Fragmente 1.26 – Der Traum des Grauens

Photo Credit: Ben Chaney@Flickr bestimmte Rechte vorbehalten

Was bisher geschah: Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15 / Teil 16 / Teil 17 / Teil 18 / Teil 19 / Teil 20 / Teil 21 / Teil 22 / Teil 23 / Teil 24 / Teil 25

Bis weit nach Mitternacht sassen Anne, Margaretha und Luis am Tisch und warteten darauf, dass Pedro sich meldete. Doch weder kam er zur Tür herein, noch klingelte das Telefon. Aus der Ahnung, dass Pedro etwas zugestossen sein musste, wurde langsam eine Gewissheit, die wie eine schwarze Gewitterwolke über den Köpfen der drei Wartenden schwebte und den Raum in ein Gefängnis ihrer Sorgen und Ängste verwandelte. Luis stand vom Tisch auf und ging ebenfalls zum Fenster, um eine Zigarette zur rauchen. Seine Gedanken wanderten von Pedro zu Carlos, Raouls Bruder. Auch von ihm hatte er schon länger nichts mehr gehört. Und zur Sorge um seinen Geliebten kam nun auch noch die Angst um Pedro. Luis versuchte die schwarzen Gedanken zu verscheuchen  und seiner Angst mit Vernunft zu begegnen. Er wandte sich an die beiden Frauen und schlug vor, erst einmal zu versuchen, etwas Schlaf zu finden. Morgen, wenn alle wieder ausgeruht und bei Kräften wären, würden sie besser darüber nachdenken können, was zu tun sei. Anne und Margaretha nickten, obwohl beide nicht daran glaubten auch nur eine Minute Schlaf zu finden.

Anne stand auf und fing an das Geschirr von dem Tisch in die Küche zu tragen. Margaretha half ihr dabei. Die Beiden sprachen kein Wort und dennoch fühlten sich beide innerlich verbunden. Sie teilten die gleiche Sorge und wortlos verstanden sie einander. Eine kurze, aber herzliche Umarmung später gingen Luis, Anne und Margaretha in ihre Zimmer um zu versuchen ein paar Stunden zu schlafen. Während Anne ihre Zähne putzte, betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel. Mit der freien Hand berührte sie ihre Wangenknochen, fuhr mit dem Rücken des Zeigefingers den Konturen ihres Gesichtes entlang. „Ja, tatsächlich“ dachte sie. Es gab Ähnlichkeiten zwischen ihr und Pedro, ihrem Brunder den sie erst gefunden und schon wieder verloren hatte. Sie horchte in sich hinein. Versuchte zu fühlen, ob Pedro noch am Leben war. Es musste doch eine Verbindung zwischen Geschwistern geben, die einem so etwas fühlen liess, dachte Anne. Doch sie fühlte nichts ausser ihrer Sorge um ihn. Und doch war da etwas, dass sie glauben liess, dass Pedro noch am Leben sei. War es nur ihre Hoffnung, die sie an eine andere Möglichkeit nicht glauben lassen wollte? Oder war es vielleicht doch eine Art Verbindung, die sie fühlen liess, dass er noch lebte? Langsam überkam Anne nun doch eine schwere Müdigkeit. Sie würde versuchen, ein bisschen zu schlafen. Morgen würde sie einen klareren Kopf haben um darüber nachzudenken, beschloss sie und legte sich in das Bett, das Margaretha für sie hergerichtet hatte.

Entgegen Annes Vermutung, brauchte sie nicht lange um einzuschlafen. Es war kein langsames Eintauchen oder Absinken in die dunkle Wärme des Schlafes. Es geschah plötzlich und schnell. Annes Brust hob und senkte sich regelmässig und ihre Gesichtszüge entspannten sich, während auch ihr Körper die Spannung des Tages entweichen liess. Nur ein kleines Zucken ihres rechten Auges verriet, dass Annes Schlaf nicht traumlos war. So ruhig sich ihr Äusseres auch einem imaginären Betrachter jetzt zeigen würde, so aufwühlend war das, was Anne in ihrer inneren Welt erlebte. In ihrem Traum hörte Sie einen Schrei, ihr fast das Herz zeriss! Es war Pedro! Es konnte nur Pedro sein! Obwohl Anne bewusst war, dass sie sich in höchster Gefahr befand, schlich sie sich weiter dem Ursprung des Schreies entgegen. Sie drückte sich kauernd mit dem Rücken an eine grosse Holzkiste und versuchte mit einer vorsichtigen Bewegung einen Blick auf das, was auf der anderen Seite der Kiste lag, zu erhaschen. Viel konnte sie nicht sehen, denn ihre Aussicht wurde durch weitere Holzkisten versperrt. An der Wand dahinter vollführten lange Schatten langsame Bewegungen, die seltsam verzerrt wirkten. Die Lichtquelle in deren Schein diese Schattenwesen entstanden, musste sich scheinbar am Boden befinden, was die Szenerie noch unheimlicher erscheinen liess.

Anne schlich sich aus ihrem Versteck und lief nun auf leisen Sohlen zu den Holzkisten, die ihre Sicht auf die Geschehnisse verstellten.  Eine der Kisten war beschriftet mit „Callao Terminal Maritimo“. Wieder ertönte ein Schrei! Markerschütternd und flehend zugleich, so dass Anne das Blut in den Adern gefror. Am liebsten wäre sie aus ihrem Versteck hervor getreten und hätte Pedro in einer heldenhaften Aktion gerettet. Doch sie wusste, dass sie keine Chance hatte, denn den Stimmen nach, mussten mindestens drei andere Männer bei Pedro sein. Einer dieser Entführer sprach mit italienischem Akzent auf Pedro ein: „Was weisst du über diese Bibliothek? Sag es uns, oder wir werden dir den kleinen Finger deiner rechten Hand abtrennen!“. Anne presste sich ihre Hand auf den Mund, um sich nicht durch einen Schreckenslaut zu verraten. Der Schweiss floss ihr in kalten Rinnsalen über den Rücken. „Rede!“ schrie der Mann mit heiserer Stimme erneut. „Was für eine Bibliothek meinen sie?“ hörte sie Pedro leise fragen. „Ich werde…“ hob nun die Stimme des Peinigers wieder an, worauf Anne plötzliche einen anderen Mann sagen hörte „Monsignore, warten sie! Es kann doch durchaus sein, dass dieser Mann nichts von der Bibliothek weiss! Wir sollten ihn vorallem nach der Tochter des Professors befragen!“. Ein Mann mit arabischem Aktzent mischte sich ein: „Der Rabbi hat recht! Die Wahrscheinlichkeit dass dieser Mann etwas über die Bibliothek weiss, ist sehr klein. Hingegen wird er uns mit Sicherheit sagen können, wo sich diese Frau befindet!“

Anne begriff, dass es um sie ging! Ihr Herz pochte laut und panisch und innerlich hoffte sie,  mit jeder Faser ihres Körpers, dass Pedro sie nicht verraten würde. Obwohl sie gleichzeitig auch voller Sorge um ihn war. Sie würde ihm auch nicht böse sein können, wenn er versuchte sein Leben zu schützen. „Wo ist die Tochter des Professors. Diese Anne Kammerman?“ hörte sie nun den Mann fragen, den die anderen als Monignore bezeichneten. Pedro schwieg. „Du wirst es mir sowieso verraten, glaube mir! „ fuhr der Mann mit bedrohlicher Stimme weiter „Die Schmerzen die ich mir für dich ausgedacht habe, werden unvorstellbar sein, also sag uns, was wir wissen wollen, wenn Du verschont werden willst!“. Anne zitterte und langsam gesellte sich zur Angst eine immer grösser werdende Wut. Doch sie musste sich in ihrem Versteck zurückhalten, um nicht entdeckt zu werden. Denn schliessliche wäre es genau das, worauf diese fremden Männer gewartet hatten. „Bring mir die Elektroden, Öcal“ sagte nun die Stimme des Monsignore monoton drohend und er fuhr weiter „Wir werden diesen ungläubigen schon zum reden bringen!“ . „Was soll ich damit?“ fragte der Mann mit dem arabischen Akzent. „Gib her und zieh diesem Mistkerl die Hosen aus!“ sagte der Monsignore. „Das kann ich nicht!“ sagte der Araber. „Der Mudschahid will sich wohl nicht versündigen?“ frotzelte nun der dritte Peiniger. „Halt den Mund Rabi und hilf mir. Befestige die Elektroden an den Hoden unseres Gastes. Er soll spüren was es heisst, sich uns zu widersetzen!“ In der Stimme des Monsignores klang nicht nur Bedrohung. Anne spürte, dass dieser Mensch eine Befriedigung dabei empfinden musste, jemand anderen zu quälen. „Ich frage ein letztes mal! Wo ist diese Anne Kammermann?“ schrie nun der Monsignore plötzlich mit einer Stimme die schärfer und kälter war, als mehrfach gehärteter Stahl. Doch Pedro schwieg. „Dreh auf!“ rief der Italiener und Pedro schrie so laut und erschütternd, dass Anne es nicht mehr aushielt. Sie sprang aus ihrem Versteck und brüllte: „Hier! Hier bin ich!“

Dann drehte sie sich um und rannte los.

Weiter mit Fragmente 1.27 – Der Schlüssel

Fragmente 1.25 – Erinnerungen und neue Freunde

Photocredit: Kenneth Moyle @ Flickr bestimmte Rechte vorbehalten

Was bisher geschah: Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15 / Teil 16 / Teil 17 / Teil 18 / Teil 19 / Teil 20 / Teil 21 / Teil 22 / Teil 23 / Teil 24

„Wo ist Pedro?“ fragte Luis. Margaretha hantierte mit der Schöpfkelle „er wollte noch schnell etwas besorgen, wollte aber in etwas zwei Stunden wieder zurück sein, sagte sie und setze sich zu den beiden an den Tisch. „Das riecht sehr lecker!“ konstatierte Anne und machte sich sofort an ihre Suppe, welche so gut schmeckte, wie ihr Duft versprach. Auch Luis ass mit Appetit und man sah ihm an, dass es ihm ebenso mundete. Nur Margaretha schien nicht so hungrig zu sein. Ihre Augen klebten an Anne. Sie beobachtete jede ihrer Bewegungen und ab und zu huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Geradezu liebevoll betrachtete sie, wie Anne das Mahl genoss. Nach der Suppe gab es Eintopf mit Bohnen, Kartoffeln und Fleisch. Anne und Luis assen alles auf und putzen die restliche Sauce mit ein paar Stücken Brot aus ihren Tellern.

Margaretha stand auf und räumte das Geschirr in die Küche. „Hast Du bemerkt, wie sie dich beobachtet hat?“ flüsterte Luis zu Anne gebeugt. „Nein, ich war zu beschäftigt mit dem Essen! Wieso, was ist Dir aufgefallen?“ raunte Anne zurück. „Na…“ wollte Luis antworten, da kam Margaretha bereits mit dem Dessert. „Und hier präsentiere ich Euch Suspiro de Limeña, das ich extra für Euch zubereitet habe. Ich hoffe, es schmeckt euch!“ lächelte Margaretha die beiden an und stellte ihnen je eine Schale hin. „Hmmm!“ raunte Luis, „es schmeckt sehr lecker!“. Anne probierte vorsichtig um dann gleich eine grössere Portion auf den Löffel zu hieven. Es war eine Creme die  nach Caramel duftete und von feinen Meringues gekrönt war, die nach Portwein und Zimt rochen.

Margaretha strahlte als sie merkte, wie Anne und Luis ihr Essen genossen. Als auch das Dessert vertilgt war, verschwand die Gastgeberin wieder in der Küche. „Sie hat Dich beobachtet. Jede Bewegung von Dir hat sie regisitriert und zwischendurch lächelte sie ganz selbstvergessen!“ setzte Luis das unterbrochene Gespräch fort. Anne versank in ihren Gedanken. „Ich habe da so eine Ahnung!“ raunte sie Luis zu und bevor sie weiter sprechen konnte, kam Pedros Mutter mit Kaffee und einer Flasche Pisco und 3 kleinen Gläsern. Sie goss jedem eine Tasse Kaffee und einen Schnaps ein.

Anne hatte das Essen genossen. Es schmeckte wunderbar. Doch innerlich waren ihre Nerven zum Zerreissen gespannt. Das Geheimniss um Margaretha liess sie nicht mehr los. In ihrem Kopf legte sie sich pausenlos Sätze zurecht, wie sie ihre Gastgeberin auf dieses Thema ansprechen könnte. Margaretha sah in die zufriedenen Gesichter ihrer Gäste. Sie lächelte aber Anne sah, dass auch Margartha dabei war, Worte zu suchen um ein Gespräch zu beginnen.

„Anne“ begann Pedros Mutter. Anne zuckte zusammen, die Gedanken rasten durch ihren Kopf. „Anne Kammermann“ wiederholte nun Margaretha den Namen und blickte Anne dabei mit warmen Augen an. Anne war unsicher. Sie lächelte und überlegte fieberhaft, ob sie darauf etwas antworten sollte. „Anne“ hob Margaretha abermals an und fuhr weiter „ich glaube, Du hast schon herausgefunden, dass es zwischen uns eine Verbindung gibt.“ Sie wendete ihren Blick nicht von Anne ab und nahm jede Regung in ihrem Gesicht wahr. Sie lächelte wieder „Du siehst Deinem Vater so ähnlich!“ sagte Margaretha plötzlich und Anne sah, dass sich ihre Augen mit Tränen füllten. Annes Blick wanderte tiefer und mit einem Male sah sie ein Amulett an Margarethas Hals baumeln, dass das gleiche ägyptische Symbol zeigte, dass Annes Vater als Tätowierung auf dem Rücken trug.

„Woher kennst Du meinen Vater?“ fragte Anne nun, obwohl sie tief in sich verborgen bereits ahnte, welcher Art die Verbindung war. Margaretha erzählte nun davon, wie sie damals zusammen mit Raouls und Annes Vater bei den Ausgrabungen half. Immer wieder kämpfte sie mit den Tränen und mit einem Male nahm sie Annes Hände und sagte langsam und sanft: „Dein Vater und ich liebten uns damals und um erhlich zu sein, ich liebe ihn noch immer!“ Anne war sprachlos, obwohl sie dies bereits erahnt hatte.

Anne sah Margaretha, deren Gesicht warm leuchtete und die sie aus tränennassen Augen sanft anlächelte, lange an. „Du….Du und mein Vater, ihr….“ stotterte Anne, „ihr wart verliebt?“. Anne fand langsam zu sich zurück. In ihrem Kopf tauchten Bilder aus ihrer Kindheit auf, als ihr Vater in Peru weilte und ihre Mutter oft weinend am Küchentisch sass. Sie hatte Anne immer getröstet und nie ein böses Wort über ihn verloren, doch er musste ihr damals seine Liebe zu Margaretha gebeichtet haben. Denn als er zurückkehrte, trennten sich Annes Eltern. Sie hatte das damals nicht verstanden. Nun verstand sie. Sie fühlte wie die Traurigkeit von damals in ihr hochstieg. Ihre Sorge um ihre Mutter, die sie über Nächte hin wach gehalten hatte, schlich als Schatten aus der Vergangenheit zurück in ihr Erinnerungsvermögen. Andererseits empfand sie aber auch Respekt für ihren Vater, der seine Liebe nicht verbarg, sondern den Mut fand, den Weg seines Herzens zu gehen.

Margaretha blickte Anne immer noch an. Da war noch etwas, dass sie Anne zu sagen hatte. Sie zog langsam Luft in ihre Lungen: „Anne, da ist noch etwas, dass Du nicht weisst. Es geht um Pedro. Er ist Dein Halbbruder!“ Anne konnte nicht glauben, was sie da hörte. Sie war als Einzelkind aufgewachsen und hatte sich immer einen Bruder gewünscht. Nun zu erfahren, dass es ihn gab, war seltsam für sie. Irgendwie war sie noch dabei die Geschichte mit Margaretha und ihrem Vater zu verdauen. Aber zu erfahren dass Pedro ihr Halbbruder war, war weniger ein Schock als etwas, dass Freude in ihr auslöste. Sie lachte. „Ich habe einen Bruder? Pedro ist mein Bruder?“ rief sie. Sie drehte sich zu Luis um „hast Du gehört? Ich habe einen Bruder!“. Er nickte und war sichtlich überfordert von all diesen Neugikeiten.

„A Propos Pedro“ antwortete Luis plötzlich, wo ist er überhaupt? Anne und Margaretha sahen sich überrascht an. „Ja Margaretha, wo ist Pedro? Er wollte doch in zwei Stunden zurück sein!“. Pedros Mutter runzelte die Stirn. Es stimmte, er hatte ihr gesagt, dass er bald zurückkommen würde und dieses „bald“ war schon lange vorbei. Margaretha stand auf, ging zum Telefon und wählte seine Handynummer. Mit jeder Sekunde in der er den Anruf nicht beantwortete, verdunkelte sich ihr Gesicht. Die Stimmung im Raum kippte plötzlich. Ein unheilvoles Gefühl machte sich breit. Alle wussten um die Gefahren, die sie umgaben. Margaretha versuchte sich selbst Mut zuzusprechen. „Er wird sicher noch kommen! Morgen wollte er Euch ja zum Büro von Raoul fahren, damit ihr Eure Suche planen und mit seiner Assistentin sprechen könnt.“ Sagte sie, mehr um sich selbst als die anderen zu beruhigen.

„Ich setze neuen Kaffee auf!“ sagte Margaretha und versuchte zu lächeln. Aber es wollte ihr nicht gelingen und der Raum wirkte nun plötzlich viel dunkler als noch ein paar Minuten zuvor. Anne goss allen noch ein Glas Pisco ein und Margaretha kam wenig später mit dem Kaffee zurück. Wortlos sassen sie an dem Tisch und versuchten das Gesagte der letzten Stunden und die unheilvolle Vorahnung, die im Raum stand, zu begreiffen. Margaretha starrte auf das Telefon, als ob sie mit ihrem Blick den Apparat zu bringen könnte sie auf wundersame Weise mit Pedro zu verbinden. Die Stille war unerträglich, hing schwer über den Köpfen der drei Wartenden. Margaretha stand auf, ging in die Küche und kam mit einer Zigarette in der Hand zurück. Sie ging zum Fenster, öffnete es, steckte sich die Zigarette mit einem Streichholz an und sog den Rauch tief in ihre Lungen. Ihre Augen wanderten in die dunkle Nacht. Sie versuchte die schwarzen Gedanken zu verscheuchen und dachte sich eine harmlose Möglichkeit nach der anderen aus, weshalb Pedro noch nicht zurück sein könnte. Doch die Angst, dass etwas passiert sein konnte, schlich wie Eiseskälte in ihr hoch.

Sie blies den Inhalt ihrer Lungen mit gespitzten Lippen in die kühle Nachtluft sah den Schwaden hinterher. In ihren Gedanken rief sie, nein sie schrie Pedros Namen und dass er sich melden solle! Doch das Telefon schwieg. Noch nie zuvor war ihr bewusst, wie still so ein Apparat sein konnte, wenn man sich nach nichts mehr sehnte, als einem Klingeln.

Weiter mit Fragmente 1.26 – Der Traum des Grauens

Fragmente 1.24 – Margaretha

f1-24

Photographer: encotrado.es, bearbeitet von Stoeps under CCLicense

Intro / Teil 1 / Teil 2 / Teil 3 / Teil 4 / Teil 5 / Teil 6 / Teil 7 / Teil 8 / Teil 9 / Teil 10 / Teil 11 / Teil 12 / Teil 13 / Teil 14 / Teil 15 / Teil 16 / Teil 17 / Teil 18 / Teil 19 / Teil 20 / Teil 21 / Teil 22 / Teil 23

Sie standen vor einem kleinen, blauen Haus, mit einer kleine Veranda und einem eingezäunten Vorgarten. Neben der Tür prangte in grossen blau-goldenen Lettern das Wort PENSIÓN. Auf der Veranda standen ein paar Tische und Stühle und luden zum Verweilen ein. Pedro half Luis und Anne das Gepäck aus seinem Wagen zu holen und führte die beiden ins Haus. Durch die vergitterten Fenster drang das Tageslicht in den Empfangsbereich, der aus einem Raum mit einer antiken Couch  und einer Theke bestand. Hinter der Theke führte eine schmale Tür ein einen weiteren Raum. Durch den Perlenvorhang, der die offene Tür zierte, konnte Anne einen alten Schreibtisch und ein Büchergestell entdecken. Der Tisch war mit Stapeln von Papier übersäht und das Regal war mit viel zu vielen Büchern und Ordnern vollgestopft. Aus einem kleinen, scherbelnden Transistorradio drang Musik in das Entré.

Pedro betätigte die Klingel, welche auf dem Tresen stand und rief „Margaretha!“. Das Rücken eines Stuhles und langsame Schritte kündigten die Gastgeberin an. Hinter dem Perlvorhang erschien eine grossgewachsene, schlanke Frau. Ihre Haut war braungebrannt und zwei grüne, wache Augen strahlten aus einem Gesicht, dass Anne sofort faszinierte. Hochstehende Wangenknochen, eine wohlgeformte Nase, eine hohe Stirn, eingerahmt von silbergrauen, kaum zu bändigenden Locken begann zu leuchten, als Margaretha erkannte, wer sie da besuchte. „Pedro!“ rief sie sichtlich erfreut und die beiden umarmten sich herzlich. „Wen hast Du mir da mitgebracht?“ fragte sie, sobald sich die beiden begrüsst hatten. „Das ist ein Geheimnis! Die beiden benötigen Deinen Schutz und Deine Hilfe. Niemand darf erfahren, dass sie hier sind, am allerwenigsten die Polizei!“ erläuterte Pedro verschwörerisch.

Gespannt beobachteten Anne und Luis die Szene und Anne versuchte im Gesicht der Frau zu lesen, was diese von Pedros Ankündigung hielt. Margaretha baute sich vor Pedro auf, stemmte ihre Arme in die Hüften und setzte einen gespielt ernsten Blick auf. „Ein Spezialauftrag also?“ fragte sie und ein verschmitztes Lächeln eroberte ihre Augen. Pedro nickte. „Die beiden sind auf der Suche nach ihren Liebsten und sind dabei einem Geheimnis auf der Spur, das bewahrt werden muss! Es ist für uns alle von entscheidender Wichtigkeit, dass sie unerkannt und in Freiheit bleiben. Möglicherweise wirst Du ihre Gesichter schon in den Nachrichten gesehen haben. Lass Dich nicht von den Lügen der Medien blenden! Die beiden sind absolut harmlos und unschuldig. Die Verbrechen, die man ihnen anlastet, sind eine Lüge!“

Margaretha hörte interessiert zu und nickte immer wieder. „Alles klar!“ meinte sie dann und zu Anne und Luis gewandt „Ihr seid hier in Sicherheit! Ich werde Euch hier solange verstecken, wie ihr bleiben wollt!“. Sie schritt auf Anne zu, streckte ihr die Hand entgegen und stellte sich vor: „Ich bin Margaretha, Pedros Mutter und Besitzerin dieser Pension.“ Anne schüttelte ihre Hand mit einem dankbaren Lächeln und stellte sich ihrerseits vor: „Mein Name ist Anne Kammermann und ich befinde mich auf einer Reise, von der ich selbst nicht weiss warum sie begann und wohin sie mich am Ende führt!“. In Margarethas Augen blitze etwas auf, Ihre Stirn kräuselte sicher erst, dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht und irgendwo, tief in ihrer Seele vergraben, schien etwas längst Vergessenes für einen Moment aufgetaucht zu sein.

Sie begrüsste auch Luis und führte die beiden in den ersten Stock, wo sie ihnen je ein Zimmer zuwies. „Richtet euch erstmal ein und macht euch frisch“ sagte sie und half Anne dabei, ihren Koffer in ihr Zimmer zu tragen. „Ich nehme an, dass ihr hungrig seid?“ fragte sie und erntete ein heftiges Kopfnicken von ihren beiden neuen Gästen. „Ich werde etwas für Euch kochen! In zwei Stunden gibt es Nachtessen unten im Speiseraum!“ kündigte sie feierlich an und liess Anne und Luis alleine. Die beiden nickten sich gegenseitig zu und Anne flüsterte zu Luis, dessen Zimmer sich genau gegenüber befand: „Und, was denkst Du? Sind wir hier sicher?“ Luis nickte „Ja ich denke schon! Ich vertraue Pedro und wie es aussieht, vertraut Pedro seiner Mutter.“ Anne nickte ebenfalls und war froh, wenigstens für den Moment nicht auf der Flucht sein zu müssen. „Ich nehme jetzt erstmal eine Dusche und mache mich frisch!“ sagte sie anschliessend zu Luis. Er lächelte sie lausbübisch an und frotzelte „Vielleicht ziehst Du danach etwas anderes an? Die Stewardessenuniform ist irgendwie nicht so das richtige Outfit hier!“ Anne lachte und schloss die Tür hinter sich.

Selten hatte sie sich nach einer Dusche so erfrischt gefühlt wie jetzt! Sie stand, das Handtuch um den Körper geschlungen, vor dem Badezimmerspiegel und betrachtete sich selbst. Langsam wuchsen ihre dunklen Haare nach und verdrängten das gefärbte Blond. Sie überlegte sich, ob sie sie wieder dunkel färben sollte. Das würde hier auch weniger auffallen. Die Menschen hier hatten fast alle schwarzes Haar. Mit hellem Haar fiel man hier unweigerlich auf. Anne entschied sich spontan dazu und nahm sich vor, Margaretha zu fragen, wo sie hier ein Haarfärbemittel kaufen könne. Nachdem sie sich frisch gemacht hatte, fand sie endlich Zeit ihr Gepäck zu inspizieren. Das allerwichtigste war natürlich nachzuprüfen, ob der Stein noch da war. Sie öffnete den Koffer und tatsächlich: Die Replika des Kartensteines lag noch immer in der Mitte der Kleider und war unversehrt. Sie atmete auf.

Beruhigt legte sie sich für einen Moment auf das Bett. Vor ihrem inneren Auge tauchte plötzlich wieder Margarethas Gesichtsausdruck auf, den sie bekam, als Anne sich vorgestellt hatte. Sie fragte sich, was für eine Erinnerung ihr Name bei Pedros Mutter geweckt hatte. Sie ahnte, dass es kein Zufall war, Margarethe begegnet zu sein. Zufälle, das wurde ihr nun schon zum wiederholten Male klar, gab es wohl keine. Alles machte irgendwie Sinn, auch wenn dieser nicht immer sofort zu erkennen war. Aber wie so oft konnte sich Anne nicht vorstellen, was diese Begegnung für sie bereithalten würde. Aber sie fühlte, dass es etwas hilfreiches sein musste, denn sie fühlte sich bei Margaretha in Sicherheit. Pedros Mutter strahlte etwas aus, dass ihr gut tat und dass ihr Geborgenheit vermittelte. Urplötzlich fiel ihr auf, dass Margaretha perfekt Deutsch gesprochen hatte. Sie fragte sich, wieso sie das vorher gar nicht bemerkt hatte. Sie hatte es einfach als selbstverständlich angenommen. Pedro sprach ja ebenfalls Deutsch. Anne wusste, dass es in Lateinamerika Nachfahren von deutschen Auswanderern gab. Sie ging davon aus, dass Margaretha und Pedro aus einer dieser Familien stammten. Sie nahm sich vor  Margaretha beim Abendessen, das dem Duft nach bald fertig sein würde, danach zu fragen.

Anne war müde. Am liebsten wäre sie gleich unter die Bettdecke geschlüpft, um sich ein paar Stunden Schlaf zu gönnen. Aber der Hunger und die Fragen die sie an Margaretha hatte, hielten sie wach und machten sie neugierig. Sie stand auf, zog sich ein paar Jeans und ein frisches T-Shirt an, ging aus dem Zimmer und klopfte an Luis Tür. Er öffnete und bat sie herein. „Endlich in Sicherheit und erst noch frisch geduscht!“ sagte er lachend und Anne nickte lächelnd zurück. „Hast Du Hunger?“ fragte sie und er antwortete ihr, dass er einen Bären verdrücken könne. „Lass uns herunter gehen und sehen, ob wir beim Tisch decken helfen können“ sagte Anne und setzte sich in Bewegung. Luis folgte ihr.

Sie stiegen die knarrende Treppe hinunter und betraten den Raum, der als Speisezimmer diente. An den Fenstern hielten schwere Vorhänge die Blicke neugieriger Passanten fern. Die Wände waren in der unteren Hälfte im gleichen Blau wie das der Aussenwände und ab etwa 1.50 m in Weiss gestrichen. Die Decke wurde von urigen Holzbalken getragen. Im Raum standen 6 Holztische, doch nur einer davon war für 3 Personen gedeckt. „Ob Margaretha nicht mit uns essen wird?“ wandte sich Anne an Luis, der nur mit den Schultern zuckte und sich ratlos umsah. Auch Anne begann sich umzusehen und entdeckte plötzlich eingerahmte Fotos an der Wand, die an die Küche grenzte.

Sie ging näher um sich die Bilder anzusehen. Mit einem Male blieb ihr fast der Atem weg. „Luis, schau Dir das doch mal an!“ drehte sie sich zu ihrem Begleiter um und er kam näher um sich Annes Entdeckung anzusehen. Er konnte aber auf dem Bild nichts Aussergewöhnliches entdecken. Es zeigte zwei Männer und eine Frau. Als er näher hinsah, erkannte er, dass die Frau Margaretha in jüngeren Jahren hätte sein können. „Da“, er zeigt mit dem Finger auf sie „Ich glaube das ist Pedros Mutter!“. Anne nickte „aber sie ist nicht die einzige, die ich erkannt habe!“ flüsterte sie Luis zu.

Er schaute Anne neugierig an, doch bevor er nachfragen konnte, wen Anne erkannt hatte, trat Margaretha mit einem Topf dampfender Suppe in den Raum. „Essen ist fertig!“ sagte sie feierlich. Anne und Luis setzten sich. Doch zum Hunger, der in Annes Bauch tobte, gesellte sich noch ein anderes Gefühl. Neugierde! Der Anstand gebot Anne, ihre Gastgeberin nicht gleich mit Fragen zu belästigen, sondern erst einmal das gut duftende Mahl zu würdigen. Es schmeckte herrlich! Doch Anne konnte sich kaum darauf konzentrieren.

Die Gedanken in ihrem Kopf rasten einmal mehr rastlos umher und eine Frage drang immer deutlicher in den Vordergrund: Wer war Margaretha?

Weiter mit Fragmente 1.25 – Erinnerungen und neue Freunde