1.31 – Die Wendung

Photocredit: Bruno Girin @ flickr.com

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„Ich will den Schlüsselstein!“ rief der hustende Verfolger und zielte mit dem Lauf der Pistole auf Anne. Ein kaltes Gefühl der Angst und Wut kroch erneut in ihr hoch, doch diesmal wusste sie, dass sie mehr als Glück benötigte um aus dieser Situation zu entfliehen. Anne stellte sich unwissend. „Was für einen Schlüsselstein?“ fragte sie und versuchte dabei möglichst unschuldig zu wirken. „Wollen Sie mich für dumm verkaufen? Geben sie mir den Stein oder ich knalle sie ab!“ rief er. Anne sah keinen anderen Ausweg und zog ihren Rucksack aus, um den Stein daraus hervor zu holen. Raoul, Carlos und Luis standen wie versteinert daneben und sahen Anne zu, wie sie zitternd in die Tasche griff. Sie zog den Stein hervor und hielt in hoch. „Nein, nicht den Kartenstein, ich habe selbst eine Replik davon. Ich will den Schlüsselstein! Die Platte, in die der Kartenstein eingefügt werden muss!“ rief der Mann und fuchtelte mit der Pistole. „Ich habe den Schlüsselstein nicht!“ rief Anne wahrheitsgemäss! „Sie nicht, aber er hat ihn!“ rief der Kerl und zeigte nun mit der Waffe auf Raoul. „Los, geben sie mir den Stein, aber etwas plötzlich. Oder soll ihre Freundin hier sterben?“ rief er und zielte wieder auf Anne.

„Raoul, nicht!“ rief Anne. Doch Raoul konnte nicht anders. Er sah keinen Ausweg und wollte sie auf keinen Fall in Gefahr bringen. Er zog seinen Rucksack aus um das Artefakt daraus hervor zu holen. Er wickelte die Steinplatte mit der Öffnung in Form des Kartensteins aus einem Stoff und hielt sie mit beiden Händen in die Luft.  „Werfen Sie mir den Stein herüber, los!“ schrie der Verfolger und fuchtelte wild mit der Knarre herum. „Halt, nein! Die Platte wird in Stücke brechen, wenn er sie wirft!“ rief Anne dazwischen. In ihr keimte eine verwegene Idee. „In Ordnung, legen Sie den Stein vor sich auf den Boden und treten Sie zwei Meter zurück!“ rief der Verfolger. „Los, mach schon!“ raunte Anne und zwinkerte Raoul verwegen zu. Er begriff sofort und legte den Stein vor sich auf den Boden und sie traten alle zwei Meter zurück. „Stehen bleiben! Wehe sie versuchen abzuhauen! Ich werde schiessen, wenn sie nicht gehorchen!“ rief der Hustende.

Die Vier warfen sich vielsagende Blicke zu. Auch Luis und Carlos hatten erkannt, was Anne im Schilde führte. Sie blickten gespannt auf den Mann mit der Waffe in der Hand, der nun auf sie zukam. Doch Annes Idee schien nicht zu funktionieren. Er ging ein, zwei, drei Schritte auf dem federnden Boden in ihre Richtung und nichts passierte. Anne beschlich wieder dieses lähmende Gefühl der Angst. Doch plötzlich krachte es. Das Geräusch von berstendem Holz und ein kehliger Schrei durchschnitten die dunkle Szenerie. Ein Schuss löste sich aus der Pistole, gefolgt von einer gespenstische Stille, die nur eine ewig lange Sekunde dauerte und die von einem widerlichen Krachen und einem erneuten Schrei, der in einem gurgelnden Laut erstarb, abgelöst wurde.

Raoul ging langsam zwei Schritte nach vorne und blickte in das tiefe, dunkle Loch, das nun vor ihnen klaffte. „Er ist tot!“ rief er. Die anderen kamen zu ihm und blickten in die Öffnung. Im Schein von Raouls Stirnlampe sahen sie den seltsam verbogenen Körper, der in etwa 10 Meter Tiefe auf spitzigen Holzpfählen aufgespiesst lag. Die Lampe des Toten lag auf dem Grund des Schachtes und tauchte das Bild in ein unheimliches Licht. „Los, schnell, lasst uns abhauen, wer weiss, ob er der einzige Verfolger war!“ rief nun Luis. Raoul packte den Schlüsselstein wieder ein und sie liefen zurück in den letzten Raum. Dort nahmen sie den anderen Weg und passierten die Kreuzung wie geplant.

Der Weg neigte sich nun spürbar nach oben und die frische Luft, die ihnen entgegen blies, zeigte an, dass sie bald am Ende ihres Aufstiegs ankommen würden. Doch der Tunnel endete ohne Ausgang. Die Decke schien eingestürzt zu sein. „Die Tür, die keine ist!“ flüsterte Anne und sie beschrieb Raoul, was sie in ihrem Traum gesehen hatte. Sie versuchten, in der Mitte beginnend, die kleineren Steine weg zu schieben und mit gemeinsamer Kraft schafften sie es auch, die letzten beiden Steinplatten aus dem Weg zu räumen. Das Bild, in das sie bei ihrem Ausstieg eintauchten, raubte ihnen fast den Atem. Der neue Tag war im Begriff die Ebene von Nazca in ein sanftes Licht zu tauchen und während der Himmel von Osten her immer heller wurde, stieg die Gruppe über eine Leiter, die schon seit Urzeiten dort zu sein schien, wieder zurück an die Oberfläche.

„Du hattest recht, Anne!“ sagte Raoul und nahm sie in seine Arme! „Deine Träume haben uns gerettet!“ fügte er an und die Vier setzten sich erst mal hin um eine kleine Verschnaufpause einzulegen. Über ihren Köpfen kreiste ein Adler und Anne dachte an Aquila. „Danke mein Freund!“ rief sie ihm im Geiste zu und prompt kam die Antwort in Form eines Gedanken zurück: „Bitte, aber Eure Reise ist noch nicht zu Ende! Findet die Bibliothek und sorgt dafür, dass sie geschützt bleibt!“. Der Gedanken hallte in Annes Kopf und ihr wurde klar, dass sie erst den ersten Teil des Abenteuers bestanden hatte.

„Wie kommen wir zurück zu Margaretha?“ fragte Anne plötzlich in die Runde. „Na mit unserem Auto!“ lachte Carlos. „Es steht unten auf der Rückseite des Hauses. Wir müssten etwa in 20 Minuten dort sein. Über der Erde ist die Strecke nur halb so lange!“ fügte er an und stand auf. „Los kommt!“ sagte er und ging los, während die anderen sich hinter ihm aufrafften um ebenfalls die Rückreise anzutreten.

Als sie im Auto sassen und auf dem Rückweg nach Lima waren, erzählte Raoul, was alles passiert war und wie sie den Schlüsselstein in einem der Räume da unten gefunden hätten. Anne erzählte, dass sie eine Idee hätte, wo die Bibliothek sein könnte. Dass sie davon geträumt hatte und Margaretha aufgrund ihrer Beschreibung ein Kultort der Lambayeque vermutete.

Carlos steuerte das Auto und hörte aufmerksam zu, während Luis auf dem Beifahrersitz eingenickt war. Immer wieder blickte Anne durch das Heckfenster des Wagens um sicher zu sein, dass sie nicht verfolgt würden. Aber da war nichts. Kein anderes Auto war hinter ihnen zu sehen und langsam konnte auch Anne sich entspannen. Sie legte ihren Kopf an Raouls Schultern, der seinerseits seinen Arm um sie legte und bald schlief sie ein. Sie versank in einer wohligen Dunkelheit und fühlte sich in Sicherheit. Ein Gefühl, dass sie schon seit Ewigkeiten nicht mehr gespürt hatte. Die Dunkelheit um sie herum löste sich auf und sie spürte den Wind in ihrem Gesicht. „Aquila!“ rief sie und Freundtränen kullerten über ihr Gesicht. Sie spürte die kräftigen Muskeln seiner Flügel unter ihrem Körper und blickte strahlend vor Freude auf die Landschaft unter ihr.

Sie verliessen die Ebenen von Nazca und steuerten Nordwärts. Anne entdeckte unter sich Lima und vermutete, dass sie bei Margaretha landen würde, doch Aquila gab ihr zu verstehen, dass die Reise weiter nordwärts gehen würde zu einem Ort namens Túcume. Nachdem sie Chiclayo unter sich passiert hatten, tauchte Aquila ab und landete an einem unwirklich scheinenden Ort. Es gab hier grosse Hügel, deren Beschaffenheit sonderbar geometrisch schienen und Anne kombinierte schnell, dass es sich hier um die Überreste der besagten Lambayeque Kultur handeln musste. Einige Ausgrabungsstätten zeugten ebenfalls davon. Aquila landete genau vor einem der Hügel und stieg ab. Sie sah sich um und bald entdeckte sie jemanden, der ihr sehr bekannt vorkam. Freude erfüllte ihr Herz und sie lief mit geöffneten Armen auf ihn zu. „Paps“! rief sie und der Mann winkte ihr zu. Er stand vor einem der lehmigen Hügel und freute sich sichtlich darauf, seine Tochter in die Arme zu nehmen! Doch einmal mehr schaffte es Anne nicht, einen geliebten Menschen im Traum zu umarmen. Noch bevor sie ihn erreicht hatte, veränderte sich die Szenerie. Links neben ihm öffnete sich der Hügel und die entstehende Öffnung schien alles in sich hineinzuziehen. Auch Anne konnte sich nicht gegen den Sog wehren und wurde von der Dunkelheit verschluckt.

Weiter mit Fragmente 1.32 – Das Wiedersehen

1.30 – Das Labyrinth

Photocredit: Raveesh Vyas @ flickr.com

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Anne rannte los! Es schien, als ob sich in diesem Moment ein riesiger Stein von Ihrem Herzen löste. So leicht und unbelastet fühlte sich dieser Augenblick für sie an. Nur eine leichte Angst, alles um sie könne sich wieder auflösen und sie erwache aus einem Traum, mischte sich in ihre Freude. Der Namen der sich in ihrem Kopf ausbreitete blieb unausgesprochen, denn sie war so überwältigt, dass ihr Gehirn keine bewusste Kontrolle über ihren Körper zuliess. Instinktiv rannte sie, breitete ihre Arme aus und Tränen rannen über ihr Gesicht.

Sie realisierte nicht, dass es Luis neben ihr genau gleich erging. Auch er spurtete los von Gefühlen überwältigt, kein Wort über die Lippen bringend. Denn was sie hier unten gefunden hatten, war nicht vorherzusehen. Es kam so überraschend, dass Anne und Luis ihr Glück kaum fassen konnten. Hier tief unter der Erde, unter den Ebenen von Nazca trafen sie diejenigen wieder, die sie so lange vermisst und gesucht hatten. Die Sehnsucht nach diesem Wiedersehen trieb sie durch das ganze Abenteuer und war Motivation und Qual zugleich.

Raoul durchbrach die Stille als erster: „Anne…ich….wie seid ihr hierher gekommen?“. Anne löste sich zögerlich aus der Umarmung und begann zu erzählen. Raouls Augen folgten Annes Lippen und gestikulierenden Händen. Manchmal kniff er sie fragend zu kleinen Schlitzen zusammen, manchmal weiteten sie sich erschrocken. Auch Carlos hörte aufmerksam zu, während ebenfalls Luis seinen Teil der Geschichte beisteuerte. Anne schloss mit der Schilderung der Verfolgungsjagd und erzählte, wie ein unsteuerbares Gefühl sie zu diesem Haus geführt und sie durch die Luke im Boden diesen Raum gefunden hatten.

Raoul lächelte und sah Anne bewundernd an. Er nahm ihre Hände, küsste sie sanft und strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Du hast Dich verändert!“ sagte er leise. „Du warst eine junge Dame, als ich Dich verlassen musste. Nun bist Du eine starke Kämpferin geworden!“ flüsterte er und blickte sie bewundernd an. Anne lächelte verlegen. Sie löste ihren Blick von Raoul und blickte zu Luis und Carlos.

Die Stimmung im Raum hatte etwas total Unwirkliches und gerade als Annes Gedanken zu Aquila schweiften und sie sich erneut fragte, ob das hier die Wirklichkeit oder einer ihrer Träume sei, zerriss ein knarrendes Geräusch die Stille des kleinen Raumes. „Jemand ist im Haus!“ flüsterte Carlos erschrocken! Raoul blickte zu Anne und Luis: „Ich dachte, ihr hättet Eure Verfolger unschädlich gemacht?“ raunte er und Anne antwortete: „Das dachte ich auch! Aber wir sind einfach weiter gefahren und wissen nicht, wie es wirklich um sie stand!“. Raoul griff nach seinem Rucksack. „Schnell, wir müssen hier weg!“ flüsterte er. „Gibt es einen zweiten Ausgang?“ fragte Anne und Raoul nickte „Ja, den gibt es. Von hier aus führt ein langer unterirdischer Gang zu den Ebenen von Nazca. Er ist uralt und stammt aus prä-hispanischen Zeiten. Um ehrlich zu sein, ist es nicht nur ein Gang sondern ein ganzes Labyrinth.“ „Also los! Folgt mir“ flüsterte Carlos und die Vier machten sich auf den Weg.

Carlos Stirnlampe verbreitete gerade genügend Licht um nicht in der kühlen Dunkelheit des unterirdischen Systems verloren zu gehen. Er ging voraus, während Raoul die Gruppe als Letzter zusammenhielt. Anne blickte über ihre Schulter zurück „Ich hoffe, ihr kennt den richtigen Weg!“ sagte sie zu Raoul. „Na ja, zumindest theoretisch!“ gab er zur Antwort, was ihr nicht gerade ein sicheres Gefühl vermittelte. Der Gang führte leicht bergab und nach ein paar Metern standen Sie vor der ersten Verzweigung. Carlos ging ohne zu zögern nach links und flüsterte Luis und Anne zu dass er in einen Raum führe, in dem sie einen bedeutenden Fund gemacht hätten und dass er sicher sei, dass der Weg nach oben hier durchführe. Die Gruppe folgte Carlos und nach ein paar weiteren Metern standen sie plötzlich in einer grossen Höhle deren Wände mit Felszeichnungen verziert waren. In einer Nische war ein Loch in der Wand zu erkennen. „Hier lag das Artefakt!“ flüsterte Carlos. Sie blieben kurz stehen und betrachteten die eingeritzten Symbole im fahlen Lichtschein. Es gab fünf Ausgänge und jeder von denen schien gleich auszusehen. Carlos zögerte „Weiter als bis hierhin, sind wir noch nicht gekommen!“ sagte er. „Aber ihr wisst, welchen Ausgang wir nehmen müssen?“ fragte Luis. „Na ja, wir waren sicher, es müsse derjenige sein, der leicht ansteigt. Wir wollen ja nach oben.“

Anne fühlte, dass hier etwas nicht stimmte. Labyrinthe waren nie einfach zu durchqueren, sonst hätten sie ihren Zweck verfehlt. Sie blickte in das Dunkel der Öffnung deren Weg sich leicht nach oben neigte. Ein seltsamer Duft kroch in ihre Nase und ihre Nackenhaare stellten sich auf. Alles in ihr sträubte sich beim Gedanken hier durchgehen zu müssen. „Das ist der falsche Weg!“ sagte sie plötzlich und war selbst überrascht, wie stark sie mittlerweile ihrem Bauchgefühl traute. „Wir sollten einen anderen Weg nehmen!“ fügte sie an. Raoul, Carlos und Luis blickten sie erstaunt an. Sie nestelte ihr Feuerzeug aus der Hosentasche, zündete es an und hielt es jeweils in die Richtung der verschiedenen Öffnungen. Beim dritten Ausgang bewegte sich die Flamme fast unmerklich. Anne ging näher und spürte nun auch selbst den schwachen Luftzug. „Hier müssen wir durch!“ sagte sie. Luis blickte sie ungläubig an. „Bist Du sicher?“ fragte er sie und es war nicht zu übersehen, dass er Zweifel an Annes Vorschlag hatte. „Hast Du eine bessere Idee?“ fragte Anne zurück und Luis schüttelte den Kopf. Raoul hatte sofort begriffen, was Anne mit dem Feuerzeug beabsichtigte und willigte ein. „Lass es uns hier versuchen!“

„Hier!“ rief Anne plötzlich. Im Schein ihres Feuerzeugs hatte sie eine Entdeckung gemacht. An der Seitenwand des von ihr gewählten Ausganges war etwas in den Fels eingeritzt. Ein Symbol, dass Anne kannte. Raoul lächelte und nickte. „Der Kartenstein!“ sagte er und Anne stimmte ihm zu. Tatsächlich hatte die Zeichnung die Form des Steines und Anne erkannte nun, was der Stein für eine Funktion hatte. Er enthielt eine Karte des Labyrinths und würde sie hier herausführen! Sie zog ihren Rucksack aus und nahm den Kartenstein heraus. Er enthielt auf beiden Seiten Linien, die tatsächlich wie ein Labyrinth aussahen. Doch welches war nun der richtige Plan? Die Vier beugten Ihre Köpfe über den Stein.  Plötzlich wusste Anne welche Seite es sein musste. Sie war nämlich schon früher in ihren Träumen in diesem Labyrinth. Damals sagte Raoul zu ihr „Finde den grossen Donnervogel und in der Mitte seines Kopfes, finde die Tür, die keine ist!“

Tatsächlich sah eines der Labyrinthe aus wie die Felszeichnung des Donnervogels und der Ausgang musste also in der Mitte seines Kopfes sein. „Hier!“ sagte Raoul und zeigte mit dem Finger auf eine Verdickung in einer Linie. „Das muss der erste Raum sein, in dem wir uns getroffen haben!“ fügte er an und Carlos nickte und zeigte ebenfalls auf eine Stelle. „Das hier müsste dann die Höhle sein, in der wir uns jetzt befinden!“. Von diesem Punkt führten 5 Linien weg, wobei 4 Linien wenig später endeten. Nur einer der Pfade führte weiter und endete tatsächlich im Kopf des Donnervogels. Es war der Ausgang, den Anne vorgeschlagen hatte. Sie lächelte triumphierend und eine spürbare Erleichterung ergriff die Gruppe. Wieder zerriss ein Geräusch die kurze Entspannung. „Hast Du das gehört?“ flüsterte Anne Luis zu. Luis nickte. Eine bedrückende Stille füllte nun den Raum und die Vier horchten in die Dunkelheit. „Da!“ flüsterte Luis. Ein röchelnder, kehliger Husten drang aus der Entfernung zu ihnen und Anne blickte Luis verheissungsvoll an. „Der Kerl aus dem Flugzeug!“. In kurzen Worten erzählte Anne von dem Mann, der in das Haus ihres Vaters eingebrochen war und etwas dort suchte und der später im gleichen Flugzeug wie Anne und Luis reiste. Scheinbar war er auch im Auto der Verfolger und musste das Inferno überlebt haben. „Los, weiter!“ drängte Anne und sie machten sich auf den Weg in die von Anne vorgeschlagene Richtung. Der Gang neigte sich zuerst nach unten, machte dann einen Bogen nach rechts und fing langsam wieder an zu steigen. Nach etwa 20 Minuten standen sie plötzlich wieder in einem Raum, der Anne bekannt vorkam.

„Ich war hier schon einmal!“ sagte sie. Im Traum habe ich hier mit Dir und meinem Vater gesprochen! Sie blickte erwartungsvoll zu Raoul. Doch er kannte diesen Raum nicht. „Ich bin hier zum ersten Mal!“ flüsterte er. „Weisst Du, wie es weiter geht?“ fragte Luis. Anne war sich nicht sicher und nahm den Stein zu Hilfe. Der Raum hatte drei Ausgänge. Doch genau hier war die Replika des Kartensteines ungenau. An dieser Stelle gab es tiefe Kratzer und es war nicht klar zu erkennen, welcher Weg zu nehmen war, denn zwei der möglichen Pfade schienen sich kurz nach der Höhle zu kreuzen. Anne überlegte kurz, wie das möglich sein konnte? Entweder müsste einer der Pfade über oder unter dem anderen durchführen oder sie kreuzten sich tatsächlich und dann wäre es egal, welchen Weg sie wählen würden. Hauptsache, sie würden nach der Kreuzung in die richtige Richtung laufen und diese war auf der Karte klar ersichtlich.

Wieder erklang der unheimliche Husten irgendwo hinter ihnen und Anne packte Raoul an den Schultern und drehte ihn nach rechts. „Hier durch!“ sagte sie und schob ihren Geliebten vorwärts durch die Öffnung. Nach ein paar Metern weitete sich der Raum tatsächlich wieder und im schwachen Licht von Raouls Stirnlampe war die Kreuzung zu erkennen. „Wir müssen einfach geradeaus weiter!“ flüsterte Anne und Raoul wollte gerade weitergehen als Luis „Halt, warte!“ rief. Raoul stoppte und sah ihn an. „Was ist los?“ fragte er und Luis deutete ihm mit einer Handbewegung, dass er auf den Boden schauen solle. Raoul blickte nach unten und konnte nichts Besonderes entdecken. Vor ihm lag der sandige Boden. Ein paar Schritte weiter lag Laub. Trockene Blätter die aussahen, als ob jemand extra einen Teppich für sie gelegt hatte. „Laub, hier unten? Findest Du das nicht auch ungewöhnlich?“ wunderte sich nun Carlos und blickte Raoul fragend an. Dieser beugte sich nun über den bunten Bodenbelag. Er kniete sich hin und legte seine flache Hand auf den bedeckten Boden, welcher sich weich und federnd anfühlte, was für einen Felsboden doch recht seltsam war. Und noch etwas kam Raoul sehr ungewöhnlich vor. Er spürte einen Luftzug von unten kommend sein Gesicht streifen. „Eine Falle!“ raunte er. „Das hier ist eine Falle!“ wir können hier nicht durch. Unter diesen Blättern muss ein Abgrund verborgen sein!

„Wir müssen zurück! Wenn wir den anderen Weg nehmen, schaffen wir es der Wand entlang um die Ecke zu kommen, ohne in den Abgrund zu stürzen!“ flüsterte Luis und die anderen nickten. Doch sie kamen nicht dazu zurück zu gehen. „Halt! Keine Bewegung oder ich erschiesse jemanden von Euch!“ klang nun vom anderen Weg eine Stimme zu ihnen herüber und eine helle Taschenlampe warf einen Lichtkegel, der von einem schaurigen Husten begleitet wurde. Anne stockte das Blut in den Adern. Sollte das Abenteuer tatsächlich hier enden?

Weiter mit Fragmente 1.31 – Die Wendung

Fragmente 1.29 – Wut gegen Angst

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In Annes Herz krampfte etwas Dunkles, Kaltes und Besitzergreifendes das den Körper zu fluten drohte wie tödliches Gift. Angst. Es war pure, nackte Angst. Doch Anne spürte auch noch etwas anderes. Tiefer unten in ihrem Bauch. Etwas das blitzte wie das Sonnenlicht, das sich in einem blankpolierten Schwert spiegelte. Etwas heisses, dass die dunkle und kalte Angst frass, wie das Feuer seine Nahrung. Unersättlich, unsteuerbar und brutal. Anne verspürte Wut. Unbändige und überschäumende Wut. „Jetzt reicht es mir!“ brüllte Sie los. „Ich habe die Schnauze gestrichen voll von diesen Verfolgungsjagden, Entführungen, Intrigen und dem ganzen Scheiss!“

Luis blickte Anne verzweifelt und erschrocken an. Er wusste nicht recht, was er von Annes Reaktion halten sollte. Drehte Sie nun durch oder was passierte gerade mit ihr? „Pisco!“ rief nun Anne. „Wo ist dieser Scheiss Pisco?“ schrie sie Luis an. “Willst Du jetzt etwas trinken?” rief er ungläubig zurück. Anne fasste sich an den Kopf. „Spinnst Du!?“ fragte sie den Fahrer ihres Wagens zurück. „Warum willst Du dann den Pisco?“ rief Luis zurück. „Na das wirst Du schon sehen!“ rief nun Anne mit einem verschmitzten Lächeln im Gesicht. Rums! Der Wagen hinter Ihnen krachte erneut mit voller Wucht in ihren Kofferraum und ihre Heckscheibe löste sich unter Knirschen und Splittern auf. Hundertausend kleine Glaswürfel verteilten sich auf dem Rücksitz und flogen, im Scheinwerferlicht der Verfolger glitzernd, durch die Luft.

„Unter dem Beifahrersitz!“ rief nun Luis. Anne beugte sich vornüber und griff mit der linken Hand unter den Sitz. Sie bekam etwas Hartes zu fassen und während ein weiterer Aufprall sie durchschüttelte, zog sie den Gegenstand hervor. Es war ein Pflasterstein, vermutlich um das Auto zu sichern, wenn es an einem steilen Ort geparkt wurde. Luis blickte Anne an und schüttelte den Kopf. Sie beugte sich noch einmal nach vorne und tastete unter dem Sitz nach der Flasche. Plötzlich berührten ihre Fingerspitzen etwas mit glatter und kühler Oberfläche. Anne versuchte danach zu greifen, aber die Flasche rollte noch weiter nach hinten. „Brems!“ schrie sie nun Luis unvermittelt an. „Hä?“ blickte dieser ungläubig zurück. „Ich soll was?“ rief er Anne zu, doch diese fackelte nicht lange, griff mit der Hand zwischen Luis Füsse durch und drückte auf die Bremse. Hinten splitterte und knirschte es erneut, doch die Flasche rollte wie gewünscht nach vorne.

Ein peitschender Knall zischte durch das Auto. Und gleich darauf noch ein zweiter. Die Frontscheibe splitterte nun ebenfalls. „Scheisse, die schiessen auf uns!“ rief nun Luis um Fassung ringend. Anne kannte sich nicht mehr. Ihr Herz brannte und ihr Bauch fühlte sich derart funkensprühend an, dass sie fast zersprungen wäre. Sie packte den Pflasterstein, drehte sich auf dem Beifahrersitz um und versuchte die Distanz zum hinteren Wagen abzuschätzen. Doch dieser hatte sich im Moment gerade so entfernt, dass Anne nur blendendes Licht registrierte. Schnell zog sie ihr T-Shirt aus und begann es zu zerreissen. Luis begriff nicht, was Anne vor hatte und vergass beinahe auf die Strasse zu achten. „Luis, nach vorne! Bitte schau nach vorne und sie zu, dass wir nicht von der Fahrbahn abkommen. Anne schraubte den Deckel von der Piscoflasche und stopfte einen Fetzen des T-Shirts in den Flaschenhals. Dann kippte sie die Flasche und tränkte den Stoff mit dem Schnaps, bis er total durchgenässt war.

Sie blickte wieder nach hinten und beobachtete die Verfolger. Erneut durchschnitt eine Kugel das Auto und beinahe wäre Anne getroffen worden. Ihre Wut schien nun überzulaufen. Anne tobte! „Brems Luis“ schrie sie plötzlich. „Brems sofort!“ Anne hatte sich auf dem Beifahrersitz umgedreht und hingekniet. Zwischen ihren Knien hatte sie die Flasche festgeklemmt. In ihrer linken Hand hielt sie ein Feuerzeug und in ihrer rechten den Pflasterstein. Luis begriff nun, was Anne wollte. Innerlich dachte er zwar noch, dass das nie klappen würde, aber sein Körper handelte instinktiv und gehorchte Annes Befehl. Er trat mit aller Kraft auf die Bremse! Das Auto wehrte sich und quietschte und knarrte, es fing an nach verbranntem Gummi zu riechen. „Halt Dich fest Luis, gleich kracht es! Wenn ich jetzt rufe, dann gibst Du Gas und fährst los, was die Karre hergibt!“. Luis nickte nur und stand noch immer auf dem Bremspedal.

Der Wagen hinter ihnen realisierte das Bremsmanöver zu spät. Es war Nacht und die Bremslichter von Anne und Luis Wagen waren längst zu Schrott gefahren. Die Verfolger versuchten abzubremsen, was ihnen teilweise gelang, dennoch landeten sie mit einem heftigen Knall im Heck des vorderen Autos, dass seine Fahrt stark abgebremst hatte. „Ihr Arschlöcher! Jetzt zeige ich Euch das Wetter in der Hölle!“ brüllte Anne und zog auf, um den Pflasterstein zu werfen. Er segelte durch ihr Auto und landete mit voller Wucht in der Frontscheibe des hinteren Wagens. Das knirschende und splitternde Geräusch zeigte Anne, dass ihr Plan aufging. Mit zittrigen Fingern zündete sie nun den mit Alkohol getränkten Lappen an der Piscoflasche an und schwang ihre selbstgebastelte Brandbombe triumphierend. „Fahrt zur Hölle!“ schrie sie wie ausser sich und warf den Brandsatz. Die Flasche drehte sich im Flug durch ihr Auto und streifte ganz knapp den Rahmen der Heckscheibe. Für einen Moment blieb Annes Herz stehen. Doch dann setzte die Flasche ihre Bahn fort und traf genau in ihr Ziel.

„Jeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeetzt!“ schrie Anne und Luis trat aufs Gaspedal. Die Reifen qualmten und schrien und der Wagen setzte sich taumelnd in Bewegung. Luis sah es nur im Rückspiegel, aber Anne kniete noch immer umgedreht auf dem Beifahrersitz. Ihr Gesicht wurde von einem gelben Feuerschein erleuchtet. Ein riesiger Knall begleitete die Explosion und das Fahrzeug blieb brennend stehen, während Anne und Luis in die Nacht hinaus rasten.

Einen Moment lang herrschte absolute Funkstille. Weder Anne noch Luis brachten ein Wort über ihre Lippen. Die Nacht zog mit kühlem Duft an ihren Gesichtern vorbei und die Luft wehte ungebremst in das Fahrzeug. „Da!“ rief Anne plötzlich. „Da vorne gibt es eine Abzweigung und die Strasse führt zu dem alten Haus dort weiter hinten. Kannst Du es sehen?“ fragte sie Luis. Dieser schüttelte den Kopf. Es war dunkel und dort brannte kein Licht. „Los, wir müssen von der Strasse!“ rief Anne und Luis wusste, dass sie recht hatte.

Der Wagen wirbelte den trockenen Sand auf der Strasse auf, doch im Schutze der Dunkelheit konnte das niemand sehen. Vor dem halb zerfallenen Haus hielt Luis den Wagen an. Anne entdeckte so eine Art Scheune neben dem Haus und wies Luis an, den Wagen dort zu verstecken. Er tat wie Anne ihn hiess. Er kam mit seinem Rucksack und einer Taschenlampe zurück. „Los, lass uns im Haus umsehen, ob wir eine Schlafgelegenheit finden!“ flüsterte Luis und beide stemmten die angelehnte, kaputte Tür auf. Es roch nach Moder und Schimmel und eigentlich hätte man annehmen müssen, dass dieses Haus schon lange nicht mehr betreten wurde. Doch Anne lenkte Luis Aufmerksamkeit auf den Fussboden. Da waren Fussspuren im Staub die ziemlich frisch aussahen. Luis schaute Anne fragend an. „Na los, las uns nachsehen!“ flüsterte sie. Luis zögerte, aber Anne packte ihn am Arm und nahm ihm die Taschenlampe ab.

Der Holzfussboden knarrte leicht bei jedem Schritt, den die beiden taten. Anne schlich sich immer weiter den Fussspuren nach, bis diese plötzlich mitten im Raum endeten. Anne kniete sich hin und fuhr mit der Hand über den Boden. „Dachte ich doch!“ flüsterte sie mehr zu sich selbst und schaute sich nach einem Gegenstand um, den Sie als Brecheisen hätte benutzen können. Tatsächlich fand sie ein Metallstück, dass sie in eine Spalte im Boden schob und sich nun mit aller Kraft dagegen stemmte. Es knarrte und plötzlich hob sich im Boden eine Falltür leicht an. Luis griff mit an und gemeinsam öffneten sie die Tür im Fussboden.

Sie blickten beide in einen Gang der scheinbar unter dem Haus verlief. Eine Kerze flackerte vor sich hin und verbreitete ein wenig Licht. „Los komm!“ raunte Anne Luis zu, der eigentlich gar keine Lust hatte, sich in ein neues Abenteuer zu stürzen. Doch Anne war nicht zu bremsen und lief immer schneller. In ihrem Bauch machte sich plötzlich ein seltsames Gefühl breit. Etwas in ihr fing immer mehr an zu drehen und an ihr zu zerren und sie hatte das Gefühl, dass eine Kraft sie zog. Doch plötzlich endete der Gang und Anne stand mitten in einem spärlich beleuchteten Raum.

Sie sah in zwei paar erschrockene Augen. Auch Luis bog nun um die Ecke und was er da sah, nahm ihm den Atem!

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Fragmente 1.27 – Der Schlüssel

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Hinter sich hörte Anne das Rufen der drei Männer, die Pedro in ihrer Gewalt hatten. Sie versuchte sich in dem dunklen Raum zurecht zu finden und schaute sich während ihres Fluchtversuches fieberhaft um. Irgendwo musste es doch einen Ausgang geben. Beinahe wäre sie frontal in einen Stapel Holzkisten gerannt und schaffte es gerade noch, einen Haken schlagend, dem Hindernis auszuweichen. Über einem der Stapel lag eine Plane und dahinter konnte sie erkennen, dass eine der Kisten offen war. Mit einem Sprung hechtete Anne zu dieser Öffnung, kroch hinein und zog die herunterhängende Plane zu. Ihr Herz raste, sie war schweissnass und zitterte am ganzen Körper. Sie war nicht fähig ihre Gedanken zu ordnen. Nur eine einzige Erkenntnis beherrschte ihr Denken. Sie durfte auf keinen Fall diesen Männern in die Fänge geraten.

Sie versuchte sich zu entspannen um so leise wie möglich zu atmen. Sie hörte, wie die Männer draussen schreiend durch die Halle rannten. „Sie muss sich versteckt haben!“ rief der Monsignore. „Wir werden sie schon finden!“ atwortete Öcan, der Mudschahid. Die Schritte verlangsamten sich und die Stimmen ihrer Verfolger wurden zusehends ruhiger. Anne hörte wie Gegenstände verschoben wurden, Holzkisten wurden abgeklopft und ihr Herz blieb fast stehen, als sie genau vor ihrem Versteck die Stimme des Rabi hörte: „Hierher! Hier könnte sie sein!“. Anne hielt ihren Atem an und spürte, wie die Angst ihren Körper lähmte. Sie schloss ihre Augen und wartete. Sie hörte, wie die Männer auf ihr Versteck zukamen. Vor ihrem inneren Auge sah sie, wie die Verfolger sie aus der Holzkiste zerrten, sie schlugen und in Fesseln legten. Doch plötzlich veränderte sich das Bild.

Die Szenerie der Lagerhalle verblasste und wich den Wänden einer Höhle, in deren Mitte der Kartenstein schwebte, den Anne nach Peru gebracht hatte. Der Stein war in eine weitere, grössere Platte eingefügt, der die Zeichnungen des inneren Steines ergänzten. Bei näherem Hinsehen entpuppten sich die Höhlenwände als unregelmässiges Mauerwerk. Die einzelnen Ziegelsteine schienen eine bröckelige, fast mehlige Struktur aufzuweisen. In einer Wand erkannte Anne drei kleine Nischen, die je ein Holzstück enthielten. Die Holzstücke sahen aus wie einzelne Teile einer Panflöte und unterschieden sich in Durchmesser und Länge. Plötzlich wurde eines dieser Holzstücke von einer Vibration erfasst und begann einen singenden Ton von sich zu geben. Auch das zweite Teil begann leicht zu vibrieren und erzeugte einen zweiten Ton, der harmonisch zum ersten Klang passte. Nun regte sich auch die dritte Flöte und vollendete einen mächtig klingenden Akkord. Anne spürte, wie sich die Höhle aufzulösen begann. Es entstand eine Art Strudel der alles was sie sah in sich hineinzuziehen schien.

Der Rabbi riss die Plane von der Holzkiste und schrie „Hier ist sie! Ich habe sie gefunden!“. Anne öffnete ihre Augen und blickte in die drei Gesichter von Pedros Entführer und drei Mündungen von Handfeuerwaffen, die auf sie gerichtet waren. „Los, kommen sie ganz langsam aus der Kiste heraus! Wenn sie versuchen zu flüchten, erschiessen wir sie und danach ihren Freund!“. Aus einer gewissen Entfernung hörte sie Pedro rufen: „Lauf Anne! Nimm keine Rücksicht auf mich! Lauf um Dein Leben!“. Doch Anne konnte sich nicht bewegen. Der Klang der Flöten wurde immer lauter und hinter ihr begann sich die Wand der Holzkiste aufzulösen. Anne spürte, wie ihr Körper von einer Kraft ergriffen wurde, die sie in einen Sog hinein zog. Sie wehrte sich nicht, liess los und glitt langsam dem Strudel entgegen! Die Augen der Männer weiteten sich. „Was zum Teufel?“ rief der Monsignore und betätigte den Abzug seiner Pistole. Anne sah, wie sich alles was in der Lagerhalle geschah in der Zeit verzögerte, als schaue sie einen Film in Zeitlupe.

Die Kugel kam auf sie zugeflogen, verlangsamte dabei aber immer mehr. Bevor sie Anne erreichte, verblasste alles vor Annes Augen. Dunkelheit umgab sie und Panik ergriff einmal mehr Besitz von ihr. Sie versuchte zu schreien, aber obwohl ihr Verstand voll funktionierte, schien ihr Körper nicht zu gehorchen. Langsam erinnerte sie sich, dass sie eigentlich in Margarethas Penison im Bett lag und träumte. Sie begann das Bettlacken zu fühlen, das schweissnasse Kissen, auf dem ihr Kopf lag. Sie wollte erwachen, schreien, sich gegen ihren Traum wehren. Minutenlang verharrte sie, von Panik ergriffen, gelähmt in einer Stasis, die nicht enden wollte. Langsam tauchte sie auf, ihr Mund öffnete sich und der Schrei, der eine Ewigkeit brauchte um Wirklichkeit zu werden, eroberte ihre Kehle. Aus einem anfänglich glucksenden Laut wurde ein Murmeln, das immer lauter wurde, bis Anne die Kontrolle über ihren Körper wieder hatte.

Sie schrie so laut sie konnte und liess ihren Traum hinter sich. Das Gepolter an ihrer Tür holte sie endgültig zurück in die Realität. „Anne, ist alles in Ordnung bei Dir? Ich komme herein, ok?“ Margarethas Stimme klang wie eine rettende Verheissung in Annes Kopf. Die Tür öffnete sich und Pedros Mutter kam ins Zimmer gerannt und stürzte zu Annes Bett. Anne richtete sich auf und Margaretha nahm sie in ihre Arme. „Es ist alles in Ordnung! Du bist in Sicherheit. Es war nur ein Traum!“ versuchte Margaretha Anne zu beruhigen. „Es war nicht nur ein Traum!“ sagte Anne, die sich langsam wieder erholte. „Meine Träume sind nicht nur normale Träume!“ fügte sie hinzu und blickte Margaretha an. Sie sprach weiter: „Ich weiss jetzt, wo sie Pedro gefangen halten!“. Die Augen von Pedros Mutter weiteten sich.

Anne versuchte darin zu lesen, ob Margaretha ihr glaubte. „Dein Vater, er hatte auch diese Träume!“ sagte Margaretha langsam. „Was hast Du von Pedro geträumt?“ fragte sie nun, doch Anne wollte sie nicht zu stark beunruhigen und erzählte nur, wo Pedro festgehalten wurde: „Er ist in einer Lagerhalle! Auf einer der Kisten, die dort massenweise herumstanden, sah ich eine Aufschrift Callao Terminal Maritimo. Sagt Dir das etwas?“. Margaretha sprang auf. „Ich weiss, wo wir suchen müssen!“ rief sie und verliess das Zimmer. Ein paar Sekunden später hörte sie Pedros Mutter an Luis Tür klopfen. „Steh auf Luis, Anne hat Pedro gefunden!“.

Auf der Fahrt zum Hafenterminal erzählte Anne ihren ganzen Traum. Die Szenen mit Pedros Folterungen liess sie aber aus Rücksicht auf Margaretha aus. Sie erzählte auch vom Ende ihres Traums und von dem seltsamen Strudel, in den sie hineingezogen wurde. „Nada Brahma“ murmelte Luis plötzlich. „Nada was?“ fragte Anne zurück. Pedro erzählte von einem Buch, dass er vor einiger Zeit gelesen hatte, in dem aufgezeigt wurde, dass die Naturgesetzte unserer physikalischen Welt mit den harmonikalen Gesetzten der Musik übereinstimmten. „Die Welt ist Klang“ war die grundlegende Aussage des Buches. „Sogar der Aufbau von Atomen stimmte mit den Proportionen unserer Musik überein!“ erzählte Pedro weiter. „Ein Schlüssel!“ rief Anne aufgeregt. „Der Klang ist der Schlüssel und der Kartenstein führt uns zu dem Raum, wo die Flöten versteckt sind!“

Margaretha liess sich von Anne ganz genau die Beschaffenheit der Höhle beschreiben, in der die Flöten versteckt waren. „Die Lambayeque“ murmelte sie vor sich hin. „Doch es gibt einige Ruinen dieses Volkes, das vor den Inkas das Gebiet von Peru beherrschte, die Suche dürfte nicht einfach werden!“ Anne erzählte, dass der Stein den sie mitbrachte, ihnen den Weg weisen würde, es dazu aber noch einen zweiten Stein brauche, in den der erste eingefügt werden musste. Aus ihren Träumen wusste Anne auch, wo dieser andere Stein zu finden wäre. Sie mussten nur den Ort auf den Ebenen von Nazca finden, an dem sie Raoul und Carlos schon so oft im Traum begegnet war. Langsam nahm der Weg, der vor ihnen lag Gestalt an.

„Wir sind da!“ rief Margaretha plötzlich. Anne blickte aus dem Fenster und sah das grosse Lagergebäude, auf dem mit grossen Buchstaben Callao Terminal Maritimo stand. Ein grosses Tor versperrte die Einfahrt zu dem Gelände und wie erwartet war es verschlossen. Doch Luis entdeckte unweit des Eingangs eine Stelle, wo der Zaun zerstört war. Sie parkierten das Auto an der Strasse, stiegen aus und quetschten sich durch das Loch in der Umzäunung. An der Lagerhalle angekommen suchten sie einen Eingang, den sie auch bald fanden. Die Tür war offen und leise schlichen sie sich in das Dunkel der Halle. Anne erkannte den Geruch des Raumes wieder und sah die Stapel mit den Holzkisten. Kein Geräusch drang an ihre Ohren. Scheinbar waren die Entführer nicht hier. Ein leises Stöhnen liess die Gruppe aufhorchen. „Pedro!“ flüsterte Margaretha und Anne nickte. Vorsichtig gingen sie weiter in die  Richtung, aus der sie Pedro hörten.

Sie drückten sich mit ihren Rücken an eine Holzkiste, hinter der das Stöhnen zu hören war. Margaretha versuchte einen Blick hinter die Kiste zu werfen.

Ihr Schrei zeriss die unheimliche Stille der Lagerhalle.

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