Akku laden ist angesagt!

Wie einige von Euch wissen, war dies ein ganz spezieller Sommer für mich. Ich habe eine schwere Krankheit überstanden. Das heisst, ich muss noch zwei Jahre Geduld haben und hoffen, dass nicht doch noch etwas zurückgeblieben ist. Aber ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich es heil hinter mich gebracht habe.

Es gibt also keinen Grund sich Sorgen um mich zu machen :)

Aus diesem Grund gab es relativ wenig Postings von meinem Online Roman und er geriet etwas ins Stocken. Nun denn, alle die Bloggen wissen, dass manchmal das reale Leben vorrang hat und Ihr Leser habt sicher Verständnis dafür. Ausserdem kann man einen Roman auch nicht einfach aus dem Ärmel schütteln. Kreativität ist bei mir nicht auf Knopfdruck möglich. Und mit leerem Akku sowieso nicht.

Ich gelobe Besserung! Und (natürlich nicht nur) deshalb, gehts jetzt erstmal zwei Wochen in den Urlaub. Wir haben uns entschlossen, wieder einmal unserer geliebten Toscana einen Besuch abzustatten! Ich freue mich schon extrem. Am Sonntag Morgen gehts los!

Ich werden den Laptop mitnehmen und wer weiss, vielleicht küsst mich ja die Muse und ich werde ein paar Kapitel schreiben können!

Unterdessen wünsche ich Euch allen eine gute Zeit und bedanke mich dafür, dass Ihr mir trotz der seltenen Postings die Treue gehalten habt! Ihr seid eben die Besten! :)))

Wer wissen will, wo wir die nächsten zwei Wochen unsere Zeit verbringen… :)

Erst mal eine Woche hier!

Und dann die zweite Woche hier, bei Andrea, Dani und Elia!

Die Wohnung hier ist übrigens der Hammer und die Vermieter sowas von herzlich und zum Fressen knuddlig, dass ich Euch UNBEDINGT empfehle, hier mal ein paar ruhige Tage zu verbringen. Nebenbei wird hier das weltbeste Olivenöl produziert, dass ihr natürlich direkt beim Produzenten und Vermieter beziehen könnt!

JAGLO – ART from the bottom of the HEART

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Jacqueline Gloor ist nicht nur eine ganz besondere Freundin, die ich schon mein halbes Leben lang kenne und fest in mein Herz geschlossen habe. Sie ist ein ganz spezieller Mensch und sie macht auch ganz spezielle Kunst:

Kunst die aus dem Herzen kommt!

Jacqueline kombiniert verschiedenste Materialien, Farben und Formen. So schafft sie eine Bilderwelt, die sich nicht festlegen lässt und nicht in einengende Kategorien gepresst werden will. Wie immer kann bildende Kunst mit Worten nicht wirklich beschrieben werden. Darum bleibt euch nichts anders übrig, als selbst einen Augenschein zu nehmen! Und das möchte ich euch Bloglesern ganz persönlich ans Herz legen!

Die nächsten Termine

Seit dem 22. Juli hängen Jacquelines Werke in der Crêperie in Aarau an der Pelzgasse 23. Gelegenheit die Künstlerin selbst kennen zu lernen hat man am 3o. August 09 an der Finissage oder am nächsten Kunstmarkt in Zofingen am 15. Augusst 09. Eben falls ein MUSS wenn man sich für Kunst interessiert! Wenn die wunderschöne Altstadt von Zofingen von Künstlern bevölkert wird, gibt es einiges zu sehen!

Wer Was Wo?

Wir sehen uns an der Finissage in Aarau oder am Kunstmarkt in Zofingen!

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Fragmente 1.23 – Gibt es Gott?

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Was bisher geschah:

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15 / Teil 16 / Teil 17 / Teil 18 / Teil 19 / Teil 20 / Teil 21 / Teil 22

Anne legte ihren Kopf an Luis Schultern und schmiegte sich an. Luis legte seinen Arm um sie und betrachtete Anne bewundernd. Er hatte höchsten Respekt vor dieser starken Frau und fühlte sich sehr wohl in ihrer Gesellschaft. Die Fahrt zur Pension von Pedros Grossmutter, am südlichen Stadtrand, würde noch eine geraume Zeit dauern und Anne war froh, Luis bei sich zu haben. Langsam entspannte sie sich und wärend draussen Häuser, Autos und Menschen vorbeizogen, fielen Annes Augen zu. Sanfte, warme Dunkelheit umfing sie aus deren Tiefen bald tanzende Bilder in ihr Bewusstsein drangen.

Eine wunderschöne Landschaft manifestierte sich langsam in ihrem Geist. Sie stand auf einer Anhöhe und blickte auf einen Abhang hinunter, der von Menschen durch das Anlegen von Terassen und Wasserversorgungssystemen in blühende Gärten und Felder verwandelt worden war. Hinter ihr erhoben sich Mauern, die eine Stadt in den Felsen bildete. Das bekannte Geräusch von Luft, das von grossen Flügeln rauschend bewegt wurde, näherte sich und Annes Herz füllte sich mit Freude. „Aquila“ rief sie und der Adler landete neben ihr. „Steig auf, wir werden eine Reise machen und jemanden besuchen, der Dich sehr vermisst!“ drang die telephatisch gesandte Botschaft von Aquila in Annes Bewusstsein. „Paps!“ rief Anne freundestrahlend und stieg auf den Rücken ihres Traumbegleiters. „Nicht wahr, wir werden Paps besuchen?“ fragte Anne und Aquila nickte bejahend.

Sie liessen die blühenden Terassengärten hinter sich und schraubten sich mit Hilfe der Thermik immer höher um dann Ostwärts abzudrehen. Anne genoss es mit Aquila zu fliegen. Das Gefühl von totaler Freiheit öffnete ihr das Herz und auf eine ganz spezielle Art fühlte sich mit der gesamten Welt verbunden. Anne dachte über ihr Leben nach und immer wieder fragte sie sich, ob es jemanden gab, der ihr Schicksal bestimmte. Gab es einen Gott, ihr Leben beeinflusste? Gab es dieses mystische Wesen, das die Menschen in ihrem Leben steuerte? Und plötzlich formulierte sie diese Frage an Aquila laut: „Gibt es Gott, Aquila?“

Er schüttelte den Kopf: „Nein Anne, es gibt keinen Gott. Auch keine Göttin. Zumindest nicht in der Art, wie die Menschen es sich vorstellen. Es gibt Verbindungen unter den Wesen metaphysischer Art. Es gibt Energien. Kräfte die für oder gegen das Leben wirken. Es gibt vieles zwischen Himmel und Erde, dass ihr Menschen euch nicht erklären könnt und für das ihr euch das Bild von einem allmächtigen Wesen macht, um sie zu verstehen. Es gibt andere Wesen, die nicht in den gleichen Dimensionen und Erscheinungsformen existieren, wie ihr. Aber auch sie sind keine Götter, sondern nur Bewohner anderer Orte. Ihr Menschen bestimmt euer Schicksal selbst. Ihr und eure Seelen seid miteinander und den anderen Wesen verbunden. Es gibt Kräfte, die ich Dir nicht genau erklären kann, die eure Handlungen beeinflussen, aber selbst diese Kräfte haben keinen eigenen Willen sondern werden durch euch selbst gesteuert und manifestiert. Du selbst, liebe Anne und alle anderen Wesen sind göttlich. Wir alle sind Gott!“

Anne war auf diese Antwort nicht gefasst, denn die Existenz eines Wesens, dem man die Schuld für alles Schwierige geben und bei dem man sich für alles Schöne bedanken konnte, war immer ein tröstlicher Gedanke für Anne. Und doch zweifelte sie oft genug an der Existenz Gottes. Zuvieles geschah auf der Erde, dass sie nicht mit ihrer Vorstellung eines übergeordneten Wesens verbinden konnte. Und gerade die Mitglieder religiöser Gruppen selbst riefen in ihr oft die grössten Zweifel hervor. Menschen die sich auf einen Gott der Liebe beriefen und in seinem Namen mordeten, unterdrückten, unsäglichen Hass verbreiteten und andere Menschen bekämpften. Menschen die ihren Kindern durch die Angst vor der Hölle Moral vermitteln wollten oder sie durch die Aussicht auf ewiges Leben in einem Paradies zu gutem Handeln ermuntern wollten waren ihr schon immer zutiefst suspekt. Ging es nicht darum aus sich selbst heraus respektvoll und lebensbejahend zu handeln? Sind Menschen nur fähig sich ethisch zu verhalten aus Angst vor dem Fegefeuer oder mit der Aussicht auf einen ewigen all inclusiv Urlaub im Hotel Paradies? Tief in ihrem Inneren wusste sie, das Aquila recht hatte. Es gab keinen Gott! Alles Gute dass sie in ihrem Leben tat, tat sie nicht aus Angst oder Eigensucht. Sie tat es, weil es ihr entsprach und sie es für richtig empfand. Und die Handlungen, mit welchen sie andere verletzte, diffamierte und quälte, tat sie ebenfalls nur aus sich selbst heraus und nicht, weil irgendein Teufel oder Dämon sie dazu verführte. Sie und nur sie selbst musste die Verantwortung übernehmen für alles was sie entschied und tat.

„Du hast recht Anne! Du selbst bist für dich und dein Leben verantwortlich. Du musst weder für das Positive jemand anderem danken, kannst aber auch das Negative niemand anderem in die Schuhe schieben.“ drangen Aquilas Worte in Annes Kopf. Anne löste sich wieder etwas aus den Gedanken und schaute sich um. Unter ihnen endete die grosse Wasserfläche des Atlantiks und sie erkannte die Küstenlinie Spaniens. Bald würden sie ihren Vater wiedersehen und das erfüllte Anne mit Freude. Aquila begann nun langsam immer tiefer zu fliegen und bald schon sah Anne die Gebäudekonturen ihrer alten Heimatstadt. Aquila steuerte in Richtung des Krankenhauses, auf dessen Dach er ein paar Minuten später landete. „Ich warte hier auf Dich!“ signalisierte er und Anne kletterte von seinem Rücken.

Die Korridore der Klinik umfingen Anne mit dem bekannten Geruch und einem hellen, künstlichen Licht. Nach ein paar Minuten stand Anne vor der Tür des Zimmers, in welchem ihr Vater bei ihrer Abreise gelegen hatte. Leise drückte sie die Klinke herunter und öffnete die Tür. Sie trat ein und ging zum Bett ihres Vaters. Vorsichtig strich sie ihm zärtlich über das graue Haar und flüsterte ihm zu: „Hey Paps, ich bin da! Ich liebe Dich!“. Sie blickte in sein Gesicht und erwartete, dass er sogleich die Augen öffnen würde. Doch sie blieben geschlossen und gleichmässig senkte sich sein Oberkörper im Ryhtmus seines Atems. „Anne! Ich freue mich so dich zu sehen! Komm her und umarme mich!“ höre sie ihren Vater sagen. Doch die Stimme kam nicht aus der Richtung des Bettes. Sie blickte sich im Zimmer um und sah ihren Vater auf einem Stuhl in der Ecke sitzen. Er lächelte und breitete seine Arme aus. Anne stand auf und ging zu ihm hin, um ihn an sich zu drücken. „Paps, wie geht es Dir?“ fragte sie ihn. Er lächelte weiter: „Gut! Sehr gut sogar! Bald werde ich wieder erwachen und dieses Krankenhaus verlassen! Aber, ein paar Tage werde ich noch hier liegen, damit ich Dir zur Seite stehen kann.“

Sie erzählte ihm, was alles seit ihrem Abflug passierte und schloss damit, dass sie ihm von ihrer Unterhaltung über Gott mit Aquila berichtete. Ihr Vater hörte aufmerksam zu und verriet ihr, dass sie mit ihrer Frage und Aquilas Antwort auf eine  Wahrheit gestossen sei, die mit der geheimen Bibliothek in Verbindung stand. Er erkärte ihr, dass es einen jahrtausende alten Kampf zwischen freien denkenden  Menschen und Priestern gab, die durch das Ausüben und Aufrechterhalten von religiösen Systemen Macht ausübten. Jede Religion habe schlussendlich im Kern nur den Zweck, die Menschen die an sie glaubten zu manipulieren und zu steuern. Wissen sei Macht und da Religionen vermeintlich die wichtigsten Fragen der Menscheit zu beantworten schienen, übten sie so auch die grösste Macht auf Menschen aus. Man brauche nur die Geschichtsbücher zu lesen um zu erkennen, wie diese Macht seit jeher missbraucht wurde, um zu herrschen. Und dies sei bis heute der Fall. Nur allumfassendes, naturalistisches Wissen können diese Irrglauben jeglicher religiöser Prägungen brechen. Erst wenn alle Religionen der Welt entlarvt seinen, sei die Menschheit befreit. Und erst wenn die Menschen die volle Verantwortung über ihr Handeln übernehmen würden, gäbe es eine Aussicht auf Frieden und ein Leben, dass allen Menschen, egal wo sie leben würden, egal welche Hautfarbe sie hätten, egal welche Sprache sie sprechen würden in Würde leben liess.

Die geheime Bibliothek enthalte das gesamelte empirische Wissen der Menschheit der Antike. Zusammen mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen der Neuzeit sei dieses Erbe dazu bestimmt, die Menschheit aus den grausamen Klauen der Religionen zu befreien. Aber die Menschheit sei noch nicht so weit. Es fehlten noch ein paar grundsätzliche Erkenntnisse, die so machtvoll seien, dass sie auch die grossen Mysterien erklären könnten. Die Menscheit stünde aber kurz davor mithilfe der Gentechnik und der Quantenphysik genau diese Wahrheiten zu entdecken. Erst dann sei der Zeitpunkt gekommen, das antike und das neue Wissen zu vereinigen um damit die friedliche Revolution zur Befreiung der Menscheit auszulösen. Aus diesem Grund sei es so immens wichtig, die Bibliothek zu schützen. Und selbst wenn sie sie finden sollten, wäre es ihre wichtigste Aufgabe, dies geheim zu halten und dafür zu sorgen, dass niemand vor der Zeit Zutritt zur Bibliothek habe, damit sie nicht von den Mächtigen dieser Welt zerstört oder missbraucht würde.

Anne hatte wortlos zugehört. Ihre Gedanken rasten durch ihren Kopf und sie war fast nicht in der Lage, all das gehörte zu verarbeiten und zu verstehen. Doch ihr Unterbewusstsein kannte diese Wahrheit bereits.

„Geh zurück und finde Raoul! Luis wird dir dabei helfen. Gemeinsam werdet ihr die Bibliothek finden!“ sagte ihr Vater und nahm Anne wieder in den Arm. Er drückte sie fest an sich und stolz flüsterte er ihr zu: „Du wirst es schaffen, da bin ich mir ganz sicher! Aber geh jetzt! Luis erwartet Dich!“. Anne löste sich und verliess das Zimmer sich noch einmal umblickend und ihrem Vater zuwinkend, um wieder auf das Dach der Klinik zu gelangen, wo Aquila bereits auf sie wartete. Sie kletterte auf seinen Rücken und sogleich hob er ab.

„Lass uns eine Runde über Sandras Haus drehen!“ sagte Anne und Aquila war einverstanden. „Vielleicht sehen wir sie!“ freute sich Anne  und tatsächlich stand Sandra im Garten und blickte in den Himmel um Anne zuzuwinken. Anne winkte zurück und eine Träne kullerte ihr dabei über die Wange, denn sie vermisste Sandra schmerzlich. „Wir müssen weiter!“ drangen Aquilas Worte in Annes Gedanken und sie nickte. Er drehte noch eine Runde über dem Haus um dann schnell wieder an Höhe zu gewinnen und in Richtung Westen weiter zu fliegen.

Sie wurde müde und legte ihren Kopf an Aquilas Hals. Langsam fielen ihr die Augen zu und sie schlief ein.

„Aufwachen! Wir sind da!“ Anne blinzelte und blickte aus dem Fenster von Pedros Wagen.

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Fragmente 1.22 – Flucht aus der Dunkelheit

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Original Photo von:  Jackson Lee

Was bisher geschah:

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Sie knieten neben dem leise atmenden Polizisten, dessen Blut aus der Platzwunde am Hinterkopf langsam auf den Boden des Lieferwagens rann. Draussen sprachen die anderen Beamten aufgeregt miteinander. Annes Verstand war aber viel zu sehr mit dem Mann, der vor ihr am Boden lag beschäftigt, als dass sie hätte verstehen können, was da besprochen wurde. „Ich muss ihm die Wunde verbinden, damit er nicht verblutet.“ flüsterte sie leise. Würde er sterben, würden sie zu Mördern und das war das Letzte, was sie im Moment gebrauchen konnten. Anne kramte in ihrer Reisetasche und zog eine Reiseapotheke hinaus. Die wild durcheinander sprechenden Beamten vor der Tür des Transporters wurden plötzlich ruhig, als eine Stimme aus einem Funkgerät hörbar wurde. Doch Anne nahm das nicht zur Kenntniss. Sie goss Desinfektionsmittel auf die blutende Kopfwunde des Polizisten, der sich ohne wach zu werden wand und glucksende Laute von sich gab. Luis drückte einen weichen Schal aus seinem Rucksack auf dessen Mund, damit er sie nicht verriet.

Die Polizisten neben dem Lieferwagen zogen plötzlich ab und eine gespenstische Ruhe kehrte nun in der Tiefgarage ein. Anne presste eine sterile Kompresse auf die blutende Wunde und verband den Kopf des Verletzten. Sie legte ihm einen Druckverband an und hoffte, dass dies die Blutung stillen würde. Sie war voll konzentriert und hatte gar nicht mitbekommen, dass draussen vor ihrem Versteck Ruhe eingekehrt war und sie nun alleine waren. Das Klingeln von Luis Handy riss sie aus ihrer Konzentration. Pedro rief an und erklärte, wo sein Auto stünde und dass er mittlerweilen mit dem Gepäck dort angelangt sei.

„Wir müssen dafür sorgen, dass er in ein Krankenhaus kommt oder zumindest bald gefunden wird!“ sagte Anne zu Luis. Er nickte und schlug vor, den Verletzen in den Korridor zum Eingang der Tiefgarage zu legen, da er dort sicher bald gefunden würde. Anne willigte ein. Vorsichtig öffneten sie die Tür des Transporters und Luis streckte seinen Kopf hinaus. Es war niemand zu sehen. Die beiden stiegen aus und schleppten den schlaffen Körper des Mannes zum Eingang des Parkhauses. Die schmutzigen Leuchtstoffröhren der Tiefgarage tauchten die Szenerie in ein unheimliches Licht und plötzlich kam sich Anne total verlassen vor. Nein, sie war nicht alleine hier, sie hatte ja Luis gefunden. Aber die Tatsache als Verfolgte in einem fremden Land einen Polizisten niedergeschlagen und ernsthaft verletzt zu haben, gab ihr nicht eben ein gutes Gefühl. Luis schien ihre Gedanken zu erraten und sprach ihr Mut zu: „Du kannst nichts dafür, Anne! Du hast nichts verbrochen und hast Dich nur gewehrt! Wir haben uns gewehrt! Wir sind hier die Opfer, nicht die!“

„Los komm!“ drängte sie Luis, als sie den immer noch bewusstlosen Mann im Korridor abgelegt hatten. Sie beeilten sich wegzukommen und begaben sich zum Auto von Pedro, der bereits ungeduldig wartete. Nachdem das Handgepäck im Kofferraum des Autos verstaut war, stiegen sie zu Pedro ins Auto. Anne trug immer noch die Uniform einer Flugbereiterin und Luis sah in seinem Overall tatsächlich aus, wie ein Flughafenmitarbeiter.

Die Sonne empfing die drei mit brutaler Helligkeit, als sie den Schlund der Tiefgarage verliessen. Anne kam sich vor wie in einem billigen Roadmovie und fragte sich, ob das was hier geschah Wirklichkeit war oder ob sie einmal mehr plötzlich aus einem Traum erwachen würde. Doch es war grausame, staubige und kalte Realität. Pedro verlangsamte seinen Wagen. Bevor sie das Gelände verlassen konnten, mussten sie eine bewachte Schranke passieren. Luis wechselte ein paar Worte in Spanisch mit Pedro. „Keine Angst, er kennt die Sicherheitsbeamten hier. Sie werden uns sicher problemlos passieren lassen!“ versuchte Luis Anne zu beruhigen, die nun wieder sichtlich nervös wurde. „Blut!“ rief Luis plötzlich und zeigte auf Annes Jacke. Tatsächlich prangte ein grosser Blutflecken auf ihrem Oberteil, was sie beim Kontrollposten ganz sicher verraten würde. Schnell zog sie die Jacke aus. Zum Glück war ihre Bluse sauber geblieben.

Der Sicherheitsbeamte stoppte den Wagen und sprach aufgeregt mit Pedro. Anne schnappte auf, dass er Pedro von den beiden Ausländern erzählte, die fieberhaft gesucht wurden. Pedro lachte laut heraus und machte ein paar Bemerkungen über die lausige Arbeitsweise der Miliz und schloss damit, dass er dem Sicherheitsbeamten ein Kompliment für seine Aufmerksamkeit machte und anerkennend befand, dass die Securityguards des Flughafens da schon viel bessere Arbeit leisten würden. Der Beamte lachte zurück und fühlte sich offensichtlich geschmeichelt. Er winkte Pedro durch und öffnete die Schranke, während er den Dreien einen guten Tag wünschte.

Anne lies die Luft aus ihrern Lunge entweichen. Das ganze Gespräch über hatte sie den Atem angehalten, denn sie rechnete jeden Moment damit aufzufliegen. Doch Pedro hatte die Situation perfekt gemeistert. „Komplimente helfen immer!“ grinste er und fuhr Richtung Lima Stadt. „Ich bringe Euch zur Pension meiner Mutter!“ Sie wird euch für ein paar Tage unterbringen ohne Fragen zu stellen und ohne Euch an die Miliz zu verraten! Anne atmete erleichert auf und Luis versteinerte Miene löste sich langsam um einem müden Lächeln Platz zu machen. Anne schaute aus dem Fenster des Wagens und sah Häuser und Menschen an sich vorbei ziehen. Nun war sie endlich in Peru und eigentlich hatte sie damit gerechnet, vor Freude zu tanzen. Aber die Ereignisse der letzten Stunden hatten ihr jeglichen Spass gründlich verdorben.

Ihre Gedanken schweiften ab nach Hause. Wie es wohl Sandra und ihrem Vater ginge? Plötzlich vermisste sie die Beiden schmerzlich und wünschte sich insgeheim wieder dahin zurück, wo alles angefangen hatte. Könnte sie nur das Rad der Zeit zurückdrehen, all diese Dinge ungeschehen machen und einfach wieder ihr ganz normales altes Leben leben! Ihr altes Leben? Langsam stiegen Bilder in ihr hoch. Die Beziehung mit Nick, die ihr jegliche Lebensfreude nahm, die unzähligen Bewerbungen, die fehlende Perspektive. Sie begann sich zu fragen, wer sie damals eigentlich war. Und irgendwie wollte ihr keine Antwort dazu in den Sinn kommen. Eigentlich, dachte sie, habe ich vorher gar nicht existiert. Anne erkannte, dass ihr altes Leben ein Gespinnst aus Kompromissen war und dass sie einfach  wie ein Roboter funktioniert hatte. Wäre sie nicht in dieses Abenteuer gestürzt, hätte sie Sandra nie so intensiv kennen gelernt, sie hätte ihren Vater nicht noch einmal von einer ganz neuen Seite erlebt, sie hätte nicht den Moment grosser Dankbarkeit nach dem Erwachen aus der Bewusstlosigkeit nach dem Unfall gefühlt. Sie hätte nicht in all den Momenten des Schreckens und der lebensbedrohlichen Erlebnissen gefühlt, dass sie tatsächlich am Leben war.

Leben! Dieses Wort erhielt nun eine ganz neue Bedeutung fernab von Sicherheit und Harmonie. Anne wurde bewusst, dass es die schmerzhaften Erfahrungen waren, die sie spüren liessen, dass sie nicht einfach eine Untote war, sondern dass sie wirklich existierte  und dass das nicht selbstverständlich war. Ihr wurde bewusst, wie wichtig es ist, den eigenen Weg zu gehen und darauf zu vertrauen, dass es besser war in Bewegung zu bleiben und dabei auch ein paar Blessuren und Gefahren zu risikieren. Ihr altes Leben war Stillstand, ein unsichtbares Dasein. Aber jetzt fühlte sie sich lebendiger als jemals zuvor,  obwohl sich eine bleierne Müdigkeit in ihrem Körper ausbreitete. Sie konnte fühlen wie sie atmete, wie ihr Herz Blut durch ihren Organismus pumpte. Ihre Gedanken waren frei und just in diesem Augenblick eroberte erneut ein zufriedenes Lächeln ihr Gesicht. Ja, sie lebte! Und wie sie lebte! So weit weg von allem, das ihr Sicherheit gab und alles in geordneten Bahnen hielt, aber so nah bei sich selbst. Das erste Mal fühlte sie, was es wirklich bedeutete Anne zu sein. Und sie war glücklich damit, diese Anne sein zu dürfen, die all dies überstand und die trotzdem weiterging auf ihrem Weg.

Plötzlich war sie da! Die Freude, die sie erwartet hatte! Sie dachte an Raoul, an das Geheimnis der Biblothek und als sie Luis ansah, huschte auch über sein Gesicht ein müdes, tiefsinniges und ehrliches Lächeln.

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