Fragmente 1.35 – Einmal bis zur Ewigkeit und zurück

Foto-Credit: Peter Kent @ Flickr

Was bisher geschah: Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15 / Teil 16 / Teil 17 / Teil 18 / Teil 19 / Teil 20 / Teil 21 / Teil 22 / Teil 23 / Teil 24 / Teil 25 / Teil 26 / Teil 27 / Teil 28 / Teil 29 / Teil 30 / Teil 31 / Teil 32/ Teil 33/ Teil 34

In der rechten Wand löste sich eine grosse Platte der Mauer und fiel nach hinten um einen niedrigen Durchgang freizugeben. Das musste der Eingang zur Bibliothek sein. Der Klang im Raum verhallte langsam und Anne, Raoul, Carlos und Luis trauten sich kaum mehr zu atmen. „Los Anne, Du zuerst!“ flüsterte Raoul und Anne liess sich nicht zweimal bitten. Sie kroch in den niedrigen Tunnel, der in einen riesige Höhle führte. Diese war in etwa so hoch, wie der Schacht des Schlüsselraumes. Aber der Raum war so gross, dass das Licht der Taschenlampen nicht ausreichte um das andere Ende auszuleuchten. Auch Raoul, Carlos und Luis kamen nun durch den Gang gekrochen und das Bild, das sich ihnen bot, verschlug ihnen die Sprache.

In den Wänden befanden sich Nische an Nische. Vom Boden bis zu Decke. Es mussten tausende solcher Nischen sein und In der Mitte des Raumes war ein riesiger, glattpolierter Felsquader, der wohl als Tisch und Arbeitsfläche gedient hatte. Luis schritt auf eine der Wände zu und wollte in eine der Nischen greifen um eine Schriftrolle, die sehr alt aussah, daraus heraus zunehmen und zu betrachten. Doch Raoul hielt ihn davon ab. „Nicht! Diese Schriftrollen und Bücher sind teilweise tausende von Jahren alt. Du würdest sie mit einer Berührung vielleicht zerstören!“ Luis Hand zuckte zurück.

So standen sie in der Mitte dieses Raumes, voller Respekt und Ehrfurcht über all das gesammelte Wissen der Menschheit der Antike, das hier in diesem Raum zusammengetragen wurde. Bis vor wenigen Jahrzenten, so hatte Annes Vater erzählt, wurden hier von den eingeweihten Nachfahren der Lambayeque Schriftstücke eingelagert. Danach hatte die Digitalisierung des Wissens und seiner Verbreitung über das Internet das weitere Archivieren und Sammeln unnötig gemacht.

„Eines Tages, wenn wir alle dazu bereit sind, werden wir dieses Archiv der Menschheit zurück ans Licht holen, konservieren, digitalisieren und der gesamten Bevölkerung frei zur Verfügung stellen. Aber es ist noch nicht so weit. Die Menschen werden noch ein paar Generationen und Jahrhunderte Entwicklung brauchen, bis sie bereit sind, ihr Erbe respektvoll und zum Vorteil aller zu nutzen. Zu gross ist heute die Gefahr, dass der Zugang nur den Mächtigen der Welt gewährt würde und sie dadurch nur ihre Macht stärken würden. Dazu darf es nicht kommen“ sagte Anne und in ihrer Stimme schwang eine grosse Demut vor all dem Wissen, dass es hier zu schützen galt.

„Also, was tun wir nun?“ fragte Luis. „Wir gehen zurück und verschliessen den Eingang so,  dass er für lange Zeit gesichert ist!“ antwortete Raoul. „Los kommt!“ rief Anne und machte sich auf den Weg. Als sie wieder aus der Öffnung in den Schlüsselraum kletterten, traf sie fast der Schlag. Der Monsignore war weg. Und mit ihm das Artefakt, dass sie für den Verschluss der Bibliothek gebrauchten hätten. Doch gerade als Anne Raoul darauf aufmerksam machen wollte, stürzte sich das Monster aus dem dunklen Eingang mit dem Schlüsselstein in den erhobenen Händen auf Anne, um sie mit Steinplatte zu erschlagen. Doch Anne reagierte erstaunlich flink, dafür dass sie verletzt war und ihre Wunde wieder stärker blutete. Sie wich einen Schritt zur Seite, packte den linken Arm des Monsignore und stiess ihn genau in die Richtung der Einbuchtung in der Wand, in die der Schlüsselstein passte. Der Geistliche stolperte zwei Schritte vorwärts und als ob er nichts gewollt hätte, klappte der Stein in die dafür vorgesehene Öffnung. Einen Moment lang standen alle wie angewurzelt da und warteten darauf, was nun passieren würde, während der Monsignore versuchte seinen Sturz aufzufangen. Aber er verlor das Gleichgewicht und knallte mit dem Gesicht frontal in die Wand. Das Bersten seines Nasenbeins war genauso laut und deutlich hörbar, wie das Klicken des Mechanismus, der durch das Einsetzen des Schlüsselsteins ausgelöst worden war.

„Schnell, rennt in den Gang, wir müssen hier raus!“ rief Anne und spurtete los. Die Anderen folgten ihr mit Ausnahme ihres Widersachers, der wie angewurzelt an der Wand stehen blieb. Der Durchgang zur Bibliothek schloss sich wieder und mit einem lauten Geräusch barsten nun plötzlich Steinplatten im oberen Bereich der Seitenwände und stürzten in den Raum. Eines dieser Wandteile traf den Monsignore und riss ihn zu Boden. Anne und ihr Begleiter waren schon einige Meter zurück in den Gang geeilt und blieben kurz stehen, um zurück zu blicken. Sie sahen, wie nun plötzlich Sand von oben in den Raum drang und sich dieser langsam von unten zu füllen begann. Als Anne nur noch den Kopf des Monsignores sah, der mit weit aufgerissenen Augen lebendig begraben wurde, begann auch der Zugang zum Schlüsselraum einzustürzen. „Schnell Anne, komm, wir müssen hier raus!“ rief Raoul und packte ihre Hand.

Dann wurde es wieder dunkel um Anne und sie tauchte in einen traumlosen Dämmerzustand. Sie war erneut ohnmächtig geworden und Raoul schleppte sie aus dem dunklen Labyrinth an die Oberfläche. Oben angekommen, stand ein Krankenwagen dort und die Leute der Security-Firma erwarteten sie bereits. Señor Fuentes war vom Monsignore zum Glück nicht lebensgefährlich verletzt worden, worüber Raoul, Carlos und Luis sichtlich erleichtert waren. „Helfen Sie mir bitte!“ rief Raoul einer der Sicherheitsleute zu und so trugen sie Anne gemeinsam zum Krankenwagen, der sie in die nächste Klinik brachte.

Anne selbst bekam nichts mit von alledem. Sie flog auf Aquilas Rücken über den Ozean Richtung Europa um ihrem Vater in der Klinik einen Besuch abzustatten. Wieder schritt sie durch den mit Neonlicht beleuchteten Gang und rümpfte die Nase wegen des unangenehmen Geruches der Desinfektionsmittel. Doch als sie das Zimmer betrat, in dem Ihr Vater gelegen hatte, erschrak sie. Das Bett war leer und frisch bezogen. Kein persönlicher Gegenstand erinnerte mehr daran, dass er hier einst gelegen hatte und plötzlich wurde Anne schwindlig. Sie ging zu dem Bett, legte sich hinein und schloss ihre Augen.

Als sie sie wieder öffnete, lag sie immer noch in einem Spitalzimmer, aber dieses sah nun  ganz anders aus und um das Bett waren die Menschen versammelt, die sie in den letzten Monaten so sehr in ihr Herz geschlossen hatte. Raoul sass neben ihr und hielt ihre Hand,  während Carlos und Luis daneben standen und sie liebevoll anlächelten. Plötzlich öffnete sich die Tür zum Zimmer und Pedro und Margaretha betraten den Raum. Anne war noch schwach, aber die Freude darüber alle wieder zu sehen erfüllte Sie mit einem wohligen Glücksgefühl.

Einen Moment lang ging ihr plötzlich die Erinnerung an das soeben Geträumte durch den Kopf. Was war mit ihrem Vater geschehen? Sie wollte den Gedanken zwar nicht zulassen, aber konnte es sein, dass er sie für immer verlassen hatte? Dass er nicht mehr aus der Traumzeit zurückehrte und auf alle Ewigkeit mit Aquila seine Runden drehen würde? Anne schloss für einen Moment ihre Augen. Der Gedanken daran möglicherweise ihren Vater verloren zu haben, riss sie einen Augenblick lang aus der Realität. Erst das Kitzeln eines Gegenstandes holte sie wieder zurück. Irgendetwas lag unter ihrem Oberschenkel im Bett, das da nicht hingehörte. Sie hob das Bein ein bisschen an und griff mit der Hand darunter. Dann zog sie eine grosse, schwarze Adlerfeder unter der Bettdecke hervor und blickte sie erstaunt an. Raoul lachte und sagte: „Ein Souvenier von Aqulia!“.

Gerade als Anne sich fragte, wie die Feder dort hingekommen sein konnte. Öffnete sich langsam die Tür zu ihrem Zimmer und Anne begann zu jubeln: „Sandra! Komm her, ich kann es gar nicht glauben! Du bist hier? Komm her und lass Dich umarmen!“. Sandra trat einen Schritt in das Zimmer, betrachtete Anne lächelnd und sagte: „Ich bin nicht alleine hier!“. Als Anne ihren Vater den Raum betreten sah, rissen alle Dämme. Sie verlor die Kontrolle über sich und heulte los! Die Tränen rannen ihr nur so in Bächen über das Gesicht und ihr Vater kam um sie in den Arm zu nehmen. Anne, war überglücklich. Sie konnte es kaum fassen, dass es ihm gut ging und er hier war und nachdem sie sich einigermassen beruhigt hatte, musste sie Sandra und ihrem Vater erzählen, was alles passiert war. Alle redeten durcheinander und draussen brach langsam die Nacht herein.

Annes Blick wanderte zum Fenster. Es stand offen und eine Gardine tanzte in einem Luftzug. Anne sank immer tiefer, wurde ruhiger und eine Träne rollte ihr über das Gesicht. Der Stoff am Fenster schien sich in Zeitlupe zu bewegen und Anne hatte plötzlich das Gefühl, dass er beseelt zu sein schien. Das tanzende Gardinenstück veränderte plötzlich seine Beschaffenheit. Es war nicht mehr so durchscheinend, die Bewegungen wurden koordinierter und geschmeidiger und Anne erkannte, dass es sich in einen Flügel verwandelt hatte.

– Ende –

Fragmente 1.23 – Gibt es Gott?

DSC00218

Was bisher geschah:

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15 / Teil 16 / Teil 17 / Teil 18 / Teil 19 / Teil 20 / Teil 21 / Teil 22

Anne legte ihren Kopf an Luis Schultern und schmiegte sich an. Luis legte seinen Arm um sie und betrachtete Anne bewundernd. Er hatte höchsten Respekt vor dieser starken Frau und fühlte sich sehr wohl in ihrer Gesellschaft. Die Fahrt zur Pension von Pedros Grossmutter, am südlichen Stadtrand, würde noch eine geraume Zeit dauern und Anne war froh, Luis bei sich zu haben. Langsam entspannte sie sich und wärend draussen Häuser, Autos und Menschen vorbeizogen, fielen Annes Augen zu. Sanfte, warme Dunkelheit umfing sie aus deren Tiefen bald tanzende Bilder in ihr Bewusstsein drangen.

Eine wunderschöne Landschaft manifestierte sich langsam in ihrem Geist. Sie stand auf einer Anhöhe und blickte auf einen Abhang hinunter, der von Menschen durch das Anlegen von Terassen und Wasserversorgungssystemen in blühende Gärten und Felder verwandelt worden war. Hinter ihr erhoben sich Mauern, die eine Stadt in den Felsen bildete. Das bekannte Geräusch von Luft, das von grossen Flügeln rauschend bewegt wurde, näherte sich und Annes Herz füllte sich mit Freude. „Aquila“ rief sie und der Adler landete neben ihr. „Steig auf, wir werden eine Reise machen und jemanden besuchen, der Dich sehr vermisst!“ drang die telephatisch gesandte Botschaft von Aquila in Annes Bewusstsein. „Paps!“ rief Anne freundestrahlend und stieg auf den Rücken ihres Traumbegleiters. „Nicht wahr, wir werden Paps besuchen?“ fragte Anne und Aquila nickte bejahend.

Sie liessen die blühenden Terassengärten hinter sich und schraubten sich mit Hilfe der Thermik immer höher um dann Ostwärts abzudrehen. Anne genoss es mit Aquila zu fliegen. Das Gefühl von totaler Freiheit öffnete ihr das Herz und auf eine ganz spezielle Art fühlte sich mit der gesamten Welt verbunden. Anne dachte über ihr Leben nach und immer wieder fragte sie sich, ob es jemanden gab, der ihr Schicksal bestimmte. Gab es einen Gott, ihr Leben beeinflusste? Gab es dieses mystische Wesen, das die Menschen in ihrem Leben steuerte? Und plötzlich formulierte sie diese Frage an Aquila laut: „Gibt es Gott, Aquila?“

Er schüttelte den Kopf: „Nein Anne, es gibt keinen Gott. Auch keine Göttin. Zumindest nicht in der Art, wie die Menschen es sich vorstellen. Es gibt Verbindungen unter den Wesen metaphysischer Art. Es gibt Energien. Kräfte die für oder gegen das Leben wirken. Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, dass ihr Menschen euch nicht erklären könnt und für das ihr euch das Bild von einem allmächtigen Wesen macht, um sie zu verstehen. Es gibt andere Wesen, die nicht in den gleichen Dimensionen und Erscheinungsformen existieren, wie ihr. Aber auch sie sind keine Götter, sondern nur Bewohner anderer Orte. Ihr Menschen bestimmt euer Schicksal selbst. Ihr und eure Seelen seid miteinander und den anderen Wesen verbunden. Es gibt Kräfte, die ich Dir nicht genau erklären kann, die eure Handlungen beeinflussen, aber selbst diese Kräfte haben keinen eigenen Willen sondern werden durch euch selbst gesteuert und manifestiert. Du selbst, liebe Anne und alle anderen Wesen sind göttlich. Wir alle sind Gott!“

Anne war auf diese Antwort nicht gefasst, denn die Existenz eines Wesens, dem man die Schuld für alles Schwierige geben und bei dem man sich für alles Schöne bedanken konnte, war immer ein tröstlicher Gedanke für Anne. Und doch zweifelte sie oft genug an der Existenz Gottes. Zuvieles geschah auf der Erde, dass sie nicht mit ihrer Vorstellung eines übergeordneten Wesens verbinden konnte. Und gerade die Mitglieder religiöser Gruppen selbst riefen in ihr oft die grössten Zweifel hervor. Menschen die sich auf einen Gott der Liebe beriefen und in seinem Namen mordeten, unterdrückten, unsäglichen Hass verbreiteten und andere Menschen bekämpften. Menschen die ihren Kindern durch die Angst vor der Hölle Moral vermitteln wollten oder sie durch die Aussicht auf ewiges Leben in einem Paradies zu gutem Handeln ermuntern wollten waren ihr schon immer zutiefst suspekt. Ging es nicht darum aus sich selbst heraus respektvoll und lebensbejahend zu handeln? Sind Menschen nur fähig sich ethisch zu verhalten aus Angst vor dem Fegefeuer oder mit der Aussicht auf einen ewigen all inclusiv Urlaub im Hotel Paradies? Tief in ihrem Inneren wusste sie, das Aquila recht hatte. Es gab keinen Gott! Alles Gute dass sie in ihrem Leben tat, tat sie nicht aus Angst oder Eigensucht. Sie tat es, weil es ihr entsprach und sie es für richtig empfand. Und die Handlungen, mit welchen sie andere verletzte, diffamierte und quälte, tat sie ebenfalls nur aus sich selbst heraus und nicht, weil irgendein Teufel oder Dämon sie dazu verführte. Sie und nur sie selbst musste die Verantwortung übernehmen für alles was sie entschied und tat.

„Du hast recht Anne! Du selbst bist für dich und dein Leben verantwortlich. Du musst weder für das Positive jemand anderem danken, kannst aber auch das Negative niemand anderem in die Schuhe schieben.“ drangen Aquilas Worte in Annes Kopf. Anne löste sich wieder etwas aus den Gedanken und schaute sich um. Unter ihnen endete die grosse Wasserfläche des Atlantiks und sie erkannte die Küstenlinie Spaniens. Bald würden sie ihren Vater wiedersehen und das erfüllte Anne mit Freude. Aquila begann nun langsam immer tiefer zu fliegen und bald schon sah Anne die Gebäudekonturen ihrer alten Heimatstadt. Aquila steuerte in Richtung des Krankenhauses, auf dessen Dach er ein paar Minuten später landete. „Ich warte hier auf Dich!“ signalisierte er und Anne kletterte von seinem Rücken.

Die Korridore der Klinik umfingen Anne mit dem bekannten Geruch und einem hellen, künstlichen Licht. Nach ein paar Minuten stand Anne vor der Tür des Zimmers, in welchem ihr Vater bei ihrer Abreise gelegen hatte. Leise drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür. Sie trat ein und ging zum Bett ihres Vaters. Vorsichtig strich sie ihm zärtlich über das graue Haar und flüsterte ihm zu: „Hey Paps, ich bin da! Ich liebe Dich!“. Sie blickte in sein Gesicht und erwartete, dass er sogleich die Augen öffnen würde. Doch sie blieben geschlossen und gleichmässig senkte sich sein Oberkörper im Ryhtmus seines Atems. „Anne! Ich freue mich so dich zu sehen! Komm her und umarme mich!“ höre sie ihren Vater sagen. Doch die Stimme kam nicht aus der Richtung des Bettes. Sie blickte sich im Zimmer um und sah ihren Vater auf einem Stuhl in der Ecke sitzen. Er lächelte und breitete seine Arme aus. Anne stand auf und ging zu ihm hin, um ihn an sich zu drücken. „Paps, wie geht es Dir?“ fragte sie ihn. Er lächelte weiter: „Gut! Sehr gut sogar! Bald werde ich wieder erwachen und dieses Krankenhaus verlassen! Aber, ein paar Tage werde ich noch hier liegen, damit ich Dir zur Seite stehen kann.“

Sie erzählte ihm, was alles seit ihrem Abflug passierte und schloss damit, dass sie ihm von ihrer Unterhaltung über Gott mit Aquila berichtete. Ihr Vater hörte aufmerksam zu und verriet ihr, dass sie mit ihrer Frage und Aquilas Antwort auf eine  Wahrheit gestossen sei, die mit der geheimen Bibliothek in Verbindung stand. Er erkärte ihr, dass es einen jahrtausende alten Kampf zwischen freien denkenden  Menschen und Priestern gab, die durch das Ausüben und Aufrechterhalten von religiösen Systemen Macht ausübten. Jede Religion habe schlussendlich im Kern nur den Zweck, die Menschen die an sie glaubten zu manipulieren und zu steuern. Wissen sei Macht und da Religionen vermeintlich die wichtigsten Fragen der Menscheit zu beantworten schienen, übten sie so auch die grösste Macht auf Menschen aus. Man brauche nur die Geschichtsbücher zu lesen um zu erkennen, wie diese Macht seit jeher missbraucht wurde, um zu herrschen. Und dies sei bis heute der Fall. Nur allumfassendes, naturalistisches Wissen können diese Irrglauben jeglicher religiöser Prägungen brechen. Erst wenn alle Religionen der Welt entlarvt seinen, sei die Menschheit befreit. Und erst wenn die Menschen die volle Verantwortung über ihr Handeln übernehmen würden, gäbe es eine Aussicht auf Frieden und ein Leben, dass allen Menschen, egal wo sie leben würden, egal welche Hautfarbe sie hätten, egal welche Sprache sie sprechen würden in Würde leben liess.

Die geheime Bibliothek enthalte das gesamelte empirische Wissen der Menschheit der Antike. Zusammen mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Neuzeit sei dieses Erbe dazu bestimmt, die Menschheit aus den grausamen Klauen der Religionen zu befreien. Aber die Menschheit sei noch nicht so weit. Es fehlten noch ein paar grundsätzliche Erkenntnisse, die so machtvoll seien, dass sie auch die grossen Mysterien erklären könnten. Die Menscheit stünde aber kurz davor mithilfe der Gentechnik und der Quantenphysik genau diese Wahrheiten zu entdecken. Erst dann sei der Zeitpunkt gekommen, das antike und das neue Wissen zu vereinigen um damit die friedliche Revolution zur Befreiung der Menscheit auszulösen. Aus diesem Grund sei es so immens wichtig, die Bibliothek zu schützen. Und selbst wenn sie sie finden sollten, wäre es ihre wichtigste Aufgabe, dies geheim zu halten und dafür zu sorgen, dass niemand vor der Zeit Zutritt zur Bibliothek habe, damit sie nicht von den Mächtigen dieser Welt zerstört oder missbraucht würde.

Anne hatte wortlos zugehört. Ihre Gedanken rasten durch ihren Kopf und sie war fast nicht in der Lage, all das gehörte zu verarbeiten und zu verstehen. Doch ihr Unterbewusstsein kannte diese Wahrheit bereits.

„Geh zurück und finde Raoul! Luis wird dir dabei helfen. Gemeinsam werdet ihr die Bibliothek finden!“ sagte ihr Vater und nahm Anne wieder in den Arm. Er drückte sie fest an sich und stolz flüsterte er ihr zu: „Du wirst es schaffen, da bin ich mir ganz sicher! Aber geh jetzt! Luis erwartet Dich!“. Anne löste sich und verliess das Zimmer sich noch einmal umblickend und ihrem Vater zuwinkend, um wieder auf das Dach der Klinik zu gelangen, wo Aquila bereits auf sie wartete. Sie kletterte auf seinen Rücken und sogleich hob er ab.

„Lass uns eine Runde über Sandras Haus drehen!“ sagte Anne und Aquila war einverstanden. „Vielleicht sehen wir sie!“ freute sich Anne  und tatsächlich stand Sandra im Garten und blickte in den Himmel um Anne zuzuwinken. Anne winkte zurück und eine Träne kullerte ihr dabei über die Wange, denn sie vermisste Sandra schmerzlich. „Wir müssen weiter!“ drangen Aquilas Worte in Annes Gedanken und sie nickte. Er drehte noch eine Runde über dem Haus um dann schnell wieder an Höhe zu gewinnen und in Richtung Westen weiter zu fliegen.

Sie wurde müde und legte ihren Kopf an Aquilas Hals. Langsam fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein.

„Aufwachen! Wir sind da!“ Anne blinzelte und blickte aus dem Fenster von Pedros Wagen.

Weiter mit Fragmente 1.24 – Margaretha

Fragmente 1.16 – Eine Tür die keine ist

adler

Was bisher geschah:

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15

Anne riss ihre Augen weit auf und sog das sich ihr bietende Bild tief in sich hinein. Durch den Rahmen des Badezimmerschrankes blickte sie auf eine weite Ebene. Darüber erstreckte sich ein flirrender, blauer Himmel und die Sonne strahlte ihr Gesicht frontal an. Plötzlich hörte sie wieder dieses Geräusch, das klang als ob jemand Luft mit einem grossen Segel bewegen würde. Ein grosser Schatten schob sich vor die Sonne um gleich darauf ihr Licht wieder freizugeben und Annes staunendes Antlitz zu beleuchten. Annes Herz schlug schneller und ein freudiges Gefühl überflutete ihren ganzen Körper. Es fühlte sich an, als ob ihre Blutbahnen von innen leuchteten und als würde sich ihr Gewicht binnen Sekunden um ein vielfaches verkleinern. Sie fühlte sich so leicht wie ein Schmetterling und alle dunkeln Wolken welche ihre Gedanken in den letzten Tagen überschatteten, wichen augenblicklich von ihrer Seele. „Aquila, mein geliebter Freund!“ rief sie und sah, wie der Adler einen weiten Kreis über der Ebene  zog um dann auf sie zuzusteuern. Anne kletterte auf durch die Öffnung des Badezimmerschranks und sprang. Der freie Fall, die Luft die sie umgab und die Gewissheit, dass Aquila sie auffangen würde, liessen Anne laut herauslachen. Ihr gefiederter Freund tauchte nun unter sie und liess Anne auf seinem Rücken landen.

„Wir müssen zu einem wichtigen Treffen!“ drangen Aquilas Gedanken in Annes Bewusstsein und sie spürte, wie er seine Flugbahn änderte und sie der Ebene immer näher brachte. Anne wusste bereits wo sie war und sie vermutete auch schon zu wissen, wo Aquila landen würde. Die Ebene von Nazca kam immer näher und die Figur, welche von ihm angesteuert wurde, war Anne ebenso bekannt. Sie kniff ihre Augen zusammen und versuchte zu erkennen, ob Raoul da unten auf sie wartete. Doch da stand niemand bei der Figur. Aquila landete und liess Anne von seinem Rücken steigen. „Finde die Tür, die keine ist!“ übermittelte er ihr in Gedanken und flog wieder weg.

Anne schaute ihm nach und erst nachdem Aquila am fernen Horizont verschwunden war, wurde ihr bewusst, dass sie nun alleine auf dieser weiten Ebene stand. Wo würde sie hier eine Tür finden? Anne schaute sich um doch es gab nirgends eine Wand, weder künstlich noch natürlichen Ursprungs, die eine Tür enthalten konnte. Was konnte  er damit gemeint haben. Eine Tür, die keine ist? Es könnte vielleicht Durchgang gemeint sein, keine klassische Tür. Wenn da keine Wände waren, die man hätte durschreiten können, was blieb dann noch? Anne senkte ihren Kopf und begann den Boden abzusuchen und rasch fiel ihr Blick auf eine Ansammlung von Steinen, die zu einer unförmigen Pyramide aufgeschichtet war. Das steinerne Gebilde war ungefähr einen Meter hoch und nur ein paar Schritte von ihr entfernt. Sie ging darauf zu und hob den obersten Stein an.

Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war und Anne begann damit, die Steine Schicht um Schicht abzutragen. Je tiefer sie kam umso flacher und grösser wurden die kleinen Felsbrocken bis an Ende zwei grosse Platten übrig waren. Diese waren zum Glück relativ dünn und Anne konnte sie zwar nicht wegheben, aber es gelang ihr, die Platten auf dem sandigen Boden zu verschieben und tatsächlich gaben sei eine Öffnung frei. Anne kniete sich neben das Loch und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Es führten keine Stufen hinab in die Tiefe, aber Anne erkannte bald, dass an einer der Schachtwände eine Leiter stand. Sie konnte zwar nicht abschätzen wie stabil und sicher die Leiter war, aber die Tatsache dass sie die Tür, die keine ist, gefunden hatte, machte ihr Mut und sie entschloss sich, in den dunklen Schlund zu klettern.

Je tiefer Anne unter den Boden gelang umso dunkler wurde es um sie herum und langsam beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Doch sie stieg weiter, Sprosse um Sprosse, bis sie wieder festen Boden unter den Füssen spürte. Sie fühle dass Luft durch die Öffnung in das Innere wehte und schloss daraus, dass es noch einen weiteren Ein- oder Ausgang geben musste. Langsam gewöhnten sich Ihre Augen an die Dunkelheit und in weiter Entfernung entdeckte Anne einen flackernden Lichtschein. Langsam tastete sie sich vorwärts. Setzte vorsichtig einen Fuss vor den anderen und stütze sich mit den Händen an den Wänden ab. Das Leuchten kam nun immer näher und der ölige Geruch zeigte an, dass das Licht von einer oder mehreren Petroleumlampen kommen musste. Nur noch ein paar Schritte und die nächste Biegung trennte sie von dem beleuchteten Raum. Sie blieb stehen und horchte in den unterirdischen Gang hinein. Sie konnte zwei leise flüsternde Männerstimmen hören. Doch sie waren so leise, dass Anne nichts verstehen konnte. Langsam ging sie weiter und an der Biegung angekommen schlich sie auf Zehenspitzen weiter und versuchte vorsichtig einen ersten Blick in den Raum zu werfen.

„Anne! Da bist Du ja endlich! Komm setz Dich zu uns!“ erklang plötzlich eine wohlbekannte Stimme und sie sah in Raouls wunderschöne Augen. „Raoul! Paps!“ rief sie nun freudig überrascht und trat in den Raum, in dem ihr Vater und Raoul sassen. Sie umarmte ihre beiden liebsten Männer und erzählte, wie sie hierher kam. Was alles passiert war und dass sie und Sandra es wohlbehalten bis in das Hotel geschafft hatten. „Paps, wie geht es Dir?“ fragte Anne nun besorgt, da ihr plötzlich klar wurde, dass sie den beiden nur im Traum begegnete und ihr Vater noch immer im Koma lag. Er lächte sie liebevoll an und sagte mit weicher Stimme „Es ist alles in Ordnung, Mädchen! Ich ruhe mich noch etwas aus!“

Raoul erzählte ihr was bei ihm in den letzten Tagen passiert war und dass er sich noch immer versteckt halten musste. „Wirst Du mir den Stein mit der Karte bringen? Ich möchte Dich endlich in meine Arme nehmen!“ schloss Raoul und Anne blickte ihn liebevoll an. „Das werde ich Raoul! Sobald ich einen Flug erwische, komme ich hierher! Aber wie werde ich Dich finden?“ Er lächelte liebevoll zurück, strich ihr mit der Hand eine Strähne aus dem Gesicht, küsste sie zärtlich und flüsterte ihr anschliessend ins Ohr:

„Finde den grossen Donnervogel und in der Mitte seines Kopfes, finde die Tür, die keine ist!“

Raouls Worte hallten in Annes Kopf wie ein Echo und sie wiederholte sie immer wieder und langsam versank sie in Trance. Das Licht um sie herum entschwand in weite Ferne und ihr  Bewusstsein tauchte in einen tiefen Schlaf.

Weiter mit Fragmente 1.17 – Reisevorbereitungen

Fragmente 1.11 – Eine Aufgabe aus dem Traumland

P1150834

Fotocredit: Calafellvalo @ flickr

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Fragmente 1.8 – Die Warnung / Fragmente 1.9 – Das Räsel

Fragmente 1.10 – Der Stein der Wahrheit /

Die Zeit schien nun komplett still zu stehen. Anne spürte ihr Herz bis zum Hals schlagen und sah das in Panik verzerrte Gesicht ihres Vaters neben sich. Plötzlich wurde sie ganz ruhig und konzentrierte sich auf den Himmel, den sie durch die Autoscheiben sah. „Aquila“ rief sie und hoffte, dass Ihr gefiederter Freund kommen würde, um sie aus diesem schrecklichen Albtraum zu befreien. Aber Aquila kam nicht und Anne begriff, dass es diesmal kein Traum war. Am Rückspiegel des Autos baumelte ein Lufterfrischer in Form einer kleinen, grünen Tanne der in Zeitlupe hin und her schlingerte. Anne hörte die Karosserie des Wagens knirschen und ächzen und langsam, fast wie in schwereloser Umgebung, schwebte eine zusammengefaltete Strassenkarte durch den Innenraum des Fahrzeuges. Noch bevor die Angst wieder von Anne Besitz ergreifen konnte, riss sie ein ohrenbetäubender Knall in ein dunkles, schwarzes Nichts und die Bilder um sie herum verschwanden im Augenblick eines Wimpernschlages.

Wie lange die Dunkelheit andauerte, vermochte Anne nicht abzuschätzen. Aber irgendwann ging diese endlos scheinende Nacht langsam in eine schwache Dämmerung über. In weiter Ferne konnte sie eine verschommene Lichtquelle wahrnehmen und langsam wich die bleierne Schwere ein wenig von ihrem Körper. Sie spürte, dass sie nicht alleine war. Wie aus weiter Ferne hörte sie Schritte. Schuhe knirschten auf sandigem Boden und das Geräusch bewegte sich auf sie zu. Eine vertraute Stimme drang in ihren Kopf „Anne?“. Langsam und vorsichtig drehte sie ihren Kopf in die Richtung aus der sie ihren Namen hörte. „Anne? Bist Du wach?“ fragte die Männerstimme. Anne traute Ihren Augen nicht. „Raoul, bist Du das?“ fragte sie und tatsächlich blickte sie in seine wunderschönen Augen. „Raoul!“ Tränen rannen ihr über das Gesicht und Raoul nahm sie in den Arm. Anne spürte wie die Hoffnung, dass dieser Moment nie enden würde, von ihr Besitz ergriff und jede Zelle ihres Körpers durchfloss. Sie schmiegte sich an Raoul und fühlte sich seit langer Zeit das erste Mal wieder geborgen.

Nach einiger Zeit löste sie sich von Raoul und er blickte sie liebevoll an. Anne konnte ihre Augen nicht von ihm abwenden. Aber plötzlich zog etwas hinter ihm ihre Aufmerksamkeit auf sich. Jemand stand hinter Raouls Rücken und schien nur darauf zu warten, bis er Anne ebenfalls begrüssen durfte. Der Silhouette nach musste es sich um einen Mann handeln, dachte Anne und als diese Person näher zu ihr trat, erkannte sie ihren Vater. „Paps!“ Sie umarmten sich und Ihr Vater blickte sie liebevoll an. „Anne, wie geht es Dir? Ich bin so froh, dass du endlich aufgewacht bist.“ Anne war ziemlich verwirrt. Wie kam sie hierher? Gerade erst befand sie sich noch in einem Auto, dessen Bremsen nicht funktionierten und das deswegen eine Kurve nicht erwischte und nun war sie in einer Höhle mit Raoul und ihrem Vater. „Paps, ich verstehe nicht?“ begann sie, aber ihr Vater fiel ihr ins Wort: „Finde Raoul, flieg nach Peru und nimm den Stein mit! Ich werde das nicht tun können, aber es ist enorm wichtig! Wirst Du das für mich tun?“ Anne nickte zögernd. „Geh in mein Haus und sieh in meinem Schreibtisch nach. Unter der untersten Schublade auf der rechten Seite gibt es ein Geheimfach. Dort findest Du ein Handy und einen Umschlag mit Geld. Nimm es und hol Dir den Stein!“. „Ja Paps, das werde ich für Dich tun!“. „Ich wünsche Dir viel Glück und Mut. Ich weiss, dass du es schaffen wirst!“. Annes Vater löste sich aus der Umarmung und stand auf. „Aquila wartet draussen auf Dich“ sagte Raoul zu Annes Vater und dieser nickte, sah Anne liebevoll an und ging dem Höhlenausgang entgegen. „Wir sehen uns! Bis bald!“ rief er über seine Schulter zurückblickend. Anne versuchte aufzustehen um ihm zu folgen. Doch plötzlich wurde sie von einer starken Müdigkeit übermannt. „Aquila ist hier? Ich … ich habe geträumt?“ murmelte sie und dann versank die Welt um sie herum im Dunkel der Bewusstlosigkeit. Raouls Gesicht schien in eine endlose Ferne zu entschwinden und Anne schlief ein.

Langsam, wie Eisblumen die sich an einer Fensterscheibe bilden, kroch der Schmerz in Annes Körper. Wieder wusste sie nicht, wie lange sie geschlafen hatte und wieder löste eine Dämmerung die Dunkelheit in ihrem Geist ab. „Sie wird wach!“ hörte sie weit entfernt eine Frauenstimme sagen und ein seltsam surrendes Geräusch begann sie einzuhüllen. „Frau Kammermann, können Sie mich hören?“ Anne versuchte ihre Augen zu öffnen, doch die Helligkeit des Raumes blendete sie. „Schliessen sie die Vorhänge!“ hörte sie die Stimme an eine andere Person im Raum gerichtet. Das Licht in dem Raum war nun etwas gedämpfter und Anne öffnete vorsichtig ihre Augen. „Wo bin ich?“ fragte sie und die Stimme antwortete ihr: „Sie sind im städtischen Krankenhaus. Sie hatten einen schweren Unfall“. „Paps?“ brach es aus ihr heraus „was ist mit meinem Vater? Geht es ihm gut?“. Die Miene der Ärztin verschlechterte sich. „Ihr Vater ist ziemlich schwer verletzt. Er ist ausser Lebensgefahr, aber er liegt im Koma und ist bis jetzt noch nicht erwacht. Annes Magen zog sich zusammen und plötzlich fühlte sie wieder den Schmerz in Ihrem Körper. Wie lange sind wir schon hier? „Sie hatten unwahrscheinliches Glück, Frau Kammermann!“ sagte die Ärztin,  „Sie sind unverletzt! Sie haben lediglich eine schwere Gehirnerschütterung und ein paar oberflächliche Schrammen. Wir behalten Sie noch für ein paar Tage hier, aber Sie können bald wieder nach Hause“. „Wie lange?“ hackte an Anne nach? „Drei Tage.“ Antwortete die Ärztin. „Wird mein Vater durchkommen?“ frage Anne. „Wir gehen davon aus, dass er wieder ganz gesund wird, aber wir können nicht sagen, wann er aus dem Koma erwachen wird.“ Die Müdigkeit ergriff wieder Besitz von Anne und sie nickte schläfrig um der Ärztin zu signalisieren, dass Sie verstanden hatte.

„Ich möchte schlafen!“ sagte Anne. Die Ärztin nickte und stand auf. „Ruhen sie sich aus!“ sagte sie und ging aus dem Zimmer. Anne drehte sich um und schlief schnell wieder ein. Diesmal war es ein tiefer, traumloser Schlaf aus dem Anne erst wieder erwachte, als sich Sandra auf die Bettkante setzte und ihr sanft über die Haare strich.

Weiter mit Fragmente 1.12 – die geheime Tür

Fragmente 1.8 – Die Warnung

Photocredit: bluelemur

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Vor dem Fenster von Sandras Wohnung stand ein junger Mann. Seine Kleider waren blutgetränkt und seine Augen blickten glasig in eine imaginäre Ferne. Regungslos stand er da, während das Blut aus seinen Kleidern tropfte und kleine, rote Pfützen auf dem Boden bildete. Um seine aufgescheuerten Handgelenke waren Stücke einer Wäscheleine geschlungen und in seiner rechten Hand hielt er einen Fetzen Papier. Anne war vor Schreck gelähmt. Unfähig sich zu bewegen, konnte sie den Blick nicht abwenden und ihr Gehirn weigerte sich zu verstehen, was ihre Augen sahen.

Nach einem Moment erkannte Anne, wer da vor ihrem Fenster stand. Das viele Blut, die gebückte Haltung und die leblosen Augen hatten das anfänglich verhindert. Annes Verstand versuchte vergeblich eine Erklärung für diese Situation zu finden, denn sie konnte nicht glauben, was sie da sah und doch formten ihre Lippen fast lautlos seinen Namen: „N-I-C-K“ hauchte Anne und konnte noch immer nicht akzeptieren, was sich hier vor ihren Augen abspielte. Ihre Starre löste sich „NICK!“ rief sie nun laut und rannte zur Haustür. Als sie draussen im Garten stand, war von Nick nichts mehr zu sehen. Nur die Blutspuren am Boden zeugten von der unheimlichen Begegnung. Als Anne näher ging, sah sie die blutigen Buchstaben an der Hauswand und was sie las, kam ihr unangenehm bekannt vor:

Anne lauf weg!

Ein eiskalter Schauer überzog Annes Rücken und die Angst kroch wie ein stinkender, sich ausbreitender Schimmelpilzbelag in ihrem Körper hoch bis unter die Kopfhaut. Sie konnte fühlen, wie sich ihre Nackenhaare aufrichteten und gerade als sie sich umdrehen und zurück ins Haus rennen wollte, fiel ihr etwas helles neben den Blutflecken am Boden auf. Sie bückte sich und erkannte, dass es ein Papierschnipsel war, den sie aufhob. Die Ränder sahen aus, als ob jemand das Papier mit den Zähnen abgerissen hätte. Sogar ein Zahnabdruck eines Eckzahns meinte Anne ausmachen zu können. Anne drehte das Papier um und nun packte sie die Panik. Auf der Rückseite stand in ihrer eigenen Handschrift

Lieber Nick

Der Rest des Textes war abgerissen. Auf einmal hatte Anne eine Vermutung. Nick hatte scheinbar ihren Abschiedsbrief heruntergeschluckt, damit er seinen Mördern nicht in die Hände kam. Zum ersten Mal fragte sich Anne, ob es ein Fehler war Nick zu verlassen. Bis zu seinem Tod hatte er sie beschützt. Und sie war einfach gegangen.

Plötzlich hörte Anne ein Geräusch hinter sich. Vor sich am Boden sah sie einen grossen Schatten von irgendetwas, das sich hinter ihr aufbäumte. Langsam drehte sich Anne um. „Aquila!“ Tränen flossen über ihre Wangen und im Augenblick eines Wimpernschlages fiel die ganze Angst und Anspannung von ihr ab. Sie lief auf ihren gefiederten Freund zu und vergrub ihr Gesicht in seinen glänzenden Brustfedern. Jetzt war ihr alles klar! Sie musste noch immer auf der Couch im Wohnzimmer liegen und Nicks Begegnung war Teil eines Traumes. Sie löste sich von Aquila und blickte zu ihm hoch. Ein zärtliches Lächeln verdrängte ihre angstvolle Mine und sie blinzelte in die Sonne, die hinter Aquila am Himmel stand. Er blickte sie an und in ihrem Kopf hörte sie die Auforderung aufzusteigen. Das wollte sich Anne nicht zweimal sagen lassen. Schnell kletterte sie auf den Rücken ihres gefiederten Freundes, der sofort abhob und mit ihr in den blauen Himmel tauchte.

Der Wind trocknete Annes Tränen und in ihren Gedanken bedankte sie sich bei Nick, der sich im Nachhinein doch ihrer Liebe würdig erwies. Aber auch Zweifel beschlichen Anne. Denn gleichzeitig hatte Nick auch erneut eine Warnung hinterlassen. Sollte sie einfach nach Peru fliegen? Doch sie hatte keine Ahnung, wo sie Raoul finden konnte und wie sie ihm überhaupt helfen konnte. Ihre Gedanken wurden jäh unterbrochen, als Aquila wieder seinen stolzen Ruf erklingen liess. Abermals sah Anne von oben die Ebenen von Nazca mit den riesigen Felszeichnungen. Aquila flog immer tiefer und die Szenerie veränderte sich. Die flachen Felszeichnungen wurden plötzlich dreidimensional und aus den dünnen Linien wurden hohe, stabile Wände. Aquila steuerte eines dieser Zeichen an und flog tiefer um zwischen den hohen Mauern dieser Figur einzutauchen.

Aquila erwies sich als wahrer Flugkünstler und flog immer wieder scharfe Kurven, änderte plötzlich seine Richtung und flog sie so immer tiefer in ein steinernes Labyrinth. Nach ein paar Minuten bremste der Adler seinen Flug und landete. Als Anne abstieg, kam sie sich vor wie eine kleine Ameise, die in einer übergrossen Welt gefangen war. Rings um sie herum ragten hohe, glatte, steinerne Flächen dem Himmel entgegen. Es war unheimlich still und Anne traute sich kaum zu atmen. Als sie sich umblickte, sah sie plötzlich jemanden auf sich zukommen. Ihr Herz begann zu leuchten und ein Strahlen breitete sich über ihr Gesicht aus. „Raoul!“ rief sie und lief ihm entgegen. Doch einmal mehr sollte sie ihn nicht erreichen. Noch bevor sie Raoul in ihre Arme schliessen konnte, verblasste die Szenerie um sie herum und versank in einer stillen Dunkelheit. Anne schien in eine endlose Tiefe zu fallen um nach einem undefinierbar langen Moment auf der Couch zu landen, auf der sie in Sandras Haus eingeschlafen war.

Langsam kam sie zu sich und richtete sich auf. Anne streckte sich, rieb sich ihre Augen und versuchte zu verarbeiten, was sie eben geträumt hatte. Das Klingeln der Haustür weckte sie endgültig auf. Ein Blick aus dem Fenster auf ein gelbes Auto liess sie erkennen, dass es der Postbote sein musste. Sie stand auf und öffnete die Tür. Tatsächlich stand eine junge, freundliche Dame in Postgelb gekleidet vor der Tür und händigte ihr einen eingeschriebenen Brief aus, der an sie adressiert war. Neugierig kehrte sie mit dem Briefumschlag zurück ins Wohnzimmer und setzte sich auf die Couch. Die Briefmarke war fremdartig und auch der Poststempel schien auf einen Brief von weit her zu deuten.

Anne riss das Couvert auf und mit einem zärtlichen Lächeln betrachtete sie den Inhalt des Umschlages.

Weiter mit Fragmente 1.9 – Das Rätsel

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne

Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit

Fragmente 1.3 – Raoul

Tausend Bilder zogen an Anne vorbei, als sie auf dem Rücken des Adlers Richtung Südwesten flog. Unter sich sah sie grosse Gebiete mit bunten Feldern, die mit Strassen durchzogen waren. Ab und zu erschienen graue Strukturen von Städten die aussahen wie Krebsgeschwüre in der grün-gold-blauen Haut der Erde. Die Küste Portugals kam in Sichtweite und ganz in der Ferne konnte Sie sogar die Meerenge von Gibraltar erkennen. Als sie das Festland hinter sich liessen und über das offene Meer flogen, veränderte sich die Szenerie langsam.

Anne sah schwebende Inseln, auf denen Sie Menschen, Bauwerke und ganze Städte ausmachen konnte. Auf einigen Inseln waren, wie in einem Museum verschiedene Szenen mit Menschen dargestellt. Die meisten dieser Bilder zogen an ihr vorbei, ohne dass sie Einzelheiten oder gar den Sinn des Dargestellten erkennen konnte. Andere Sequenzen aber schienen sich zu ganzen Panoramen zu verbreitern und ermöglichten es ihr sogar Details zu erkennen. Eine dieser schwebenden Inselwelten faszinierte Anne besonders. Sie schien eine antike ägyptische Stadt zu beherbergen. Anne wies den Adler in Gedanken an, diese Stadt anzufliegen und als sie näher kamen, verlangsamte ihr fliegender Freund sein Tempo, damit Anne mehr erkennen konnte.

Annes Vater war Historiker und beschäftigte sich vorwiegend mit Papyriologie und Epigraphik alter Völker. So hatte sie in ihrer Kindheit sehr vieles über antike Kulturen erfahren und sich auch immer sehr dafür interessiert. Dies half ihr einzuordnen, was sie sah. Die Stadt, die sie nun anflog, besass eine vorgelagerte Insel, auf der sie einen grossen Turm ausmachen konnte. Anne war sich sicher, dass es sich um das antike Alexandrien handeln musste und sie wollte unbedingt mehr davon sehen. „Aquila“ rief sie ihrem Traumadler in Gedanken zu „lande hier!“ Bis jetzt hatte sie nicht darüber nachgedacht, ob ihr Adler einen Namen besass. Aber genau jetzt, in diesem Moment wusste sie, dass er Aquila hiess. Sie hatte jetzt keine Zeit länger darüber nachzudenken und sie beschloss, diesen Namen einfach als intuitiven Gedanken anzunehmen. Anne begann immer mehr zu begreifen, dass Intuition in ihrem Leben eine wichtige Rolle spielen würde.

Aquila und Anne landeten in der Nähe der Küste, im nordöstlichen Teil der Stadt. Schnell war Anne klar, dass sie sich hier in einem noblen Viertel befand, denn die Häuser und Strassen waren erstaunlich schön und massiv gebaut. Niedrige Gebäude wechselten sich mit freien Plätzen, Gärten und Palmenalleen ab. Die Sonne leuchtete hell und alles schien in goldenem Licht zu baden. Anne lief staunend eine dieser Prachtstrassen entlang und stand schliesslich vor einem grossen Gebäudekomplex. Dessen Architektur und Schönheit übertraf alles, was sich Anne damals in ihren kühnsten Kinderträumen vorgestellt hatte. Die Stirnseite bildete eine Art nach oben konisch zulaufendes „H“ dessen Stützpfeiler je ca. 40% der Vorderseite einnahmen. Im schmalen Teil dazwischen ruhte ein grosses Tor. Anne suchte in ihren Erinnerungen nach Ideen, um was für ein Gebäude es sich handeln konnte.

Eine bekannte Stimme hinter ihr riss sie aus ihren Gedanken: „Was tust Du hier mein Kind?“ Sie schaute sich erschrocken um und erblickte zu ihrem grossen Erstaunen ihren eigenen Vater, der in für diese Zeit üblicher Bekleidung vor ihr stand und sie milde anlächelte. „Paps? Was tust Du denn hier?“ Der freudige Ausdruck im Gesicht ihres Vaters wich langsam einer besorgten Mine und er hob eine Hand um Anne eine Strähne ihres dunklen, langen Haares aus der Stirn zu streichen. „Ich rette, was zu retten ist!“ Sagte er. Ihr fielen ein paar Papyrus Rollen unter seinem linken Arm auf und wollte weitere Fragen stellen, doch ihr Vater fuhr weiter: „Bald wird die Bibliothek von Alexandrien zerstört werden und wir bringen alles in Sicherheit. An einen Ort, den niemals jemand finden sollte! Keine Macht der Welt soll je über all das gesammelte Wissen der antiken Zeit verfügen. Erst wenn das Wissen allen Menschen zur Verfügung gestellt werden kann, ohne den Einfluss von machthungrigen Staatsmännern und Regierungen, werden wir das Wissen mit der gesamten Menschheit teilen!“ Anne erkannte auf einer der Papyrusrollen ein Symbol, dass ihr schon als Kind aufgefallen war. Es waren zwei ausgebreitete Arme die sie als kleine Tätowierung zwischen den Schulterblättern von ihrem Vater gesehen hatte.

Anne versuchte herauszufinden, was hier eigentlich los war und hatte schon eine Frage an ihren Vater auf ihren Lippen als plötzlich, mit einem quietschenden Geräusch, ein Auto um die Ecke bog. Männer feuerten aus geöffneten Fenstern mit Maschinenpistolen auf sie. Anne und ihr Vater flohen durch das Tor in das grosse Gebäude. „Du musst gehen! Sprich mit mir, wenn Du von Deiner Reise zurückgekehrt bist!“ In Anne’s Kopf wirbelten die Gedanken wie Blätter in einem herbstlichen Sturm. Was hatte das alles zu bedeuten? Ihr Vater im alten Ägypten als Retter von antiken Büchern? Autos und Maschinengewehrfeuer? Vor fast 2000 Jahren? Anne rannte zu Aquila zurück an den Hafen und stieg, völlig ausser Atem, auf dessen Rücken. Mit kräftigen Flügelschlägen erhob er sich mit Anne in die Luft und die Szene unter ihnen wurde kleiner und kleiner. Die schwebende Insel mit der antiken Stadt Alexandria verschwand langsam im Dunst der Ferne während Annes Gedanken durch ihren Kopf tobten.

Langsam wurde Ihr bewusst, dass sie sich in einem Traum befand. Dies fühlte sich seltsam an für sie, denn alles schien ihr so intensiv und real. Und in ihr wuchs die Überzeugung, dass ihr in dieser Traumreise etwas mitgeteilt werden sollte, dass für ihr weiteres Leben eine wichtige Bedeutung haben sollte. Aquila trug Anne immer weiter und sie wurde jäh aus ihren Gedanken gerissen, als ihr gefiederter Freund plötzlich einen schrillen Schrei ausstiess. Anne blickte nach unten und sofort wusste sie, wo sie sich befanden. Unter ihnen erstreckte sich eine weite Ebene, auf der sie riesige Symbole erkannte. „Wir sind in Peru! Das sind die Ebenen von Nazca!“ rief Anne laut aus.

Unten auf der Ebene stand jemand. Die Person war noch zu weit entfernt als dass Anne sie hätte erkennen können. Doch schnell kamen sie näher und ein Lächeln ergriff Besitz von Annes Gesicht. Raoul stand dort unten und winkte ihr schon von weitem zu. Er erwiderte ihr Lächeln und Annes Herz beschleunigte seinen Rhythmus während sie vom Rücken von Aquila stieg um Raoul entgegen zu eilen. Sie sah auch ihn auf sich zulaufen und in seiner linken Hand erkannte sie eine der Papyrusrollen, die sie schon bei Ihrem Vater gesehen hatte. Es kam ihr merkwürdig vor, doch im Moment wollte sie nichts anderes, als Raoul endlich wieder in seine wunderschönen Augen zu blicken. Doch mit jedem Schritt, den sie auf ihn zuging, schien er sich weiter zu entfernen und die Szene wurde immer blasser.

Anne wurde schwindlig und plötzlich umfing sie eine bilderlose Dunkelheit. Sie fiel in ein schwarzes Loch, das kein Ende zu nehmen schien. Aus weiter Entfernung hörte sie eine Stimme an ihr Ohr dringen „Anne!“. Sie wehrte sich gegen das Aufwachen, wollte zurück auf die Nazca-Ebene zu Raoul. „Anne, wach auf, schnell!“. Ihr Kopf pochte, ihr ganzer Körper war angespannt und sie fühlte sich, als hätte sie einen handfesten Kater. Wieder vernahm sie die quälende Stimme: „Anne! Bitte wach endlich auf!“ Sie atmete tief ein und lies die Luft langsam aus ihrem Körper entweichen. Dann schlug sie die Augen auf und erkannte das Gesicht von Sandra vor sich.

Sandra sah besorgt aus. In ihrer rechten Hand hielt sie ein schnurloses Telefon. „Anne, dein Vater hat gerade angerufen. Du sollst Dich unbedingt sofort bei Ihm melden! Es muss etwas passiert sein, denn er klang sehr besorgt und aufgeregt!“

Weiter mit Fragmente 1.5 – Gefahr droht