Fragmente 1.18 – Die Reise ins Ungewisse

Swiss A330

Photocredit: caribb@flickr.com

Was bisher geschah:

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15 / Teil 16Teil 17

Anne schlief nicht durch. Immer wieder wachte sie auf und die Nervosität wegen der bevorstehenden Reise liess sie lange wach liegen. Irgendwann war es endlich Morgen geworden und Anne war froh, das Bett verlassen zu können. Irgendwie fürchtete sie sich ein Stück weit vor dem was nun vor ihr lag, andererseits freute sie sich auch darauf. Sie würde Raoul wiedersehen und sie würde in das grösste Abenteuer ihres Lebens aufbrechen.

Alles war bereit. Ihre Koffer waren gepackt, der Stein mit der Karte im Gepäck verstaut und sie musste nur noch losziehen. Nur noch ein letztes Frühstück mit Sandra trennte sie von dem Abflug. Die beiden Freundinnen sprachen nicht viel, obwohl sie einander beide noch so viel zu sagen hatten. Anne die Sandra danken wollte und der ihre Freundin jetzt schon fehlte. Und Sandra die voller Sorge war, ob Anne die Reise und vor allem ihren Aufenthalt in Peru schadlos überstehen würde. Doch Worte waren überflüssig. Immer wieder trafen sich die Augen der beiden jungen Frauen. Ab und zu huschte ein verschwörerisches Lächeln über ihre Lippen und das Unausgesprochene lag greifbar in der spannungsgeladenen Luft.

Ihre Kommunikation funktionierte wortlos, was das innere Band der beiden zusätzlich verstärkte. Anne würde Sandra sehr vermissen. Aber sie wusste auch, dass Sandra in ihrem Herzen bei ihr sein würde. Und ihr war klar, dass sie diesen Weg alleine gehen musste. Denn es war nicht so sehr die Reise zu Raoul oder das Abenteuer in einem fernen Land das vor ihr lag. Viel mehr war es der Weg zu ihr selbst. Ein Aufbruch in eine Zukunft, in der sie selbst ihre Geschicke in die Hand nahm. Es würde von ihren Entscheidungen abhängen, ob sie überleben würde. Es gab niemanden, dem sie folgen konnte, niemanden der sie unterwegs beschützte oder ihr helfen konnte. Bis zu dem Zeitpunkt an dem sie Raoul in Peru finden würde, war sie komplett auf sich selbst gestellt.

Dieses Gefühl von Selbstbestimmtheit, Stärke und dem Wissen auf einer wichtigen Mission zu sein, erfüllte Anne mit Kraft und sie lächelte Sandra wortlos an. Sandra nickte nur und blickte auf die Uhr. Es wurde Zeit und die beiden Frauen mussten das Hotel verlassen. Nachdem der letzte Koffer und die Reisetasche verstaut waren, fuhren sie in Richtung Flughafen davon. Die Fahrt verlief dieses Mal ohne Zwischenfälle und sie kamen rechtzeitig an der angegebenen Abflughalle an. Anne lud ihr Gepäck auf einen Rollwagen und Sandra begleitete sie zum Check-In.

Wie immer, wenn Anne sich auf einem Flughafen befand, befiel sie dieses Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Diese Orte waren Tore zur Welt und von hier aus konnte man beinahe jedes Land erreichen. Schon als Kind war Anne von diesen Gebäuden fasziniert. Die Menschen hier strahlten ein Gefühl aus, dass sich sonst nirgendwo so manifestierte. Anne tauchte ein in diese Energie und nur der Moment des Abschieds von Anne vermochte Ihre Freude und Spannung zu trüben. Dann war der Augenblick gekommen. Sandra nahm Anne in die Arme und die beiden Freundinnen umarmten sich. Sandra wartete bis Anne eingecheckt hatte und schaute ihrer Freundin nach, als diese sich zum Zoll begab. Anne blieb kurz stehen und hob ihre Hand zu einem letzten Gruss. Dann wurde sie von dem Durchgang verschluckt, der die Sicherheitszone vom Check-In trennte.

Sie suchte ihr Gate und musste dort noch fast eine Stunde auf das Boarding warten. Sie nutzte die Zeit und schmöckerte in ihrem Reiseführer. Ihre Gedanken pendelten zwischen der Vergangenheit, dem Hier und Jetzt und der kurz bevorstehenden Zukunft. Innerlich verabschiedete sie sich von ihrem alten Leben und bereitete sich auf das vor, was vor ihr lag. Die Bilder der Nazca-Ebenen in dem Buch in ihren Händen entlockten ihr ein Lächeln. Bald, davon war sie überzeugt, würde sie endlich Raoul gegenüber stehen. Bald würde sich der Kreis schliessen. Bald würde sie in Peru und bei sich selbst angekommen sein.

Eine Stimme aus dem Lautsprecher, die das Boarding ihres Fluges ankündigte, riss Anne aus ihren Gedanken. Sie stand auf, begab sich zu dem Gateway und bevor sie noch einmal zurückschauen konnte, befand sie sich im Bauch des Flugzeugs. Im Inneren herrschte die typische Betriebsamkeit vor dem Start eines Fluges. Passagiere hievten ihr Handgepäck in die Kofferablagen oberhalb der Sitze, Flugbegleiterinnen lächelten freundlich und zeigten Fluggästen ihre Plätze. Anne hatte Glück und hatte einen Fensterplatz buchen können. Sie hatten ihre Reisetasche verstaut, sich ihre Reiseführer und Magazine in der Tasche an der Hinterseite der Rücklehne des Sitzes vor ihr eingesteckt und machte es sich in ihrem Sitz so bequem es eben ging.

Langsam füllte sich die Maschine bis auf den letzten Platz. Nur zwei Reihen vor Ihr blieb noch ein Sitz frei. Das musste der zweite der annulierten Pätze der sonst ausgebuchten Maschine sein. Sandra blickte aus dem Fenster und sie nahm das Bild der ihr vertrauten Landschaft in sich auf. Die sanften grünen Hügel, die dunklen Wälder, die Häuser der Städt. Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie keinen Rückflug gebucht hatte. Wann würde sie diese vertrauten Bilder wieder sehen? Wann würde sie zurückkehren? Langsam spürte sie, wie neben ihrer Freude über das Abenteuer auch das Gefühl des Abschieds, der Trennung von dem was ihr vertaut und lieb geworden war vor ihr stand.

Würde ihr Vater im Krankenhaus bald aus dem Koma erwachen? Wann würde sie ihn und Sandra wieder sehen? Anne versuchte diese Gedanken abzuschütteln und vertiefte sich in eine Illustrierte, die sie sich am Kiosk im Flughafen gekauft hatte. Doch für einmal vermochten sie die Seiten mit den neusten Handtaschen und Schuhmodellen nicht wirklich in ihren Bann zu ziehen. Immer wieder schweiften Ihre Gedanken ab und immer wieder zog es ihren Blick zu der vertrauten Umgebung des Flughafens. Langsam rückte der Start der Maschine immer näher. Die Tür des Flugzeugs wurde geschlossen und Anne gurtete sich vorsichtshalber bereits an.

Doch die Maschine blieb stehen und mehrere Minuten vergingen, ohne dass sie auf das Rollfeld manöveriert wurden. Eine Flugbegleiterin ging nun plötzlich auf die bereits geschlossene Tür des Flugzeugs zu und öffnete diese erneut. Jemand schien sich verspätet zu haben und stieg noch nachträglich zu. Anne kannte diesen Mann nicht der nun auf dem freien Sitz, der ihr vorher aufgefallen war, Platz nahm. Und doch beschlich sie ein seltsames Gefühl, als sie bemerkte, wie dieser sich umschaute und jemand zu suchen schien. Bevor sich sein Kopf in ihre Richtung drehte, verschanzte sie sich schnell hinter ihrem aufgeschlagenen Magazin. Vielleicht war es ja nur so ein dummer Verdacht, der aufgrund der Erlebnisse der letzten Tage in ihr hochstieg. Und doch kroch ihr die Angst den Rücken hoch, wenn sie diesen Mann betrachtet, der nun in seinem Sitz sass und nach vorne blickte.

Langsam setzte sich nun das Flugzeug in Bewegung und rollte auf die Startbahn. Die Triebwerke wurden immer lauter, heulten auf und die Maschine gewann rasch an Geschwindigkeit. Die Fluggäste wurden in Ihre Sitze gedrückt und plötzlich hoben sie ab. Der Belag der Flugpiste raste unter ihnen vorbei und die Gebäude wurden immer kleiner. Nun gab es kein zurück mehr! Anne atmete tief durch und lehnte sich in ihrem Sitz zurück und genoss das Gefühl, sich immer weiter weg von der Welt da unten zu entfernen. Und unweigerlich drängte sich ein altes Lied in ihren Kopf „Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein…“

Langsam entspannte sich Anne und beschloss, sich einen Prosecco zu bestellen, sobald die Flugbegleiterin vorbeikommen und sie nach einem Getränkewusch befragen würde. Sie wollte den Moment gebührend würdigen und ihr Abenteuer feierlich beginnen. Je höher sie stiegen umso besser fühlte sich Anne und je näher sie Peru kamen umso mehr freute sie sich auf das Wiedersehen mit Raoul. Sie schloss ihre Augen und versuchte sich auszumahlen, wie es sein würde ihren fernen Freund in ihre Arme zu schliessen.

Doch ein trockener, kehliger Husten riss sie aus ihren Gedanken. Sie schaute sich um. Der Kopf des verspätet zugestigenen Passagiers hob und senkte sich und er hustete erneut. Annes erstarrte und obwohl sie einen machtvollen Drang verspürte laut heraus zu schreien, schnürrte ihr  die Panik die Kehle zu. Augenblicklich wurde ihr klar, dass sie diesen Husten kannte. Und sie wusste auch sofort wo sie ihn zuvor schon gehört hatte.

Weiter mit Fragmente 1.19 – Über den Wolken

Fragmente 1.16 – Eine Tür die keine ist

adler

Was bisher geschah:

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15

Anne riss ihre Augen weit auf und sog das sich ihr bietende Bild tief in sich hinein. Durch den Rahmen des Badezimmerschrankes blickte sie auf eine weite Ebene. Darüber erstreckte sich ein flirrender, blauer Himmel und die Sonne strahlte ihr Gesicht frontal an. Plötzlich hörte sie wieder dieses Geräusch, das klang als ob jemand Luft mit einem grossen Segel bewegen würde. Ein grosser Schatten schob sich vor die Sonne um gleich darauf ihr Licht wieder freizugeben und Annes staunendes Antlitz zu beleuchten. Annes Herz schlug schneller und ein freudiges Gefühl überflutete ihren ganzen Körper. Es fühlte sich an, als ob ihre Blutbahnen von innen leuchteten und als würde sich ihr Gewicht binnen Sekunden um ein vielfaches verkleinern. Sie fühlte sich so leicht wie ein Schmetterling und alle dunkeln Wolken welche ihre Gedanken in den letzten Tagen überschatteten, wichen augenblicklich von ihrer Seele. „Aquila, mein geliebter Freund!“ rief sie und sah, wie der Adler einen weiten Kreis über der Ebene  zog um dann auf sie zuzusteuern. Anne kletterte auf durch die Öffnung des Badezimmerschranks und sprang. Der freie Fall, die Luft die sie umgab und die Gewissheit, dass Aquila sie auffangen würde, liessen Anne laut herauslachen. Ihr gefiederter Freund tauchte nun unter sie und liess Anne auf seinem Rücken landen.

„Wir müssen zu einem wichtigen Treffen!“ drangen Aquilas Gedanken in Annes Bewusstsein und sie spürte, wie er seine Flugbahn änderte und sie der Ebene immer näher brachte. Anne wusste bereits wo sie war und sie vermutete auch schon zu wissen, wo Aquila landen würde. Die Ebene von Nazca kam immer näher und die Figur, welche von ihm angesteuert wurde, war Anne ebenso bekannt. Sie kniff ihre Augen zusammen und versuchte zu erkennen, ob Raoul da unten auf sie wartete. Doch da stand niemand bei der Figur. Aquila landete und liess Anne von seinem Rücken steigen. „Finde die Tür, die keine ist!“ übermittelte er ihr in Gedanken und flog wieder weg.

Anne schaute ihm nach und erst nachdem Aquila am fernen Horizont verschwunden war, wurde ihr bewusst, dass sie nun alleine auf dieser weiten Ebene stand. Wo würde sie hier eine Tür finden? Anne schaute sich um doch es gab nirgends eine Wand, weder künstlich noch natürlichen Ursprungs, die eine Tür enthalten konnte. Was konnte  er damit gemeint haben. Eine Tür, die keine ist? Es könnte vielleicht Durchgang gemeint sein, keine klassische Tür. Wenn da keine Wände waren, die man hätte durschreiten können, was blieb dann noch? Anne senkte ihren Kopf und begann den Boden abzusuchen und rasch fiel ihr Blick auf eine Ansammlung von Steinen, die zu einer unförmigen Pyramide aufgeschichtet war. Das steinerne Gebilde war ungefähr einen Meter hoch und nur ein paar Schritte von ihr entfernt. Sie ging darauf zu und hob den obersten Stein an.

Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war und Anne begann damit, die Steine Schicht um Schicht abzutragen. Je tiefer sie kam umso flacher und grösser wurden die kleinen Felsbrocken bis an Ende zwei grosse Platten übrig waren. Diese waren zum Glück relativ dünn und Anne konnte sie zwar nicht wegheben, aber es gelang ihr, die Platten auf dem sandigen Boden zu verschieben und tatsächlich gaben sei eine Öffnung frei. Anne kniete sich neben das Loch und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Es führten keine Stufen hinab in die Tiefe, aber Anne erkannte bald, dass an einer der Schachtwände eine Leiter stand. Sie konnte zwar nicht abschätzen wie stabil und sicher die Leiter war, aber die Tatsache dass sie die Tür, die keine ist, gefunden hatte, machte ihr Mut und sie entschloss sich, in den dunklen Schlund zu klettern.

Je tiefer Anne unter den Boden gelang umso dunkler wurde es um sie herum und langsam beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Doch sie stieg weiter, Sprosse um Sprosse, bis sie wieder festen Boden unter den Füssen spürte. Sie fühle dass Luft durch die Öffnung in das Innere wehte und schloss daraus, dass es noch einen weiteren Ein- oder Ausgang geben musste. Langsam gewöhnten sich Ihre Augen an die Dunkelheit und in weiter Entfernung entdeckte Anne einen flackernden Lichtschein. Langsam tastete sie sich vorwärts. Setzte vorsichtig einen Fuss vor den anderen und stütze sich mit den Händen an den Wänden ab. Das Leuchten kam nun immer näher und der ölige Geruch zeigte an, dass das Licht von einer oder mehreren Petroleumlampen kommen musste. Nur noch ein paar Schritte und die nächste Biegung trennte sie von dem beleuchteten Raum. Sie blieb stehen und horchte in den unterirdischen Gang hinein. Sie konnte zwei leise flüsternde Männerstimmen hören. Doch sie waren so leise, dass Anne nichts verstehen konnte. Langsam ging sie weiter und an der Biegung angekommen schlich sie auf Zehenspitzen weiter und versuchte vorsichtig einen ersten Blick in den Raum zu werfen.

„Anne! Da bist Du ja endlich! Komm setz Dich zu uns!“ erklang plötzlich eine wohlbekannte Stimme und sie sah in Raouls wunderschöne Augen. „Raoul! Paps!“ rief sie nun freudig überrascht und trat in den Raum, in dem ihr Vater und Raoul sassen. Sie umarmte ihre beiden liebsten Männer und erzählte, wie sie hierher kam. Was alles passiert war und dass sie und Sandra es wohlbehalten bis in das Hotel geschafft hatten. „Paps, wie geht es Dir?“ fragte Anne nun besorgt, da ihr plötzlich klar wurde, dass sie den beiden nur im Traum begegnete und ihr Vater noch immer im Koma lag. Er lächte sie liebevoll an und sagte mit weicher Stimme „Es ist alles in Ordnung, Mädchen! Ich ruhe mich noch etwas aus!“

Raoul erzählte ihr was bei ihm in den letzten Tagen passiert war und dass er sich noch immer versteckt halten musste. „Wirst Du mir den Stein mit der Karte bringen? Ich möchte Dich endlich in meine Arme nehmen!“ schloss Raoul und Anne blickte ihn liebevoll an. „Das werde ich Raoul! Sobald ich einen Flug erwische, komme ich hierher! Aber wie werde ich Dich finden?“ Er lächelte liebevoll zurück, strich ihr mit der Hand eine Strähne aus dem Gesicht, küsste sie zärtlich und flüsterte ihr anschliessend ins Ohr:

„Finde den grossen Donnervogel und in der Mitte seines Kopfes, finde die Tür, die keine ist!“

Raouls Worte hallten in Annes Kopf wie ein Echo und sie wiederholte sie immer wieder und langsam versank sie in Trance. Das Licht um sie herum entschwand in weite Ferne und ihr  Bewusstsein tauchte in einen tiefen Schlaf.

Weiter mit Fragmente 1.17 – Reisevorbereitungen

Fragmente 1.11 – Eine Aufgabe aus dem Traumland

P1150834

Fotocredit: Calafellvalo @ flickr

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Fragmente 1.8 – Die Warnung / Fragmente 1.9 – Das Räsel

Fragmente 1.10 – Der Stein der Wahrheit /

Die Zeit schien nun komplett still zu stehen. Anne spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen und sah das in Panik verzerrte Gesicht ihres Vaters neben sich. Plötzlich wurde sie ganz ruhig und konzentrierte sich auf den Himmel, den sie durch die Autoscheiben sah. „Aquila“ rief sie und hoffte, dass Ihr gefiederter Freund kommen würde, um sie aus diesem schrecklichen Albtraum zu befreien. Aber Aquila kam nicht und Anne begriff, dass es diesmal kein Traum war. Am Rückspiegel des Autos baumelte ein Lufterfrischer in Form einer kleinen, grünen Tanne der in Zeitlupe hin und her schlingerte. Anne hörte die Karosserie des Wagens knirschen und ächzen und langsam, fast wie in schwereloser Umgebung, schwebte eine zusammengefaltete Strassenkarte durch den Innenraum des Fahrzeuges. Noch bevor die Angst wieder von Anne Besitz ergreifen konnte, riss sie ein ohrenbetäubender Knall in ein dunkles, schwarzes Nichts und die Bilder um sie herum verschwanden im Augenblick eines Wimpernschlages.

Wie lange die Dunkelheit andauerte, vermochte Anne nicht abzuschätzen. Aber irgendwann ging diese endlos scheinende Nacht langsam in eine schwache Dämmerung über. In weiter Ferne konnte sie eine verschommene Lichtquelle wahrnehmen und langsam wich die bleierne Schwere ein wenig von ihrem Körper. Sie spürte, dass sie nicht alleine war. Wie aus weiter Ferne hörte sie Schritte. Schuhe knirschten auf sandigem Boden und das Geräusch bewegte sich auf sie zu. Eine vertraute Stimme drang in ihren Kopf „Anne?“. Langsam und vorsichtig drehte sie ihren Kopf in die Richtung aus der sie ihren Namen hörte. „Anne? Bist Du wach?“ fragte die Männerstimme. Anne traute Ihren Augen nicht. „Raoul, bist Du das?“ fragte sie und tatsächlich blickte sie in seine wunderschönen Augen. „Raoul!“ Tränen rannen ihr über das Gesicht und Raoul nahm sie in den Arm. Anne spürte wie die Hoffnung, dass dieser Moment nie enden würde, von ihr Besitz ergriff und jede Zelle ihres Körpers durchfloss. Sie schmiegte sich an Raoul und fühlte sich seit langer Zeit das erste Mal wieder geborgen.

Nach einiger Zeit löste sie sich von Raoul und er blickte sie liebevoll an. Anne konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden. Aber plötzlich zog etwas hinter ihm ihre Aufmerksamkeit auf sich. Jemand stand hinter Raouls Rücken und schien nur darauf zu warten, bis er Anne ebenfalls begrüssen durfte. Der Silhouette nach musste es sich um einen Mann handeln, dachte Anne und als diese Person näher zu ihr trat, erkannte sie ihren Vater. „Paps!“ Sie umarmten sich und Ihr Vater blickte sie liebevoll an. „Anne, wie geht es Dir? Ich bin so froh, dass du endlich aufgewacht bist.“ Anne war ziemlich verwirrt. Wie kam sie hierher? Gerade erst befand sie sich noch in einem Auto, dessen Bremsen nicht funktionierten und das deswegen eine Kurve nicht erwischte und nun war sie in einer Höhle mit Raoul und ihrem Vater. „Paps, ich verstehe nicht?“ begann sie, aber ihr Vater fiel ihr ins Wort: „Finde Raoul, flieg nach Peru und nimm den Stein mit! Ich werde das nicht tun können, aber es ist enorm wichtig! Wirst Du das für mich tun?“ Anne nickte zögernd. „Geh in mein Haus und sieh in meinem Schreibtisch nach. Unter der untersten Schublade auf der rechten Seite gibt es ein Geheimfach. Dort findest Du ein Handy und einen Umschlag mit Geld. Nimm es und hol Dir den Stein!“. „Ja Paps, das werde ich für Dich tun!“. „Ich wünsche Dir viel Glück und Mut. Ich weiss, dass du es schaffen wirst!“. Annes Vater löste sich aus der Umarmung und stand auf. „Aquila wartet draussen auf Dich“ sagte Raoul zu Annes Vater und dieser nickte, sah Anne liebevoll an und ging dem Höhlenausgang entgegen. „Wir sehen uns! Bis bald!“ rief er über seine Schulter zurückblickend. Anne versuchte aufzustehen um ihm zu folgen. Doch plötzlich wurde sie von einer starken Müdigkeit übermannt. „Aquila ist hier? Ich … ich habe geträumt?“ murmelte sie und dann versank die Welt um sie herum im Dunkel der Bewusstlosigkeit. Raouls Gesicht schien in eine endlose Ferne zu entschwinden und Anne schlief ein.

Langsam, wie Eisblumen die sich an einer Fensterscheibe bilden, kroch der Schmerz in Annes Körper. Wieder wusste sie nicht, wie lange sie geschlafen hatte und wieder löste eine Dämmerung die Dunkelheit in ihrem Geist ab. „Sie wird wach!“ hörte sie weit entfernt eine Frauenstimme sagen und ein seltsam surrendes Geräusch begann sie einzuhüllen. „Frau Kammermann, können Sie mich hören?“ Anne versuchte ihre Augen zu öffnen, doch die Helligkeit des Raumes blendete sie. „Schliessen sie die Vorhänge!“ hörte sie die Stimme an eine andere Person im Raum gerichtet. Das Licht in dem Raum war nun etwas gedämpfter und Anne öffnete vorsichtig ihre Augen. „Wo bin ich?“ fragte sie und die Stimme antwortete ihr: „Sie sind im städtischen Krankenhaus. Sie hatten einen schweren Unfall“. „Paps?“ brach es aus ihr heraus „was ist mit meinem Vater? Geht es ihm gut?“. Die Miene der Ärztin verschlechterte sich. „Ihr Vater ist ziemlich schwer verletzt. Er ist ausser Lebensgefahr, aber er liegt im Koma und ist bis jetzt noch nicht erwacht. Annes Magen zog sich zusammen und plötzlich fühlte sie wieder den Schmerz in Ihrem Körper. Wie lange sind wir schon hier? „Sie hatten unwahrscheinliches Glück, Frau Kammermann!“ sagte die Ärztin,  „Sie sind unverletzt! Sie haben lediglich eine schwere Gehirnerschütterung und ein paar oberflächliche Schrammen. Wir behalten Sie noch für ein paar Tage hier, aber Sie können bald wieder nach Hause“. „Wie lange?“ hackte an Anne nach? „Drei Tage.“ Antwortete die Ärztin. „Wird mein Vater durchkommen?“ frage Anne. „Wir gehen davon aus, dass er wieder ganz gesund wird, aber wir können nicht sagen, wann er aus dem Koma erwachen wird.“ Die Müdigkeit ergriff wieder Besitz von Anne und sie nickte schläfrig um der Ärztin zu signalisieren, dass Sie verstanden hatte.

„Ich möchte schlafen!“ sagte Anne. Die Ärztin nickte und stand auf. „Ruhen sie sich aus!“ sagte sie und ging aus dem Zimmer. Anne drehte sich um und schlief schnell wieder ein. Diesmal war es ein tiefer, traumloser Schlaf aus dem Anne erst wieder erwachte, als sich Sandra auf die Bettkante setzte und ihr sanft über die Haare strich.

Weiter mit Fragmente 1.12 – die geheime Tür

Fragmente 1.9 – Das Rätsel

fragmente1-9

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Fragmente 1.8 – Die Warnung

Der Umschlag aus Peru mit dem Express-Aufkleber enthielt nur einen Gegenstand. Es war ein Foto, auf dem Raoul zu sehen war. Anne strich mit dem Zeigefinger sanft über das glänzende Papier und Sehnsucht überschwemmte ihr Herz. Nichts wünschte sie sich sehnlicher als Raoul endlich gegenüber zu stehen. Ihre Augen schweiften über das Foto und erkundeten jedes Detail. Das Bild wurde nicht in Peru aufgenommen, das erkannte sie sofort, denn Raoul stand vor einem Büchergeschäft an dessen Schaufenster Plakate mit deutschen Texten hingen. Er trug eine hellbraune Baumwollhose mit aufgesetzten Taschen, einen abgewetzten Ledergürtel und ein dunkelbraunes Hemd, dessen obere Knöpfe offen waren und eine kräftige und braun gebrannte Brust erahnen liessen. Scheine schwarzen Locken glänzten im Sonnenlicht und seine Augen leuchteten geheimnisvoll.

Als sie das Foto umdrehte, fand sie anstatt der erwarteten persönlichen Worte nur eine Reihe von Zahlen und vier Zeilen Text sowie einen Gruss und Raouls Unterschrift. Schnell wurde ihr klar, dass die erste Reihe von Ziffern eine Telefonnummer darstellte und sie kombinierte rasch, dass dies die Nummer von Raouls neuem Handy sein musste. Doch darunter fand sich eine merkwürdige Reihe von weiteren Zahlen und ein geheimnisvoller Text:

18/5 33/18 9/5

100/4 117/3 49/20-47/2 60/6

17/13 61/1 101/2 110/8 23/2 41/3 87/18 99/1 48/4 69/2 – 113/1 9/2 25/3 40/19 – 59/42 18/5 39/1 53/2 64/3 87/6 127/4 44/8 60/3 77/3

Die Offenbarung zeigt sich nur dem der hinter diese Zeilen blickt
Fern dem Herzen und nahe dem Verstand ist die Wahrheit versteckt
Die Lösung des Rätsels wirst Du erkennen und verstehen
Forsche in gemeinsamen Erinnerungen – dann wirst es Du sehen!

In Liebe Dein Raoul

Anne runzelte die Stirn und dachte angestrengt nach. Was meinte er wohl damit und was sollten die Zahlen zu bedeuten haben? Sie hatte schon von vielen Codes und Verschlüsselungen gehört. Vielleicht handelte es sich hier um eine Buchverschlüsselung? Die Zahlenpaare führten sie auf die richtige Fährte. Vermutlich bezeichneten die Zahlen vor dem Schrägstrich die Zeilen- oder Seitennummer eines Textes oder eines Buches. Die zweite Zahl entsprach der Reihenfolge der Buchstaben. Dies war ein sehr sicheres Verschlüsselungsverfahren  und es war nicht zu knacken, wenn man das „Schlüssel-Buch“ nicht kannte! Doch welches konnte das besagte Buch sein? Anne dachte nach und las die Textzeilen unter dem Zahlencode immer wieder.

Die Offenbarung zeigt sich nur dem der hinter diese Zeilen blickt

Was wollte er wohl damit sagen? Was lag hinter diesen Zeilen? Anne versuchte sich zu konzentrieren und musste plötzlich lachen. „Natürlich!“ entwich es ihr und sie drehte das Foto um. Hinter den Zeilen lag das Bild auf der Rückseite! Sie betrachtete das Foto intensiv und versuchte zu erkennen, welche Bücher in der Auslage des Schaufensters lagen. Aber sie konnte die Titel nicht erkennen, sie waren zu klein. Anne las die zweite Textzeile auf der Rückseite des Fotos:

Fern dem Herzen und nahe dem Verstand ist die Wahrheit versteckt

Plötzlich hatte Anne die zündende Idee: Das Herzen war links im Körper, also musste die Lösung rechts von Raoul zu finden sein, fern dem Herzen. In der Nähe des Kopfes vielleicht, nahe dem Verstand? Sofort war ihr klar, um welches Buch es sich handeln musste! Denn rechts hinter Raouls Kopf hing ein Plakat an der Schaufensterscheibe mit einem Buchtitel, den sie kannte. Damals, als sie zusammen arbeiteten, hatten sie oft über Bücher gesprochen. Und bevor Raoul damals abreiste, hatte er ihr eine gebundene Ausgabe von Paulo Coelhos „Handbuch des Krieger des Lichts“ geschenkt.

Anne durchdrang plötzlich eine fieberhafte Nervosität. Welcher Hinweis steckte in dem Code, den Raoul ihr so übermittelt hatte? Welche Wahrheit würde sich ihr offenbaren? In was für ein Rätsel war sie hier geraten? Und wo zum Teufel, hatte sie Raouls Buch hingestellt? Dieser letzte Gedanke holte Anne zurück in die Realität. Sie musste das Buch finden! Sie hatte nur einige Kartons mit ihren Habseligkeiten mit zu Sandra genommen. Der Rest befand sich bei Ihrem Vater. Anne konnte nicht warten, sie musste das Buch so schnell wie möglich suchen um zu überprüfen, ob ihre Vermutung stimmte! Sie schnappte sich ihre Jacke und machte sich auf den Weg zu ihrem Vater.

Dort angekommen klingelte sie an der Haustür. Doch es antwortete niemand. Die Tür war nur angelehnt und Anne trat in das grosse Haus ein. „Paps, bist Du da?“ rief sie in den Flur und horchte gespannt. Doch es kam keine Antwort. Plötzlich kam ihr die Stille in dem Haus sehr unheimlich vor und ein seltsames Gefühl breitete sich in ihrem Körper aus. Sie trat vorsichtig und angestrengt lauschend weiter in den Flur. „Pa-aps!“ rief sie nun lauter und auf Antwort hoffend. Doch wieder beantwortete niemand ihren Ruf.

Langsam eroberte die Angst Annes Gedanken und ihr Herz begann schneller zu schlagen. Sie versuchte die dunklen Bilder beiseite zu schieben, die sich in ihren Kopf drängten. Doch mit jedem Schritt den sie sich weiter in den Flur hineinwagte, gewann die Panik mehr Macht über ihren Verstand und sie machte sich auf das Schlimmste gefasst! Sie riss sich zusammen und ging, zitternd vor Angst, weiter den Flur entlang.

Weiter mit Fragmente 1.10 – Der Stein der Wahrheit

Fragmente 1.8 – Die Warnung

Photocredit: bluelemur

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Vor dem Fenster von Sandras Wohnung stand ein junger Mann. Seine Kleider waren blutgetränkt und seine Augen blickten glasig in eine imaginäre Ferne. Regungslos stand er da, während das Blut aus seinen Kleidern tropfte und kleine, rote Pfützen auf dem Boden bildete. Um seine aufgescheuerten Handgelenke waren Stücke einer Wäscheleine geschlungen und in seiner rechten Hand hielt er einen Fetzen Papier. Anne war vor Schreck gelähmt. Unfähig sich zu bewegen, konnte sie den Blick nicht abwenden und ihr Gehirn weigerte sich zu verstehen, was ihre Augen sahen.

Nach einem Moment erkannte Anne, wer da vor ihrem Fenster stand. Das viele Blut, die gebückte Haltung und die leblosen Augen hatten das anfänglich verhindert. Annes Verstand versuchte vergeblich eine Erklärung für diese Situation zu finden, denn sie konnte nicht glauben, was sie da sah und doch formten ihre Lippen fast lautlos seinen Namen: „N-I-C-K“ hauchte Anne und konnte noch immer nicht akzeptieren, was sich hier vor ihren Augen abspielte. Ihre Starre löste sich „NICK!“ rief sie nun laut und rannte zur Haustür. Als sie draussen im Garten stand, war von Nick nichts mehr zu sehen. Nur die Blutspuren am Boden zeugten von der unheimlichen Begegnung. Als Anne näher ging, sah sie die blutigen Buchstaben an der Hauswand und was sie las, kam ihr unangenehm bekannt vor:

Anne lauf weg!

Ein eiskalter Schauer überzog Annes Rücken und die Angst kroch wie ein stinkender, sich ausbreitender Schimmelpilzbelag in ihrem Körper hoch bis unter die Kopfhaut. Sie konnte fühlen, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten und gerade als sie sich umdrehen und zurück ins Haus rennen wollte, fiel ihr etwas helles neben den Blutflecken am Boden auf. Sie bückte sich und erkannte, dass es ein Papierschnipsel war, den sie aufhob. Die Ränder sahen aus, als ob jemand das Papier mit den Zähnen abgerissen hätte. Sogar ein Zahnabdruck eines Eckzahns meinte Anne ausmachen zu können. Anne drehte das Papier um und nun packte sie die Panik. Auf der Rückseite stand in ihrer eigenen Handschrift

Lieber Nick

Der Rest des Textes war abgerissen. Auf einmal hatte Anne eine Vermutung. Nick hatte scheinbar ihren Abschiedsbrief heruntergeschluckt, damit er seinen Mördern nicht in die Hände kam. Zum ersten Mal fragte sich Anne, ob es ein Fehler war Nick zu verlassen. Bis zu seinem Tod hatte er sie beschützt. Und sie war einfach gegangen.

Plötzlich hörte Anne ein Geräusch hinter sich. Vor sich am Boden sah sie einen grossen Schatten von irgendetwas, das sich hinter ihr aufbäumte. Langsam drehte sich Anne um. „Aquila!“ Tränen flossen über ihre Wangen und im Augenblick eines Wimpernschlages fiel die ganze Angst und Anspannung von ihr ab. Sie lief auf ihren gefiederten Freund zu und vergrub ihr Gesicht in seinen glänzenden Brustfedern. Jetzt war ihr alles klar! Sie musste noch immer auf der Couch im Wohnzimmer liegen und Nicks Begegnung war Teil eines Traumes. Sie löste sich von Aquila und blickte zu ihm hoch. Ein zärtliches Lächeln verdrängte ihre angstvolle Mine und sie blinzelte in die Sonne, die hinter Aquila am Himmel stand. Er blickte sie an und in ihrem Kopf hörte sie die Auforderung aufzusteigen. Das wollte sich Anne nicht zweimal sagen lassen. Schnell kletterte sie auf den Rücken ihres gefiederten Freundes, der sofort abhob und mit ihr in den blauen Himmel tauchte.

Der Wind trocknete Annes Tränen und in ihren Gedanken bedankte sie sich bei Nick, der sich im Nachhinein doch ihrer Liebe würdig erwies. Aber auch Zweifel beschlichen Anne. Denn gleichzeitig hatte Nick auch erneut eine Warnung hinterlassen. Sollte sie einfach nach Peru fliegen? Doch sie hatte keine Ahnung, wo sie Raoul finden konnte und wie sie ihm überhaupt helfen konnte. Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Aquila wieder seinen stolzen Ruf erklingen liess. Abermals sah Anne von oben die Ebenen von Nazca mit den riesigen Felszeichnungen. Aquila flog immer tiefer und die Szenerie veränderte sich. Die flachen Felszeichnungen wurden plötzlich dreidimensional und aus den dünnen Linien wurden hohe, stabile Wände. Aquila steuerte eines dieser Zeichen an und flog tiefer um zwischen den hohen Mauern dieser Figur einzutauchen.

Aquila erwies sich als wahrer Flugkünstler und flog immer wieder scharfe Kurven, änderte plötzlich seine Richtung und flog sie so immer tiefer in ein steinernes Labyrinth. Nach ein paar Minuten bremste der Adler seinen Flug und landete. Als Anne abstieg, kam sie sich vor wie eine kleine Ameise, die in einer übergrossen Welt gefangen war. Rings um sie herum ragten hohe, glatte, steinerne Flächen dem Himmel entgegen. Es war unheimlich still und Anne traute sich kaum zu atmen. Als sie sich umblickte, sah sie plötzlich jemanden auf sich zukommen. Ihr Herz begann zu leuchten und ein Strahlen breitete sich über ihr Gesicht aus. „Raoul!“ rief sie und lief ihm entgegen. Doch einmal mehr sollte sie ihn nicht erreichen. Noch bevor sie Raoul in ihre Arme schliessen konnte, verblasste die Szenerie um sie herum und versank in einer stillen Dunkelheit. Anne schien in eine endlose Tiefe zu fallen um nach einem undefinierbar langen Moment auf der Couch zu landen, auf der sie in Sandras Haus eingeschlafen war.

Langsam kam sie zu sich und richtete sich auf. Anne streckte sich, rieb sich ihre Augen und versuchte zu verarbeiten, was sie eben geträumt hatte. Das Klingeln der Haustür weckte sie endgültig auf. Ein Blick aus dem Fenster auf ein gelbes Auto liess sie erkennen, dass es der Postbote sein musste. Sie stand auf und öffnete die Tür. Tatsächlich stand eine junge, freundliche Dame in Postgelb gekleidet vor der Tür und händigte ihr einen eingeschriebenen Brief aus, der an sie adressiert war. Neugierig kehrte sie mit dem Briefumschlag zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Die Briefmarke war fremdartig und auch der Poststempel schien auf einen Brief von weit her zu deuten.

Anne riss das Couvert auf und mit einem zärtlichen Lächeln betrachtete sie den Inhalt des Umschlages.

Weiter mit Fragmente 1.9 – Das Rätsel

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit

cave_peru

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Anne und ihr Vater blickten einander erschrocken an. „Die Polizei!“ flüsterte sie ihrem Vater zu. „Bleib ganz ruhig, es wird sich sicher alles aufklären.“ Versuchte er sie zu beruhigen. Sandra führte die beiden Beamten in die Küche und bot ihnen einen Kaffee an. Inspektor Trost und sein Assistent nickten beide dankbar. „Bitte nehmen sie Platz.“ Sagte Sandra und goss zwei weitere Tassen ein. „Sie haben es ihrer Tochter schon erzählt?“ fragte der Beamte und schaute Annes Vater an. „Ja, sie weiss es“. Der Inspektor blickte zu Anne: „Wo waren Sie vorgestern Abend zwischen 21 und 23 Uhr?“. Ihr Blut stockte in ihren Adern. Ein Zittern ergriff ihren Körper und Anne fühlte eine klirrende Kälte von ihren Füssen hochsteigen. Blitzschnell kombinierte sie und Panik begleitete die Erkenntnis, dass die Frage des Beamten nur eines bedeuten konnte: Sie wurde verdächtigt, Nick umgebracht zu haben!

„Ich war hier, bei meiner Freundin Sandra Zimmermann!“ antwortete Anne angstvoll. Sandra nickte und bestätigte Annes Aussage. Inspektor Trost bemerkte Annes Panik und versuchte sie zu beruhigen. Er erläuterte den Stand der Ermittlungen und erzählte was die Spurensicherung bis jetzt feststellen konnte. Der Fall schien recht merkwürdig. Am Tatort konnten keinerlei Spuren festgestellt werden. Einzig die Unordnung und die aufgeschlagenen Adressbücher und die Anzeige von Nicks Handy zeigte, dass die Täter scheinbar jemanden gesucht hatten. Kratzer an Nicks Handgelenken legten die Vermutung nahe, dass er an einen Stuhl gefesselt wurde und weitere Spuren an Nicks Körper zeigten darüber hinaus, dass er gefoltert wurde. „Wir vermuten, dass die Täter wollten, dass Nick den Aufenthaltsort einer ihm bekannten Person preisgibt. Anschliessend wurden ihm mehrere Stichwunden zugefügt. Er verblutete in kurzer Zeit am Tatort, ohne dass er Hilfe holen konnte.“ Anne wurde schlecht und sie kämpfte mit ihrem Magen.

Der Inspektor fuhr weiter “ Wir machen uns sorgen, dass die Mörder von Nick nach ihnen suchen! Denn warum hätte ihr ehemaliger Lebenspartner sonst diese Nachricht in seinem eigenen Blut hinterlassen sollen?“ Er machte eine kurze Pause. „Kannte er ihren jetzigen Aufenthaltsort?“ fragte der Inspektor weiter. Anne überlegte fieberhaft. In ihrem Abschiedsbrief hatte sie erwähnt, dass Sie zu Sandra ginge. Da sich Nick aber nie für ihre Freunde interessierte, war sie ziemlich sicher, dass er nicht einmal wusste, wo Sandra wohnte. „Er wusste, dass ich bei meiner Freundin bin, aber ich glaube, er wusste weder ihren Nachnamen noch ihre Adresse. Es interessierte ihn nie besonders, wer meine Freunde waren.“ sagte Anne. „Das könnte nun ihr Glück sein!“ raunte Inspektor Trost und kontrollierte, ob sein Assistent auch alles korrekt protokolliert hatte. Nachdem die Beamten noch einige Fragen gestellt und angekündigt hatten, dass ab sofort ein Streifenwagen vor dem Haus von Sandra postiert würde, verabschiedeten sich die beiden Polizisten.

Sandra, Anne und ihr Vater sassen schweigend in der Küche. Nach einigen Minuten sagte Anne leise: „Es geht um Raoul! Es kann nur um Raoul gehen!“. Sie erzählte ihrem Vater von Raouls Anruf und dass sie sich Sorgen machte. Annes Vater hörte zu und sie sah ihm an, dass er mehr wusste, als er bis jetzt erzählte. Langsam kamen Anne auch die Bilder vom letzten Traum wieder in den Sinn und sie erzählte ihrem Vater auch davon. Nun kam plötzlich Leben in den älteren Herrn, der Anne liebevoll anblickte. Je mehr Anne erzählte umso grösser wurden seine Augen. „Anne, was Du da geträumt hast, ist gar nicht so weit von der Wahrheit entfernt!“ sagte er und begann zu erzählen. Anne dachte bis jetzt immer, sie hätte ihren Vater so gut gekannt, wie ein Kind seinen Vater nur kennen könnte. Aber nun wurde ihr klar, dass dies ein Irrtum war.

Er erzählte ihr davon, dass in letzter Zeit immer mehr Hinweise gefunden wurden, dass Amerika schon lange vor Columbus entdeckt wurde und es schon immer einen Austausch zwischen den verschiedenen Hochkulturen gab. Er erzählte von einer Gruppe von Forschern, die eine These entwickelt hatten, nach der die geistigen Führer, Schamanen, Weisen und Philosophen der alten Völker in Verbindung standen. Es gab sogar einige Wissenschaftler, die davon überzeugt waren, dass es irgendwo auf der Erde eine antike Bibliothek mit dem Wissen der gesamten Menschheit geben müsse. Unter anderem seien dort auch Schriften aus der Bibliothek von Alexandria gelagert, welche gerettet wurden, bevor dieses riesige Archiv antiker Schriften dem Feuer zum Opfer viel.

Raouls Vater stiess vor einigen Jahren in Peru auf eine Höhle, in der er verschiedenste Schriften aus verschiedenen Epochen und von verschiedenen Völkern gefunden hatte, was ihn glauben liess, auf die besagte Menschheits Bibliothek gestossen zu sein. Anne hörte gebannt zu. Die Bilder ihres Traumes wirbelten wieder durch ihren Kopf. „Und was hat Raoul damit zu tun?“ fragte sie nach. „Raoul arbeitet bei seinem Vater im Team. Sie konnten in den letzten Jahren einige Schriftstücke bergen und identifizieren. Allerdings ist ein Grossteil der Höhle komplett eingestürzt und nicht mehr zugänglich. Für weitere Grabungen fehlte aber das Geld. Scheinbar hatte jemand davon erfahren, und versuchte nun, diese Höhle zu finden, was wir Wissenschaftler allerdings verhindern möchten. Dieses Erbe der Menschheit sollte nicht in die Hände eines einzelnen Staates fallen. Es soll bleiben wo es ist und erst, wenn die Menschheit soweit ist, sollte sie davon erfahren. Ich bin in einer Gruppe von Forschern, die versuchen, wissenschaftliche Ergebnisse allen Menschen zugänglich zu machen. Nicht nur einige wenige sollen von den Erkenntnissen profitieren, sondern die gesamte Menschheit.“ Anne erinnerte sich an die Tätowierung auf dem Rücken ihres Vaters. Gerade als sie ihn danach fragen wollte, klingelte Annes Handy.

Als sie auf das Display blickte, stockte ihr Atem. „Es ist Raoul!“ rief sie und klappte ihr Telefon auf, um es an Ihr Ohr zu halten. „Raoul?“ fragte sie und fuhr weiter: „hier ist Anne!“ Aber sie hörte nur ein Rauschen und Klicken. Sie fragte nochmals und ihre Stimme klang sorgenvoll:

„Raoul? Bist Du das?“

Weiter mit Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Fragmente 1.5 – Gefahr droht

annelaufweg

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit

Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum

Anne versuchte Ordnung in ihren Kopf zu bringen. Der Traum von letzter Nacht hatte sie total verwirrt. Es fiel ihr schwer, wieder vollkommen zurück in die Realität zu finden. „Frühstück ist fertig!“ hörte sie Sandra von unten rufen. Der Duft von frisch aufgebrühtem Kaffee drang in ihre Nase und von draussen schlängelten sich Sonnenstrahlen durch das Fenster in das Zimmer. Anne schwang ihre Beine aus dem Bett um aufzustehen. Es knirschte seltsam unter ihren Fusssohlen. Sie schaute nach unten und staunte nicht schlecht, als sie ihre Füsse betrachtete. Sie waren voller Sand, als wäre sie erst von einem Strandspaziergang zurück gekehrt. Sand? Wie um alles in der Welt war das möglich?

Urplötzlich erinnerte sie sich an ihren gebrochenen Fingernagel, ein Ereignis aus ihrem Traum von vor zwei Tagen, das ebenfalls nach dem Aufwachen als Souvenier ihres nächtlichen Abenteuers zurückblieb. Sie überlegte, ob sie vielleicht nachtwandelte. So wären diese Phänomene leicht erklärbar. Die schmutzigen Füsse waren vielleicht das Ergebniss eines nächtlichen Spazierganges im Garten von Sandra. Anne schüttelte diese Gedanken ab, stand auf und zog sich eine Jeans und ein frisches T-Shirt über. „Ich komme!“ rief sie Sandra entgegen und ging nach unten in die gemütliche Wohnküche, wo Sandra gerade Rührei aus einer Bratpfanne in zwei Teller gabelte. Es roch herrlich! Frisches Brot, Kaffe und Rührei. Anne setzte sich dankbar an den Tisch und roch an der Rose, die einsam in einer schlanken Vase auf dem Tisch stand.

Während dem Frühstück erzählte sie Sandra von ihren nächtlichen Erlebnissen und ihre Freundin hörte ihr aufmerksam zu. Man konnte ihr ansehen, dass sie nicht recht wusste, ob sie darüber lachen oder ob es ihr unheimlich sein sollte. „Anne, irgendetwas läuft hier nicht so, wie es laufen sollte!“ Sandra blickte ihre Freundin aufmerksam an. „Ach was! Ich habe nur geträumt! Da ist nichts Ungewöhnliches dabei!“ versuchte Anne abzuwiegeln. Doch in ihrem Innern machte sich ein seltsam metallisches Gefühl breit. Irgendwie konnte sie fühlen, dass bald nichts mehr so sein würde, wie es war. Sie spürte instinktiv, dass sich ihr Leben bald von Grund auf verändern würde. „Paps!“ sagte sie mit vollem Munde. „Ich muss Paps anrufen!“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, klingelte es an der Tür. Sandra stand auf ging den Hausflur entlang um nachzusehen, wer der frühe Besucher war. „Anne!“ hörte sie Annes Vater von draussen rufen. „Anne, bist Du da?“ Sandra öffnete die Haustür und lies Annes Vater herein. „Wo ist sie?“ fragte er Sandra ungeduldig. „In der Küche“ antwortete Sandra und führte den sichtlich aufgeregten Mann zu seiner Tochter. „Kaffee?“ fragte Sandra und Annes Vater nickte. „Danke! Den kann ich jetzt brauchen!“

„Paps, was ist los?“ fragte Anne und schaute ihren Vater neugierig an. „Die Polizei hat bei mir angerufen und nach Dir gefragt!“ „Die Polizei?“ Anne blickte ihren Vater ungläubig an. Sie dachte nach und forschte nach einem Grund. „Anne, Du musst jetzt stark sein.“ „Paps, nun sag schon, was ist passiert?“ Er überlegte einen Moment, dann fing er an zu erzählen, was sich abgespielt hatte. „Die Polizei rief mich gestern Abend an, weil…“ er zögerte. Dann brach es aus ihm heraus „Nick ist tot!“ Anne erstarrte, sie konnte nicht glauben was ihr Vater gerade gesagt hatte. „Nick ist …tot?“ „Hat er sich das Leben genommen? Bin ich schuld? Ich hätte nie gedacht dass er…“ aber Annes Vater unterbrach sie. „Ermordet! Er wurde umgebracht!“. Sandra prustete los. Vor Schreck hatte sie sich an ihrem Kaffee verschluckt. „Nick ermordet?“ Anne sass da, wie vom Donner gerührt. Ich habe der Polizei gesagt, dass sie Dich hier erreichen könnten. Sie werden sich wohl bald melden. „Anne, du bist in Gefahr!“ Anne schaute ihren Vater erschrocken an. „Nick hat während seinem Todeskampf mit einem Finger eine Nachricht in einer Blutlache hinterlassen. „Wie…aber…ich..“ Anne stammelte. „Was hat er geschrieben?“ Ihr Vater zitierte was ihm die Beamten erzählt hatten. Dort stand:

„Anne lauf weg“

Anne versuchte sich zu sammeln. Ihr Gefühl, dass sich ihr Leben verändern werde, wurde nun allzu schnell zur unumstösslichen Wahrheit. Sie hätte nur nie gedacht, dass dies in dieser Form geschehen würde. Warum wurde Nick ermordert? Wieso hatte er versucht sie zu warnen? Trachtete auch jemand nach ihrem Leben? Waren sie alle in Gefahr?
Annes Vater riss sie aus Ihren Gedanken. „Anne, ich muss Dir noch etwas sagen. Es geht um Raoul Ramirez!“ Annes Augen weiteten sich! „Raoul? Du kennst Raoul? Aber woher…“ ihr Vater unterbrach sie. „Ich habe ihm damals die Firma empfohlen, bei der Du gearbeitet hast. Und ich habe auch Deinen Chef gebeten, Dich mit dieser Aufgabe zu betreuen. Ich kenne Raoul durch meine Forschungsarbeiten. Er ist der Sohn eines befreundeten Wissenschaflters aus Peru. Er wollte sich morgen mit mir in Bern treffen. Aber ich habe von seiner Assistentin die Nachricht erhalten, dass Raoul vermisst würde. Er war nicht am Flughafen erschienen.“Anne schaute ihren Vater an. Einmal mehr versuchte sie, ihre Gedanken zu ordnen und plötzlich war ihr klar, was zu tun war. „Ich werde nach Peru fliegen!“ Sie erinnerte sich an Ihren Traum und blitzartig war ihr klar, dass es nur diese Möglichkeit geben konnte.

Annes Vater wollte gerade widersprechen, als es abermals an der Tür klingelte. Sandra stand auf und öffnete. Anne hörte eine Männerstimme „Kriminalpolizei, Inspektor Trost. Sind sie Anne Kammermann?“

Weiter mit Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit