Fragmente 1.16 – Eine Tür die keine ist

adler

Was bisher geschah:

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15

Anne riss ihre Augen weit auf und sog das sich ihr bietende Bild tief in sich hinein. Durch den Rahmen des Badezimmerschrankes blickte sie auf eine weite Ebene. Darüber erstreckte sich ein flirrender, blauer Himmel und die Sonne strahlte ihr Gesicht frontal an. Plötzlich hörte sie wieder dieses Geräusch, das klang als ob jemand Luft mit einem grossen Segel bewegen würde. Ein grosser Schatten schob sich vor die Sonne um gleich darauf ihr Licht wieder freizugeben und Annes staunendes Antlitz zu beleuchten. Annes Herz schlug schneller und ein freudiges Gefühl überflutete ihren ganzen Körper. Es fühlte sich an, als ob ihre Blutbahnen von innen leuchteten und als würde sich ihr Gewicht binnen Sekunden um ein vielfaches verkleinern. Sie fühlte sich so leicht wie ein Schmetterling und alle dunkeln Wolken welche ihre Gedanken in den letzten Tagen überschatteten, wichen augenblicklich von ihrer Seele. „Aquila, mein geliebter Freund!“ rief sie und sah, wie der Adler einen weiten Kreis über der Ebene  zog um dann auf sie zuzusteuern. Anne kletterte auf durch die Öffnung des Badezimmerschranks und sprang. Der freie Fall, die Luft die sie umgab und die Gewissheit, dass Aquila sie auffangen würde, liessen Anne laut herauslachen. Ihr gefiederter Freund tauchte nun unter sie und liess Anne auf seinem Rücken landen.

„Wir müssen zu einem wichtigen Treffen!“ drangen Aquilas Gedanken in Annes Bewusstsein und sie spürte, wie er seine Flugbahn änderte und sie der Ebene immer näher brachte. Anne wusste bereits wo sie war und sie vermutete auch schon zu wissen, wo Aquila landen würde. Die Ebene von Nazca kam immer näher und die Figur, welche von ihm angesteuert wurde, war Anne ebenso bekannt. Sie kniff ihre Augen zusammen und versuchte zu erkennen, ob Raoul da unten auf sie wartete. Doch da stand niemand bei der Figur. Aquila landete und liess Anne von seinem Rücken steigen. „Finde die Tür, die keine ist!“ übermittelte er ihr in Gedanken und flog wieder weg.

Anne schaute ihm nach und erst nachdem Aquila am fernen Horizont verschwunden war, wurde ihr bewusst, dass sie nun alleine auf dieser weiten Ebene stand. Wo würde sie hier eine Tür finden? Anne schaute sich um doch es gab nirgends eine Wand, weder künstlich noch natürlichen Ursprungs, die eine Tür enthalten konnte. Was konnte  er damit gemeint haben. Eine Tür, die keine ist? Es könnte vielleicht Durchgang gemeint sein, keine klassische Tür. Wenn da keine Wände waren, die man hätte durschreiten können, was blieb dann noch? Anne senkte ihren Kopf und begann den Boden abzusuchen und rasch fiel ihr Blick auf eine Ansammlung von Steinen, die zu einer unförmigen Pyramide aufgeschichtet war. Das steinerne Gebilde war ungefähr einen Meter hoch und nur ein paar Schritte von ihr entfernt. Sie ging darauf zu und hob den obersten Stein an.

Ihr Gefühl sagte ihr, dass sie auf dem richtigen Weg war und Anne begann damit, die Steine Schicht um Schicht abzutragen. Je tiefer sie kam umso flacher und grösser wurden die kleinen Felsbrocken bis an Ende zwei grosse Platten übrig waren. Diese waren zum Glück relativ dünn und Anne konnte sie zwar nicht wegheben, aber es gelang ihr, die Platten auf dem sandigen Boden zu verschieben und tatsächlich gaben sei eine Öffnung frei. Anne kniete sich neben das Loch und versuchte etwas in der Dunkelheit zu erkennen. Es führten keine Stufen hinab in die Tiefe, aber Anne erkannte bald, dass an einer der Schachtwände eine Leiter stand. Sie konnte zwar nicht abschätzen wie stabil und sicher die Leiter war, aber die Tatsache dass sie die Tür, die keine ist, gefunden hatte, machte ihr Mut und sie entschloss sich, in den dunklen Schlund zu klettern.

Je tiefer Anne unter den Boden gelang umso dunkler wurde es um sie herum und langsam beschlich sie ein mulmiges Gefühl. Doch sie stieg weiter, Sprosse um Sprosse, bis sie wieder festen Boden unter den Füssen spürte. Sie fühle dass Luft durch die Öffnung in das Innere wehte und schloss daraus, dass es noch einen weiteren Ein- oder Ausgang geben musste. Langsam gewöhnten sich Ihre Augen an die Dunkelheit und in weiter Entfernung entdeckte Anne einen flackernden Lichtschein. Langsam tastete sie sich vorwärts. Setzte vorsichtig einen Fuss vor den anderen und stütze sich mit den Händen an den Wänden ab. Das Leuchten kam nun immer näher und der ölige Geruch zeigte an, dass das Licht von einer oder mehreren Petroleumlampen kommen musste. Nur noch ein paar Schritte und die nächste Biegung trennte sie von dem beleuchteten Raum. Sie blieb stehen und horchte in den unterirdischen Gang hinein. Sie konnte zwei leise flüsternde Männerstimmen hören. Doch sie waren so leise, dass Anne nichts verstehen konnte. Langsam ging sie weiter und an der Biegung angekommen schlich sie auf Zehenspitzen weiter und versuchte vorsichtig einen ersten Blick in den Raum zu werfen.

„Anne! Da bist Du ja endlich! Komm setz Dich zu uns!“ erklang plötzlich eine wohlbekannte Stimme und sie sah in Raouls wunderschöne Augen. „Raoul! Paps!“ rief sie nun freudig überrascht und trat in den Raum, in dem ihr Vater und Raoul sassen. Sie umarmte ihre beiden liebsten Männer und erzählte, wie sie hierher kam. Was alles passiert war und dass sie und Sandra es wohlbehalten bis in das Hotel geschafft hatten. „Paps, wie geht es Dir?“ fragte Anne nun besorgt, da ihr plötzlich klar wurde, dass sie den beiden nur im Traum begegnete und ihr Vater noch immer im Koma lag. Er lächte sie liebevoll an und sagte mit weicher Stimme „Es ist alles in Ordnung, Mädchen! Ich ruhe mich noch etwas aus!“

Raoul erzählte ihr was bei ihm in den letzten Tagen passiert war und dass er sich noch immer versteckt halten musste. „Wirst Du mir den Stein mit der Karte bringen? Ich möchte Dich endlich in meine Arme nehmen!“ schloss Raoul und Anne blickte ihn liebevoll an. „Das werde ich Raoul! Sobald ich einen Flug erwische, komme ich hierher! Aber wie werde ich Dich finden?“ Er lächelte liebevoll zurück, strich ihr mit der Hand eine Strähne aus dem Gesicht, küsste sie zärtlich und flüsterte ihr anschliessend ins Ohr:

„Finde den grossen Donnervogel und in der Mitte seines Kopfes, finde die Tür, die keine ist!“

Raouls Worte hallten in Annes Kopf wie ein Echo und sie wiederholte sie immer wieder und langsam versank sie in Trance. Das Licht um sie herum entschwand in weite Ferne und ihr  Bewusstsein tauchte in einen tiefen Schlaf.

Weiter mit Fragmente 1.17 – Reisevorbereitungen

Fragmente 1.15 – Sandra fährt

The Door to Light

Photocredit: Linds @ Flickr

Was bisher geschah:

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14

Für ein paar Sekunden waren Anne und Sandra nicht fähig zu beobachten, was ihr Verfolger machte. Als sie ihren Wagen angehalten hattten, schauten die Beiden durch die Windschutzscheibe nach vorn auf die Strasse und sahen wie das andere Fahrzeug etwa 30 Meter weiter vorne zum Stillstand kam. Das rote, aggressive Leuchten der Rücklichter wurde rasch durch das helle Weiss der Rückfahrleuchte überstrahlt. „Mist! Er fährt zurück. Was tun wir jetzt?“ rief Anne entsetzt. Sandra blickte konzentriert nach vorne und liess sich von Annes Worten nicht aus der Ruhe bringen. Selten hatte Anne ihre Freundin so erlebt. Doch irgendwie schien sie wieder im gleichen „Funktionsmodus“ zu sein, wie in der Küche, als sie den Eindringling mit einem Krug heissen Kaffee niedergestreckt hatte.

Sandra schien ruhig und besonne, obwohl in ihrem Innern die Gefühle tobten und ihr das Herz bis zum Hals schlug. Der Wagen, der die beiden verfolgt hatte, beschleunigte und fuhr nun auf der linken Strassenseite rückwärts und kam gefährlich schnell auf sie zu. Sandra stand mit dem rechten Fuss auf dem Gas und mit dem linken Fuss auf der Kupplung und wartete ab. Als das andere Auto etwa auf fünf Meter an sie herangekommen war, brüllte sie plötzlich „Jeeeeeeetzt!“ wie um sich selbst das Kommando zu geben, trat das Gaspedal durch und liess die Kupplung los. Die Räder quietschten, es begann nach verbranntem Gummi zu riechen und der Wagen setzte sich leicht schlingernd in Bewegung. Noch bevor der Verfolger reagieren konnte, schossen Anne und Sandra in entgegengesetzter Richtung an ihm vorbei und nur mit Mühe konnte Sandra das Fahrzeug durch die enge Rechtskurve steuern. Dahinter folgte ein langes, gerades Strassenstück. Sandra schaltete in den fünften Gang hoch und bretterte in die Nacht was das Zeug hielt.

Im Rückspiegel konnte Anne erkennen, dass ihr Verfolger bereits wieder hinter ihnen her war. Die Strasse führte nun über eine leichte Kuppe. Sandra wusste, dass die Strasse dahinter noch immer gerade weiterging und obwohl sie diese im Moment nicht sehen konnte, hielt sie das Tempo und raste weiter. Der Verfolger näherte sich wieder auf eine bedrohliche Nähe und wieder schoss er auf die linke Strassenseite um zu überholen. Die beiden Fahrzeuge überquerten gemeinsam die Erhöhung. Dahinter wartete auf die beiden Frauen die Erlösung und auf den Verfolger der Albtraum. Wie ein Dinosaurier der Strasse kam ihnen ein grosser Truck mit hohem Tempo entgegen. Der Verfolger versuchte abzubremsen um wieder auf die rechte Strassenseite zu kommen. Mit einem lauten Brausen kreuzte das ächtzende Ungeheuer die beiden Flüchtenden und Anne biss sich vor Aufregung in die Unterlippe. Sie hörten ein lautes Quietschen von Bremsen und dann verloren die Beiden die Sicht auf das, was hinter ihnen auf der Strasse geschah. Nach einer leichten Linkskurve bremste Sandra das Fahrzeug langsam auf die erlaubte Geschwindigkeit herunter und Anne klebte mit ihren Augen am Rückspiegel. Aber die Nacht hinter ihnen blieb dunkel. Vergebens versuchte sie am Horizont die böse leuchtenden Augen des fahrenden Monsters, das sie verfolgt hatte, zu entdecken.

Langsam beruhigten sich die Beiden wieder. „Was meinst Du, hat es ihn erwischt?“ fragte Anne und Sandra zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung, ich konnte nichts erkennen. Vielleicht gab es einen Zusammenstoss mit dem Truck, vielleicht hat der Verfolger auch die Gewalt über sein Fahrzeug verloren und ist in den Felshang gekracht.“ Die Beiden fuhren weiter durch die Nacht, der Stadt entgegen und hofften, möglichst bald anzukommen, um ein paar ruhige Stunden Schlaf zu finden.  Sandra hatte einen Bekannten, der als Nachtportier in einem Hotel arbeitete. Bei ihm hatte sie das Zimmer gebucht. Dort angekommen parkierten sie ihr Fahrzeug in der Tiefgarage und meldeten sich bei dem Markus an der Rezeption an. „Was ist denn mit Euch beiden passiert?“ fragte dieser entsetzt, als er die beiden an der Theke begrüsste. Sandra und Anne erzählten in knappen Worten, was ihnen in den letzten Stunden passiert war und Markus, versicherte ihnen, dass sie hier nicht in Gefahr seien und keiner unbemerkt an ihm vorbei komme. Er versprach aufzupassen und bei Bedarf sofort die Polizei zu alarmieren.

Nach einem Drink an der Bar begaben sich Anne und Sandra auf ihr Hotelzimmer um endlich eine Portion Schlaf zu bekommen und nach einer ausgiebigen Dusche legten sich beide völlig erschöpft ins Bett. Sie liessen den Tag noch einmal an sich vorüberziehen und ihnen wurde bewusst, dass sie riesiges Glück hatten, überhaupt noch am Leben zu sein. „Stark, Sandra!“ lächelte Anne. „Einfach stark wie Du den Kerl umgehauen und heute Abend die filmreife Verfolgungsjagd hingelegt hast!“ Sandras Lächeln blieb in ihrem Gesicht obwohl sie langsam eingeschlafen war und Anne drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Danke Sandra! Du hast mir heute zweimal das Leben gerettet!“ Dann legte sie sich hin und versuchte ebenfalls einzuschlafen. Doch die Bilder der letzten Tage liessen sie noch lange wach liegen. Langsam aber sank auch sie in die Arme des Schlafes und ihr Bewusstsein entschwand langsam. Die tanzenden Bilder vor Annes Augen lösten sich immer mehr auf, wie Rauch der sich gegen den Himmel verflüchtigte und doch schien ein Teil von hr wach zu bleiben um auf alles gefasst zu sein.

Plötzlich war Anne wieder hell wach. Sie hörte ein Geräusch aus dem Badezimmer und seltsame Lichterscheinungen waren durch den Spalt unter der Türe sichtbar. Anne war, als hätte sie ihren Namen gehört und seltsamerweise verspürte Sie keinerlei Angst. Irgendwie wusste Sie, dass hinter der Badezimmertür etwas auf sie wartete, dass ganz und gar nicht bedrohlich war, obwohl die Situation an und für sich ja mehr als ungewöhnlich war. Vorsichtig setzte sie ihre Füsse aus dem Bett auf den Fussboden und richtete sich langsam auf. Sie wollte Sandra, die friedlich neben ihr schlief, auf keinen Fall wecken und schob die Bettdecke behutsam von ihrem Körper. Langsam ging sie auf das Licht und die Geräusche zu und blieb vor der Tür stehen. Sie horchte, lauschte und versuchte angestrengt zu erkennen, was dahinter vor sich gehen könnte. Doch sie konnte keines der Geräusche identifizieren und wieder meinte sie ihren Namen zu hören.

Vorsichtig drückte sie die Türklinke nach unten und öffnete die Tür einen kleinen Spalt. Sofort verschwand das Licht und die Geräusche tauchten in weite Entfernung. Vorsichtig steckte sie ihren Kopf in den nun fast dunklen Raum. „Hallo?“ flüsterte sie leise in das Badezimmer und lauschte. Nichts. Keine Antwort. Beherzt trat sie ein, schloss die Tür wieder hinter sich zu und stand nun in dem kleinen, gefangenen Raum ohne das Licht zu machen. Trotzdem war es nicht ganz dunkel, denn nun sah Anne die selben Strahlen, welche vorher unter der Tür durchschienen, aus den Spalten der Spiegeltür des Badezimmerschrankes blitzen, als ob in dem Schrank ein helles Lichterspiel im Gange wäre.

Sie ging auf den Schrank zu und öffnete ihn ganz langsam. Was sie dahinter erblickte nahm ihr für einen Moment den Atem.

Weiter mit Fragmente 1.16 – Eine Tür die keine ist

Fragmente 1.13 – Das Geheimfach

fragmente1-13

Was bisher geschah:

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12

Mit einem leisen Geräusch glitt das Regal an seinen Ausgangspunkt zurück und verschloss die verborgene  Tür. Die beiden Freundinnen trauten sich kaum noch zu atmen und lauschten, was im Nebenraum vor sich ging. Das Büchergestell wirkte ziemlich schallisolierend, dennoch konnten sie hören, dass jemand das Arbeitszimmer betrat. Kurz darauf begann dieser Unbekannte scheinbar den Raum zu durchsuchen. Papier raschelte, Schubladen wurden aufgezogen und wieder geschlossen, Möbelstücke wurden im Raum umhergerückt und ein kehliges Husten durchschnitt die unheimliche Geräuschkulisse. Der Eindringling schien unter Zeitdruck zu stehen, denn sein Vorgehen wurde mit zunehmender Zeitdauer immer hektischer. Bücher wurden aus den Regalen gerissen, deutlich hörbar auf den Boden geworfen und immer wieder erklang das röchelnde, kehlige Husten.

Anne und Sandra standen wie angewurzelt im Archiv, unfähig sich zu bewegen und gepackt von schierer Angst. Was wenn der Eindringling die versteckte Tür finden würde? Womöglich hatte er eine Waffe bei sich? Anne drängten sich die Bilder von Nicks Traumerscheinung in das Bewusstsein. Diese Leute hatten ihn brutal gefoltert und anschliessend umgebracht. Sie würden also kaum zögern, das gleiche mit Anne und Sandra zu tun. Anne wünschte sich in diesem Moment ihr altes Leben zurück. Alles war so einfach, so bekannt und so gewohnt. Sie war zwar auch nicht glücklich damals. Aber nicht glücklich zu sein war besser, als andauernd in tödlicher Gefahr zu schweben. Doch andererseits waren es diese Momente, die Anne spüren liessen dass sie am Leben war. Intensiv, ungeschönt, hart und direkt riss das Leben sie in ein Abenteuer,  das sie nie für möglich gehalten hätte.

„Scheisse! Irgendwo muss doch dieser verfluchte Plan versteckt sein!“ riss der Eindringling fluchend Anne in die Realität zurück. Harte Schläge auf ein Möbel liessen erkennen, dass der Suchende immer verzweifelter einen bestimmten Gegenstand zu finden hoffte. Anne erschrak und blickte Sandra aus weit aufgerissenen Augen an. „Der Schreibtisch“ flüsterte sie Sandra leise zu. Sandra nickte. „Die Polizei!“ flüsterte Sandra nun zurück. „Wolltest Du nicht die Polizei rufen?“ fügte sie hinzu und Anne nickte. Ihr Handy war in der Handtasche, die sie weiter hinten im Achiv abgestellt hatte. Vorsichtig ging sie rückwärts, die Tür nicht aus den Augen lassend und griff mit der Hand nach hinten. Doch anstatt die Tragschlaufe ihrer Handtasche zu ergattern, schlug sie mit dem Handrücken an einen Bilderrahmen, der auf einer Kartonkiste gelegen hatte. Der Rahmen verschob sich um ein paar Zentimeter, kippte langsam über die Kante der Kiste und landete so unglücklich auf dem Boden, dass das Schutzglas mit einem lauten Klirren zerbrach. Anne zog ihren Kopf ein und erstarrte. Sie blickte zu Sandra, die sich vor Angst mit der Hand den Mund zu hielt und im gleichen Moment verstummte der Einbrecher im Arbeitszimmer. Ein paar Sekunden lang herrschte Todesstille und Anne hätte schwören können, das Ticken der Küchenuhr aus dem unteren Stock hören zu können. Dann erklang abermals ein röchelnder Husten der abgelöst wurde von der Stimme des Eindringlings: „Ist hier jemand? – Hallo?“. Sandra und Anne hielten den Atem an. Nach ein paar Sekunden des Schweigens hörten sie, wie der Mann den Raum verliess und die Treppe hinunter hetzte. Ein paar Augenblicke später erlöste das Quietschen der Einangstür die beiden aus ihrer ängstlichen Starre.

„Schnell! Lass uns sehen, ob wir ein jemanden wegrennen oder ein Auto wegfahren sehen!“ rief nun Anne und spurtete zur Tür, griff in die Öffnung des Regals und betätigte den kleinen Hebel. Sie schob das Büchergestell von der Tür weg und rannte zum Fenster. Doch dort war niemand zu sehen. Zu spät! Der Mann schien das Grundstück bereits verlassen zu haben. Sandra kam nun mit Annes Handtasche hinterher und hielt ihr diese entgegen. „Lass uns nun die Polizei anrufen!“ sagte sie. Anne griff danach und suchte ihr Handy. Erst jetzt als sie es in ihrer Hand hielt, um die Nummer der Polizei einzutippen, fiel ihr Blick auf die Unordnung im Zimmer. Bücher waren aus den Regalen herausgerissen, der Schreibtisch um einen halben Meter verschoben worden und das ganze Zimmer sah aus, als hätte ein Orkan darin gewütet. Anne liess ihre Hand sinken und stand wie erschlagen in dem Raum, in dem sie schon als Kind gespielt hatte.

Ihr Vater hatte sie immer ermahnt ordentlich zu sein und jedes Buch wieder an seinen angestammten Platz zurückzustellen. Er war sehr darauf bedacht sein Ordnungssystem peinlich  genau aufrecht zu erhalten, da er sonst viel zu lange Zeit brauchte, wenn er ein bestimmtes Nachschlagewerk suchte. Anne  sah im Geiste, wie entsetzt ihr Vater wäre, wenn er dieses Chaos sehen würde und fast beschlich sie ein schlechtes Gewissen, so als ob sie die Schuld für diese Unordnung trug. Der Gedanken an ihren Vater holte plötzlich die Erinnerung an das Geheimfach zurück in ihr Bewusstsein. „Das Versteck!“ rief sie Sandra zu. „Ich muss nachsehen, ob es noch unversehrt ist!“ „Die Polizei Anne, du solltest die Polizei anrufen!“ gab Sandra zurück. „Nachher! Der Anruf hat Zeit! Erst will ich das nachprüfen!“ sagte Anne und steuerte auf den Schreibtisch zu. Sandra schüttelte den Kopf und folgte Anne zu dem alten Möbelstück. Anne kniete sich davor auf den Boden und griff mit der rechten Hand unter die unterste Schublade. „Ja!“ rief sie und strahlte. Das Fach war noch immer an seinem Platz und der Eindringling schien es nicht gefunden zu haben.

Anne holte den Schlüssel aus der Schatulle, schloss die unterste Schublade auf und zog sie vorsichtig bis zum Anschlag heraus. Sie griff hinein, packte den Inhalt auf den Schreibtisch und befühlte den Boden. Er schien stabil zu sein und keine Öffnung aufzuweisen. Anne tastete mit den Fingerspitzen vorsichtig den Kanten entlang und tatsächlich fand sie hinten, an der Rückwand eine kleine Lasche. Sie griff zu und hob eine dünne Holzplatte an, die sich als doppelter Boden erwies. Anne konnte die Platte einfach herausheben und nun gab das Fach sein Geheimnis preis. Sandra schaute Anne neugierig über die Schulter. Sie konnte ihre Nervosität kaum verbergen und tippte ihre Freundin an. „Was ist es?“ wollte sie wissen. Anne griff in das Fach und zog einen Umschlag heraus, der mit grossen Buchstaben angeschrieben war. Darauf stand:

Anne / Peru

„Nun mach schon auf!“ drängte Sandra und Anne griff nach dem Brieföffner auf dem Schreibtisch ihres Vaters.

Weiter mit Fragmente 1.14 – Lebensgefahr

Fragmente 1.12 – Die geheime Tür

Bookshelf

Was bisher geschah:

Fragmente 1.0 – Anne / Fragmente 1.1 – Aufbruch

Fragmente 1.2 – Anruf aus der Vergangenheit / Fragmente 1.3 – Raoul

Fragmente 1.4 – Ein neuer Traum / Fragmente 1.5 – Gefahr droht

Fragmente 1.6 – Verborgene Wahrheit / Fragmente 1.7 – Ein Rätsel kündigt sich an

Fragmente 1.8 – Die Warnung / Fragmente 1.9 – Das Räsel

Fragmente 1.10 – Der Stein der Wahrheit /Fragmente 1.11 – Eine Aufgabe aus dem Traumland

„Sandra, ich bin so froh, dass Du da bist!“ brach es aus Anne heraus und Sandra nahm ihre Freundin tröstend in ihre Arme. Anne konnte sich nicht erinnern, was geschehen war. Es gab da ein schwarzes Loch, in das sie nicht blicken konnte. Sie versuchte die Erinnerung zu aktivieren und erzählte Sandra, wie sie bei Ihrem Vater war und dass sie den Code von Raouls Nachricht geknackt hatten. Sie erinnerte sich auch noch daran, dass sie sich mit Ihrem Vater gemeinsam ins Auto setzte, aber dann riss der Film in ihrem Kopf ab.  Auch Sandra kannte keine Details zum Unfall und konnte Anne nicht helfen, die Lücken zu füllen.

Die Tür öffnete sich und die Ärztin trat ins Zimmer. Anne erkundigte sich nach ihrem Vater. Er war weiterhin stabil und sein körperlicher Zustand besserte sich allmählich, allerdings war er noch nicht aus dem Koma erwacht und die Ärztin konnte auch nicht sagen, wie lange die Bewusstlosigkeit noch anhalten würde. Es könnte Stunden, Tage, Wochen, ja sogar Jahre dauern und vielleicht würde Ihr Vater nie mehr erwachen. Anne war einerseits froh, dass er sich langsam  von seinen Verletzungen erholte. Aber der Gedanke daran, dass ihr Vater vielleicht nie mehr erwachen würde, machte sie unendlich traurig!

Anne musste noch zwei Tage zur Beobachtung in der Klinik bleiben. Am Tag vor ihrer Entlassung erhielt Anne Besuch von Inspektor Trost. Er erzählte ihr, dass die Polizei den Wagen genau untersucht hatte und sich dabei herausstellte, dass die Bremsleitungen durchtrennt worden seien und der Wagen deshalb ausser Kontrolle geriet. Anne war sich sicher, dass dies die gleichen Leute gewesen sein mussten, die auch Nick ermordet hatten. Wie ein Boomerang, der wieder zu seinem Werfer zurückkehrte, wurde Anne vom Bewusstsein eingeholt, dass sie in Gefahr war.

Als Anne das Krankenhaus verlassen konnte, wurde sie von Sandra abgeholt und Anne bat sie, zuerst im Museum der Völker, wo der besagte Stein ausgestellt war, Halt zu machen. Im Museumsshop kaufte sich eine Replik des Kartensteines und um zu überprüfen ob er wirklich originalgetreu war, verglich sie ihn mit dem ausgestellten Stein in der Vitrine. Die Kopie schien wirklich bis ins Detail identisch. Die Farbe varrierte leicht, aber das erschien Anne nicht wichtig. Viel wichtiger war, dass die eingeritzten Linien und Formen übereinstimmten.

Auf dem Heimweg erzählte Anne Sandra auch von ihrem Traum, in dem ihr Raoul und ihr Vater begegnet waren. Plötzlich erinnerte sie sich wieder an das, was ihr Vater ihr gesagt hatte. „Sandra! Wir müssen zum Haus von Paps!“ rief sie, doch Sandra versuchte ihr das erst auszureden, denn sie sollte sich noch etwas ausruhen, hatte die Ärztin Sandra ans Herz gelegt. Doch Anne liess nicht locker: „Bitte fahr da hin! Ich muss unbedingt überprüfen, ob das was ich im Traum erfahren habe wirklich stimmt!“.

Sandra willigte widerwillig ein und fuhr zum Haus von Annes Vater. Die beiden stiegen aus und Anne kramte in ihrer Handtasche nach dem Hausschlüssel. Sie schloss auf und die Tür öffnete sich mit einem lauten Quietschen. Eine unheimliche und irgendwie traurig erscheinende Stille umfing die Beiden, als sie den Flur des Hauses betraten. Die Sonne warf Lichtbündel durch die Fenster in denen sich aufgewirbelter Staub reflektierte. „Komm mit!“ sagte Anne und packte Sandra an der Hand. Sie gingen die Treppe hoch in den ersten Stock und öffneten die Tür zum Arbeitszimmer.

Die Wände des Raumes waren komplett mit Bücherregalen zugestellt, einzig das Fenster war frei ersichtlich. Davor stand der grosse alte Schreibtisch, unter dem Anne schon als Kind herumgekrabbelt war. Wie damals legte sie sich vor dem grossen Möbelstück auf den Boden und untersuchte die Unterseite der Schubladen auf der rechten Seite. Tatsächlich schien dort etwas befestigt zu sein. Es fühlte sich an wie ein flaches Fach aus Holz, dass unten an den Boden der  Schublade geklebt zu sein schien. Anne betastete es mit den Händen um einen Mechanismus zu finden, der Zugang zum Inhalt bot. Aber das Fach schien von allen Seiten stabil geschlossen zu sein und Anne fand nichts, womit es sich öffnen liesse. „Vielleicht wurde es durch den Boden der Schublade von oben geöffnet?“ fragte Sandra und Anne nickte.

Sie versuchte die Schublade zu öffnen, aber diese war abgeschlossen. Verzweifelt suchte Anne nach dem Schlüssel dazu, doch dann erinnerte sie sich daran, dass ihr Vater diesen immer an seinem Schlüsselbund trug. Er hatte ihn sicher auch beim Unfall dabei und vermutlich lag er noch  im Wrack des Autos . Anne überlegte fieberhaft und plötzlich kam ihr die rettende Idee: „Im Archiv! Es gibt einen zweiten Schlüssel dazu im Archiv!“ Sandra wurde von Annes Euphorie angesteckt: „Wo ist dieses Archiv?“. „Hinter der Tür rechts von uns!“ antwortete Anne. Sandra schaute sich um und konnte keine Tür entdecken. Das waren nur Bücherregale.

Anne erklärte ihr, dass ihr Vater aus Platzgründen ein Bücherregal vor die Tür des Archivs gestellt hatte. Durch einen kleinen versteckten Hebel konnte man die Fixierung lösen und das Bücherregal auf kleinen Rollen, die an der Unterseite des Gestells versenkt angebracht waren, von der Tür wegziehen. Ihr Vater hatte diese Vorrichtung selbst gebaut und war ganz stolz darauf. Als Kind liebte es Anne, sich in diesem Archiv zu verstecken. Für sie war es eine magische Tür, die in ein geheimes Versteck führte, wohin sie sich gerne zurück zog.

Anne griff in das besagte Büchergestell, ertastete den Hebel und ein leises Klacken signalisierte ihr, dass sie erfolgreich war. Mit einer schwungvollen Bewegung zog sie nun das Regal von der Wand weg und es gab die versteckte Türöffnung frei. Sandra stiess einen anerkennende Pfiff aus und die Beiden schlüpften hinter das Regal. Nun standen sie in einem fensterlosen Raum der mit vielen Regalen, Kartons, Kistchen mit Karteikarten und allerlei seltsamen Gegenständen angefüllt war. Anne ging zu einem Regal, nahm eine kleine Schatulle heraus und öffnete sie. Tatsächlich fand sie darin auch den Schlüssel zu den Schreibtisch-Schubladen und hielt ihn mit einem triumphierenden Lächeln hoch. Die beiden Frauen fühlten sich wie Entdecker, die gerade den Fund des Jahrhunderts freigelegt hatten und lachten sich fröhlich zu.

Plötzlich ertönte ein Splittern von Glas im Flur unten im Parterre. Die beiden Forscherinnen hielten ihren Atem an und lauschten angestrengt. Nach einem kurzen Augenblick quälender Stille konnten sie nun das Quietschen der Haustür hören. Anne und Sandra starrten einander fassunglos an. „Jemand bricht ein!“ flüsterte Sandra Anne erschrocken zu. „Schnell! Die Geheimtür! Wir schliessen sie, verstecken uns hier drin und rufen von hier aus die Polizei!“ rief nun Anne und spurtete zur Tür um das Bücherregal wieder in seine Ausgangslage zu ziehen. Auf der Treppe in den ersten Stock waren Schritte zu hören und Anne kombinierte blitzschnell dass sie sich beeilen musste, um die Tür rechtzeitig zu schliessen.

Es gab eine Öffnung in der Rückwand des Regals in die man greifen konnte, um das Büchergestell zurück zu ziehen. Anne griff zu und zog kräftig daran, doch das Regal bewegte sich keinen Milimeter. Nun wurde Anne von Panik gepackt und kalte Schweissperlen traten ihr auf die Stirn. Die Schritte kamen immer näher und Anne wusste, dass ihr nur noch Sekunden blieben, um die Tür zu schliessen. Hinter sich hörte sie Sandras Atem, der immer schneller ging und sie spürte, dass ihre Freundin kurz davor war,  loszuschreien. Sie blickte kurz zurück und flüsterte „Ich habs gleich! Nur keine Panik“, dabei war Anne selbst kurz davor, vor Angst durchzudrehen. Mit zitternder Hand versuchte sie erneut, das Regal wieder zurück auf seinen Platz zu ziehen. Die Schritte waren nun vor der Tür des Arbeitszimmers zu hören und Anne konnte sehen, wie die Türfalle herunter gedrückt wurde.

Annes Finger ertasteten den kleinen Hebel an der Wand des Regals und wieder klickte es leise. Anne riss sich zusammen und zog erneut am Büchergestell, das die beiden Frauen vor den Augen der Einbrecher verbergen sollte.

Weiter mit Fragmente 1.13 – Das Geheimfach