und betrachteten die eingeritzten Symbole im fahlen Lichtschein. Es gab fünf Ausgänge und jeder von denen schien gleich auszusehen. Carlos zögerte „Weiter als bis hierhin, sind wir noch nicht gekommen!“ sagte er. „Aber ihr wisst, welchen Ausgang wir nehmen müssen?“ fragte Luis. „Na ja, wir waren sicher, es müsse derjenige sein, der leicht ansteigt. Wir wollen ja nach oben.“

Anne fühlte, dass hier etwas nicht stimmte. Labyrinthe waren nie einfach zu durchqueren, sonst hätten sie ihren Zweck verfehlt. Sie blickte in das Dunkel der Öffnung deren Weg sich leicht nach oben neigte. Ein seltsamer Duft kroch in ihre Nase und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Alles in ihr sträubte sich beim Gedanken hier durchgehen zu müssen. „Das ist der falsche Weg!“ sagte sie plötzlich und war selbst überrascht, wie stark sie mittlerweile ihrem Bauchgefühl traute. „Wir sollten einen anderen Weg nehmen!“ fügte sie an. Raoul, Carlos und Luis blickten sie erstaunt an. Sie nestelte ihr Feuerzeug aus der Hosentasche, zündete es an und hielt es jeweils in die Richtung der verschiedenen Öffnungen. Beim dritten Ausgang bewegte sich die Flamme fast unmerklich. Anne ging näher und spürte nun auch selbst den schwachen Luftzug. „Hier müssen wir durch!“ sagte sie. Luis blickte sie ungläubig an. „Bist Du sicher?“ fragte er sie und es war nicht zu übersehen, dass er Zweifel an Annes Vorschlag hatte. „Hast Du eine bessere Idee?“ fragte Anne zurück und Luis schüttelte den Kopf. Raoul hatte sofort begriffen, was Anne mit dem Feuerzeug beabsichtigte und willigte ein. „Lass es uns hier versuchen!“

„Hier!“ rief Anne plötzlich. Im Schein ihres Feuerzeugs hatte sie eine Entdeckung gemacht. An der Seitenwand des von ihr gewählten Ausganges war etwas in den Fels eingeritzt. Ein Symbol, dass Anne kannte. Raoul lächelte und nickte. „Der Kartenstein!“ sagte er und Anne stimmte ihm zu. Tatsächlich hatte die Zeichnung die Form des Steines und Anne erkannte nun, was der Stein für eine Funktion hatte. Er enthielt eine Karte des Labyrinths und würde sie hier herausführen! Sie zog ihren Rucksack aus und nahm den Kartenstein heraus. Er enthielt auf beiden Seiten Linien, die tatsächlich wie ein Labyrinth aussahen. Doch welches war nun der richtige Plan? Die Vier beugten Ihre Köpfe über den Stein.  Plötzlich wusste Anne welche Seite es sein musste. Sie war nämlich schon früher in ihren Träumen in diesem Labyrinth. Damals sagte Raoul zu ihr „Finde den grossen Donnervogel und in der Mitte seines Kopfes, finde die Tür, die keine ist!“

Tatsächlich sah eines der Labyrinthe aus wie die Felszeichnung des Donnervogels und der Ausgang musste also in der Mitte seines Kopfes sein. „Hier!“ sagte Raoul und zeigte mit dem Finger auf eine Verdickung in einer Linie. „Das muss der erste Raum sein, in dem wir uns getroffen haben!“ fügte er an und Carlos nickte und zeigte ebenfalls auf eine Stelle. „Das hier müsste dann die Höhle sein, in der wir uns jetzt befinden!“. Von diesem Punkt führten 5 Linien weg, wobei 4 Linien wenig später endeten. Nur einer der Pfade führte weiter und endete tatsächlich im Kopf des Donnervogels. Es war der Ausgang, den Anne vorgeschlagen hatte. Sie lächelte triumphierend und eine spürbare Erleichterung ergriff die Gruppe. Wieder zerriss ein Geräusch die kurze Entspannung. „Hast Du das gehört?“ flüsterte Anne Luis zu. Luis nickte. Eine bedrückende Stille füllte nun den Raum und die Vier horchten in die Dunkelheit. „Da!“ flüsterte Luis. Ein röchelnder, kehliger Husten drang aus der Entfernung zu ihnen und Anne blickte Luis verheissungsvoll an. „Der Kerl aus dem Flugzeug!“. In kurzen Worten erzählte Anne von dem Mann, der in das Haus ihres Vaters eingebrochen war und etwas dort suchte und der später im gleichen Flugzeug wie Anne und Luis reiste. Scheinbar war er auch im Auto der Verfolger und musste das Inferno überlebt haben. „Los, weiter!“ drängte Anne und sie machten sich auf den Weg in die von Anne vorgeschlagene Richtung. Der Gang neigte sich zuerst nach unten, machte dann einen Bogen nach rechts und fing langsam wieder an zu steigen. Nach etwa 20 Minuten standen sie plötzlich wieder in einem Raum, der Anne bekannt vorkam.

„Ich war hier schon einmal!“ sagte sie. Im Traum habe ich hier mit Dir und meinem Vater gesprochen! Sie blickte erwartungsvoll zu Raoul. Doch er kannte diesen Raum nicht. „Ich bin hier zum ersten Mal!“ flüsterte er. „Weisst Du, wie es weiter geht?“ fragte Luis. Anne war sich nicht sicher und nahm den Stein zu Hilfe. Der Raum hatte drei Ausgänge. Doch genau hier war die Replika des Kartensteines ungenau. An dieser Stelle gab es tiefe Kratzer und es war nicht klar zu erkennen, welcher Weg zu nehmen war, denn zwei der möglichen Pfade schienen sich kurz nach der Höhle zu kreuzen. Anne überlegte kurz, wie das möglich sein konnte? Entweder müsste einer der Pfade über oder unter dem anderen durchführen oder sie kreuzten sich tatsächlich und dann wäre es egal, welchen Weg sie wählen würden. Hauptsache, sie würden nach der Kreuzung in die richtige Richtung laufen und diese war auf der Karte klar ersichtlich.

Wieder erklang der unheimliche Husten irgendwo hinter ihnen und Anne packte Raoul an den Schultern und drehte ihn nach rechts. „Hier durch!“ sagte sie und schob ihren Geliebten vorwärts durch die Öffnung. Nach ein paar Metern weitete sich der Raum tatsächlich wieder und im schwachen Licht von Raouls Stirnlampe war die Kreuzung zu erkennen. „Wir müssen einfach geradeaus weiter!“ flüsterte Anne und Raoul wollte gerade weitergehen als Luis „Halt, warte!“ rief. Raoul stoppte und sah ihn an. „Was ist los?“ fragte er und Luis deutete ihm mit einer Handbewegung, dass er auf den Boden schauen solle. Raoul blickte nach unten und konnte nichts Besonderes entdecken. Vor ihm lag der sandige Boden. Ein paar Schritte weiter lag Laub. Trockene Blätter die aussahen, als ob jemand extra einen Teppich für sie gelegt hatte. „Laub, hier unten? Findest Du das nicht auch ungewöhnlich?“ wunderte sich nun Carlos und blickte Raoul fragend an. Dieser beugte sich nun über den bunten Bodenbelag. Er kniete sich hin und legte seine flache Hand auf den bedeckten Boden, welcher sich weich und federnd anfühlte, was für einen Felsboden doch recht seltsam war. Und noch etwas kam Raoul sehr ungewöhnlich vor. Er spürte einen Luftzug von unten kommend sein Gesicht streifen. „Eine Falle!“ raunte er. „Das hier ist eine Falle!“ wir können hier nicht durch. Unter diesen Blättern muss ein Abgrund verborgen sein!

„Wir müssen zurück! Wenn wir den anderen Weg nehmen, schaffen wir es der Wand entlang um die Ecke zu kommen, ohne in den Abgrund zu stürzen!“ flüsterte Luis und die anderen nickten. Doch sie kamen nicht dazu zurück zu gehen. „Halt! Keine Bewegung oder ich erschiesse jemanden von Euch!“ klang nun vom anderen Weg eine Stimme zu ihnen herüber und eine helle Taschenlampe warf einen Lichtkegel, der von einem schaurigen Husten begleitet wurde. Anne stockte das Blut in den Adern. Sollte das Abenteuer tatsächlich hier enden?

Weiter mit Fragmente 1.31 – Die Wendung

Fragmente 1.28 – Rettung und neue Gefahr

Photocredit: Foto von Kudumomo@Flickr

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Margaretha vergass jede Vorsicht und rannte auf Pedro zu. Anne und Luis folgten ihr. Anne zerdrückte es fast das Herz mit ansehen zu müssen, wie Margaretha neben Pedro nieder kniete und behutsam seinen Kopf auf Ihre Beine bettete. Eingetrocknetes Blut klebte überall in seinem Gesicht und Haaren und zahlreiche Wunden, die auch seinen nackten Oberkörper bedeckten, zeugten von der grausamen Folter der Entführer. Pedro atmete flach und nur das Leuchten in seinen Augen vermochte seinen Rettern zu signalisieren, wie froh er war, dass sie ihn gefunden hatten. Das Sprechen fiel ihm sichtlich schwer. „Mutter…“ hauchte er und Margaretha legte ihm sanft ihren Zeigefinger auf seine Lippen um ihm zu verstehen zu geben, dass er nicht zu sprechen brauchte. „Danke….ihr…“ flüsterte Pedro, dann übernahm eine gnädige Ohnmacht seinen Körper.

„Er muss ins Krankenhaus!“ zeriss Annes aufgeregte Stimme die schmerzhafte Stille in der Lagerhalle. Doch Margaretha winkte ab. Sie befürchtete, dass die Entführer ihn dort finden würden und überzeugte die Anderen mit ihrem Vorschlag Pedro nach Hause zu nehmen und sich dort um ihn zu kümmern, während Anne und Luis zu den Ebenen von Nazca fahren sollten um den zweiten Kartenstein zu finden. Anne und Luis willigten zögerlich ein. Ihnen war bewusst, dass es ein Wettlauf mit der Zeit werden würde und wie wichtig es war, die Bibliothek schnellstmöglich zu finden. Sie trugen Pedro zum Auto und machten sie auf den Weg zu Margarethas Pension.

Nachdem Margaretha ihren Sohn fürs erste versorgt und ihn ins Bett gelegt hatte, rief sie eine befreundete Ärztin an, welche sich bereit erklärte vorbeizukommen und Pedro zu untersuchen. Es dauerte etwa eine halbe Stunde, bis sie eintraf und zusammen mit Margaretha im Zimmer von Pedro verschwand. Eine halbe Stunde später hatten sie Gewissheit, dass er stabil war und es überstehen würde. Die Wunden waren alle oberflächlich und sahen schlimmer aus als sie waren. Margarethas Freundin verabschiedete sich und liess einige Medikamente und Verbandsmaterial, einen Verletzten und drei komplett erledigte Menschen zurück. Eine Mischung aus Angst, Besorgnis und Wut hing wie eine Gewitterwolke im Speisesaal der Pension.

Die drei sassen schweigend an einem Tisch und versuchten ihre Gedanken zu ordnen und das Vergangene zu verarbeiten. Anne spürte eine bleierne Müdigkeit und den unbändigen Wunsch, das alles möge jetzt einfach wie ein hässlicher Albtraum vorbei sein und sie würde in ihrem Bett zu Hause erwachen. Doch das passierte nicht. Sie war hier und es gab kein Entrinnen. Der Weg, den sie begonnen hatte, musste zuende gegangen werden. Sie rang mit ihren Ängsten und Sorgen und plötzlich flackerte ein kleines Feuer in ihrem inneren auf. Plötzlich wurde ihr wieder bewusst, dass sie Teil einer wichtigen Begebenheit war und eine Aufgabe hatte. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie stand auf blickte von Margaretha zu Luis. „Wir müssen uns zusammenreissen!“ sagte sie zu den beiden, die ihr mittlerweile so ans Herz gewachsen waren. Luis und Margaretha sahen zu ihr hoch und nickten abwesend.

Anne schüttelte ihre Lethargie ab und ging in die Küche um Kaffee aufzusetzen. Margaretha erhob sich ebenfalls und holte eine Strassenkarte von Peru, die sie auf dem Tisch ausbreitete. Margaretha war froh, sich etwas ablenken zu können und vertiefte sich in dem Wirrwarr von Strassen, die das Papier überzogen. „Eigentlich ist es ganz einfach. Ihr nehmt die Panamericana und fahrt etwa 500 Kilometer Richtung Süden.“ Sagte sie  und Luis fügte nickend an: „Das sollten wir in etwa 8 bis 9 Stunden schaffen.“ Anne wollte nicht mehr länger warten und schlug vor, noch etwas zu essen, das nötigste zusammen zu packen um dann los zu fahren. Sie würden die Strecke aufteilen und derjenige der nicht fuhr, würde schlafen und sich so erholen können. Luis willigte ein.

Anne brachte den Kaffee und gemeinsam planten sie ihre Fahrt. Langsam vertrieben Mut und Entschlossenheit die Sorgen der kleinen eingeschworenen Gemeinschaft. Wenn Pedros Qualen nicht umsonst gewesen sein sollen, dann müssten sie nun weitermachen und ihr Ziel erreichen. Schliesslich wollten Anne und Luis auch ihre Liebsten suchen und Anne war sich sicher, dass sie Raoul und Carlos bald finden würden. In ihren Träumen begegnete sie Raoul immer in dort, wo ihre Reise sie nun als nächstes hinführen sollte. Margaretha stand nun auf und ging in die Küche um etwas zu essen zuzubereiten, während Anne und Luis auf ihre Zimmer gingen, um das nötigste für die Fahrt einzupacken. Anne nahm den Kartenstein in die Hand und betrachtete ihn. In Ihren Gedanken sah sie sich mit Raoul damals im Büro sitzen. Damals war der Stein für sie nur ein Gegenstand, den sie in einer Liste neben vielen anderen Artefakten wahrnahm. Raoul brachte ihn zu ihr und nun sollte er sie wieder zu ihm bringen. Sie drückte den Stein an ihr Herz und flüsterte leise: „Bald werden wir uns wiedersehen, Raoul!“. Dann nahm sie ein T-Shirt und wickelte den Stein darin ein und packte ihn in ihren Rucksack.

Bevor Anne nach unten ging, wollte sie noch kurz nach Pedro schauen und öffnete vorsichtig die Tür zu seinem Zimmer. Auf Zehenspitzen schlich sie sich zu seinem Bett und setzte sich behutsam auf die Kante der Matratze um ihn ja nicht aufzuwecken. Margarethas Freundin hatte seine Wunden versorgt und ihm einige Verbände angelegt. Er hatte auch ein starkes Schmerzmittel erhalten, das gleichzeitig dafür sorgte, dass Pedro schlafen konnte. Sein Atem ging gleichmässig und Anne strich ihm zärtlich eine Locke aus der Stirn. Es fiel ihr nicht leicht, ihren Halbbruder, den sie doch gerade erst gefunden hatte, schon wieder alleine zu lassen. Noch dazu in so einem Zustand. Doch sie wusste, dass er es verstehen würde. Sie beugte sich langsam zu ihm hinunter und küsste ihn sanft auf die Stirn. Es knarrte leise an der Tür und Luis betrat leise das Zimmer. Er machte ihr Zeichen, dass das Essen fertig sei und sie kommen sollte. Anne nickte und Luis ging wieder aus dem Zimmer. Anne betrachtete Pedro noch einmal liebevoll und verliess dann den Raum um sich für die Fahrt zu stärken.

Das Essen schmeckte, aber Anne war bereits in Gedanken im Süden und sah sich mit Luis nach Raoul und Carlos suchen. Als ob Luis erraten hätte, was Anne beschäftigte sagte er leise zu ihr: „keine Angst, wir werden die Beiden finden. Ich bin überzeugt davon, ich habe das starke Gefühl, dass wir bald mit ihnen vereint sein werden.“. Anne nickte. Auch sie fühlte, dass bald etwas Wichtiges geschehen würde und dass sie Raoul und Carlos bald wiedersehen würden.

Nach dem Essen verstaute Luis Annes Rucksack und seine Tasche im Wagen. Er setzte sich ans Steuer und drehte den Zündschlüssel um zu prüfen, wie viel Benzin noch im Tank war. Er sah, dass die Nadel des Tankanzeigers nicht weit nach oben kletterte und nahm sich vor, Margaretha nach der nächsten Tankstelle zu fragen. Er stieg aus und sah in den Himmel, der sich nun langsam rot verfärbte. Die untergehende Sonne zauberte ein wunderbares Farbenspiel in die wenigen Wolken und die ersten hellen Sterne waren bereits zu sehen. Seine Gedanken schweiften in den Süden zu Carlos und eine bleierne Sehnsucht packte ihn. So lange hatte er seinen Freund nun schon nicht mehr gesehen und nun, da das Wiedersehen zum Greifen nahe stand, konnte er es kaum erwarten. Es gab auch Zweifel, die sich in seinen Kopf schlichen. Wo genau sollten sie ihre Suche beginnen? Waren die beiden noch am Leben? Was würde sie auf den Ebenen von Nazca erwarten?

Das Knacken eines Astes in einem Gebüsch riss ihn aus seinen Gedanken zurück in die Realität. Er schaute sich im Garten um und schaute mit zusammengekniffenen Augen in die Richtung, aus der das Geräusch kam. Doch da war nichts. Die Hecke sah aus wie immer. Luis schloss die Autotür und drehte den Schlüssel im Schloss. Gerade als er wieder ins Haus wollte, hörte er wieder ein Geräusch. Diesmal war es eine Autotür, die hinter der Hecke zuschlug. Er wartete ab. Doch er hörte keinen Motor starten. Vielleicht war auch jemand ausgestiegen, dachte er. Doch dann hätte er doch das Auto heranfahren hören müssen? Er verscheuchte seine Gedanken wieder. Es war ihnen niemand gefolgt, als sie Pedro am Hafen geholt hatten und die Verfolger konnten nicht wissen, dass sie hier waren.

Er ging zurück zur Pension um Anne zu holen und Margaretha nach der nächsten Tankstelle zu fragen. Anne stand bereits im Türrahmen und verabschiedete sich von Pedros Mutter. „Viel Glück und bitte sag Pedro liebe Grüsse, wenn er wieder erwacht!“ sagte sie. „Ihr werdet wohl fast wieder zurück sein, bis Pedro wieder aufwacht.“ Sagte Margaretha und drückte Anne fest an sich. Auch Pedro verabschiedete sich von Margaretha und wünschte ihr viel Glück. Auf der Karte zeigte sie ihm noch, wo sie tanken konnten und dann fuhren Anne und Luis gemeinsam hinaus in die Nacht. Nach dem sie ihren Tank gefüllt und noch Wasser für die Fahrt gekauft hatten, fuhren sie über die Auffahrt auf die Panamerica, die sie nach Süden zu Raoul und Carlos bringen sollte.

Die Fahrt verlief ruhig. Je später die Nacht wurde, umso weniger Verkehr war auf der Autobahn auszumachen. Anne schlief auf dem Beifahrersitz, während Luis den Wagen für die ersten vier Stunden steuerte. Anne schlief ruhig und traumlos während Luis seinen Gedanken nachhing und sich vor seinem inneren Auge das Wiedersehen mit Carlos immer und immer wieder vorstellte. Die Strasse lehrte sich immer mehr. Nur der Wagen mit dem kaputten rechten Scheinwerfer blieb immer auf gleicher Distanz hinter ihnen. Doch Luis mass dem keine Bedeutung bei. Er wollte so schnell wie möglich zu Carlos. Langsam wurde der Druck in seiner Blase immer stärker. Er verlangsamte seine Fahrt und fuhr links an den Strassenrand und stieg aus, um sich zu erleichtern. Anne bekam davon nichts mit und schlief tief und friedlich. Luis kramte sich eine Zigarette aus der Tasche und zündete sie an. Langsam blies er den Rauch in die Nacht und betrachtete die Sterne. Ein Auto raste vorbei und zerschnitt die Stille des Niemandslandes, in dem sie sich mittlerweile befanden. Luis schnippte die fertig gerauchte Kippe auf die Strasse, streckte sich und begab sich zurück zum Auto. Anne schlief noch immer und ihr Oberkörper hob und senkte sich in regelmässigem Rhythmus auf und ab. Luis startete den Motor und fuhr zurück auf die leere Strasse.

Im Rückspiegel sah er, dass mit einigem Abstand hinter ihnen ebenfalls ein Auto zurück vom Strassenrand auf die Strasse fuhr. Etwas erstaunt stellte er fest, dass der rechte Scheinwerfer kaputt war. Nun begann er sich doch Gedanken zu machen. Wurden sie verfolgt? Er versuchte sich diese Zweifel auszureden, doch gleichzeitig suchte er nach einer Idee, den Wagen hinter ihnen loszuwerden. Er verlangsamte die Fahrt in der Hoffnung, dass das Auto sie überholen würde. Doch auch die Verfolger verlangsamten. Luis gab wieder Gas und beschleunigte diesmal auf eine viel höhere Geschwindigkeit. Auch jetzt passte sich der Wagen hinter ihnen ihrer Geschwindigkeit wieder an. Luis verlangsamte die Fahrt wieder. Doch dieses Mal bremsten die Verfolger nicht ab. Das Auto hinter ihnen kam immer näher, gefährlich nahe!

„Los, überhol doch!“ rief Luis, der nun langsam in Panik geriet. Anne erwachte schlagartig. „Was ist los?“ fragte sie Luis. „Wir werden verfolgt!“ antwortete er. Anne blickte nach hinten. Die Verfolger kamen immer näher. Anne sah, wie der Scheinwerfer der Verfolger aus ihrem Gesichtsfeld verschwand und vom Kofferraum ihres eigenen Autos verdeckt wurde. „Achtung Luis!“ schrie sie und dann hörte sie ein lautes Krachen und das Splittern von Glas.

Weiter mit Fragmente 1.29 – Wut gegen Angst

Fragmente 1.16 – Eine Tür die keine ist

adler

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Anne riss ihre Augen weit auf und sog das sich ihr bietende Bild tief in sich hinein. Durch den Rahmen des Badezimmerschrankes blickte sie auf eine weite Ebene. Darüber erstreckte sich ein flirrender, blauer Himmel und die Sonne strahlte ihr Gesicht frontal an. Plötzlich hörte sie wieder dieses Geräusch, das klang als ob jemand Luft mit einem grossen Segel bewegen würde. Ein grosser Schatten schob sich vor die Sonne um gleich darauf ihr Licht wieder freizugeben und Annes staunendes Antlitz zu beleuchten. Annes Herz schlug schneller und ein freudiges Gefühl überflutete ihren ganzen Körper. Es fühlte sich an, als ob ihre Blutbahnen von innen leuchteten und als würde sich ihr Gewicht binnen Sekunden um ein vielfaches verkleinern. Sie fühlte sich so leicht wie ein Schmetterling und alle dunkeln Wolken welche ihre Gedanken in den letzten Tagen überschatteten, wichen augenblicklich von ihrer Seele. „Aquila, mein geliebter Freund!“ rief sie und sah, wie der Adler einen weiten Kreis über der Ebene  zog um dann auf sie zuzusteuern. Anne kletterte auf durch die Öffnung des Badezimmerschranks und sprang. Der freie Fall, die Luft die sie umgab und die Gewissheit, dass Aquila sie auffangen würde, liessen Anne laut herauslachen. Ihr gefiederter Freund tauchte nun unter sie und liess Anne auf seinem Rücken landen.

„Wir müssen zu einem wichtigen Treffen!“ drangen Aquilas Gedanken in Annes Bewusstsein und sie spürte, wie er seine Flugbahn änderte und sie der Ebene immer näher brachte. Anne wusste bereits wo sie war und sie vermutete auch schon zu wissen, wo Aquila landen würde. Die Ebene von Nazca kam immer näher und die Figur, welche von ihm angesteuert wurde, war Anne ebenso bekannt. Sie kniff ihre Augen zusammen und versuchte zu erkennen, ob Raoul da unten auf sie wartete. Doch da stand niemand bei der Figur. Aquila landete und liess Anne von seinem Rücken steigen. „Finde die Tür, die keine ist!“ übermittelte er ihr in Gedanken und flog wieder weg.

Anne schaute ihm nach und erst nachdem Aquila am fernen Horizont verschwunden war, wurde ihr bewusst, dass sie nun alleine auf dieser weiten Ebene stand. Wo würde sie hier eine Tür finden? Anne schaute sich um doch es gab nirgends eine Wand, weder künstlich noch natürlichen Ursprungs, die eine Tür enthalten konnte. Was konnte  er damit gemeint haben. Eine Tür, die keine ist? Es könnte vielleicht Durchgang gemeint sein, keine klassische Tür. Wenn da keine Wände waren, die man hätte durschreiten können, was blieb dann noch? Anne senkte ihren Kopf und begann den Boden abzusuchen und rasch fiel ihr Blick auf eine Ansammlung von Steinen, die zu einer unförmigen Pyramide aufgeschichtet war. Das steinerne Gebilde war ungefähr einen Meter hoch und nur ein paar Schritte von ihr entfernt. Sie ging darauf zu und hob den obersten Stein an.

Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war und Anne begann damit, die Steine Schicht um Schicht abzutragen. Je tiefer sie kam umso flacher und grösser wurden die kleinen Felsbrocken bis an Ende zwei grosse Platten übrig waren. Diese waren zum Glück relativ dünn und Anne konnte sie zwar nicht wegheben, aber es gelang ihr, die Platten auf dem sandigen Boden zu verschieben und tatsächlich gaben sei eine Öffnung frei. Anne kniete sich neben das Loch und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Es führten keine Stufen hinab in die Tiefe, aber Anne erkannte bald, dass an einer der Schachtwände eine Leiter stand. Sie konnte zwar nicht abschätzen wie stabil und sicher die Leiter war, aber die Tatsache dass sie die Tür, die keine ist, gefunden hatte, machte ihr Mut und sie entschloss sich, in den dunklen Schlund zu klettern.

Je tiefer Anne unter den Boden gelang umso dunkler wurde es um sie herum und langsam beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Doch sie stieg weiter, Sprosse um Sprosse, bis sie wieder festen Boden unter den Füssen spürte. Sie fühle dass Luft durch die Öffnung in das Innere wehte und schloss daraus, dass es noch einen weiteren Ein- oder Ausgang geben musste. Langsam gewöhnten sich Ihre Augen an die Dunkelheit und in weiter Entfernung entdeckte Anne einen flackernden Lichtschein. Langsam tastete sie sich vorwärts. Setzte vorsichtig einen Fuss vor den anderen und stütze sich mit den Händen an den Wänden ab. Das Leuchten kam nun immer näher und der ölige Geruch zeigte an, dass das Licht von einer oder mehreren Petroleumlampen kommen musste. Nur noch ein paar Schritte und die nächste Biegung trennte sie von dem beleuchteten Raum. Sie blieb stehen und horchte in den unterirdischen Gang hinein. Sie konnte zwei leise flüsternde Männerstimmen hören. Doch sie waren so leise, dass Anne nichts verstehen konnte. Langsam ging sie weiter und an der Biegung angekommen schlich sie auf Zehenspitzen weiter und versuchte vorsichtig einen ersten Blick in den Raum zu werfen.

„Anne! Da bist Du ja endlich! Komm setz Dich zu uns!“ erklang plötzlich eine wohlbekannte Stimme und sie sah in Raouls wunderschöne Augen. „Raoul! Paps!“ rief sie nun freudig überrascht und trat in den Raum, in dem ihr Vater und Raoul sassen. Sie umarmte ihre beiden liebsten Männer und erzählte, wie sie hierher kam. Was alles passiert war und dass sie und Sandra es wohlbehalten bis in das Hotel geschafft hatten. „Paps, wie geht es Dir?“ fragte Anne nun besorgt, da ihr plötzlich klar wurde, dass sie den beiden nur im Traum begegnete und ihr Vater noch immer im Koma lag. Er lächte sie liebevoll an und sagte mit weicher Stimme „Es ist alles in Ordnung, Mädchen! Ich ruhe mich noch etwas aus!“

Raoul erzählte ihr was bei ihm in den letzten Tagen passiert war und dass er sich noch immer versteckt halten musste. „Wirst Du mir den Stein mit der Karte bringen? Ich möchte Dich endlich in meine Arme nehmen!“ schloss Raoul und Anne blickte ihn liebevoll an. „Das werde ich Raoul! Sobald ich einen Flug erwische, komme ich hierher! Aber wie werde ich Dich finden?“ Er lächelte liebevoll zurück, strich ihr mit der Hand eine Strähne aus dem Gesicht, küsste sie zärtlich und flüsterte ihr anschliessend ins Ohr:

„Finde den grossen Donnervogel und in der Mitte seines Kopfes, finde die Tür, die keine ist!“

Raouls Worte hallten in Annes Kopf wie ein Echo und sie wiederholte sie immer wieder und langsam versank sie in Trance. Das Licht um sie herum entschwand in weite Ferne und ihr  Bewusstsein tauchte in einen tiefen Schlaf.

Weiter mit Fragmente 1.17 – Reisevorbereitungen

Fragmente 1.8 – Die Warnung

Photocredit: bluelemur

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Vor dem Fenster von Sandras Wohnung stand ein junger Mann. Seine Kleider waren blutgetränkt und seine Augen blickten glasig in eine imaginäre Ferne. Regungslos stand er da, während das Blut aus seinen Kleidern tropfte und kleine, rote Pfützen auf dem Boden bildete. Um seine aufgescheuerten Handgelenke waren Stücke einer Wäscheleine geschlungen und in seiner rechten Hand hielt er einen Fetzen Papier. Anne war vor Schreck gelähmt. Unfähig sich zu bewegen, konnte sie den Blick nicht abwenden und ihr Gehirn weigerte sich zu verstehen, was ihre Augen sahen.

Nach einem Moment erkannte Anne, wer da vor ihrem Fenster stand. Das viele Blut, die gebückte Haltung und die leblosen Augen hatten das anfänglich verhindert. Annes Verstand versuchte vergeblich eine Erklärung für diese Situation zu finden, denn sie konnte nicht glauben, was sie da sah und doch formten ihre Lippen fast lautlos seinen Namen: „N-I-C-K“ hauchte Anne und konnte noch immer nicht akzeptieren, was sich hier vor ihren Augen abspielte. Ihre Starre löste sich „NICK!“ rief sie nun laut und rannte zur Haustür. Als sie draussen im Garten stand, war von Nick nichts mehr zu sehen. Nur die Blutspuren am Boden zeugten von der unheimlichen Begegnung. Als Anne näher ging, sah sie die blutigen Buchstaben an der Hauswand und was sie las, kam ihr unangenehm bekannt vor:

Anne lauf weg!

Ein eiskalter Schauer überzog Annes Rücken und die Angst kroch wie ein stinkender, sich ausbreitender Schimmelpilzbelag in ihrem Körper hoch bis unter die Kopfhaut. Sie konnte fühlen, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten und gerade als sie sich umdrehen und zurück ins Haus rennen wollte, fiel ihr etwas helles neben den Blutflecken am Boden auf. Sie bückte sich und erkannte, dass es ein Papierschnipsel war, den sie aufhob. Die Ränder sahen aus, als ob jemand das Papier mit den Zähnen abgerissen hätte. Sogar ein Zahnabdruck eines Eckzahns meinte Anne ausmachen zu können. Anne drehte das Papier um und nun packte sie die Panik. Auf der Rückseite stand in ihrer eigenen Handschrift

Lieber Nick

Der Rest des Textes war abgerissen. Auf einmal hatte Anne eine Vermutung. Nick hatte scheinbar ihren Abschiedsbrief heruntergeschluckt, damit er seinen Mördern nicht in die Hände kam. Zum ersten Mal fragte sich Anne, ob es ein Fehler war Nick zu verlassen. Bis zu seinem Tod hatte er sie beschützt. Und sie war einfach gegangen.

Plötzlich hörte Anne ein Geräusch hinter sich. Vor sich am Boden sah sie einen grossen Schatten von irgendetwas, das sich hinter ihr aufbäumte. Langsam drehte sich Anne um. „Aquila!“ Tränen flossen über ihre Wangen und im Augenblick eines Wimpernschlages fiel die ganze Angst und Anspannung von ihr ab. Sie lief auf ihren gefiederten Freund zu und vergrub ihr Gesicht in seinen glänzenden Brustfedern. Jetzt war ihr alles klar! Sie musste noch immer auf der Couch im Wohnzimmer liegen und Nicks Begegnung war Teil eines Traumes. Sie löste sich von Aquila und blickte zu ihm hoch. Ein zärtliches Lächeln verdrängte ihre angstvolle Mine und sie blinzelte in die Sonne, die hinter Aquila am Himmel stand. Er blickte sie an und in ihrem Kopf hörte sie die Auforderung aufzusteigen. Das wollte sich Anne nicht zweimal sagen lassen. Schnell kletterte sie auf den Rücken ihres gefiederten Freundes, der sofort abhob und mit ihr in den blauen Himmel tauchte.

Der Wind trocknete Annes Tränen und in ihren Gedanken bedankte sie sich bei Nick, der sich im Nachhinein doch ihrer Liebe würdig erwies. Aber auch Zweifel beschlichen Anne. Denn gleichzeitig hatte Nick auch erneut eine Warnung hinterlassen. Sollte sie einfach nach Peru fliegen? Doch sie hatte keine Ahnung, wo sie Raoul finden konnte und wie sie ihm überhaupt helfen konnte. Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Aquila wieder seinen stolzen Ruf erklingen liess. Abermals sah Anne von oben die Ebenen von Nazca mit den riesigen Felszeichnungen. Aquila flog immer tiefer und die Szenerie veränderte sich. Die flachen Felszeichnungen wurden plötzlich dreidimensional und aus den dünnen Linien wurden hohe, stabile Wände. Aquila steuerte eines dieser Zeichen an und flog tiefer um zwischen den hohen Mauern dieser Figur einzutauchen.

Aquila erwies sich als wahrer Flugkünstler und flog immer wieder scharfe Kurven, änderte plötzlich seine Richtung und flog sie so immer tiefer in ein steinernes Labyrinth. Nach ein paar Minuten bremste der Adler seinen Flug und landete. Als Anne abstieg, kam sie sich vor wie eine kleine Ameise, die in einer übergrossen Welt gefangen war. Rings um sie herum ragten hohe, glatte, steinerne Flächen dem Himmel entgegen. Es war unheimlich still und Anne traute sich kaum zu atmen. Als sie sich umblickte, sah sie plötzlich jemanden auf sich zukommen. Ihr Herz begann zu leuchten und ein Strahlen breitete sich über ihr Gesicht aus. „Raoul!“ rief sie und lief ihm entgegen. Doch einmal mehr sollte sie ihn nicht erreichen. Noch bevor sie Raoul in ihre Arme schliessen konnte, verblasste die Szenerie um sie herum und versank in einer stillen Dunkelheit. Anne schien in eine endlose Tiefe zu fallen um nach einem undefinierbar langen Moment auf der Couch zu landen, auf der sie in Sandras Haus eingeschlafen war.

Langsam kam sie zu sich und richtete sich auf. Anne streckte sich, rieb sich ihre Augen und versuchte zu verarbeiten, was sie eben geträumt hatte. Das Klingeln der Haustür weckte sie endgültig auf. Ein Blick aus dem Fenster auf ein gelbes Auto liess sie erkennen, dass es der Postbote sein musste. Sie stand auf und öffnete die Tür. Tatsächlich stand eine junge, freundliche Dame in Postgelb gekleidet vor der Tür und händigte ihr einen eingeschriebenen Brief aus, der an sie adressiert war. Neugierig kehrte sie mit dem Briefumschlag zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Die Briefmarke war fremdartig und auch der Poststempel schien auf einen Brief von weit her zu deuten.

Anne riss das Couvert auf und mit einem zärtlichen Lächeln betrachtete sie den Inhalt des Umschlages.

Weiter mit Fragmente 1.9 – Das Rätsel

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit

Fragmente 1.3 – Raoul

Tausend Bilder zogen an Anne vorbei, als sie auf dem Rücken des Adlers Richtung Südwesten flog. Unter sich sah sie grosse Gebiete mit bunten Feldern, die mit Strassen durchzogen waren. Ab und zu erschienen graue Strukturen von Städten die aussahen wie Krebsgeschwüre in der grün-gold-blauen Haut der Erde. Die Küste Portugals kam in Sichtweite und ganz in der Ferne konnte Sie sogar die Meerenge von Gibraltar erkennen. Als sie das Festland hinter sich liessen und über das offene Meer flogen, veränderte sich die Szenerie langsam.

Anne sah schwebende Inseln, auf denen Sie Menschen, Bauwerke und ganze Städte ausmachen konnte. Auf einigen Inseln waren, wie in einem Museum verschiedene Szenen mit Menschen dargestellt. Die meisten dieser Bilder zogen an ihr vorbei, ohne dass sie Einzelheiten oder gar den Sinn des Dargestellten erkennen konnte. Andere Sequenzen aber schienen sich zu ganzen Panoramen zu verbreitern und ermöglichten es ihr sogar Details zu erkennen. Eine dieser schwebenden Inselwelten faszinierte Anne besonders. Sie schien eine antike ägyptische Stadt zu beherbergen. Anne wies den Adler in Gedanken an, diese Stadt anzufliegen und als sie näher kamen, verlangsamte ihr fliegender Freund sein Tempo, damit Anne mehr erkennen konnte.

Annes Vater war Historiker und beschäftigte sich vorwiegend mit Papyriologie und Epigraphik alter Völker. So hatte sie in ihrer Kindheit sehr vieles über antike Kulturen erfahren und sich auch immer sehr dafür interessiert. Dies half ihr einzuordnen, was sie sah. Die Stadt, die sie nun anflog, besass eine vorgelagerte Insel, auf der sie einen grossen Turm ausmachen konnte. Anne war sich sicher, dass es sich um das antike Alexandrien handeln musste und sie wollte unbedingt mehr davon sehen. „Aquila“ rief sie ihrem Traumadler in Gedanken zu „lande hier!“ Bis jetzt hatte sie nicht darüber nachgedacht, ob ihr Adler einen Namen besass. Aber genau jetzt, in diesem Moment wusste sie, dass er Aquila hiess. Sie hatte jetzt keine Zeit länger darüber nachzudenken und sie beschloss, diesen Namen einfach als intuitiven Gedanken anzunehmen. Anne begann immer mehr zu begreifen, dass Intuition in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen würde.

Aquila und Anne landeten in der Nähe der Küste, im nordöstlichen Teil der Stadt. Schnell war Anne klar, dass sie sich hier in einem noblen Viertel befand, denn die Häuser und Strassen waren erstaunlich schön und massiv gebaut. Niedrige Gebäude wechselten sich mit freien Plätzen, Gärten und Palmenalleen ab. Die Sonne leuchtete hell und alles schien in goldenem Licht zu baden. Anne lief staunend eine dieser Prachtstrassen entlang und stand schliesslich vor einem grossen Gebäudekomplex. Dessen Architektur und Schönheit übertraf alles, was sich Anne damals in ihren kühnsten Kinderträumen vorgestellt hatte. Die Stirnseite bildete eine Art nach oben konisch zulaufendes „H“ dessen Stützpfeiler je ca. 40% der Vorderseite einnahmen. Im schmalen Teil dazwischen ruhte ein grosses Tor. Anne suchte in ihren Erinnerungen nach Ideen, um was für ein Gebäude es sich handeln konnte.

Eine bekannte Stimme hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken: „Was tust Du hier mein Kind?“ Sie schaute sich erschrocken um und erblickte zu ihrem grossen Erstaunen ihren eigenen Vater, der in für diese Zeit üblicher Bekleidung vor ihr stand und sie milde anlächelte. „Paps? Was tust Du denn hier?“ Der freudige Ausdruck im Gesicht ihres Vaters wich langsam einer besorgten Mine und er hob eine Hand um Anne eine Strähne ihres dunklen, langen Haares aus der Stirn zu streichen. „Ich rette, was zu retten ist!“ Sagte er. Ihr fielen ein paar Papyrus Rollen unter seinem linken Arm auf und wollte weitere Fragen stellen, doch ihr Vater fuhr weiter: „Bald wird die Bibliothek von Alexandrien zerstört werden und wir bringen alles in Sicherheit. An einen Ort, den niemals jemand finden sollte! Keine Macht der Welt soll je über all das gesammelte Wissen der antiken Zeit verfügen. Erst wenn das Wissen allen Menschen zur Verfügung gestellt werden kann, ohne den Einfluss von machthungrigen Staatsmännern und Regierungen, werden wir das Wissen mit der gesamten Menschheit teilen!“ Anne erkannte auf einer der Papyrusrollen ein Symbol, dass ihr schon als Kind aufgefallen war. Es waren zwei ausgebreitete Arme die sie als kleine Tätowierung zwischen den Schulterblättern von ihrem Vater gesehen hatte.

Anne versuchte herauszufinden, was hier eigentlich los war und hatte schon eine Frage an ihren Vater auf ihren Lippen als plötzlich, mit einem quietschenden Geräusch, ein Auto um die Ecke bog. Männer feuerten aus geöffneten Fenstern mit Maschinenpistolen auf sie. Anne und ihr Vater flohen durch das Tor in das grosse Gebäude. „Du musst gehen! Sprich mit mir, wenn Du von Deiner Reise zurückgekehrt bist!“ In Anne’s Kopf wirbelten die Gedanken wie Blätter in einem herbstlichen Sturm. Was hatte das alles zu bedeuten? Ihr Vater im alten Ägypten als Retter von antiken Büchern? Autos und Maschinengewehrfeuer? Vor fast 2000 Jahren? Anne rannte zu Aquila zurück an den Hafen und stieg, völlig ausser Atem, auf dessen Rücken. Mit kräftigen Flügelschlägen erhob er sich mit Anne in die Luft und die Szene unter ihnen wurde kleiner und kleiner. Die schwebende Insel mit der antiken Stadt Alexandria verschwand langsam im Dunst der Ferne während Annes Gedanken durch ihren Kopf tobten.

Langsam wurde Ihr bewusst, dass sie sich in einem Traum befand. Dies fühlte sich seltsam an für sie, denn alles schien ihr so intensiv und real. Und in ihr wuchs die Überzeugung, dass ihr in dieser Traumreise etwas mitgeteilt werden sollte, dass für ihr weiteres Leben eine wichtige Bedeutung haben sollte. Aquila trug Anne immer weiter und sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als ihr gefiederter Freund plötzlich einen schrillen Schrei ausstiess. Anne blickte nach unten und sofort wusste sie, wo sie sich befanden. Unter ihnen erstreckte sich eine weite Ebene, auf der sie riesige Symbole erkannte. „Wir sind in Peru! Das sind die Ebenen von Nazca!“ rief Anne laut aus.

Unten auf der Ebene stand jemand. Die Person war noch zu weit entfernt als dass Anne sie hätte erkennen können. Doch schnell kamen sie näher und ein Lächeln ergriff Besitz von Annes Gesicht. Raoul stand dort unten und winkte ihr schon von weitem zu. Er erwiderte ihr Lächeln und Annes Herz beschleunigte seinen Rhythmus während sie vom Rücken von Aquila stieg um Raoul entgegen zu eilen. Sie sah auch ihn auf sich zulaufen und in seiner linken Hand erkannte sie eine der Papyrusrollen, die sie schon bei Ihrem Vater gesehen hatte. Es kam ihr merkwürdig vor, doch im Moment wollte sie nichts anderes, als Raoul endlich wieder in seine wunderschönen Augen zu blicken. Doch mit jedem Schritt, den sie auf ihn zuging, schien er sich weiter zu entfernen und die Szene wurde immer blasser.

Anne wurde schwindlig und plötzlich umfing sie eine bilderlose Dunkelheit. Sie fiel in ein schwarzes Loch, das kein Ende zu nehmen schien. Aus weiter Entfernung hörte sie eine Stimme an ihr Ohr dringen „Anne!“. Sie wehrte sich gegen das Aufwachen, wollte zurück auf die Nazca-Ebene zu Raoul. „Anne, wach auf, schnell!“. Ihr Kopf pochte, ihr ganzer Körper war angespannt und sie fühlte sich, als hätte sie einen handfesten Kater. Wieder vernahm sie die quälende Stimme: „Anne! Bitte wach endlich auf!“ Sie atmete tief ein und lies die Luft langsam aus ihrem Körper entweichen. Dann schlug sie die Augen auf und erkannte das Gesicht von Sandra vor sich.

Sandra sah besorgt aus. In ihrer rechten Hand hielt sie ein schnurloses Telefon. „Anne, dein Vater hat gerade angerufen. Du sollst Dich unbedingt sofort bei Ihm melden! Es muss etwas passiert sein, denn er klang sehr besorgt und aufgeregt!“

Weiter mit Fragmente 1.5 – Gefahr droht